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Reiner Grundmann

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Reiner Grundmann (* 29. September 1955 bei Freudenstadt) ist ein deutscher Soziologe und emeritierter Professor an der University of Nottingham.<ref name="STS">STS Priority Group Weblink. Abgerufen am 29. August 2014.</ref> Seine Bücher und Veröffentlichungen über marxistische Positionen bei Umweltthemen, zur transnationalen Umweltpolitik und ebenso zur Rolle von Expertise und Experten in der Politik haben weltweites Interesse hervorgerufen. Grundmann hat Schriften von Werner Sombart im englischen Sprachraum neu herausgegeben. Er gehört in der Kontroverse um die globale Erwärmung zu den Autoren des Hartwell-Papiers, welches eine Neuorientierung der Klimapolitik nach 2009 fordert.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Grundmann machte am Schelztor-Gymnasium in Esslingen Abitur und studierte an der FU Berlin. Seine Promotion schloss er 1989 am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz ab. In seiner Habilitation, die er an der Universität Bielefeld bei Peter Weingart ablegte, verglich er die transnationalen Umweltpolitiken zum Ozonloch mit der zum Klimawandel. Grundmann arbeitete am Wissenschaftszentrum Berlin, an der Universität Bremen und am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Seit 1997 lebt und arbeitet er in Großbritannien, erst an der Aston University und seit 2012 an der University of Nottingham.<ref>Reiner Grundmann - The University of Nottingham. nottingham.ac.uk, abgerufen am 9. Mai 2015.</ref>

Seine 1991 veröffentlichte Doktorarbeit beschäftigte sich mit der marxistischen Sicht auf Umweltthemen und was an den marxistischen Ansätzen bei aktuellen Problemen nachhaltig anzuwenden sei. Durchaus zur Überraschung von Zeitgenossen und marxistischen Denkern wie Ted Benton<ref name="Benton">New Left Review - Ted Benton: Ecology, Socialism and the Mastery of Nature: A Reply to Reiner Grundmann. newleftreview.org, S. 62–64, abgerufen am 9. Mai 2015.</ref> sah Grundmann Marx’ Begriff der Beherrschung der Natur als nach wie vor deutungsmächtig an. Die Arbeit wird bis in die Gegenwart rezipiert und ist unter anderem in China und Südkorea von aktuellem Interesse.<ref>Jae-Yong Chung, Richard J. Kirkby: The Political Economy of Development and Environment in Korea, A new framework for environmental analysis. Routledge, 2005, S. 10</ref><ref name="Han">Lixin Han: ‘Realisation of Purpose’ and ‘Domination of Nature’ What is ‘Domination of Nature’. In: Q. Huan (Hrsg.): Eco-socialism as Politics: Rebuilding the Basis of Our Modern Civilisation. Springer Science+Business Media, 2010, S. 18ff. doi:10.1007/978-90-481-3745-9_2</ref><ref>知识搜索. search.cnki.com.cn, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 4. März 2016; abgerufen am 11. Mai 2015.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/search.cnki.com.cn</ref><ref>国外社会科学杂志-2010年06期-中国知网 Marx defended anthropocentrism - On Reiner Grundmann’s Ecological Marxist Theory CNKI entry about a 国外社会科学 (Social Sciences abroad journal) 2010 06. mall.cnki.net, abgerufen am 11. Mai 2015.</ref>

Zusammen mit Nico Stehr machte er Schriften Werner Sombarts<ref>Book Review: Sombart, Economic Life in the Modern Age. cjsonline.ca, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 12. Mai 2015; abgerufen am 9. Mai 2015.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cjsonline.ca</ref> im englischen Sprachraum neu zugänglich und arbeitete zur Nachhaltigkeit im Stadtraum,<ref>Leverhulme Project: Sustaining Urban Habitats - an interdisciplinary approach Programme Grant 2014–2019. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 18. Mai 2015; abgerufen am 14. Mai 2015.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.nottingham.ac.uk</ref> zur grenzüberschreitenden Öffentlichkeit und der Zukunft des Automobils.<ref name="Roesch">Walter Rösch: Rezension zu: Reiner Grundmann: Transnationale Umweltpolitik zum Schutz der Ozonschicht. Frankfurt a. M./New York: 1999. In: Portal für Politikwissenschaft. Stiftung Wissenschaft und Demokratie, 1. Januar 2006, abgerufen am 20. Dezember 2025.</ref><ref>Reiner Grundmann (Hrsg.): Kommunikation und technische Infrastruktur: über Schienen, Strassen, Sand und Perlen. (= Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung: Papers. 93,501). Berlin 1993, urn:nbn:de:0168-ssoar-30922</ref><ref name="brown1">Mark B. Brown: Review of Roger S. Pielke, Jr., The Honest Broker: Making Sense of Science in Policy and Politics. In: Minerva. Nr. 4, 2008, S. 485–489, doi:10.1007/s11024-008-9106-y (csus.edu [PDF]).</ref><ref name="brown2">Marc Brown: Review of Knowledge and Democracy: A 21st Century Perspective, edited by Nico Stehr. In: Contemporary Sociology. Nr. 5, 2009, S. 452–453 (csus.edu [PDF]).</ref> Bekannt wurden auch seine Monographien zur Rolle von Experten und Expertise im öffentlichen Raum. Er gehört in der Kontroverse um die globale Erwärmung zu den Autoren des Hartwell Papiers.

Auch nach seiner Emeritierung (ca. 2024/2025) bleibt er in der Wissenschaft aktiv.<ref>Welcome to the Institute for Science and Society. Abgerufen am 15. Mai 2025: „Reiner Grundman, emeritus professor“</ref>

STS-Forschungsthemen[Bearbeiten]

Grundmann trug zu den Science, technology and society Studies (STS) mit einigen Büchern und Studien bei. STS beschäftigt sich mit dem Verhältnis wissenschaftlicher Experten zu den Themen Technologie, Politik und Gesellschaft. Er identifiziert sich mit Roger A. Pielke juniors Modell des ehrlichen Maklers (Honest Broker) und hat mit Pielke und unter anderen mit Hans von Storch 2011 Vorschläge und Erfahrungsberichte zu dessen praktischer Umsetzung beim Klimawandel auf regionaler Ebene veröffentlicht.<ref>H. von Storch, I. Meinke, N. Stehr, B. Ratter, W. Krauß, R. Pielke, R. Grundmann, M. Reckermann, R. Weisse: Regional Climate Services illustrated with experiences from Northern Europe. (PDF; 2,7 MB) In: Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht. 1, 2010, S. 1–15</ref>

Das sogenannte lineare Modell eines direkten Zusammenhangs von Forschung und politischem Handeln (nach dem Motto, je sicherer der Stand der Wissenschaft, desto besser ist die politische Regulierung eines Problems) lehnt er wie andere STS-Spezialisten ab.<ref name="Collins">H. M. Collins, Robert Evans: The Third Wave of Science Studies Studies of Expertise and Experience. In: Social Studies of Science. Band 32, Nr. 2, Januar 2002, S. 235–296, doi:10.1177/0306312702032002003 (sagepub.com).</ref><ref>Reiner Grundmann: Ozone and Climate: Scientific consensus and leadership. In: Science, Technology, and Human Values. Nr. 1, 2005, S. 73–101</ref> Im Gegenteil, beim Waldsterben, der Tabakregulierung wie Genfood oder dem Ozonloch seien kulturelle, ökonomische und politische Präferenzen wichtiger als der jeweilige Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis.<ref name="Layzer">Judith A. Layzer: Book Review Essay: Science, Politics and International Environmental Policy. In: Global Environmental Politics. Band 2, Nr. 3, 1. August 2002, ISSN 1526-3800, S. 118–123, doi:10.1162/152638002320310554.</ref><ref name="Debunking">Debunking sceptical propaganda. In: BioSocieties. Band 8, Nr. 3, September 2013, ISSN 1745-8552, S. 370–374, doi:10.1057/biosoc.2013.15 (palgrave-journals.com [abgerufen am 18. Mai 2015]).</ref> Beim Klimawandel betont Grundmann ebenso das Scheitern des linearen Modells, ein wissenschaftlicher Konsens werde nicht automatisch in Politik umgesetzt. Er sieht weniger die Forschung als kleine Netzwerke von einzelnen Forschern als wichtige Akteure an. Wissenschaft sei aber in der Lage, Themen in politischen Auseinandersetzungen einen subjektiven Deutungsrahmen zu verleihen. Naomi Oreskes Bestseller Merchants of Doubt rezensierte er als szientistisch: Weder Industrieinteressen noch ein Wissenschaftskonsens hätten die erfolgreiche Lösung des Ozonproblems ermöglicht oder verhindert.<ref name="Debunking" /> 2015 schloss Grundmann aus aktuellen Projekten, die Kritik aus dem STS-Umfeld habe bereits Regierungen dazu gebracht, das Management von Risikoabschätzungen stärker auf öffentliche Erwartungen abzustimmen.

Experten und Macht der Erkenntnis[Bearbeiten]

In Experten sehen Grundmann and Stehr weniger das Fachwissen von Wissenschaftlern, als deren Fähigkeit, zwischen Wissensproduktion und Wissensanwendung zu vermitteln, als zentrale Kompetenz an. Rezensionen stellten den innovativen Charakter des Forschungsansatzes heraus.<ref name="Young">Nathan Young: Book Review/Compte rendu: Nico Stehr and Reiner Grundmann. Experts: The Know-ledge and Power of Expertise. Key Ideas. In: Canadian Journal of Sociology / Cahiers Canadiens de Sociologie 36(3). Routledge, New York 2011, ISBN 978-0-415-60803-9 (ualberta.ca).</ref><ref>Reiner Grundmann, Nico Stehr:: Expertenwissen. Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern. In: Perlentaucher. Abgerufen am 9. Mai 2015.</ref>

Der Band Die Macht der Erkenntnis stellt drei Fallstudien zur Rolle der wissenschaftlichen Erkenntnis in der Moderne zusammen. Grundmann und Stehr vergleichen den Keynesianismus, die Eugenikbewegung wie auch den Umgang mit dem Klimawandel. Den Erfolg von Keynes in Politik und Gesellschaft kontrastieren sie mit dem augenfälligen politischen Scheitern des mit erheblich größerer Beteiligung ganzer Forschergruppen agierenden Intergovernmental Panel on Climate Change. Er zieht eine Parallele zwischen dem starken Glauben an die Macht oder Sinnhaftigkeit einer wissenschaftsbasierten Politik beim Klimawandel wie bei der eugenischen Bewegung.<ref>Stehr, Grundmann: The Power of Scientific Knowledge. From Research to Public Policy. Cambridge. Cambridge University Press, 2012, ISBN 978-1-107-02272-0.</ref> Die erfolgreiche Regulierung des Ozonproblems sei effizienten transnationalen Netzwerken von Forschern zu verdanken gewesen, die sowohl auf der Darstellung des Problems (dem Zusammenhang zwischen FCKW und Schädigung der Ozonschicht) wie auch bei der Formulierung und Kommunikation von gangbaren Lösungen erfolgreich aktiv gewesen seien. NGOs seien in dem Zusammenhang eher als Trittbrettfahrer aufgetreten. In Bezug auf die Diskussion des Klimawandels attestiert er eine lange dominierende Rolle der Naturwissenschaften, die verhältnismäßig weiche wissenschaftliche Erkenntnisse mit harten politischen Zielvorstellungen verknüpft hätten. Die Soziologie habe sich – historisch bedingt – wenig mit der Umweltproblematik beschäftigt.<ref name="dgsDD">Reiner Grundmann: Die soziologische Tradition und die natürliche Umwelt. In: Stefan Hradil (Hrsg.): Differenz und Integration. Kongressband 1. Westdeutscher Verlag, Opladen 1997, ISBN 3-593-35852-2, S. 533–550.</ref>

Grundmann sieht nach wie vor Karl Marx’ Vorstellung einer Dialektik von Natur und Arbeit bzw. Gesellschaft wie die sozialwissenschaftliche Akteur-Netzwerk-Theorie als geeignete Grundlage für eine Soziologie von Umweltthemen an.<ref name="dgsDD" /><ref>Wo steht die Risikosoziologie? Wer hat Angst vor F. Nietzsche? Replik auf Klaus-Peter Japp, in: ZfS, Jg. 28, Heft 4 (1999)</ref>

Medienöffentlichkeit[Bearbeiten]

Grundmann erstellte im Zusammenhang mit den Jugoslawienkriegen eine vergleichende Untersuchung von Leitmedien in Deutschland, Frankreich und Großbritannien und postulierte die Existenz einer nach wie vor national fragmentierten europäischen Öffentlichkeit.<ref></ref> Das Ergebnis wurde 2006 in einer Metastudie auf Basis von 17 ähnlichen Studien bestätigt. Eine europäische Öffentlichkeit sei erst im Entstehen,<ref name="EuropeTopics_57-88" /> entsprechende Forschung sei noch wenig vorhanden und koordiniert, aber von großem Interesse.<ref name="EuropeTopics_57-88"></ref> Solche Studien sind seitdem systematischer durchgeführt worden, insbesondere über ganz Europa betreffende Themen wie Genfood und BSE.<ref></ref>

Grundmann sieht in der zunehmend grenzübergreifenden Synchronisation der Medienöffentlichkeit eine wichtige Voraussetzung für eine künftige europäische Identität, die wirksamer sei als entsprechende Ansätze in der Erziehung oder im Rechtssystem.<ref>Reiner Grundmann: The European public sphere and the deficit of democracy. In: The Sociological Review. 48, 2000, S. 125, doi:10.1111/j.1467-954X.2000.tb03509.x.</ref> Ähnliche Ansätze des Vergleichs der öffentlichen Debatte wendet er mittlerweile auch auf das Thema Klimawandel an.<ref></ref> Länderspezifische Unterschiede seien dort nach wie vor von Belang, etwa beim unterschiedlichen Umgang mit dem Klimawandel in den USA und in Deutschland.<ref></ref>

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • mit Nico Stehr: Die Macht der Erkenntnis. Berlin 2010, ISBN 978-3-518-29590-8.
  • mit Nico Stehr: Expertenwissen: Die Kultur und die Macht von Experten, Beratern und Ratgebern. Velbrueck, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-938808-82-5.
  • mit Nico Stehr: Society: Critical Concepts. 4 Bände. Routledge, London 2008, ISBN 978-0-415-42656-5.
  • mit Nico Stehr: Knowledge: Critical Concepts. 5 Bände. Routledge, London, 2005, ISBN 0-415-31736-3.
  • mit Nico Stehr (Hrsg.): Werner Sombart. Economic Life in the Modern Age. New Brunswick, N.J./ Oxford 2005, ISBN 0-7658-0030-6.
  • Transnationale Umweltpolitik zum Schutz der Ozonschicht. USA und Deutschland im Vergleich. Campus, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36222-8.
  • Marxism and Ecology. Oxford University Press, Oxford 1991, ISBN 0-19-827314-2.
  • mit Nico Stehr: Society. Critical Concepts in Sociology. 4 Bände. Routledge, 2009, ISBN 978-0-415-42656-5.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Reiner Grundmann. University of Nottingham; (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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