Renaud Camus
Renaud Camus (* 10. August 1946 in Chamalières, Département Puy-de-Dôme) ist ein französischer Schriftsteller, Philosoph und Politiker. Er wird insbesondere wegen seiner Ideologie des „Großen Austauschs“ oder „Umvolkung“ als einer der Vordenker des rechtsextremen Rassemblement National angesehen.
Leben[Bearbeiten]
Camus wurde in Chamalières in der Auvergne geboren und lebt heute auf seinem Château de Plieux im Département Gers. Seine Studienzeit verbrachte er zum Teil in Großbritannien und den USA. Er engagiert sich für die Rechte von Schwulen und Lesben. Seine Buchveröffentlichungen befassen sich vielfach mit seiner eigenen Homosexualität.<ref name="FAZ_2105">Michaela Wiegel: Le Pens heimlicher Vordenker. FAZ, 18. September 2015.</ref> Seit 1985 ist er Herausgeber eines Journals, 2002 gründete er die Partei Parti de l’In-nocence (deutsch etwa Partei der Nicht-Schändlichkeit<ref name=Strauss>Simon Strauss, Brutaler Bedauerer, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. August 2026, S. 9.</ref>), die einen Stopp jeglicher Einwanderung und die aggressive Remigration von Geflüchteten fordert.<ref>Comité Directeur du parti de l’In-nocence. Internetauftritt der Partei (französisch).</ref><ref name=Strauss />
„Der große Austausch“[Bearbeiten]
Camus besuchte 1996 das Département Hérault. An einem sehr alten Wohnhaus einer alten Gasse öffnete eine Schleier tragende Frau die Fensterläden und schaute hinaus. Laut der Schilderung von Camus schaute sie böse. Camus war von diesem Moment davon überzeugt, Migration wäre eigentlich eine Eroberung und hinter alldem stünde ein großer Plan.<ref>Nils Minkmar: Wie das Gerücht vom „Bevölkerungsaustausch“ in die Welt kam. Der Spiegel, 3. April 2018, abgerufen am 16. Dezember 2025.</ref>
Camus behauptet in seinen politischen Schriften einen Identitäts- und Kulturverlust („déculturation“) Frankreichs durch Einwanderung. Sein Buch Le grand remplacement (deutsch etwa Der große [Bevölkerungs]-Austausch) wurde in Frankreich wie im deutschsprachigen Raum<ref name="FRJuli2015">Danijel Majic: Rechte Bewegung in Hessen. Rechte: „Stoppt den großen Austausch“. Frankfurter Rundschau, 3. Juli 2015.</ref> innerhalb rechtsradikaler Strömungen stark rezipiert. Insbesondere die völkisch-nationalistische Identitäre Bewegung beruft sich auf die Ideologie des „Großen Austauschs“, der zufolge die französische (bzw. deutsche oder österreichische) Regierung eine „Auflösung“ des Volkes plane und betreibe. Camus bedient damit auch eine Globalisierungsskepsis, nach der die Globalisierung alles – Waren, Produktionsstätten und Menschen – für auswechselbar erklärt habe.<ref name="FAZ_2105" />
Ins Deutsche übersetzt wurde sein Buch von Martin Lichtmesz, dem österreichischen Übersetzer der Neuen Rechten, und es erschien im Verlag Antaios von Götz Kubitschek. In dessen neurechtem Umfeld wurde die Identitäre Bewegung massiv beworben.<ref name="FRJuli2015" />
Im April 2014 verurteilte ein Pariser Gericht Camus wegen Anstachelung zu Hass und Gewalt zu 4000 Euro Geldstrafe, weil er muslimische Einwanderer als Teil einer „Eroberung Frankreichs“ bezeichnet hatte.<ref>L'écrivain Renaud Camus condamné pour provocation à la haine contre les musulmans. Le Monde, 10. April 2014 (französisch).</ref>
Der Rechtsterrorist Brenton Tarrant verübte am 15. März 2019 in Neuseeland einen Anschlag auf zwei Moscheen. Er ermordete 51 Menschen, verletzte 50 Menschen und wurde noch am gleichen Tag gefasst. Er behauptete später, es gäbe die Gefahr eines „Großen Austauschs“. Camus sagte dazu: „Tödlich sind die Kugeln, nicht die Ideen.“<ref>Roger de Weck: Die Kraft der Demokratie. Eine Antwort auf die autoritären Reaktionäre. Suhrkamp, Berlin 2020, S. 166.</ref>
Die Camus-Biographie aus dem Jahr 2026 von Gaspard Dhellemmes und Olivier Faye arbeitet heraus, dass Renaud Camus’ Konzept des „Grand Remplacement“ weniger als plötzliche ideologische Wendung denn als Ergebnis langfristiger Kontinuitäten zu verstehen ist. Zentral sei ein bei Camus bereits früh ausgeprägtes Bedürfnis nach sozialer und kultureller Distinktion; dieses habe sich im Laufe der Zeit von ästhetischen und literarischen Hierarchien auf ethnisch codierte Ordnungsvorstellungen verlagert. Die Autoren zeigen zudem, dass Camus’ politische Radikalisierung eng mit ausbleibender literarischer Anerkennung und mit dem Verlust institutioneller Unterstützung verbunden ist, wodurch provokative und tabubrechende Positionen zunehmend strategische Funktion gewannen. Hervorgehoben wird auch, dass zentrale Elemente seiner späteren Ideologie – einschließlich rassistischer und antisemitischer Motive – bereits Jahre vor ihrer öffentlichen Artikulation in privaten Schriften angelegt waren. Die Biographie deutet Camus weniger als isolierten Außenseiter denn als Akteur innerhalb kultureller und politischer Netzwerke, die wesentlich zur Verbreitung seiner Begriffe beitrugen, und betont zugleich die Grenzen eines biografischen Erklärungsmodells für den breiteren gesellschaftlichen Erfolg des Narrativs.<ref>Kai Nonnenmacher: Der Autor des ‚grand remplacement‘: Zu einer neuen Renaud-Camus-Biographie. Rentrée littéraire-Blog, 30. Juli 2026, abgerufen am 21. September 2026.</ref>
Rezeption[Bearbeiten]
Lorenz Jäger schrieb 2016 in der FAZ, Camus’ erster auf Deutsch erschienener Roman Tricks sei „das Buch eines stolzen Homosexuellen“; Revolte gegen den Großen Austausch solle hingegen dazu dienen, „die kausale Abhängigkeit eines schwindenden Gemeinschaftsgefühls und Nachbarschaftsvertrauens von wachsender ethnischer Durchmischung erweisen zu können“.<ref>Lorenz Jäger: Identitätspolitik und lokale Gemeinschaften. Gibt es den „Großen Austausch“, von dem der französische Schriftsteller Renaud Camus spricht? Und wenn ja, welche Wirkungen hat er für das Vertrauen in Ortschaften? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2016, S. N3.</ref>
Laut Spiegel TV vom Oktober 2019 lieferte Camus „mit seinen rechtsextremen und völkischen Texten den Nährboden für Attentate wie die in Halle oder Christchurch.“<ref>Verschwörungstheoretiker Renaud Camus: Der rechte Hass aus Frankreich. Beitrag von Spiegel TV auf Facebook, 28. Oktober 2019 (5:26 Minuten).</ref>
Werke[Bearbeiten]
- Tricks. Mit einem Vorwort von Roland Barthes. Bruno Gmünder, Berlin 1999, 2 Bde. (frz. Erstausgabe 1978).
- Revolte gegen den Großen Austausch. Antaios, Schnellroda 2016, ISBN 978-3-944422-23-7 (frz. Erstausgabe 2011).
Literatur[Bearbeiten]
- Bjoern Weigel: Camus, Renaud. In: Handbuch des Antisemitismus. Band 2/1, 2009, S. 123–125.
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Renaud Camus im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- renaud-camus.net Persönliche Webseite (französisch)
- Michaela Wiegel: Le Pens heimlicher Vordenker. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 18. September 2015.
- Joseph Hanimann: Vom Sinn heimgesucht – Ich-Literatur und Antisemitismus: Renaud Camus ist zurück. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. Juli 2002 (Nachdruck).
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Camus, Renaud |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Schriftsteller, Philosoph und Politiker |
| GEBURTSDATUM | 10. August 1946 |
| GEBURTSORT | Chamalières, Département Puy-de-Dôme |