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Richard Wolfram

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Richard Angelus Albert Wolfram (* 16. September 1901 in Wien; † 30. Mai 1995 in Traismauer, Niederösterreich) war ein österreichischer Volkskundler, insbesondere Tanzforscher, und Skandinavist, der als Professor für Volkskunde an der Universität Wien lehrte. Er betätigte sich vor dem „Anschluss“ Österreichs als Illegaler Nationalsozialist, danach leitete er eine Forschungseinrichtung des SS-Ahnenerbes. Auch nach 1945 konnte er wieder Fuß fassen.

Leben[Bearbeiten]

Richard Wolfram wuchs in einer bildungsbürgerlichen, großdeutsch gesinnten Familie auf. Der Volksliedforscher Franz Friedrich Kohl war sein Onkel.<ref name="Musiklexikon">Gerlinde Haid, Monika Kornberger: Wolfram, Richard, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Stand 19. Februar 2016.</ref> Von 1920 bis 1926 studierte er Germanistik, Skandinavistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien und promovierte dort 1926 mit einer Arbeit zum Thema „Ernst Moritz Arndt und Schweden. Zur Geschichte der deutschen Nordsehnsucht“. Ein prägender akademischer Lehrer war Rudolf Much. Volkskunde als akademische Disziplin war damals noch im Aufbau begriffen und es gab in Wien noch keine eigene Lehrkanzel dafür. Von 1928 bis 1938 war er Lektor für die schwedische Sprache an der Universität Wien. Parallel arbeitete er an seiner Habilitation für Germanische Volkskunde und Neuskandinavistik an der Universität Wien. Diese stieß 1934 zunächst auf Widerstand wegen seiner nationalsozialistischen Betätigung. 1936 wurde seine Schrift zu Schwerttanz und Männerbund dennoch angenommen.<ref name="OttenbacherDÖW_1">Albert Ottenbacher: Richard Wolfram, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (www.doew.at), S. 1.</ref>

In der Zeit von 1934 bis 1939 hielt sich Wolfram wiederholt in Skandinavien auf. Er schrieb als Presseberichterstatter für schwedische Zeitungen, namentlich die Nya Dagligt Allehanda, und das Nachrichtenbüro Aug. Carlberg. In seinen aus Österreich nach Schweden geschmuggelten Artikeln über die Verhältnisse in seinem Heimatland agitierte er scharf gegen die Dollfuß-Schuschnigg-Regierung des Ständestaats und für die Sichtweise der österreichischen Nationalsozialisten. Der österreichische Gesandte in Stockholm zeigte ihn mehrmals wegen seiner Beeinflussungsversuche an.<ref name="OttenbacherDÖW_1"/> Nach Abschluss seiner Habilitation lehrte er ab dem Wintersemester 1937/38 an der Universität Wien, wo er – nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland – 1939 zum planmäßigen außerordentlichen Universitätsprofessor für germanisch-deutsche Volkskunde ernannt wurde.

Die US-Militärregierung enthob Wolfram 1945 des Dienstes, die Lehrbefugnis wurde ihm entzogen. 1954 erlangte er jedoch die Venia legendi als Dozent der Universität Wien wieder, die nun auf österreichische und europäische Volkskunde lautete. Er wurde dort 1959 wieder zum außerordentlichen Universitätsprofessor und zwei Jahre darauf zum Vorstand des Instituts für Volkskunde ernannt, 1963 wurde er zum ordentlichen Professor berufen. Ein Abrücken von Wolframs früheren Standpunkten war indes laut Olaf Bockhorn „im wesentlichen nicht zu erkennen“. Die meisten der Seminarthemen, die er in dieser Zeit anbot, entsprachen immer noch seinen in der NS-Zeit behandelten Inhalten. Im Wintersemester 1971/72 erfolgte die Emeritierung.<ref name="OttenbacherDÖW_11">Albert Ottenbacher: Richard Wolfram, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (www.doew.at), S. 11.</ref>

Mit seinen über 250 Publikationen erlangte er europaweites Ansehen auf dem Gebiet der Schwerttanzforschung<ref name="Musiklexikon"/> und galt als Begründer und Doyen der Volkskunde in Österreich.<ref name="OttenbacherDÖW_11"/> Er stand außerdem der Kommission für den Österreichischen Volkskundeatlas vor.<ref name="Musiklexikon"/> Seine wissenschaftliche Sammlung schenkte Wolfram 1985 dem zwei Jahre zuvor gegründeten Salzburger Landesinstitut für Volkskunde, welches daraufhin in der Salzburger Judengasse einen 100 Quadratmeter großen Bibliotheks- und Archivraum einrichtete und die Zusatzbezeichnung „Richard-Wolfram-Forschungsstelle“ annahm.<ref>Albert Ottenbacher: Richard Wolfram, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (www.doew.at), S. 11–12.</ref> Die Salzburger Landesregierung beschloss 1994 eine Statutenänderung zur Streichung dieser Zusatzbezeichnung. Obwohl der Historiker Albert Ottenbacher, der Wolframs Rolle in der NS-Zeit erforscht hatte, dem Institut 1000 Schilling für eine neue Tafel anbot, stand die Zusatzbezeichnung noch im Jahr 2000 auf dem Institutsschild.<ref>Heide Korn: Die Not mit dem Schlußstrich. Salzburger Landesinstitut für Volkskunde kann sich von Nazi Wolfram nicht trennen. In: Der Standard, 9. August 2000.</ref>

Rolle im Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Wolfram trat zum 1. Juni 1932 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.088.974)<ref>Bundesarchiv R 9361-II/1226389</ref> und war damit ab dem Verbot der Partei in Österreich 1933 Illegaler Nationalsozialist. Der NS-Dozentenführer bescheinigte ihm, dass er sich in dieser Zeit für „die Ziele des Nationalsozialismus erfolgreich und unter Einsatz seiner Existenz und Sicherheit“ eingesetzt habe. Nach der Auflösung des völkisch-antisemitisch ausgerichteten Akademischen Germanistenvereins organisierte Wolfram heimliche Zusammenkünfte mit gleichgesinnten Germanistikstudenten „zur Pflege der nationalsozialistischen Weltanschauung und Wissenschaft“. Im gleichen Zeitraum war er im Vorstand des deutsch-schwedischen Vereins „Svea“, bei dem wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus mehrere Hausdurchsuchungen vorgenommen wurden. Der österreichisch-skandinavische Klub erschien Wolfram zu „verjudet“, stattdessen beteiligte er sich am Aufbau einer „österreichisch-nordischen Gesellschaft“, welche mit der SS-dominierten Nordischen Gesellschaft in Lübeck verbunden war und von der österreichischen Polizei als „naziverdächtig“ überwacht wurde. Nach dem Anschluss Österreichs an den NS-Staat bestätigte der Wiener Gauleiter Odilo Globocnik persönlich, dass Wolfram „im früheren System nationalsozialistisch gehandelt“ habe.<ref>Albert Ottenbacher: Richard Wolfram, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (www.doew.at), S. 2.</ref>

Während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus war Wolfram in der SS sehr engagiert, in der er den Rang eines Untersturmführers hatte.<ref>Albert Ottenbacher: Richard Wolfram, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (www.doew.at), S. 5.</ref> Er wurde im Sommer 1938 von Heinrich Himmler zum Leiter der Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde innerhalb der Außenstelle Süd-Ost des SS-Ahnenerbes in Salzburg ernannt. Für das SS-Ahnenerbe war Wolfram äußerst aktiv und übernahm zahlreiche Aufgaben europaweit, so z. B. von 1940 bis 1941 als Leiter der Arbeitsgruppe Brauchtum und Volksglauben der streng geheimen Kulturkommission Südtirol, die von Heinrich Himmler eigens dazu eingerichtet worden war, gemäß dem Hitler-Mussolini-Abkommen die Umsiedlung der Südtiroler im Rahmen der Option in Südtirol zu organisieren und hierzu wichtiges ‚Volksgut‘ zu erhalten.<ref>Willi Mai</ref>

Ab 1943 gehörte Wolfram der Stabsabteilung der Waffen-SS beim Persönlichen Stab Reichsführer SS an und war in der scheinwissenschaftlichen Abteilung „Germanischer Wissenschaftseinsatz“ in der „Außenstelle Oslo“ im von Deutschland besetzten Norwegen tätig. Eine seiner Aufgaben war es, „Informationen über die Tätigkeit der ‚feindlich eingestellten Wissenschaftler‘ im Lande einzuholen“. In einem Umerziehungslager für wegen ihres Widerstands gegen die Besatzung verhaftete norwegische Akademiker und Studenten, welche die Nationalsozialisten dennoch als „rassisch wertvoll“ erachteten, hielt Wolfram Vorträge über „Julfeiern im Süd- und Nordgermanien“ und „Deutsch-Nordische Gemeinsamkeiten im Reich des Volkstanzes“. Im Lager Sennheim im Elsass übernahm er ab 1944 eine Vorlesungsreihe für dorthin verschleppte norwegische Studenten, die wegen ihrer „besten rassischen Substanz“ umerzogen werden sollten, um sie für die Freiwilligen-Legion Norwegen der Waffen-SS zu gewinnen. Die Studenten entwickelten jedoch eine „bis zum Hass gesteigerte Abwehr“ gegen Wolframs Anschauungen, keiner von ihnen meldete sich letztlich zur Waffen-SS und sie wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach einer weiteren Reise nach Südtirol im April 1944 war Wolfram im Sommer desselben Jahres erneut in Norwegen eingesetzt, bevor er wieder ins sichere Salzburg gebracht wurde.<ref>Albert Ottenbacher: Richard Wolfram, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (www.doew.at), S. 7–10.</ref>

Trotz seiner weitreichenden Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus konnte Wolfram nach 1945, so wie Otto Höfler, Eberhard Kranzmayer und andere, erneut im akademischen Betrieb Fuß fassen.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Schwerttanz und Männerbund, 3 Bände, 1936–37 (Digitalisate Band 1, Band 2, Band 3)
  • Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in Europa, 1972
  • Brauchtum und Volksglaube in der Gottschee, 1980
  • Südtiroler Volksschauspiel und Spielbräuche, 1987

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Olaf Bockhorn, Helmut Fielhauer, Kulturelles Erbe und Aneignung. Festschrift, 1982 (jeweils mit Schriftenverzeichnis).
  • Olaf Bockhorn: „Wiener Volkskunde 1938–1945“. In: Helge Gerndt (Hrsg.): Volkskunde und Nationalsozialismus. Referate und Diskussionen einer Tagung (= Münchner Beiträge zur Volkskunde, Band 7). München 1987, S. 229–237.
  • Olaf Bockhorn: „Der Kampf um die "Ostmark". Ein Beitrag zur Geschichte der nationalsozialistischen Volkskunde in Österreich“. In: Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938-1945. Hg. Gernot Heiß, Siegfried Mattl, Sebastian Meissl, Edith Saurer und Karl Stuhlpfarrer (= Österr. Texte zur Gesellschaftskritik 43). Wien 1989, S. 17–38.
  • Olaf Bockhorn, Helmut Eberhart: „Volkskunde im Reichsgau Salzburg. Institutionen – Personen – Tendenzen“. In: Walburga Haas (Hrsg.): Volkskunde und Brauchtumspflege im Nationalsozialismus in Salzburg. Tagungsbericht. (Salzburger Beiträge zur Volkskunde 8) Salzburg 1996., S. 57–80
  • James R. Dow, Hannjost Lixfeld (Hrsg.): The Nazification of an Academic Discipline. Folklore in the Third Reich. Indiana University Press, Bloomington Indianapolis 1993.
  • James R. Dow, Olaf Bockhorn (Hrsg.): The Study of European Ethnology in Austria. Ashgate MPG Books Progress in European Ethnology XIV, Aldershot/Burlington 2004.
  • Helmut Fielhauer (Hrsg.): Volkskunde und Volkskultur. Festschrift, 1968.
  • Helge Gerndt (Hrsg.): Volkskunde und Nationalsozialismus. Referate und Diskussionen einer Tagung. Münchner Beiträge zur Volkskunde 7, München 1987.
  • Alfred W. Höck: „Der Volkskundler Richard Wolfram und der lange Schatten der deutsch-völkischen Mythenwelt“, in: Waltraud Froihofer (Hrsg.): Volkstanz zwischen den Zeiten. Zur Kulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Bibliothek der Provinz, Weitra 2012, S. 617–644.
  • Alfred W. Höck: „Zu den Bilddokumenten im Nachlass Richard Wolframs“, in: Waltraud Froihofer (Hrsg.): Volkstanz zwischen den Zeiten. Zur Kulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Bibliothek der Provinz, Weitra 2012, S. 645–653.
  • Alfred Werner Höck: Richard Wolfram (1901–1995). „Wir haben einen Stern, dem wir gefolgt sind“. In: Karel Hruza (Hrsg.): Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Bd. 3, Böhlau, Wien u. a. 2019, ISBN 978-3-205-20801-3, S. 479–526.
  • Wolfgang Jacobeit, Hannjost Lixfeld, Olaf Bockhorn (Hrsg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wien/Köln/Weimar 1994.
  • U. Kammerhofer-Aggermann: „In memoriam Richard Wolfram (1901-1995)“, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Band 125/126, Wien 1995/96, S. 317–318; dasselbe in: Walburga Haas (Hrsg.): Volkskunde und Brauchtumspflege im Nationalsozialismus in Salzburg. Tagungsbericht (Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Bd. 8), Salzburg 1996, S. 399f.
  • U. Kammerhofer-Aggermann: „Wolfram, Richard“, in: Adolf Haslinger und Peter Mittermayr (Hrsg.): Salzburger Kulturlexikon, Salzburg 2001, S. 566f.
  • K. Köstlin: „Richard Wolfram 1901-1995“. In: Zeitschrift für Volkskunde. Heft 4. Wien 1995, S. 480–483.
  • K. J. Kuhn: „Netzwerke, Identitätspolitik und ein Abgrenzungsnarrativ. Zur Wissensgeschichte der Beziehungen zwischen der «völkischen» und der Schweizer Volkskunde“, in: Zeitschrift für Volkskunde – Beiträge zur Kulturforschung, 113/1, Waxmann, Münster etc. 2017, S. 42–63.
  • Hannjost Lixfeld: Folklore and Fascism. The Reich Institute for German Volkskunde, ed. and transl. By James R. Dow. Indiana University Press. Bloomington and Indianapolis 1994.
  • M. Lackner-Kundegraber: „Univ.-Prof. Dr. Richard Wolfram ist gestorben“, in: Gottscheer Zeitung, September/Oktober 1995, S. 15.
  • O. Moser: „Richard Wolfram. Nachruf“. In: Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 145. Jahrgang. Wien 1995, S. 525–534.
  • Vorlage:Deutsche Biographie/core
  • Elsbeth Wallnöfer: Die wissenschaftliche Legitimierung des Volkstanzes Richard Wolfram. In: Waltraud Froihofer (Hrsg.): Volkstanz zwischen den Zeiten. Zur Kulturgeschichte des Volkstanzes in Österreich und Südtirol. Bibliothek der Provinz, Weitra 2012, S. 654–671.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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