Rockall-Trog
Der Rockall-Trog ist ein Seebecken im östlichen Nordatlantik, nordwestlich von Irland. Der Trog ist nach dem Rockall-Plateau benannt, das seine westliche Grenze bildet und das wiederum nach dem Felsen Rockall benannt ist. Im Nordosten endet er am Wyville-Thomson-Rücken auf etwa 1000 Meter Tiefe, im Südwesten geht er bei etwa 4000 Meter Tiefe in das tiefe Atlantikbecken über.
Geologie[Bearbeiten]
Das Becken ist ein Ausläufer des Nordatlantikbeckens in den britischen Kontinentalschelf hinein. Es entstand vermutlich in der Kreide, als der Rockall-Mikrokontinent, das heutige Rockall-Plateau, sich vom britischen Kontinentalschelf löste und den Graben öffnete.
Im Westen begrenzt das Rockall-Plateau das Becken, im Osten der Kontinentalschelf und im Norden steigt der Wyville-Thomson-Rücken bis auf 620 Meter Tiefe, versperrt den Weg zum Färöer-Shetland-Kanal und verhindert damit einen weitergehenden Austausch zwischen warmem Nordatlantikwasser und kälterem Arktiswasser aus dem Europäischen Nordmeer.
Der Rockall-Trog ist an der 1000-Meter-Tiefenlinie etwa 200 bis 300 Kilometer breit und vom Wyville-Thomson-Rücken bis zur Porcupine Abyssal Plain im Atlantik etwa 1200 Kilometer lang. Im nördlichen und mittleren Teil weist er einzelne Erhöhungen wie die Anton-Dohrn-Kuppe, die Rosemary-Bank oder die Hebriden-Terrasse auf.<ref name="Shannon">M. S. Stocker, T. C. E. van Weering und T. Svaerdborg: A Mid- to Late Cenozoic tectonostratigraphic framework for the Rockall Through, in: Pat Shannon, P. D. W. Haughton, D. V. Corcoran, Geological Society of London: The Petroleum Exploration of Ireland’s Offshore Basins, Geological Society, 2001 ISBN 1-86239-087-8, S. 411–435.</ref>
Besonderes Aufsehen erregte 1998 die Entdeckung der Darwin Mounds. Es handelt sich um mehrere hundert Erhebungen im nördlichen Rockall-Trog, die bis zu fünf Meter hoch und bis zu 75 Meter Durchmesser haben und erstmals auf Sonaraufnahmen der Gegend entdeckt wurden. In der Nähe des Wyville-Thomson-Rückens sind diese höher und kommen in dichteren Beständen vor als weiter südlich. Vor allem bestehen sie aus Sand, es zeigen sich aber auch Bestandteile aus Kohlenstoff, die vermutlich Sedimente, aber auch zerfallene Korallen und zum Teil auch noch lebende Lophelia pertusa sein können. Weiter südlich, in Wassertiefen von 1000 bis 1200 Meter folgen 3000 km² Krater, meistens kreisförmig mit etwa 50 Metern Durchmesser, die sich aber im Relief kaum, und, soweit bekannt, in Fauna und Flora gar nicht vom umgebenden Meeresgrund unterscheiden. Vermutlich sind beide Phänomene Sandvulkane, die durch den Ausstoß von Flüssigkeiten aus dem Sediment entstanden sind. Der Unterschied zwischen positivem und negativem Relief in Nord-Süd-Richtung liegt vermutlich an der verschiedenen Zusammensetzung des Sediments in dieser Gegend.<ref name="Judd">Alan Judd, Martin Hovland: Seabed Fluid Flow: The Impact of Geology, Biology And the Marine Environment, Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 0521819504, S. 64–66.</ref>
Hydrologie und Strömungen[Bearbeiten]
Der Rockallgraben ist im Süden über 3000 m tief und weist eine zweigeteilte Schichtung auf: In den oberen rund 1000 m überwiegt warmes, salzreiches Atlantikwasser, das polwärts strömt; darunter liegen kühlere, salzärmere Zwischen- und Tiefenwassermassen, die innerhalb des Beckens zyklonal rezirkulieren.<ref name="NewSmythe2001">A. L. New, D. Smythe-Wright (2001): Aspects of the circulation in the Rockall Trough. In: Continental Shelf Research. Band 21 (2001), Ausgaben 8–10, S. 777–810. DOI:10.1016/S0278-4343(00)00113-8.</ref>
Oberflächennahe Strömungen[Bearbeiten]
Die obere Schicht wird vom Eastern North Atlantic Water (ENAW) eingenommen, einer warmen, salzreichen Wassermasse, die deutlich salziger ist als das Wasser des benachbarten Islandbeckens. Sie wird auf zwei Wegen polwärts geführt: zum einen durch den Schelfrandstrom (hier: Shelf Edge Current, sonst auch European Slope Current), der entlang des östlichen Beckenrandes – des irisch-schottischen Schelfabhangs – fließt und dort den östlichen Randstrom (Eastern Boundary Current, EBC) bildet, zum anderen durch einen Zweig des Nordatlantikstroms, der von Süden in den Graben einschwenkt und dabei das wärmste und salzreichste Wasser heranführt.<ref name="NewSmythe2001" /><ref name="Fraser2022">Neil J. Fraser, Mark E. Inall u. a. (2022): North Atlantic Current and European Slope Current Circulation in the Rockall Trough Observed Using Moorings and Gliders. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 127 (2022). DOI:10.1029/2022JC019291.</ref> Der Schelfrandstrom ist etwa 50 km breit, über der 750-m-Tiefenlinie zentriert und erreicht Geschwindigkeiten von 15–30 cm/s bei einem Salzgehaltskern von bis zu rund 35,4 PSU in den oberen etwa 400 m.<ref name="NewSmythe2001" /> Der polwärtige Transport des ENAW oberhalb von 1200 dbar beträgt im Mittel etwa 3,7 Sverdrup (SV) (davon rund 3,0 Sv im Schelfrandstrom), schwankt zwischen den Jahren jedoch erheblich (0 bis 8 Sv).<ref name="Holliday2000">N. Penny Holliday, Raymond T. Pollard, Jane F. Read, Harry Leach (2000): Water mass properties and fluxes in the Rockall Trough, 1975–1998. In: Deep-Sea Research Part I. Band 47 (2000), Ausgabe 7, S. 1303–1332. DOI:10.1016/S0967-0637(99)00109-0.</ref> Mehrjährige Verankerungs- und Gleiter-Messungen im nördlichen Rockallgraben ergeben einen netto-polwärtigen Volumentransport von rund 3,5–4,5 Sv.<ref name="Houpert2020">Loïc Houpert, Stuart Cunningham, Neil Fraser, Clare L. Johnson, N. Penny Holliday, Sam Jones, Ben Moat, Darren Rayner (2020): Observed variability of the North Atlantic Current in the Rockall Trough from four years on mooring measurements. In: Journal of Geophysical Research: Oceans. Band 125 (2020), Ausgabe 10, Artikelnummer e2020JC016403. DOI:10.1029/2020JC016403.</ref> Etwa die Hälfte des durch den Graben geführten Transports setzt sich über den Färöer-Shetland-Kanal in Richtung der Nordischen Meere und der Arktis fort.<ref name="Fraser2022" />
Zwischen- und Tiefenwasser[Bearbeiten]
Unterhalb des ENAW folgt in etwa 1000–1200 m Tiefe ein Salzgehaltsmaximum, das auf den Einfluss des Mittelmeerausstromwassers zurückgeht. Im nördlichen Graben besetzt das über die Wyville-Thomson-Schwelle eintretende, kalte Wyville-Thomson-Überlaufwasser (WTOW) die mittleren Tiefen bis etwa 1000 m, besonders auf der Westseite des Beckens.<ref name="Johnson2010">Clare Johnson, Toby Sherwin, Denise Smythe-Wright, Tracy Shimmield, William Turrell (2010): Wyville Thomson Ridge Overflow Water: Spatial and temporal distribution in the Rockall Trough. In: Deep-Sea Research Part I. Band 57 (2010), Ausgabe 10, S. 1153–1162. DOI:10.1016/j.dsr.2010.07.006.</ref> In Tiefen von etwa 1600–1900 m liegt das Labradorseewasser (LSW) mit einem ausgeprägten Salzgehaltsminimum (σ₀ ≈ 27,7–27,8 kg/m³); darunter erreicht tiefes Wasser mit einer Signatur des Antarktischen Bodenwassers (Unteres Tiefenwasser) sowie Nordostatlantisches Tiefenwasser den Graben.<ref name="NewSmythe2001" /><ref name="Holliday2000" /> Da der Rockallgraben nach Norden durch Schwellen begrenzt ist und keine tieferen Ausgänge als rund 1200 m besitzt, können diese Wassermassen nicht nach Norden durchströmen, sondern müssen über den südlichen Zugang ein- und ausströmen und rezirkulieren dabei zyklonal innerhalb des Beckens.<ref name="NewSmythe2001" /><ref name="Holliday2000" />
Räumliche Unterschiede[Bearbeiten]
Die Strömungsverhältnisse unterscheiden sich deutlich zwischen den beiden Beckenrändern. Während der polwärtige Schelfrandstrom an den östlichen Schelfabhang gebunden ist, wurde an der Westseite über der Rockall Bank ein südwestwärts gerichteter Strom beobachtet.<ref name="NewSmythe2001" /> Über den Korallenmound-Gebieten der Rockall Bank sind die bodennahen Strömungen so kräftig, dass sie Sand als Sandwellen verfrachten, feines Material auswaschen und so durch Freilegen von Hartsubstrat günstige Bedingungen für die Ansiedlung von Kaltwasserkorallen schaffen.<ref name="NewSmythe2001" /> Die topographisch gesteuerten Strömungs- und Auftriebsmuster über den Bänken prägen damit auch die Verteilung von Primärproduktion und benthischer Lebensgemeinschaften.<ref name="Mohn2007">Christian Mohn, Martin White (2007): Remote sensing and modelling of bio-physical distribution patterns at Porcupine and Rockall Bank, Northeast Atlantic. In: Continental Shelf Research. Band 27 (2007), Ausgabe 14, S. 1875–1892. DOI:10.1016/j.csr.2007.03.006.</ref>
Fauna und Flora[Bearbeiten]
Das Gebiet vom Rockall-Trog bis zur Biskaya galt schon Anfang der 1990er Jahre als das besterforschte der Tiefsee weltweit.<ref name="Gage">John D. Gage, Paul A. Tyler: Deep-Sea Biology: A Natural History of Organisms at the Deep-Sea Floor, Cambridge University Press, Cambridge 1992, ISBN 0-521-33665-1, S. 130.</ref> Seit dem 19. Jahrhundert untersuchen regelmäßig Forscher die Flora und Fauna des Rockall-Trogs. Trotzdem unterliegt die Forschung naturgemäß großen Einschränkungen. Selbst jetzt beschränkt sie sich in den tiefen Bereichen zu einem Großteil auf Arten, die groß genug sind, um auf Fotos erkennbar zu sein.<ref name="WWF">C. Berry, S. Jones: The Rockall Trough/Channel – A Potential MPA. WWF’s North-East Atlantic Programme. Bremen 2001 (Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.PDF ( vom 23. September 2006 im Internet Archive))</ref>
In Bodennähe, dem benthalen Bereich, sind insbesondere Stachelhäuter häufig. Insgesamt fanden Forscher 131 Stachelhäuter-Arten im Becken, davon 40 Seesterne, 36 Schlangensterne, 33 Seegurken, 18 Seeigel und vier Seelilien und Haarsterne. Von der Zahl der Individuen allerdings stellen die Schlangensterne fast zwei Drittel aller Stachelhäuter dar.<ref name="WWF"/>
An den Hängen, in etwa 150 bis 1200 Meter Tiefe, haben sich verschiedene Korallenarten angesiedelt, die dort vom größeren Nährstofftransport durch die stärkere Strömung profitieren. Lophelia pertusa findet man relativ weitverbreitet in den Abschnitten zwischen 600 und 800 Metern, in den nördlichen Bereichen auch im flacheren Wasser. Besonders häufig sind sie an Erhebungen und Bänken im Graben. Madrepora oculata hingegen findet sich eher an einzelnen Standorten in den unteren Abschnitten dieses Bereichs.<ref name="Corals">Martin White et al.: Deep-water coral development as a function of hydrodynamics and surface productivity around the submarine banks of the Rockall Trough, NE Atlantic, in: André Freiwald, J. Murray Roberts: Cold-water Corals and Ecosystems, Springer, 2005, ISBN 3540241361, S. 503–514.</ref>
Starke Strömungen begünstigen auch andere Lebewesen, so dass besonders an den steilen Abhängen am Wyville-Thomson-Rücken und dem Anton Dohrn Seamount Seepocken der Art Bathylasma hirsutum und Armfüßer der Arten Dallina sepigera und Macandrevia cranium vorkommen.<ref name="WWF"/> Tiefseebestände sind besonders aus den Tiefen von 2.200 Meter und 2.900 Meter bekannt, da sich hier zwei dauerhafte Messstationen der Scottish Association for Marine Science befinden. Häufigste Tiere dort waren Vielborster, die 59 Prozent der Individuen der aufgespürten Tiere stellten, gefolgt von Scherenasseln (10,3 Prozent), Muscheln (10,1 Prozent) und Asseln (4,4 Prozent). Vergleichsmessungen auf 1800, 2000, 2500 und an anderen Stellen auf 2900 Meter brachten ähnliche Ergebnisse, nur Asseln scheinen an anderen Stellen des Grabens weniger häufig zu sein.<ref name="Deep">Paul A. Tyler: Ecosystems of the Deep Oceans: Ecosystems of the World, Elsevier, 2003, ISBN 044482619X, S. 134–135.</ref> Sie spürten bisher 24 Arten von Tiefseefischen auf, davon drei Echte Rochen, zwei Schwarzköpfe, zwei Eidechsenfische, zwei Grubenaale, zwei Dornrückenaale, sechs Grenadiere, zwei Aalmuttern und einzelne Arten aus fünf weiteren Familien.<ref name="WWF"/>
Untersuchungen, die mit Hilfe von Tiefseefischern gemacht wurden, ergaben ein ähnliches Bild wie es auch in der Biskaya oder der Porcupine Bay vorherrscht: Stachelhäuter dominieren in allen Tiefengebieten, die vorkommenden Arten unterscheiden sich vor allem anhand der Tiefenlinien, wobei die größten Änderungen zwischen 800 und 1200 Metern Tiefe auftreten. Weitere einschneidende Änderungen gibt es bei 1800 Metern, wobei sich insbesondere die Zusammensetzung der dominanten Schlangensterne hier deutlich ändert. Nesseltiere sind ebenso wie Krebstiere häufig.<ref name="Deep"/>
Menschliche Nutzung[Bearbeiten]
Nachdem es bereits seit 1959 Erdölfunde auf dem westlich gelegenen Rockall-Plateau gibt, wurden 1988 Hinweise auf Kohlenwasserstoffe auch im Rockall-Trog gefunden. Sowohl die geologischen Forschungen im Graben als auch die politischen Auseinandersetzungen über die Schelfrechte haben sich seitdem erheblich intensiviert. Aufgrund dessen dürfte der Rockall-Trog mittlerweile das besterforschte Tiefsee-Gebiet weltweit sein. Da im Becken Erdöl und Erdgas vermutet werden, ist es ähnlich wie das Rockall-Plateau Objekt von Auseinandersetzungen der angrenzenden Staaten Irland, Großbritannien und Dänemark/Färöer um die Hoheits- und Wirtschaftsrechte. 1995 sollte er allerdings für gegenteilige Zwecke dienen, da in diesem Jahr die Brent Spar im Rockall-Trog versenkt werden sollte, was zu weltweiten Protesten führte.<ref name="Pickering">Kevin T. Pickering, Lewis A. Owen: An Introduction to Global Environmental Issues, Routledge, London 1997, ISBN 0415140986, S. 14.</ref>
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references/>
Koordinaten: 55° N, 14° W
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