Roggenwolf

Der Roggenwolf ist ein wolfsgestaltiger Korndämon und Kinderschreck der deutschen Sage, der sich im Feld und Acker aufhält.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 12.</ref>
Verschiedene Sprichwörter des 19. Jahrhunderts charakterisieren den Roggenwolf als unersättlich und gefräßig bis hin zur Bewegungsunfähigkeit als Folge des unmäßigen Schlingens. Auch ist er aggressiv. Der Roggenwolf heult und brüllt in seiner Gier nach Futter.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 22 f.</ref> Gestalt und Wesen des Roggenwolfes werden durch die Namensformen großer Wolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 19.</ref>, wilder Wolf und böser Wolf<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 82.</ref> weiter verdeutlicht.
Roggenwolf als Wind- und Wettergeist[Bearbeiten]
Der Roggenwolf ist ein Windgeist.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 15.</ref> Er trägt davon auch den Namen Windwolf. Besonders, wenn der Wind die Getreideähren in wellenförmige Bewegung bringt, hieß es, der Wolf gehe durch oder über das Korn, sei im Korn oder jage die Schafe im Korn. Manchmal geht auch die Rede von mehreren Wölfen, die sich im Korn jagen.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 16.</ref> Das Heulen des Windes soll durch den Roggenwolf hervorgerufen werden.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 24.</ref> Der Roggenwolf tritt auch als Verkörperung der rauen Luft, des Nebels und des Regens auf.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 18.</ref>
Roggenwolf als Korndämon[Bearbeiten]

Dem Treiben des Roggenwolfes im Feld wird entweder die Eigenschaft zugesprochen, dass es die Fruchtbarkeit des Feldes fördere oder gegenteilig, dass es die Fruchtbarkeit des Feldes verringere,<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 17.</ref> zumal der Roggenwolf sich vom Korn des Feldes ernährt.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 25.</ref> Er soll auch das Mutterkorn verursachen, welches nach ihm Wolf oder Wolfszahn genannt wird.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 29 f.</ref> In der letzten Erntegarbe soll der Roggenwolf sitzen. Nach ihm wird auch die letzte Garbe als Wolf bezeichnet.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 38.</ref> Wer bei der Ernte mit dem Roggenwolf in Kontakt kommt, wird davon krank.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 44.</ref>
Neben dem einfachen Namen Wolf (je nach Dialekt auch Wulf, Walf<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 19.</ref>, Wulp<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 77.</ref>) treten auch verschiedene Namen für den Roggenwolf auf, die sich nach der Feldfrucht des entsprechenden Feldes nennen, in welchem der Wolf sein Unwesen treiben soll. Neben Roggenwolf (Roggenwulf) sind dies die Namensformen Getreidewolf, Kornwolf (großer Kornwolf, Kürnwolf, Koorwolf, Koanwolf, Körwolp),<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 20 f.</ref> Haferwolf (Hawerwolf)<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 38 f.</ref>, Gerstenwolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Bremen 2014, S. 4.</ref>, Kartoffelwolf (Kantüffelwolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 39.</ref>), Graswolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Bremen 2014, S. 4.</ref> (Grasewolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 52.</ref>), Erbswolf<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 81.</ref> und Pflaumenwolf (Plummenwolf).<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 22.</ref>
Roggenwolf als Kinderschreck[Bearbeiten]
Der Roggenwolf wird auch als Kinderschreck genannt. Er soll im Feld auf die Kornblumen suchenden oder Ähren pflückenden Kinder warten, um sie zu zerreißen, zu beißen<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 19.</ref>, zu packen, zu fressen oder fortzutragen.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 20.</ref> Die Seelen der vom Roggenwolf gefressenen Kinder müssen auf den Bäumen umherfliegen, bis das Korn eingefahren wird.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 45.</ref>
Die Roggenwölfe gelten als Kinder der ebenfalls im Kornfeld hausenden Roggenmuhme, eines anderen Kinderschrecks.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 46.</ref>
Die Funktion des Roggenwolfs als Kinderschreck wird durch die Namen Gelbzahn und Speilzahn verdeutlicht.<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 78.</ref> Auch trägt er den Namen Grauelwolf (Grawelwolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 20.</ref>, Grugelwolf<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 82.</ref>), der seinen Ursprung im Roggenwolf als Kinderschreck hat.<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 78.</ref>
Der Gelbzahn (auch Geltan, Geltän, Jeltän) hat sich teilweise auch verselbstständigt und zu einer Schreckgestalt mit feurigen Augen, einem Mann mit gelbem Zahn gewandelt. Der Gelbzahn, der die Kinder beißt oder mitnimmt, ist eher ein allgemeiner Kinderschreck, der auch an anderen verbotenen Orten wie der Scheune oder dem Dachboden lauern kann.<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 81 f.</ref>
Verwechslungen[Bearbeiten]
Teilweise werden die Aufgaben des Roggenwolfes fälschlicherweise auch auf den Werwolf<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 47.</ref> (Barwolf<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 78.</ref>) oder den Böxenwolf (Büchsenwolf), eine aufhockende Variante des Werwolfs<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 81.</ref>, übertragen. Andererseits wird dem Roggenwolf nachgesagt, dass er das Korn mittels Wolfschnitt aus dem Feld stehle, eine Tätigkeit, die eher dem Bilwis zukommt.<ref>Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Leipzig 2010, S. 61.</ref> Der Roggenmuhme ähnelt der Roggenwolf, wenn er den Kindern teerbestrichene Brotstullen gibt.<ref>Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Münster/New York/München/Berlin 2007, S. 77.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Wilhelm Mannhardt: Roggenwolf und Roggenhund im germanischen Brauchtum. Danzig, 1865, Nachdruck im Bohmeier Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-89094-650-4.
- Wilhelm Mannhardt: Die Korndämonen: Beitrag zur germanischen Sittenkunde. Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung, Berlin 1868, Nachdruck bei bremen university press, Bremen 2014, ISBN 978-3-95562-798-0.
- Richard Beitl: Untersuchungen zur Mythologie des Kindes: herausgegeben von Bernd Rieken und Michael Simon. Teilw. zugl.: Berlin, Univ., Habil.-Schr. R. Beitl, 1933, Waxmann Verlag, Münster/New York/München/Berlin 2007, ISBN 978-3-8309-1809-7.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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