Samariteranstalten
Die Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree, Stiftung bürgerlichen Rechts, sind eine eigenständige diakonische Einrichtung im Osten Brandenburgs. Zur stationären Betreuung stehen ein Altenpflege-Wohnheim, Wohnstätten für Erwachsene mit verschiedenen Unterstützungs- und Assistenzbedarfen sowie Wohneinrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung mit insgesamt etwa 450 Plätzen zur Verfügung. Die Werkstätten für behinderte Menschen halten mehr als 350 Arbeits-, Förder- und Bildungsplätze bereit. Im Bereich Bildung und Erziehung unterhält die Stiftung eine Berufliche Schule für Sozialwesen, zwei Ersatzschulen mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und eine Kindertagesstätte. Weitere Arbeitsfelder sind das ambulant betreute Wohnen für Menschen mit Behinderung und die ambulante Hilfe und Beratung für Menschen im Autismus-Spektrum und ihre Angehörigen.<ref>https://www.samariteranstalten.de/einrichtungen. Abgerufen am 17. März 2026.</ref>
Geschichte[Bearbeiten]
Am 1. Mai 1892 eröffnete Pfarrer Albert Burgdorf sen. in Fürstenwalde/Spree auf einem gemieteten Grundstück die Lutherischen Anstalten. In den beiden vorhandenen Gebäuden wurden verschiedene Fürsorge-Projekte, die Burgdorf und seine Frau Wilhelmine bisher im Pfarrhaus der evangelisch-lutherischen (altlutherischen) Gemeinde betrieben hatten, sowie einige neue Einrichtungen untergebracht. Im Gründungsjahr umfassten die Lutherischen Anstalten ein Diakonissenmutterhaus, ein Krankenhaus, ein Damenheim für wohlhabende Pensionärinnen, eine Kleinkinderschule, ein Seminar für Kleinkinderschullehrerinnen sowie eine so genannte „Blödenstation“ für Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen.<ref>Christophorus, Monatsblatt aus dem ev.-lutherischen Diakonissen-Hause in Fürstenwalde a. Spree, H. 1, Juli 1892.</ref>
In den folgenden Jahren erweiterte Burgdorf die Lutherischen Anstalten beträchtlich und erwarb dazu auf Darlehensbasis eine Reihe von Grundstücken in Fürstenwalde und Umgebung. Ein großer Teil der neuen Einrichtungen konzentrierte sich ab 1895 auf einem Gelände im, südlich der Spree gelegenen, Ketschendorf. Dort waren vor allem Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, insbesondere Kinder und Jugendliche, untergebracht. Zum zweiten Schwerpunkt der diakonischen Arbeit entwickelte sich die Altenpflege mit mehreren Pflegeheimstandorten.<ref>Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree: Festschrift zum 25jährigen Jubiläum 1. Mai 1892 – 1917.</ref>
Da Burgdorf die finanziellen Risiken der, von ihm als Privatunternehmen betriebenen, Lutherischen Anstalten nicht mehr tragen konnte und eine institutionelle Anbindung an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen scheiterte, entschied er sich zur Gründung einer Stiftung bürgerlichen Rechts.<ref>Jens C. Franze/ Wolfgang Rose/ Paul-Gerhardt Voget: „… blieb dazu nur die Form einer Stiftung übrig.“ Zur Entstehungsgeschichte der Samariteranstalten Fürstenwalde, in: Kristina Hübener/ Andreas Ludwig/ René Schreiter (Hrsg.): Soziale Stiftungen und Vereine in Brandenburg. Vom Deutschen Kaiserreich bis zur Wiederbegründung des Landes Brandenburg in der Bundesrepublik, Berlin 2012, S. 173–196, hier: S. 194.</ref> Nach mehrjährigen Vorbereitungen erhielt die Stiftung Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree am 6. Mai 1911 die staatliche Anerkennung und hat seitdem die Trägerschaft der Fürsorgeeinrichtung inne. Unverändert gilt seitdem auch der Stiftungszweck: „Übung der Barmherzigkeit an Unmündigen und Elenden aller Art ohne Unterschied der Konfession. Ferner ist ihr Zweck die Ausbildung von Arbeitern und Arbeiterinnen für den Barmherzigkeitsdienst und die Verbreitung christlicher Literatur.“<ref>Stiftungsurkunde der Samariteranstalten Fürstenwalde/Spree, 11.2.1911 (im Historischen Archiv der Samariteranstalten).</ref>
Während der Weltwirtschaftskrise 1929–1933 gerieten die Samariteranstalten durch die drastische Kürzung von staatlichen Pflegegeldern in eine schwierige finanzielle Lage, die sich durch den Tod Burgdorfs und die zeitgleiche Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur im Jahr 1933 zu einer existenzbedrohenden Krise auswuchs. Der Verlust der Einrichtung als Werk der Inneren Mission konnte nur durch das Eingreifen zentraler Stellen der evangelischen Fürsorgeorganisation verhindert werden. Der Sohn des Gründers, Albert Burgdorf jun., musste bereits nach zwei Jahren die Leitung der Anstalten abgeben und wurde durch Pfarrer Karl-Friedrich Hoffmann ersetzt. Mit diesem Wechsel endete die besondere Beziehung der Samariteranstalten zur altlutherischen Kirche.<ref>Franze / Voget, S. 78–84.</ref>
In den 1940er-Jahren waren auch die Samariteranstalten von den „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten betroffen. In mehreren Transporten wurden betreute Personen abgeholt und in den Vernichtungsanstalten der Aktion T4 ermordet. Die bekannte Denkschrift des Leiters der Hoffnungstaler Anstalten Lobetal, Pfarrer Paul Gerhard Braune, mit der er die Krankenmorde anprangerte, beruhte u. a. auf Informationen von Karl-Friedrich Hoffmann aus Fürstenwalde.<ref>Franze / Voget, S. 96.</ref>
Am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Samariteranstalten von Bombardierungen und Kampfhandlungen betroffen. Während einer zeitweiligen Evakuierung und der anschließenden Hungersnot starben zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner.<ref>Franze / Voget, S. 105f.</ref>
Erst ab 1947 besserte sich die Situation allmählich. In diesem Jahr wurde das seit 1866 bestehende Posener Diakonissen-Mutterhaus, das auf Grund der Vertreibung der deutschen Bevölkerung seinen Stammsitz verlassen musste, von den Samariteranstalten aufgenommen. Die Oberin der Posener Schwestern, Emma Lichtenberg, bestimmte bis 1968 wesentlich die weitere Entwicklung der Samariteranstalten mit.<ref>Franze / Voget, S. 108–111.</ref>
Nach den wirtschaftlich und politisch schwierigen 1950er Jahren gelang unter Probst Karl Märker, der 1958 das Direktorenamt übernommen hatte, eine gewisse finanzielle Konsolidierung. Erste bauliche Maßnahmen führten zur Verbesserung der Lebenssituation für einen Teil der Betreuten.<ref>Franze / Voget, S. 117ff.</ref>
1968 übernahm Pfarrer Wolfgang Matzke die Leitung der Samariteranstalten. Im Zentrum seines Wirkens stand der sogenannte „psychiatrische Pflegekomplex“. Die Lebensbedingungen der betreuten Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen sollten schrittweise verbessert werden. Die Umsetzung eines Stufenmodells der Rehabilitation sollte ihnen persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und die Eingliederung in die Gesellschaft ermöglichen. Als wesentliche Elemente dieses Konzeptes wurden 1969 eine eigene Ausbildungsstätte für Heilerziehungspflege, das Seminar für Psychiatriediakonie, und 1972 eine Kinderpsychiatrische Rehabilitationsklinik gegründet.<ref>Rose, S. 6–14; Franze / Voget, S. 123–128.</ref>
In den letzten beiden Jahrzehnten der DDR gab es Fortschritte in der Versorgung und Unterbringung der betreuten Personen. Die dafür u. a. notwendigen Baumaßnahmen zogen sich aber, wegen der zentralistisch organisierten Wirtschaft, oft über Jahre.<ref>Franze / Voget, S. 128–133.</ref>
Nach dem Zusammenbruch der DDR folgte für die Samariteranstalten eine schwierige Phase der Transformation, in der sie sich an das vollkommen anders organisierte Fürsorge- und Berufsausbildungssystem der Bundesrepublik anpassen mussten. So wurden die Kinderpsychiatrische Rehabilitationsklinik aufgelöst, das Seminar für Psychiatriediakonie in eine berufliche Schule für Sozialwesen (Korczak-Schule) umgewandelt und der bisherige Bereich Arbeitstherapie zu Werkstätten für behinderte Menschen (Christophorus-Werkstätten) weiterentwickelt.<ref>Kiefer-Hofmann, S. 44ff.</ref>
In den Folgejahren führten zahlreiche Bauprojekte zur grundlegenden Überholung vorhandener und zur Errichtung neuer Gebäude. Zusammen mit dem höheren Ressourcenzufluss aus der öffentlichen Fürsorge bewirkte das eine spürbare Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen.
Einrichtungen[Bearbeiten]
Heute sind die Samariteranstalten als diakonischer Komplexträger ein bedeutender Arbeitgeber in den beiden brandenburgischen Landkreisen Oder-Spree und Spree-Neiße mit Einrichtungen in Beeskow, Berkenbrück, Forst (Lausitz); Fürstenwalde/Spree, Rauen und Tauche/ OT Lindenberg. Dort leben, lernen und arbeiten insgesamt rund 2000 Menschen.
Persönlichkeiten[Bearbeiten]
- Albert Burgdorf, Gründer und langjähriger Direktor (1892–1933) der Samariteranstalten
- Hans-Christian Petzoldt, ehemaliger Schulleiter und ehemaliges Vorstandsmitglied
- Susanne Stachat, Aufbau und Leitung der Kinderpsychiatrischen Rehabilitationsklinik, Ehrenbürgerin der Stadt Fuerstenwalde (2024)<ref>https://www.fuerstenwalde-spree.de/seite/671863/ehrenb%C3%BCrger.html#gsc.tab=0</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Hübener, Kristina / Andreas Ludwig / René Schreiter (Hrsg.): Soziale Stiftungen und Vereine in Brandenburg. Vom Deutschen Kaiserreich bis zur Wiederbegründung des Landes Brandenburg in der Bundesrepublik, Berlin 2012, ISBN 978-3-937233-95-6.
- Franze, Jens C. und Paul-Gerhardt Voget (Hrsg.): Die Samariteranstalten Fürstenwalde. Eine diakonische Stiftung zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik, Berlin 2012, ISBN 978-3-95410-005-7.
- Kiefer-Hofmann, Angela: 120 Jahre Samariteranstalten 1892–2012. In: Unterwegs dokumentiert 2/2012 (Die Zeitschrift der Samariteranstalten). Digitalisat
- Rose, Wolfgang: Das Seminar für Psychiatriediakonie 1969–1990. Ein historischer Blick auf den Vorläufer der heutigen Korczak-Schule. In Unterwegs dokumentiert 2022 (Die Zeitschrift der Samariteranstalten). Digitalisat
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
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