Zum Inhalt springen

Signatursatz von Hirzebruch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Signatur-Operator)

Der Signatursatz von Hirzebruch ist eine Aussage aus dem mathematischen Teilgebiet der globalen Analysis. Er ist benannt nach dem Mathematiker Friedrich Hirzebruch und kann als Spezialfall des Atiyah-Singer-Indexsatzes angewandt auf den Signatur-Operator aufgefasst werden. Der Signatursatz gibt einen Zusammenhang zwischen der Signatur und dem L-Geschlecht einer Mannigfaltigkeit. Bewiesen wurde er 1953 von Friedrich Hirzebruch mittels Kobordismustheorie.<ref>Nicole Berline, Ezra Getzler, Michèle Vergne: Heat kernels and Dirac operators (= Grundlehren der mathematischen Wissenschaften 298). Berlin u. a. Springer 1992, ISBN 0-387-53340-0, S. 161.</ref><ref>Hirzebruch The Signature Theorem. Reminiscences and recreation. Prospects in Mathematics, Annals of Mathematical Studies, Band 70, 1971, S. 3–31.</ref>

Aussage des Signatursatzes[Bearbeiten]

Sei <math>X</math> eine orientierte kompakte glatte Mannigfaltigkeit der Dimension <math>n:=4k</math>. Mit <math>\sigma(M)</math> wird die Signatur von <math>M</math> bezeichnet, die als Signatur der Schnittform definiert ist. Dann gilt

<math>

\sigma(M) = (\pi i)^{-\frac{n}{2}} \int_M L(M) \,, </math>

wobei <math>L(M)</math> das L-Geschlecht von <math>M</math> ist. Es ist definiert als

<math>

L(M) := \det\nolimits^{\frac{1}{2}} \left( \frac{R/2}{\tanh(R/2)}\right) \in \mathcal{A}^{4 \bullet}(M)\,, </math>

wobei <math>\mathcal{A}^{4 \bullet}(M)</math> der Raum der <math>4k</math>-Differentialformen und <math>R</math> die Riemannsche Krümmung ist.<ref name="BGV146">Nicole Berline, Ezra Getzler, Michèle Vergne: Heat kernels and Dirac operators (= Grundlehren der mathematischen Wissenschaften 298). Berlin u. a. Springer 1992, ISBN 0-387-53340-0, S. 146.</ref>

Signatur-Operator und Signatur-Komplex[Bearbeiten]

In diesem Abschnitt wird ein bestimmter Dirac-Operator, der Signatur-Operator genannt wird, definiert. Er steht in einem engen Zusammenhang zum Signatursatz. Sein Fredholm-Index ist nämlich gerade die auf der linken Seite des hirzebruchschen Satzes auftretende Signatur. Um den Signatur-Operator zu definieren, wird eine <math>\Z_2</math>-Graduierung auf dem Raum der Differentialformen benötigt. Der Signatur-Operator ist nun ein Dirac-Operator, der diese Graduierung beachtet. Mit ihm kann ein Komplex mit zwei Termen induziert werden, der ein elliptischer Komplex ist. Dieser Komplex wird Signatur-Komplex genannt.

In diesem Abschnitt wird mit <math>X</math> eine kompakte orientierbare Riemannsche Mannigfaltigkeit der Dimension <math>2k</math> bezeichnet. Das komplexifizierte Kotangentialbündel von <math>X</math> wird daher mit <math>T^*X \otimes \Complex</math> notiert und mit <math>\mathcal{A}(X) := \Gamma(\Lambda(T^*X \otimes \Complex))</math> wird die Algebra der Differentialformen über dem komplexifizierten Kotangentialbündel notiert.

Graduierung der Algebra der Differentialformen[Bearbeiten]

Eine <math>\Z_2</math>-Graduierung von <math>\mathcal{A}(X)</math> wird durch den involutiven Operator <math>\tau \phi := i^{p(p-1) + k} \star \phi</math> für <math>\phi \in \mathcal{A}^p(T^*X \otimes \Complex)</math> induziert, wobei <math>\star</math> der Hodge-Stern-Operator ist. Die Graduierung ist also durch <math>\mathcal{A}(X) = \mathcal{A}^+(X) \oplus \mathcal{A}^-(X)</math> mit

<math>\mathcal{A}^+(X) := \left(v \in \mathcal{A}(X)|\; \tau v = v\right)</math>

und

<math>\mathcal{A}^-(X) := \left(v \in \mathcal{A}(X)|\; \tau v = -v\right)</math>

gegeben.<ref name="BGV127129">Nicole Berline, Ezra Getzler, Michèle Vergne: Heat kernels and Dirac operators (= Grundlehren der mathematischen Wissenschaften 298). Berlin u. a. Springer 1992, ISBN 0-387-53340-0, S. 127–129.</ref>

Signatur-Operator[Bearbeiten]

Der Signatur-Operator ist nun der zum äußeren Bündel assoziierte Dirac-Operator. Mit Hilfe der äußeren Ableitung <math>\mathrm{d}</math> kann dieser konkret angegeben werden. Mit <math>\mathrm{d}^t</math> wird der zur äußeren Ableitung adjungierte Operator bezeichnet. Dieser heißt auch Hodge-Ableitung. Auf kompakten orientierbaren Riemannschen Mannigfaltigkeiten gilt die Beziehung <math>\mathrm{d}^t = - \tau \mathrm{d} \tau</math>. Der Operator <math> \mathrm{d} + \mathrm{d}^t \colon \mathcal{A}(X) \to \mathcal{A}(X)</math> respektiert die zuvor definierte Graduierung und ist somit der gesuchte Signatur-Operator<ref name=BGV127129 />

<math>

(\mathrm{d} + \mathrm{d}^t) \colon \mathcal{A}^\pm(X) \to \mathcal{A}^\mp(X)\,. </math>

Da er ein Dirac-Operator ist, ist er auch elliptisch und besitzt einen analytischen Index. Dieser ist durch die Signatur <math>\sigma(X)</math> der Mannigfaltigkeit <math>X</math> gegeben.<ref name=BGV127129 />

Signatur-Komplex[Bearbeiten]

Der Signatur-Komplex ist der Komplex

<math>0\longrightarrow \mathcal{A}^+(X) \stackrel{\mathrm{d} + \mathrm{d}^*}{\longrightarrow} \mathcal{A}^-(X) \longrightarrow 0</math>.

Dies ist ein elliptischer Komplex, das heißt, neben dem oben dargestellten Komplex ist auch der Komplex seiner Symbole

<math>0 \longrightarrow \pi^*(\mathcal{A}^+(X)) \stackrel{\sigma_{\mathrm{d} + \mathrm{d}^*}}{\longrightarrow} \pi^*(\mathcal{A}^-(X)) \longrightarrow 0</math>

exakt.<ref>Charles Nash: Differential Topology and Quantum Field Theory. 1992, S. 110. </ref>

Beweisidee und Bezug zum Atiyah-Singer-Indexsatz[Bearbeiten]

Mittels der Hodge-Theorie kann gezeigt werden, dass die Signatur <math>\sigma(M)</math> der kompakten riemannschen Mannigfaltigkeit <math>M</math> mit dem Fredholm-Index des Signatur-Operators übereinstimmt.<ref name=BGV127129>Nicole Berline, Ezra Getzler, Michèle Vergne: Heat kernels and Dirac operators (= Grundlehren der mathematischen Wissenschaften 298). Berlin u. a. Springer 1992, ISBN 0-387-53340-0, S. 127–129.</ref> Aus dem Atiyah-Singer-Indexsatz oder seinem Spezialfall für Dirac-Operatoren folgt, dass sich der Index eines Dirac-Operators als Polynom in den Pontrjagin-Klassen darstellen lässt. Im Fall des Signatur-Operators ist dieses Polynom gerade das L-Geschlecht.<ref name="BGV146"/> Hirzebruch selbst bewies 1953 den Signatursatz mit Methoden der Kobordismustheorie, bevor Atiyah und Singer ihren Indexsatz veröffentlichten.

Verallgemeinerung[Bearbeiten]

Der Signatursatz von Hirzebruch wurde im Jahr 1975 von Michael Francis Atiyah, Vijay Kumar Patodi und Isadore M. Singer für eine spezielle Klasse von riemannschen Mannigfaltigkeiten mit Rand verallgemeinert.<ref>Atiyah, Patodi, Singer: Spectral asymmetry and Riemannian Geometry. I. Math. Proc. Camp. Phil. Soc. (1975), 77, 43–69.</ref> Im Gegensatz zum hirzebruchschen Signatursatz tritt in dieser verallgemeinerten Fassung eine weitere Invariante, die <math>\eta</math>-Invariante auf. Diese Invariante ist weder eine topologische noch eine differentialgeometrische. Die <math>\eta</math>-Invariante wird aus den Eigenwerten eines zum Signatur-Operator assoziierten Differentialoperators, dem sogenannten tangentialen Signatur-Operator berechnet.<ref name="Gilkey269">Peter B. Gilkey: Invariance theory, the heat equation, and the Atiyah-Singer index theorem (= Mathematics Lecture Series 11). Publish or Perish Inc., Wilmington DE 1984, ISBN 0-914098-20-9, S. 269 (Online)</ref>

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />