Spinnen (Umgangssprache)
Der umgangssprachliche Gebrauch des Verbs „spinnen“ ist pejorativ und lässt sich umschreiben mit: „törichten Gedanken anhängen; wunderliche Gedanken hegen; nicht recht bei Verstand sein“<ref>Heinz Küpper: Handliches Wörterbuch der deutschen Alltagssprache. Claassen-Verlag, Hamburg 1968; „spinnen“: S. 365; „spintisieren“: S. 365.</ref> bzw. mit „grübeln, ausklügeln; phantasieren, überspannt sein, verrückt sein“.<ref name="HWB">Günther Drosdowski: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Die Geschichte der deutschen Wörter und der Fremdwörter von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart (= Duden. Band 7). 2. Auflage. Dudenverlag, Mannheim 1997, ISBN 3-411-20907-0.</ref>
Bedeutungsherkunft[Bearbeiten]
Etymologisch ist das Wort identisch mit (Garn) spinnen. Von hier entwickelten sich verschiedene übertragene Bedeutungen im Sinne von „Gedanken entstehen lassen und fortentwickeln“. Konrad von Megenberg schrieb im 14. Jahrhundert von den Gedanken über die Liebe, sie hätten „angehebt ze spinnen von der lieb“.<ref name="Paul">Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel. Niemeyer, Tübingen 2002, S. 939.</ref> Seit dem 16. Jahrhundert sind Wendungen wie „etwas aus dem Kopf, dem Hirn, der Vernunft (und ähnlich) spinnen“<ref name="Grimm">Deutsches Wörterbuch. Band X 1, Spalten 2525–2529.</ref> und seit dem frühen 17. Jahrhundert „ein Gespräch spinnen“ bezeugt.<ref name="Id">Schweizerisches Idiotikon. Band X, Spalte 318 f.</ref> Goethe gebrauchte das Wort im Sinne von „nachdenken, überlegen“: „Ich habe den Weg über schon gesponnen (wie man ihn loswerden könnte)“,<ref name="Grimm" /> Wilhelm Raabe im Sinne von „grübeln“: „Was spinnst für Hanf?“<ref name="Trübner">Alfred Götze, Walther Mitzka: Trübners Deutsches Wörterbuch. Band 6, S. 469.</ref> Ab dem frühen 20. Jahrhundert ist schließlich zunächst im oberdeutschen (süddeutschen und schweizerischen) Raum die Bedeutung „närrisch sein, nicht recht im Kopf sein, einfältiges Zeug schwatzen“ nachgewiesen,<ref name="Trübner" /><ref name="Paul" /><ref name="Id" /> etwa „du spinnsch! (irrst dich)“ in der Basler Studentensprache von 1910<ref name="Id" /> oder bei Hans Carossa (1931): „Wer ungereimt redet ,der ›spinnt‹“.<ref name="Trübner" /> Diese Bedeutung wurde rasch im ganzen deutschen Sprachraum bekannt; so verwandte sie auch bereits der norddeutsche Schriftsteller Hans Fallada (1934): „Oder war es, daß er auch schon meschugge war, zu spinnen anfing?“<ref name="Paul" /> Spintisieren „grübeln, (Phantastisches) ausdenken“ ist vielleicht eine Weiterbildung zu spinnen; das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert bezeugt (Spintisierwerk bei Luther).<ref name="Paul" /><ref>Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Auflage. Bearbeitet von Elmar Seebold. De Gruyter, Berlin 2011, S. 868.</ref>
Sozialgeschichte[Bearbeiten]
Die deutlich pejorative Bedeutung des Verbs ›spinnen‹ leitet sich aus der Sozialgeschichte her. Von alters her war das Spinnen von Wolle, Flachs und Hanf vorwiegend Frauenarbeit. Seit dem 17. Jahrhundert gab es Spinnhäuser, die den Charakter von Strafanstalten hatten. Die in ihnen in Notzeiten häufig verrichteten Zwangsarbeiten färbten daher auf die Tätigkeit des Spinnens und auf die in solchen Anstalten Tätigen selbst ab. Dies lässt sich als Form der Diskriminierung und Stigmatisierung des dort tätigen Personenkreises verstehen. Dort waren Frauen, insbesondere Soldatenfrauen, Kinder, Arme, Bettler, Vagabunden, Asoziale, Unmoralische, besonders Prostituierte, Lustsieche, Waisen, chronisch Kranke, Krüppel, Greise, Homosexuelle, „Ungläubige“, Strafgefangene und Geisteskranke sowie sonstige der Vernunft widersprechende Existenzen eingesperrt.<ref>Klaus Dörner: Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie. (1969) Fischer Taschenbuch, Bücher des Wissens, Frankfurt/M. 1975, ISBN 3-436-02101-6, S. 190–195.</ref><ref>Tuchfabrikation. In: Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus. 2. Auflage. München 1916/17, Band I, S. 815.</ref><ref name="HWB" /><ref>Erwin H. Ackerknecht: Kurze Geschichte der Psychiatrie. 3. Auflage. Enke, Stuttgart 1985, ISBN 3-432-80043-6, Kap. IV: Die Psychiatrie im 17. Jahrhundert, Eine detaillierte Aufzählung der Gruppe der politisch durch die absolutistische Regierung „Ausgegrenzten“ befindet sich auf S. 29.</ref> Diesen Personenkreis benannte Karl Marx später – infolge seiner politisch manipulativen Verwendung – als „leichte Infanterie des Kapitals“.<ref>Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Band I. In: Marx/Engels: Werke. Band 23, S. 693.</ref>
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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