Sprachzentrum
Vorlage:Hinweisbaustein Mit Sprachzentrum (eigentlich: Sprachzentren, u. a.: Broca-Areal, Wernicke-Zentrum) werden die Areale im Gehirn bezeichnet, denen eine besondere Funktion bei der Sprachverarbeitung und -produktion zukommt.
Gegenwärtiger Forschungsstand[Bearbeiten]
5. Gyrus frontalis inferior
5a/b Broca-Areal
10. Gyrus temporalis superior
11. Gyrus temporalis medius
G Sulcus temporalis superior.
Das Wernicke-Zentrum befindet sich in etwa an der Stelle des Buchstabens „G“.
Mit neuen funktionellen Bildgebungsverfahren wie PET und fMRT kann man Bilder erzeugen, die Gebiete und deren Aktivierungszustand im lebenden Gehirn zeigen. Zuvor stützte sich die Forschung vor allem auf Ausfallerscheinungen bei Schädigungen der Großhirnrinde. Damit hat die Erforschung der Gebiete der Sprachverarbeitung eine radikale Wende erfahren. Mittlerweile ist bekannt, dass eine ganze Reihe relativ breit verteilter Areale an der Sprachverarbeitung beteiligt sind. In neueren Forschungsarbeiten wird auch subkortikalen, also unterhalb der Großhirnrinde im Kerngebiet liegenden Gebieten wie Putamen und Nucleus caudatus, sowie prämotorischen (BA 6) Regionen zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Ganz allgemein wird gegenwärtig davon ausgegangen, dass neben den primären und sekundären auditorischen Verarbeitungsarealen die folgenden Strukturen der Großhirnrinde eine wesentliche Rolle bei der Sprachverarbeitung spielen:
- Gyrus frontalis inferior
- BA 44: Verarbeitung des Satzbaus, Arbeitsgedächtnis
- BA 45/47: Verstehen der Sätze, Arbeitsgedächtnis
- Gyrus temporalis superior:
- Anteriorer Anteil: Morphosyntaktische Verarbeitung: Aufbau der Wörter mit Vor- und Nachsilben, sowie Satzbau
- Posteriorer Anteil: Integration syntaktischer und semantischer Information: Setzt den Satzbau mit der Bedeutung des Gesprochenen in Beziehung
- Gyrus temporalis medius: Wortsemantische Verarbeitung, Bedeutung der einzelnen Wörter
Dabei sind bei Rechtshändern hauptsächlich die Areale der linken Großhirnhemisphäre involviert, wobei bilaterale Aktivierungen gerade im Bereich syntaktischer Verarbeitung nicht selten sind. Es wird gegenwärtig angenommen, dass die rechte Hemisphäre eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von suprasegmentalen akustischen Merkmalen wie Prosodie spielt.
Die meisten Sprachverarbeitungsareale bilden sich im zweiten Lebensjahr in der sprachdominanten Hirnhälfte aus. Statistischen Erkenntnissen zufolge ist deren Lage von der persönlichen Händigkeit weitestgehend unabhängig: Bei 98 Prozent der Rechtshänder ist die linke Hemisphäre dominant, bei der Mehrzahl der Linkshänder auch.
Man muss sich vor Augen führen, dass es sich nicht um für alle Menschen gleich lokalisierte Sprachareale handelt. Stattdessen existieren individuell verteilte, patientenspezifische Sprach- und Sprechkarten. Falls eine spätere Gehirnoperation notwendig ist, ist eine wichtige präoperative Methode die patientenspezifische Sprach- und Sprechkarte zu erkunden, und zwar mit Neuronavigation und Transkranieller Magnetstimulation (TMS). Spezifisch wird die Methode Language Mapping oder Speech Mapping genannt.
Ältere Modelle[Bearbeiten]
Die vor dem Aufkommen funktioneller Bildgebungsverfahren lange Zeit angenommene Differenzierung in nur zwei großflächige Sprachverarbeitungsareale (Broca- bzw. Wernicke-Areal) gilt als überholt. Dem Broca-Areal wurde erstmals 1861 von dem französischen Neurologen und Anthropologen Paul Broca eine Rolle bei sprachlichen Funktionen zugeschrieben. Grundlage dieser Entdeckung war die Erforschung von Sprachproblemen nach Schädigungen in dieser Hirnregion, die in der unteren Stirnhirnwindung angesiedelt ist. Läsionen des Broca-Areals resultieren vor allem in Störungen der Sprachproduktion. Schädigungen des Wernicke-Areals, das sich im oberen Anteil des Schläfenlappens befindet, führen dagegen hauptsächlich zu Störungen der Sprachrezeption. Namensgeber ist der deutsche Arzt Carl Wernicke, der es 1874 bei der Erforschung von Aphasien (Verlust an Sprachfähigkeiten) entdeckte.
Dieses engere Broca-Areal gilt auch heute als wichtiges Sprachzentrum, in dem Syntax, Grammatik und Satzstruktur verarbeitet werden.
Bereits in diesen frühen Forschungen konnte also gezeigt werden, dass die inhaltliche und strukturelle Sprachverarbeitung in verschiedenen Gehirnbereichen stattfindet.
Neuere Erkenntnisse[Bearbeiten]
Neuere Erkenntnisse (2026) deuten darauf hin, dass für Sprache zuständige Regionen weiter über das Gehirn verteilt sind, es wurden 17 beteiligte Regionen ausgemacht. Siehe die Studie: Agata Wolna, Aaron Wright, Colton Casto, Samuel Hutchinson, Benjamin Lipkin, Evelina Fedorenko: The extended language network: Language-responsive brain areas whose contributions to language remain to be discovered. In: Journal of Neuroscience 29 June 2026, e0638252026; DOI:10.1523/JNEUROSCI.0638-25.2026.
Ebenfalls gibt es neue Erkenntnisse (2026), was das Sprachlernen betrifft, zum Beispiel beim Wiedererlernen von Sprache nach einem Schlaganfall. Hier dachte man bisher, dass fast ausschließlich das Motorzentrum ausschlaggebend ist. Nun zeigt sich, dass Zentren für Hören und Fühlen eine wesentliche Rolle spielen. Siehe die Studie: Nishant Rao, Rosalie Gendron, Timothy F. Manning, David J. Ostry: Sensory basis of speech motor learning and memory. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2026; 123 (17) DOI:10.1073/pnas.2525468123.
Verschiedene Netzwerke sind unterschiedlich stark vom Altern betroffen. Insbesondere das Sprachnetzwerk scheint besonders im Vergleich zu anderen Netzwerken für Degeneration weniger anfällig zu sein (Billot, A., Jhingan, N., Varkanitsa, M. et al. [Evelina Fedorenko]: Preserved topography, lateralization, selectivity, and functional connectivity of the language network in older brains. Nat Commun 17, 8573 (2026).DOI:10.1038/s41467-026-76598-x).
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Donald Loritz: How the Brain evolved Language. Oxford University Press, 1999, ISBN 0-19-515124-0.
- Angela D. Friederici: Towards a neural basis of auditory sentence processing. In: Trends in Cognitive Sciences. Band 6, Nr. 2, 2002, S. 78.
- E. Kaan, T. Y. Swaab: The brain circuitry of syntactic comprehension. In: Trends in Cognitive Sciences. Band 6, Nr. 8, 2002, S. 350.
- N. F. Dronkers, S. Pinker, A. Damasio: Language and the Aphasias. In: E. R. Kandel, J. H. Schwartz, T. M. Jessel (Hrsg.): Principles of Neuroscience. . 4. Auflage. McGraw-Hill, New York 2000, S. 1169–1187.