Stahlpakt
| Freundschafts- und Bündnispakt zwischen Deutschland und Italien | |
|---|---|
| Kurztitel: | Stahlpakt |
| Datum: | 22. Mai 1939 |
| Inkrafttreten: | 22. Mai 1939 |
| Fundstelle: | RGBl. 1939, II, Nr. 25, S. 825 |
| Vertragstyp: | Bilateral |
| Rechtsmaterie: | Freundschafts- und Bündnisvertrag |
| Unterzeichnung: | 22. Mai 1939 |
| Ratifikation: | nicht vorgesehen
|
| Feierliche Unterzeichnung, Berlin 22. Mai 1939 | |
| Bitte beachte den Hinweis zur geltenden Vertragsfassung. | |
Der Stahlpakt, offiziell Freundschafts- und Bündnispakt zwischen Deutschland und Italien, war ein Bündnisvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Italien. Er wurde vom deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und seinem italienischen Kollegen Galeazzo Ciano im Beisein Hitlers am 22. Mai 1939 in Berlin unterzeichnet.
Vorgeschichte[Bearbeiten]
Deutschland und Italien hatten sich infolge des italienischen Überfalls auf Abessinien (1935/36), der Aufkündigung des Locarnopakts durch Deutschland, der Spannungen zwischen Rom und der Pariser Volksfrontregierung und der Intervention in den Spanischen Bürgerkrieg angenähert. Mussolini sprach am 1. November 1936 von einer „Achse Berlin-Rom“ und wollte die Dynamik Hitlers als Rückendeckung gegen die Westmächte zum weiteren Ausbau der italienischen Position im Mittelmeer nutzen. Hitler wollte die Anlehnung an Italien zur Verfolgung seiner Ziele in Mitteleuropa. Italien trat 1937 dem deutsch-japanischen Antikominternpakt bei und zog sich aus dem Völkerbund zurück. 1938 nahm Mussolini den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich hin, was Hitler mit der feierlichen Anerkennung der Brennergrenze erwiderte. Damit gab es kaum mehr Interessengegensätze im Mittelmeer (mare nostrum und spazio vitale) und in Mitteleuropa (Lebensraum im Osten). Jeder Partner würde den Lebensraum des anderen respektieren.<ref name=":0" details="S. 573 f." /> Vor einem von Hitler bei dessen Rombesuch im Mai 1938 angeregten Zweierbündnis scheute Mussolini zurück. Ein geplantes Treffen der Außenminister fiel wegen der Sudetenkrise aus und während der Münchener Konferenz stimmte Außenminister Ciano hinhaltend dem Versuch zu, Japan für einen defensiven Dreierpakt gegen die kommunistische Gefahr zu gewinnen. (Ein Vertrag kam nicht zustande, da Japan zu der Zeit nur an einem Bündnis ausschließlich gegen die Sowjetunion interessiert war, während Italien und Deutschland an einem Gegengewicht zu Frankreich und dem Vereinigten Königreich interessiert waren.<ref>Gerhard L. Weinberg: Hitlers's Foreign Policy 1933-1939: The Road to World War II. Enigma Books, New York 2010, ISBN 978-1-92963191-9, S. 673.</ref>) Im Februar entschloss sich Mussolini angesichts der schleppenden Verhandlungen mit Japan einen Zweierpakt mit Deutschland einzugehen. Dieser sollte ein Druckmittel gegen Frankreich sein und die geplante italienische Besetzung Albaniens flankieren.<ref name=":0" details="S. 574 f." />
Der Bruch des von Italien initiierten Münchener Abkommens mit der deutschen Besetzung der Resttschechoslowakei im März 1939 führte zunächst zu einer starken Belastung des Achsenverhältnisses. Zusammen mit der anschließenden Besetzung Albaniens durch Italien führte er zu Garantieerklärungen Englands und Frankreichs für Polen, Griechenland und Rumänien. Deutschland kündigte im Frühjahr 1939 den Deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 und das Deutsch-britische Flottenabkommen von 1935. Vor diesem Hintergrund begannen im Mai 1939 die Vertragsverhandlungen.<ref name=":0" details="S. 576 und 578." />
Vertragsanbahnung[Bearbeiten]
Am 4. Mai instruierte Mussolini für das deutsch-italienische Außenministertreffen in Mailand Außenminister Ciano. Ein als unvermeidlich betrachteter europäischer Krieg sollte bis 1943 vermieden werden. Der Bündnisvertrag könne binational oder im Dreierpakt mit Japan abgeschlossen werden und der Bündnisfall sollte unter Umständen automatisch eintreten können, was im Gegensatz zu 1914 Deutschland die bedingungslose Vertragstreue im Konfliktfall zusichern würde.<ref name=":0" details="S. 578 f." /> Mussolini hatte erkannt, dass eine vorteilhafte Verständigung mit dem Westen wegen der Ereignisse nach 1936 und insbesondere des Bruchs des Münchener Abkommens kaum mehr möglich war. Für eine spätere Generalabrechnung mit den Demokratien wollte er an der Seite der stärksten Militärmacht Europas stehen und gleichzeitig Hitler vertraglich verpflichtet sehen, damit der europäische Krieg nicht zu früh ausbrechen würde.<ref name=":0" details="S. 582." />
Auf der Konferenz in Mailand vom 6. auf den 7. Mai beruhigte Ribbentrop offenbar die Italiener, dass Deutschland sich auch eine Friedenszeit von vier bis fünf Jahren erhoffe und dass ein Konflikt mit England und Frankreich nur in gegenseitigem Einvernehmen der Bündnispartner ausgelöst werden solle.<ref name=":1" details="S. 98 f." /> Konkret wurden die wichtigen Punkte wie Bedingungen für den Eintritt des Bündnisfalls, die Konsultationspflicht, die einzuhaltende Friedensperiode, die Lösung der Südtirol-Frage, die Abgrenzung der Einflußspären und die künftigen Kriegsziele nicht besprochen.<ref name=":0" details="S. 587." />
Da Ciano in Mailand keinen italienischen Vertragsentwurf zur Abstimmung mit Ribbentrop vorlegen konnte, der Inhalt des künftigen Vertrags nicht ausreichend besprochen wurde und er der deutschen Seite zugestanden hatte, den Vertrag vorzubereiten, konnte und wollte die italienische Seite nur noch geringfügige Änderungen daran vornehmen.<ref name=":3" details="S. 397 f.">Mario Toscano: The Origins of the Pact of Steel. Hohns Hopkins Press, Baltimore 1967.</ref> Der Historiker Ferdinand Siebert wies darauf hin, dass selten ein Bündnisvertrag durch Leichtsinn des einen und Hinterhältigkeit des anderen Partners auf der Grundlage so vieler Zweideutigkeiten und Unklarheiten aufgebaut worden ist.<ref name=":0" details="S. 590 f." />
Vertrag[Bearbeiten]
Der Stahlpakt war ein militärisches Offensivbündnis mit einer nahezu automatischen Bindewirkung. Der Vertragstext sah in Artikel III die sofortige Unterstützung „mit allen militärischen Kräften zu Lande, zur See und in der Luft“ sogar in selbst ausgelösten „kriegerischen Verwicklungen“ vor. Artikel V band die Vertragspartner vollständig aneinander: „Waffenstillstand und Frieden [sind] nur in vollem Einvernehmen miteinander abzuschließen“. Mussolini wollte den Vertrag zunächst „Blutpakt“ nennen, entschied sich dann aber für „Stahlpakt“.<ref name=":1" details="S. 98 f.">Wolfgang Schieder: Adolf Hitler – Politischer Zauberlehrling Mussolinis. DeGruyter, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-052646-2, doi:10.1515/9783110529753.</ref> In der Präambel wurde auf italienischen Wunsch die Unverrückbarkeit der deutsch-italienischen Grenze wegen der Südtirolfrage aufgenommen und Ribbentropp machte die mündliche Zusage, dass eine gemischte Kommission zur Vorbereitung einer Umsiedlung von Südtirolern zusammentreten werde.<ref name=":0" details="S. 590 f.">Ferdinand Siebert: Der deutsch-italienische Stahlpakt. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 7, Nr. 4, 1959 (ifz-muenchen.de [PDF]).</ref> Vereinfacht war das Bündnis für Hitler ein Instrument zum baldigen Krieg, während es für Mussolini dem einstweiligen Frieden dienen sollte.<ref name=":0" details="S. 594." />
Der Pakt war neben dem darauffolgenden deutsch-sowjetischem Nichtangriffspakt, das wichtigste diplomatische Instrument zur Kriegsvorbereitung gegen Polen. Hitler wollte ihn für einen baldigen Krieg und Mussolini für einen vorübergehenden Frieden.<ref name=":0" details="S. 594." /> Am 23. Mai, einen Tag nach dem Vertragsabschluss, informierte Hitler laut Schmundt-Protokoll die versammelten Oberbefehlsaber der Wehrmacht, „bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen“, um den „Lebensraum im Osten“ zu erweitern und die Ernährung sicher zu stellen.<ref name=":1" details="S. 124 f." />
Mussolini sandte Hitler acht Tage nach Vertragsabschluss, am 30. Mai 1939, eine Denkschrift ({{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)). Mussolini erinnerte Hitler unter anderem daran, ihn darauf hingewiesen zu haben, dass Italien eine Kriegsvorbereitungsperiode bis etwa Ende 1942 brauchen werde.<ref name=":3" details="S. 377" /> Hitler gab über den italienischen Botschafter eine mehrdeutige mündliche Antwort, die man als Zustimmung auslegen konnte aber im Grunde ausweichend und hinhaltend war. Das blieb auch in den folgenden Monaten die deutsche Taktik gegenüber dem italienischen Bundesgenossen.<ref name=":0" details="S. 594." />
Wegen der Befürchtung eines umfassenden Krieges machte Mussolini Ende Juli 1939 den Vorschlag zu einer internationalen Konferenz mit der Aussicht, Hitler, wie schon bei der Münchener Konferenz, von einem Krieg diesmal gegen Polen abzuhalten und den Demokratien Zugeständnisse auch an Italien abzunötigen. Mussolini war hin- und hergerissen zwischen Kriegsbegeisterung sowie Ehrgefühl gemeinsam mit den Deutschen zu marschieren und dem Bewusstsein über die Schwäche Italiens. Frankreich und das Vereinigte Königreich würden zuerst den schwächeren und unbefestigten Achsenpartner entlang der Küste und Richtung Po-Ebene angreifen, während Deutschland geschützt durch den Westwall das isolierte Polen im Osten mit seinen Panzern angreifen würde.<ref name=":2" details="S. 201 f.">H. James Burgwyn: Italian Foreign Policy in the Interwar Period 1918-1940. Praeger Publishers, Westport 1997, ISBN 0-275-94877-3.</ref>
Für den deutschen Überfall auf Polen nahmen die Deutschen eine italienische Beteiligung an. Von Hitler und Ribbentrop eingeweiht wurde Ciano, als er ab 11. August für zwei Tage in Salzburg war. Auf seine Einwendungen hielten sie ihre „felsenfeste Überzeugung“ entgegen, der Krieg würde lokalisiert bleiben und im anderen Falle hundertprozentig siegreich für die Achse ausgehen.<ref name=":0" details="S. 595." /> Nur mit Mühe gelang es Rom daraufhin, sich aus den vertraglichen Verpflichtungen des Abkommens zu lösen, ohne dieses zu brechen. Italien nahm schließlich am Überfall auf Polen nicht teil, sondern verkündete stattdessen die non belligeranza: man wollte nicht als „neutral“ gelten, sondern als „nicht-kriegführend“.
Angesichts des deutschen Erfolgs während des Westfeldzugs entschied sich Mussolini am 29. Mai 1940 für den Kriegseintritt, der für den 5. Juni geplant wurde. Auf Wunsch von Hitler wurde er verschoben, so dass die Kriegserklärung Italiens an Frankreich und Großbritannien erst am 10. Juni erfolgte.<ref name=":2" details="S. 216." />
Der Dreimächtepakt vom 27. September 1940 mit dem Japanischen Kaiserreich war die Weiterentwicklung der „Achse Berlin-Rom“ zur „Achse Berlin-Rom-Tokio“.
Das Ende des Stahlpaktes erfolgte mit dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten, den Pietro Badoglio am 8. September 1943 bekanntgab, nachdem Mussolini bereits am 25. Juli 1943 gestürzt worden war, und der Kriegserklärung Italiens an Deutschland am 13. Oktober 1943.
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Ferdinand Siebert: Der deutsch-italienische Stahlpakt. Entstehung und Bedeutung des Vertrages vom 22. Mai 1939 (Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 7), 1959 (PDF).
- Frederick W. Deakin: Die brutale Freundschaft. Hitler, Mussolini und der Untergang des italienischen Faschismus. Übers. Karl Römer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1964. Exlibris, Zürich 1964; Deutscher Bücherbund, Stuttgart 1964 (The brutal friendship. Mussolini, Hitler and the fall of Italian fascism. Penguin, Harmondsworth 1966)
- Gianluca Falanga: Mussolinis Vorposten in Hitlers Reich. Italiens Politik in Berlin 1933–1945. Christian Links, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-493-8.
- Richard Collier: Mussolini. Aufstieg und Fall des Duce. Übers. aus dem Engl. Elisabeth Ambrozy & Brigitte John. Heyne, München 1974, 1983 (feuilletonistisch)
- H. S. Hegner (d. i. Harry Wilde): Die Reichskanzlei 1933–1945. Anfang & Ende des Dritten Reiches. Kap. 12: Der Stahlpakt. Die Achse Berlin-Rom. Societäts, Frankfurt 1966.
- Jobst Knigge: Hitlers Italienbild. Ursprünge und Konfrontation mit der Wirklichkeit, Verlag Dr. Kovac Hamburg 2012, ISBN 978-3-8300-6170-0.
- Mario Toscano: The Origins of the Pact of Steel. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1967.
Weblinks[Bearbeiten]
- Vertragstext
- Entstehungsgeschichte auf 1000 Dokumente
- Deutsches Historisches Museum
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
- Wikipedia:Seite mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges
- Völkerrechtlicher Vertrag (20. Jahrhundert)
- Völkerrechtlicher Vertrag (Königreich Italien)
- Historischer völkerrechtlicher Vertrag (Deutschland)
- Militärbündnis (20. Jahrhundert)
- Politik (Zweiter Weltkrieg)
- Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich (1933–1945) und Italien
- Deutsch-italienische Beziehungen
- Faschismus (Italien)
- Politik 1939