Zum Inhalt springen

Stephan Lehnstaedt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Stephan Lehnstaedt (geboren 1980 in München<ref>Deutsche Digitale Bibliothek: Stephan Lehnstaedt.</ref>) ist ein deutscher Historiker und seit 2016 Professor für Holocaust-Studien an der Touro University Berlin.

Leben[Bearbeiten]

Stephan Lehnstaedt studierte Geschichte und wurde 2008 an der Universität München promoviert, Thema seiner Dissertation war Besatzeralltag in Warschau und Minsk, 1939–1944. Er war von 2005 bis 2009 wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München, von 2010 bis 2016 Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau. Lehraufträge übernahm er an der LMU München (2008–2010), der Humboldt-Universität zu Berlin sowie an der London School of Economics and Political Science (2013/14). Mit einer vergleichenden Studie zur imperialen Polenpolitik der Mittelmächte und NS-Deutschlands in den beiden Weltkriegen habilitierte er sich 2016 an der Technischen Universität Chemnitz in Neuerer und Neuester Geschichte. Er beschäftigt sich mit Imperialismus, der Geschichte der zwei Weltkriege, dem Holocaust und dessen Wiedergutmachung. Aufsätze und Bücher von ihm liegen in sieben Sprachen vor. Zuletzt erschien seine Monographie zu jüdischem Widerstand gegen den Holocaust, die von der Kritik sehr positiv aufgenommen<ref>Perlentaucher: Rezensionen zu "Der vergessene Widerstand". Abgerufen am 29. April 2026.</ref> und unter anderem in Paris beim Divan Historique präsentiert wurde.

Seit 2016 ist Lehnstaedt Professor für Holocaust-Studien an der Touro University Berlin.<ref>Edward Datel: Prof. Dr. Stephan Lehnstaedt | Touro College Berlin | American College | Business | Psychology. In: Touro College Berlin. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 19. Juli 2019; abgerufen am 4. Dezember 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.touroberlin.de</ref> Im Sommersemester 2026 war er Visiting Professor an der Scula IMT Alti Studi Lucca.<ref>Stephan Lehnstaedt | IMT. Abgerufen am 24. Juli 2026.</ref>

Er war 2008 bis 2010 Gutachter in Sozialgerichtsprozessen und 2012 Sachverständiger für den Bundestag zur Ghettorente. Seine Forschungen gelten als wesentlich für die geänderte Auslegung bzw. Betrachtung der Gesetzespraxis.<ref>DIP. Abgerufen am 27. Dezember 2024.</ref> 2017 war er als Sachverständiger in einer Anhörung des Bundestags-Unterausschusses für Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik als Experte für das Gedenken an die Aktion Reinhardt, weil er sich u. a. für eine finanzielle Beteiligung Deutschlands am Neubau der Gedenkstätte Sobibor einsetzte.<ref>Stephan Lehnstaedt: Gedenken heißt mehr als Auschwitz. 7. November 2019, abgerufen am 27. Dezember 2024.</ref> 2022 wurde Lehnstaedt im Bundestags-Ausschuss für Kultur und Medien zur Errichtung eines Dokumentationszentrums „Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa“ gehört.<ref>Deutscher Bundestag - 20. Sitzung – Öffentliche Anhörung zu der Unterrichtung durch... Abgerufen am 4. Dezember 2022.</ref> Er ist Stellvertretendes Mitglied der 2025 eingerichteten Enquete-Kommission „Für gesellschaftlichen Zusammenhalt, gegen Antisemitismus, Rassismus, Muslimfeindlichkeit und jede Form von Diskriminierung“ des Abgeordnetenhauses von Berlin.<ref>Plenarprotokoll 19/62. In: www.parlament-berlin.de. 27. Februar 2025, abgerufen am 28. Februar 2025.</ref>

Lehnstaedt engagiert sich öffentlich zu aktuellen Themen der deutschen Gedenkkultur sowie zur polnischen Geschichte,<ref>Zum Beispiel der Artikel Einfach zuhören in der Süddeutschen Zeitung vom 25. April 2017, Interview zur Aktion Reinhardt im Deutschlandfunk am 17. März 2017, Interview zu den Ghettorenten für die Deutsche Welle am 29. Januar 2017 (polnisch).</ref> 2018 hat er etwa den Bau eines deutsch-polnischen Geschichtsmuseums vorgeschlagen.<ref>Lehnstaedt in "Der Tagesspiegel": Plädoyer für ein polnisch-deutsches Museum Die Nachbarn verstehen lernen. 2. August 2018, abgerufen am 5. März 2019.</ref> Dazu publiziert er u. a. in der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel oder der Jüdischen Allgemeinen und wird in Deutschland und Polen regelmäßig in Fernsehen und Radio als Experte interviewt.<ref>WELT: WELT-Gespräch: Prof. Stephan Lehnstaedt zur Wannseekonferenz am 20. Januar 1942. In: Die Welt. 20. Januar 2022 (welt.de [abgerufen am 4. Dezember 2022]).</ref><ref>Niemiecki historyk o powstaniu w getcie warszawskim: jedna z wielu form oporu. In: Deutsche Welle. 19. April 2019, abgerufen am 4. Dezember 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Telewizja Polska S.A: Personal involvement of Germans in WWII was externalised: historian. Abgerufen am 4. Dezember 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> 2022 hat die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung die Förderung eines Handbuchs zur deutschen Besatzung Polens von 1939 bis 1945 beschlossen, das Lehnstaedt gemeinsam mit Paweł Machcewicz erarbeiten wird.<ref>DPWS: Pressemitteilungen. Abgerufen am 16. Juni 2022.</ref>

Ausstellungen[Bearbeiten]

Als wissenschaftlicher Leiter kuratiert Lehnstaedt regelmäßig Ausstellungen für und mit Berliner Gedenkstätten und Museen. Den Anfang machte 2017 die Ausstellung „Im Angesicht der Vernichtung. Arbeit und Widerstand in den Ghettos, 1941–1944“ für die und mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.<ref>Die Tagespost: Wie Schafe zur Schlachtbank? In: die-tagespost.de. 9. Juni 2017 (die-tagespost.de [abgerufen am 10. Juni 2017]).</ref> 2019 entstand „Kämpferisches Christentum und völkische Gesinnung“ in der Zitadelle Spandau.<ref>"Kämpferisches Christentum und völkische Gesinnung". In: Zitadelle. 26. August 2019, abgerufen am 4. Dezember 2022.</ref> Ebenfalls 2019 fand die mit der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz und der Wiener Library London erarbeitete Ausstellung „Verfolgen und Aufklären. Die erste Generation der Holocaustforschung“ viel Beachtung. Sie wurde unter anderem von den Vereinten Nationen in New York, dem UNESCO-Hauptquartier in Paris, dem Palais des Nations der UN in Genf, dem Haus der Geschichte Österreichs in Wien und dem Auswärtigen Amt in Berlin gezeigt<ref>Blogeintrag zur Ausstellung mit vielen Nachweisen zur Rezeption. Abgerufen am 5. März 2019.</ref>. Lehnstaedt war außerdem wissenschaftlicher Leiter der Online-Ausstellungen „Der Mensch als Ware. Zwangsarbeit bei Siemens in Berlin“<ref>Der Mensch als Ware – Zwangsarbeit bei Siemens in Berlin – Ein studentisches Ausstellungsprojekt. Abgerufen am 30. September 2021.</ref> sowie von "Treblinka-Gedenken in Berlin".<ref>Treblinka gedenken in Berlin – Vadim Sidurs Skulptur am Amtsgerichtsplatz. Abgerufen am 4. Dezember 2022.</ref> Zuletzt entstand 2022 mit dem Militärhistorischen Museum Flugplatz Berlin-Gatow die Ausstellung „Die Luftwaffe im Dritten Reich. Verbrechen, Zwangsarbeit, Widerstand“.<ref>Ausstellungen | Interventionen | MHM Berlin-Gatow. Abgerufen am 4. Dezember 2022.</ref>

Mitgliedschaften[Bearbeiten]

Lehnstaedt ist unter anderem Vorsitzender des wissenschaftlichen Beraterkreises der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung.<ref>SFVV - Über uns. Abgerufen am 19. Juni 2023.</ref> Er ist Mitglied in den wissenschaftlichen Beiräten der Zeitschrift Przegłąd Zachodni,<ref>Homepage des Przegłąd Zachodni. Abgerufen am 5. März 2019.</ref> des Centrum Relacji Katolicko-Żydowskich KUL im. Abrahama Heschela in Lublin,<ref>Rada Naukowa. Abgerufen am 4. Dezember 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> der Jury des Wissenschaftlichen Förderpreises des Botschafters der Republik Polen in Berlin<ref>JURY | Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Abgerufen am 30. September 2021.</ref> sowie des Beirats für Vertriebene und Spätaussiedler des Sächsischen Staatsministeriums des Inneren.<ref>Referat Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit: Auftaktsitzung des Beirats für Vertriebene und Spätaussiedler - Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler - sachsen.de. Abgerufen am 22. November 2024.</ref> In Israel ist er Mitglied des Poland-Forum an der Fakultät für Jewish Studies an der Bar-Ilan-Universität.<ref>"Poland" Forum | Faculty of Jewish Studies | Bar-Ilan University. Abgerufen am 16. Juni 2022.</ref> 2024 wurde er in die Klasse Sozial- und Geisteswissenschaften der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften gewählt.<ref>Hans-Christoph Hobohm: Bericht vom Leibniz-Tag 2024. In: Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e. V. 8. Juli 2024, abgerufen am 22. November 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • Kommandeurskreuz des polnischen Ordens „Missio Reconciliationis“, 2015 – für die Verdienste um die Ghettorenten
  • Medaille „Powstanie w Getcie Warszawskim“ der Stowarzyszenie Żydów Kombatantów i Poszkodowanych w II Wojnie Światowej (Vereinigung der jüdischen Kämpfer und Geschädigten des Zweiten Weltkriegs), 2015 - für Forschungen zur deutsch-polnisch-jüdischen Geschichte
  • Orden „Za Wybitne Zasługi“ des Związek Kombatantów RP i Byłych Więźniów Politycznych (Verband der Kombattanten und früheren politischen Gefangenen in Polen), 2017 - für die Verdienste um die Ghettorenten<ref>Mitarbeiter-Seite von Stephan Lehnstaedt. In: touroberlin.com. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 25. März 2017; abgerufen am 12. April 2017.</ref>
  • Medaille „100-lecia bitwa Warszawskiej“ der polnischen Piłsudski-Vereinigung, 2021 - für das Buch "Der vergessene Sieg"<ref>wiadomosci.olsztyn.pl: Rocznica Tych, co rozpoczęli zwycięski marsz ku Niepodległej – Wojewódzkie obchody I Kadrowej w Głotowie | Wiadomosci.Olsztyn.pl. 6. August 2021, abgerufen am 13. August 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten]

  • Der vergessene Widerstand. Jüdinnen und Juden im Kampf gegen den Holocaust. C.H. Beck, München 2025, ISBN 978-3-406-83030-3.
  • Der Warschauer Aufstand 1944. Reclam, Ditzingen 2024, ISBN 978-3150114834.
  • Der Große Nordische Krieg 1700–1721. Reclam, Ditzingen 2021, ISBN 978-3-15-011345-5.<ref>SEHEPUNKTE - Rezension von: Der große Nordische Krieg 1700-1721 - Ausgabe 22 (2022), Nr. 3. Abgerufen am 3. November 2024.</ref>
  • Der vergessene Sieg. Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919–1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa. C.H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-74022-0.
  • Imperiale Polenpolitik in den Weltkriegen. Eine vergleichende Studie zu den Mittelmächten und zu NS-Deutschland. Fibre-Verlag, Osnabrück 2017, ISBN 978-3-944870-57-1.
  • Der Kern des Holocaust. Bełżec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt. C.H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-70702-5.<ref>Rezensiert von Klaus Hillenbrand in der taz vom 15. Juli 2017</ref>
  • Geschichte und Gesetzesauslegung. Zu Kontinuität und Wandel des bundesdeutschen Wiedergutmachungsdiskurses am Beispiel der Ghettorenten. fibre-Verlag, Osnabrück 2011, ISBN 978-3-938400-69-2.
  • Okkupation im Osten. Besatzeralltag in Warschau und Minsk 1939–1944. Oldenbourg-Verlag, München 2010 (Volltext digital verfügbar).

Herausgeberschaften[Bearbeiten]

  • Die Wirkung der Wiedergutmachung. Internationale Perspektiven auf die Erfahrungsgeschichte der deutschen Entschädigung für nationalsozialistisches Unrecht. Metropol-Verlag, Berlin 2026, ISBN 978-3-86331-835-2.<ref>Perlentaucher: Rezensionen zu "Die Wirkung der Wiedergutmachung". 29. April 2026, abgerufen am 2. Mai 2026.</ref>
  • mit Frank-Lothar Kroll: Jüdischer Widerstand in Europa. Grundlagen, Formen, Netzwerke. BeBra, Berlin 2024, ISBN 978-3-95410-333-1.
  • mit Karin Grimme und Stephan Horn: Die Luftwaffe im „Dritten Reich“. Verbrechen, Zwangsarbeit, Widerstand. Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Berlin-Gatow 2023.
  • mit Tomasz Głowinski und Witold Mędykowski: Tak, jak gdyby nas nigdy nie było. Zagłada Żydów w ramach niemieckiej Aktion “Reinhardt” / As if we had never ever existed. Extermination of Jews as part of the the German Aktion “Reinhardt”. Towarzystwo Projektów Edukacyjnych, Warszawa/Berlin/Jerusalem 2021.
  • Schuld ohne Sühne? Deutschland und die Verbrechen in Polen im Zweiten Weltkrieg. Metropol-Verlag, Berlin 2021.
  • mit Bernhard Bachinger und Wolfram Dornik: Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen 1867–1918. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020.
  • mit Svea Hammerle und Hans-Christian Jasch: 80 Jahre danach. Bilder und Tagebücher deutscher Soldaten vom Überfall auf Polen 1939. Metropol-Verlag, Berlin 2019.
  • mit Hans-Christian Jasch: Verfolgen und Aufklären - Crimes Uncovered. Die erste Generation der Holocaustforschung - The First Generation of Holocaust Researchers. Metropol-Verlag, Berlin 2019.
  • mit Robert Traba: Die „Aktion Reinhardt“. Geschichte und Gedenken. Metropol-Verlag, Berlin 2019.
  • mit Marta Ansilewska-Lehnstaedt: Identität und Krieg. In: Zeitschrift für Genozidforschung. Band 16, Nr. 1, 2018
  • mit Dariusz Adamczyk: Wirtschaftskrisen als Wendepunkte. Ursachen, Folgen und historische Einordnungen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Fibre-Verlag, Osnabrück 2015.
  • mit Jochen Böhler: Die Berichte der Einsatzgruppen aus Polen 1939. Vollständige Edition. Metropol-Verlag, Berlin 2013.
  • mit Jürgen Hensel: Arbeit in den nationalsozialistischen Ghettos. Fibre-Verlag, Osnabrück 2013.
  • mit Grzegorz Krzywiec, Joanna Nalewajko-Kulikov und Ruth Leiserowitz: Lesestunde – Lekcja czytania. Neriton, Warschau 2013.
  • mit Jochen Böhler: Gewalt und Alltag im besetzten Polen 1939–1945. Fibre-Verlag, Osnabrück 2012.
  • mit Kristin Platt: Alltag im Ghetto. Strukturen, Ordnungen und Lebenswelt(en) im Blick neuer Forschungen. In: Zeitschrift für Genozidforschung. Band 13, Nr. 1/2, 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references responsive />

Vorlage:Hinweisbaustein