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Theatermotiv

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Datei:Fotothek df tg 0001618 Architektur ^ Bauwesen ^ Torbogen ^ toskanische Ordnung.jpg
Tabulariummotiv in einer deutschen Palladio-Ausgabe von 1698

Das Tabulariummotiv (auch Theatermotiv) ist in der historischen Architektur eine Wandgliederung aus Pfeiler-Arkaden, denen Halbsäulen auf Postamenten mit Architrav vorgeblendet sind.<ref>Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, 16. Juni 2026, im Internet Archive, abgerufen am 22. August 2026), S. 458.</ref>

Beschreibung[Bearbeiten]

Das Tabulariummotiv ist ein Gliederungsschema klassisch-römischer und neuzeitlicher Fassaden. Dabei sind Pfeiler und Bogen Teile des Gebäudetragwerks, während Säule und Gebälk nur selbsttragend eine optisch gliedernde Funktion einnehmen.

Datei:The Colosseum (3).tif
Fassade des Kolosseums in Rom mit Theatermotivgliederung in Superposition

Begriffe[Bearbeiten]

Die Bezeichnung Tabulariummotiv rührt vom Tabularium in Rom (erbaut 80 v. Chr.), wo diese Bauform erstmals auftrat.<ref>Tabularium. In: archINFORM; abgerufen am 10. Februar 2024.</ref>

Der Begriff Theatermotiv wird aus der häufigen Verwendung des Motives für die Fassadengliederung römischer Theater und Amphitheater abgeleitet, beispielsweise des Marcellustheaters oder des Kolosseums in Rom.

Das Tabulariummotiv ist verwandt, aber nicht zu verwechseln mit dem Triumphbogenmotiv, das ebenfalls mit der Kombination von Bogen und Säulenstellung operiert.

Geschichte und Anwendungen[Bearbeiten]

Tabulariummotiv bzw. Theatermotiv sind Erweiterungen der Gliederungsmöglichkeiten griechisch-antiker Fassaden und boten die Möglichkeit, auch massive Wände mit dem Dekor der klassisch-griechischen Säulenordnung zu gliedern. Während die bauliche Struktur in der Pfeilerarkade besteht, dient die aufgeblendete Säulenordnung der Dekoration und Gliederung des Baukörpers.

Auch die Säulenordnungen des Tabulariummotivs bzw. Theatermotivs können in Superposition übereinander angeordnet werden. Dabei gilt in der Regel folgende Hierarchie für die Abfolge der Ordnungen (von unten nach oben): toskanisch oder dorisch, ionisch, korinthisch und komposit. Wichtige frühneuzeitliche Beispiele für dieses Gestaltungsprinzip sind die Hauptfassaden des Palazzo Rucellai in Florenz und des Palazzo Barberini in Rom.

Datei:Marcellustheater.jpg
Marcellustheater, Rom, Gliederung der Fassade mit Theatermotiv in Superposition

Weite Verbreitung fand das Tabulariummotiv als Gliederungselement für neuzeitliche Architektur durch die an der römischen Antike orientierten architekturtheoretischen Traktate der Renaissance. Für Alberti<ref>Leon Battista Alberti: De re aedificatoria. Rom [1452], architekturtheoretischer Traktat, erste Veröffentlichung [1485]; übersetzt durch Max Theuer: Zehn Bücher über die Baukunst. Wien, Leipzig, Heller 1912. (Nachdruck: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1991, ISBN 3-534-07171-9)</ref> steht das Zwei-Schichten-Modell des Tabulariummotivs im engen Zusammenhang mit seiner Definition von Schönheit (pulchritudo) und Ornament (ornamentum). Der Mauerwerkskörper, zu dem die Pfeiler-Bogen-Stellung gehört, ist, so Alberti, der eigentliche Träger der Schönheit. Er wird aus Wandscheiben zusammengesetzt, die durch Mauerwerksarkaturen perforiert werden.

Da der Zustand absoluter Schönheit in der Wirklichkeit nicht erreichbar sei, bedürfe das Gebäude des äußerlich aufgebrachten Ornamentes, um seine Vorzüge zu unterstreichen und seine Schwächen zu verdecken. Das Ornament sei die Säule mit dem zugehörigen Gebälk. Aus der Kombination von Schönheit und Ornament ergebe sich die Pfeiler-Bogen-Stellung, der als Ornamentschicht die Säulen-Gebälk-Stellung vorgeblendet ist, wie dies exemplarisch im Theatermotiv demonstriert wird.

Bei Serlio wird das System der Arkaden mit vorgeblendeter Säulen-Gebälk-Stellung im vierten Buch im Kapitel über die toskanische Ordnung vorgestellt.<ref>Sebastiano Serlio: Tutte l’opere d’architettura di Sebastiano Serlio Bolognese (...). Francesco de' Franceschi Senese, Venetia 1584. (Digitalisat UB Heidelberg)</ref> Nach dieser systematischen Einführung stellt Serlio in Grafiken zu den anderen Ordnungen eine breite Palette von Anwendungsmöglichkeiten für das Theatermotiv vor.

In den nachfolgenden Traktaten von Palladio,<ref>Andrea Palladio: I quattro libri dell' archittetura = Die vier Bücher zur Architektur. Aus dem Italienischen übersetzt und eingeleitet von Hans-Karl Lücke. Marixverlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-86539-176-6.</ref> Vincenzo Scamozzi und Vignola wird neben der reinen Säulen-Gebälk-Stellung der griechischen Architektur immer auch ein Tabulariummotiv in Superposition für die Gliederung einer geschlossenen Wand abgebildet.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Tabulariummotiv. In: Architektur der Renaissance und des Barock. Ulrich Fürst, Institut für Kunstgeschichte München

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Koepf, Günther Binding: Bildwörterbuch der Architektur. Mit englischem, französischem, italienischem und spanischem Fachglossar (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 194). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-19404-X (Digitalisat auf moodle.unifr.ch, 16. Juni 2026, im Internet Archive, abgerufen am 22. August 2026), S. 458: Tabulariummotiv.
  • Werner Müller, Gunther Vogel: dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln und Texte. 3. Aufl. Bd. 1, München 1979, S. 208–209.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references />