Talvogtei
Die Talvogtei in Kirchzarten ist ein ehemaliges Wasserschloss der Freiburger Vögte aus dem 17. Jahrhundert. Sie liegt am Osterbach – auch Zastlerbach genannt – der früher durch die Vogtei floss. Im Volksmund wird sie auch „Schalampi“ genannt. Die Vogtei ist heute Sitz des Rathauses von Kirchzarten.
Beschreibung[Bearbeiten]
Der Aufbau der Talvogtei besteht aus einem dreiflügeligen Gebäude mit vorgelagertem Hof, der mit einer Mauer umgeben ist. Der Zugang ist von Osten. Ursprünglich war das quadratische Grundstück von einem 12 bis 14 m breiten Graben umgeben. Der Gebäudekomplex entspricht einer Niederungsburg und ist eine der jüngsten Burggründungen im Oberrheingebiet.
Die Ummauerung war ursprünglich höher und ist auf das 12./13. Jahrhundert datiert. Der Nordflügel ist durch dendrologische Untersuchungen auf ca. 1400 datiert. Er hat jetzt im Erdgeschoss einen großen Saal, der aus drei Räumen entstand, die zusammengelegt wurden. Dies ist an der Decke deutlich zu sehen, der westliche Teil zeigt eine Vertäfelung aus der Zeit um 1430, der Rest ist eine Bohlen- und Balkendecke mit teilweiser Bemalung im Renaissancestil. Der Südflügel, die Wohnung des Vogts, kam im 16. Jahrhundert hinzu, wurde aber nach einem Teileinsturz von 1952 neu erstellt. Der Westflügel ist um 1621 entstanden, siehe die Markierung am Treppenturm. Im 18. Jahrhundert fanden Umbaumaßnahmen statt, bei der zum einen die Fenster des Westflügels auf der Hofseite symmetrisch angeordnet wurden und wahrscheinlich der obere Teil der Hofmauer mit dem Wehrgang abgebaut wurde. 1786 wurde das Tor zur Mitte der Ostwand versetzt.<ref name="EBID">Talvogtei in der wissenschaftlichen Datenbank „EBIDAT“ des Europäischen BurgeninstitutsVorlage:Abrufdatum.</ref> Die aktuelle Bemalung entspricht einer Originalbemalung, wie anhand von restauratorischen Befunden nachgewiesen werden kann.
Geschichte[Bearbeiten]
Nachgewiesen werden konnte die Bebauung bis in das Jahr 765, als sie als ein Dinghof an das Kloster St. Gallen geschenkt wurde. Aus diesem Dinghof ging eine Burg hervor, die 1297 an die Freiburger Johanniter verkauft wurde, die Ringmauer stammt von dieser Burg. Im Jahr 1320 kaufte Ritter Kuno von Falkenstein die Burg. Der Nordflügel mit der Großen Stube wurde 1400 erbaut. In den Jahren 1492 und 1496 wurde Kirchzarten und somit auch die Talvogtei von der Stadt Freiburg gekauft.<ref>Freiburger Diözesan-Archiv Band 89, 1969, S. ?.</ref> Sie diente ab 1497 als Verwaltungssitz für die Ländereien der Stadt im Dreisamtal. Ab 1502 wurde die Anlage als Schloss bezeichnet, im Jahre 1786 wurde aus dem Verwaltungsbegriff „Talvogtei“ die Bezeichnung des Komplexes.<ref name="EBID" /> Aufgebrachten Bauern zerstörten sie großteils 1525.<ref>Talvogtei Kirchzarten, Badische Seiten, abgerufen am 2. November 2014.</ref> Der Mittelbau und der Treppenturm wurden 1620 errichtet. 1785 wurden wiederum der Mittelbau und das Tor umgebaut. Im Jahre 1808 erfolgte die Auflösung der Freiburger Talvogtei. 1881 wurden die Gebäude an zwei Bauern verkauft und ab da für die Landwirtschaft und als Werkstatt genutzt.<ref name="EBID" /> Die Akten der städtischen Talvogtei im Dreisamtal sind im Stadtarchiv Freiburg eingelagert und digitalisiert.<ref>Akten der städtischen Talvogtei im Dreisamtal, abgerufen am 3. November 2014</ref> Die Gemeinde erwarb die Gebäude in zwei Etappen: 1981 den Mittelflügel und 1990 den Nordflügel.
In den Jahren 1993 bis 2000 wurde die Talvogtei von der Gemeinde Kirchzarten renoviert und zum Rathaus ausgebaut. Im Jahre 2014 beschloss der Gemeinderat in der 3. Änderung des Bebauungsplanes, die beiden dazugehörenden östlich gelegenen denkmalgeschützten Gemeindescheunen zu renovieren und weiter zu nutzen.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Amtsblatt der Gemeinde Kirchzarten ( vom 3. November 2014 im Internet Archive), 46. Jahrgang, Nr. 6, 6. Februar 2014, abgerufen im Juni 2026.</ref> So wird in die Zehntscheuer bzw. Gemeindescheune am Osterbach, die dafür modern erweitert wird, die öffentliche Bücherei und Mediathek sowie ein Lesecafé untergebracht. In der anderen Scheune, der Reiß-Scheune<ref>Entwicklung des Areals Talvogtei. Abgerufen am 15. Mai 2017.</ref>, kommen der Bürgerservice und das Bauamt zu neuen Räumen, dazu werden die beiden Scheunen mit einem Steg verbunden und barrierefrei umgebaut. Die Kosten dafür belaufen sich auf 1,04 Millionen € und werden vom Land mit 530 000 € bezuschusst.<ref>Gerhard Lück: Die Talvogtei ist ein Kleinod für Kirchzarten In: Badische Zeitung. 15. Juni 2013, abgerufen am 4. November 2014; Markus Donner: Gemeinderat steht hinter den Plänen In: Badische Zeitung. 14. Mai 2014, abgerufen am 3. November 2014; Markus Donner: Talvogtei wird aus Dornröschenschlaf erweckt. In: Badische Zeitung. 10. Mai 2014, abgerufen am 2. November 2014; Markus Donner: Eine Frischzellenkur für die Talvogtei. In: Badische Zeitung. 13. Februar 2014, abgerufen am 2. November 2014.</ref> Die Arbeiten sollten ursprünglich bis Ende 2016 abgeschlossen sein.<ref>Markus Donner: Kirchzarten: Die Abrissbirne ist tabu in der Talvogtei. Badische Zeitung, 19. August 2015, abgerufen am 10. Januar 2017.</ref> Im Mai 2017 waren die Gebäude bezugsfertig.<ref>Gerhard Lück: Kirchzarten: Talvogtei-Scheunen in Kirchzarten: Neuer Bildungsort und Treffpunkt für Bürger. Badische Zeitung, 14. Mai 2017, abgerufen am 15. Mai 2017.</ref>
Nutzung[Bearbeiten]
Die Talvogtei ist nach der Sanierung auch ein kulturelles Zentrum der Region. So wird der Innenhof für kulturelle Veranstaltungen genutzt.<ref>Gerhard Lück: Die Talvogtei wachgeküsst. In: Badische Zeitung. 18. September 2013, abgerufen am 2. November 2014.</ref> Der jährliche Weihnachtsmarkt findet auf diesem Gelände statt.<ref>Weihnachtserlebnis Kirchzarten 2014</ref> Seit 2013 findet dort im Sommer das Schlossfest statt, welches den Dorfhock abgelöst hat.<ref>Gerhard Lück: Aus dem Dorfhock wird das Schlossfest in der Talvogtei. auf: freiburg-schwarzwald.de, 20. Juni 2013, abgerufen am 2. November 2014.</ref> Die historischen Räume der Talvogtei können, auch mit Führungen, besichtigt werden, in den Räumen werden regelmäßig auch Kunstausstellungen durchgeführt.<ref>Monika Rombach: Leben in Farbe, Leben mit Farben. In: Badische Zeitung. 12. Oktober 2014, abgerufen am 3. November 2014.</ref> Im Juni 2019 fand in der Talvogtei erstmals das Black Forest Voices Festival statt, es wurden über die 4 Tage Workshops für Chor und A Capella Gesang angeboten, die täglichen Höhepunkte waren die abendlichen Konzerte mit internationaler Besetzung.<ref>Ende Juni findet erstmals das Festival "Black Forest Voices" in Kirchzarten statt, Gerhard Lück, Badische Zeitung, 6. Juni 2019, abgerufen am 4. Juli 2019</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Martin Hesselbacher: Die Talvogtei, das Schloß von Kirchzarten. In: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Band 1, Nr. 2, 1958, S. 53–56.
- Frank T. Leusch, Hartmann Manfred Schärf, Sophie Stelzle-Hüglin, Ilse Fingerlin: Die Kirchzartener Talvogtei. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2000, ISBN 3-933784-60-3.
- Peter Johannes Weber: Gerichtsbarkeit im Dreisamtal und auf der Höhe. Die Dorfgerichte auf dem Gebiete der Kirchzartener Talvogtei. In: Forschungen zur Rechtsarchäologie und rechtlichen Volkskunde. Band 18. Schulthess Juristische Medien, Zürich 2000, ISBN 3-7255-3977-4, S. 157–187.
- Markus Donner: Eine Frischzellenkur für die Talvogtei. In: Badische Zeitung. 13. Februar 2014, abgerufen am 2. November 2014.
Weblinks[Bearbeiten]
- Akten der städtischen Talvogtei im Dreisamtal im Stadtarchiv Freiburg
- Talvogtei in der wissenschaftlichen Datenbank „EBIDAT“ des Europäischen BurgeninstitutsVorlage:Abrufdatum
- Stadtarchiv: F Talvogtei Specialia| Vogtei Kirchzarten
- Talvogtei Kirchzarten auf alemannische-seiten.de
- Kirchzarten - Talvogtei auf breisgau-burgen.de
- Schloss Talvogtei, Rißzeichnungn, Jan Martin Klessing, Freier Architekt
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Koordinaten: 47° 57′ 54,6″ N, 7° 57′ 1,6″ O
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