Tetanusimpfstoff
Ein Tetanusimpfstoff oder Tetanus-Toxoidimpfstoff (TTI) ist ein Toxoidimpfstoff gegen Infektionen mit dem Bakterium Clostridium tetani, den Auslöser für die häufig tödlich verlaufende Infektionskrankheit Tetanus oder Wundstarrkrampf. Der Tetanusimpfstoff befindet sich auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation.<ref>WHO Model Lists of Essential Medicines. (PDF) WHO, 2019, abgerufen am 4. April 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Geschichte[Bearbeiten]
Der erste Tetanusimpfstoff wurde als passive Immunisierung (Tetanus-Immunglobulin, TIG) in der Gruppe von Emil von Behring ab 1890 entwickelt und produziert.<ref>Emil von Behring: Über das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Thieren. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift, 4. Dezember 1890, Nr. 49; Digitalisat. Uni Marburg.</ref> Das Tetanusantitoxin wurde bei Soldaten während des Ersten Weltkrieges eingesetzt.<ref name="Nutzendokumentation">Nutzendokumentation von Standardimpfstoffen: Tetanus. Arznei-Telegramm, 19. Februar 2016, S. 17–20, abgerufen am 12. Oktober 2019.</ref> 1924 wurde erstmals ein Toxoidimpfstoff entwickelt.<ref name="VaccInfo"></ref> In den 1930er Jahren gelangte der Impfstoff in den USA und in Deutschland in den Handel.<ref name="Nutzendokumentation" />
Untersuchungen zur Sicherheit, Immunogenität und klinischem Nutzen wurden damals nicht durchgeführt. Neben einem Selbstversuch aus Deutschland wurden als Nutzenbeleg Beobachtungen bei US-amerikanischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg herangezogen: Die Soldaten erkrankten wesentlich seltener an Tetanus als vergleichsweise Soldaten im Ersten Weltkrieg.<ref name="Nutzendokumentation" /> Eine randomisierte, doppeltverblindete Studie bei jungen Frauen (Neugeborenen-Tetanus) und weitere Beobachtungsstudien zeigen, dass sich bei einer mindestens zweimaligen Immunisierung ein Schutzeffekt einstellt mit einer Senkung der Mortalität.<ref name="Nutzendokumentation" />
Ob in den Industrieländern bei Beginn des 20. Jahrhunderts der Rückgang der Tetanusinzidenz und -mortalität durch Impfungen oder durch technische (Mechanisierung der Landwirtschaft, aseptische Operationstechniken) beziehungsweise medizinische Fortschritte (Antibiotika, verbesserte Wundversorgung) verursacht wurde, lässt sich schwer abschätzen.<ref name="Nutzendokumentation" /> In Deutschland sank die Tetanusinzidenz von 0,20 / 100.000 (1952) auf 0,02 / 100.000 Fälle (1990). Im Jahr 2000 endete die Meldepflicht für Tetanus.<ref name="Nutzendokumentation" /> Heutzutage erkranken insbesondere ältere, nicht oder nicht ausreichend geimpfte Menschen an Tetanus.
Eigenschaften[Bearbeiten]
Der wirksame Bestandteil in modernen Tetanusimpfstoffen ist das fixierte Tetanustoxin. Heutige Impfstoffe werden aus C. tetani-Kulturen ohne allergisierende Substanzen wie Pferdeeiweiß, Pepton oder Blutgruppensubstanzen gewonnen.<ref name="doi:10.1055/b-0035-127599">Friedrich Hofmann: Tetanus. In: Heinz Spiess, Ulrich Heininger, Wolfgang Jilg (Hrsg.): Impfkompendium. 8. Auflage. Georg Thieme Verlag, 2015, ISBN 978-3-13-498908-3, S. 272 ff., doi:10.1055/b-0035-127599.</ref> Hierbei wird dem Kulturfiltrat 40%iges Formaldehyd beigegeben, mehrere Wochen bei 37 °C inkubiert und das Rohtoxoid isoliert. Nach diversen Reinigungsschritten kann das Endprodukt noch Spuren an Formaldehyd enthalten. Als Wirkverstärker werden Aluminiumadjuvanzien ergänzt. Die Konzentration des Toxoids wird in I.U. oder Lf (Einheit des Flockungstests) angegeben; Kinderimpfstoffe enthalten etwa 40 I.U. (= 10 Lf), Impfstoffe für Erwachsene 20 bis 40 I.U.<ref name="doi:10.1055/b-0035-127599" />
Impfstoffvarianten von Tetanusimpfstoffen sind die Kombinationsimpfstoffe DTaP (mit Impfstoffen gegen Corynebacterium diphtheriae und Bordetella pertussis), Tdap, DT (Diphtherie Tetanus) und Td. Die kleinen Buchstaben kennzeichnen dabei geringere Konzentrationen der jeweiligen Komponente, die Tetanuskomponente wird aber, auch bei reduzierter Antigenkonzentration, immer mit dem Großbuchstaben T gekennzeichnet.<ref>Fred Zepp, Markus Hufnagel: Impfungen und Reiseimpfungen. In: Georg F. Hoffmann et al. (Hrsg.): Pädiatrie: Grundlagen und Praxis (= Springer Reference Medizin). Springer, Berlin, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-662-60300-0, S. 149, doi:10.1007/978-3-662-60300-0_13.</ref> DTaP wird meistens zur Immunisierung von Kindern verwendet, während für die Wiederholungsimmunisierung von Erwachsenen meistens Td oder Tdap verwendet wird. Der DTP-Impfstoff wurde von 1930 bis 1991 verwendet, bis der Pertussisimpfstoff aufgrund von Schmerzen und Rötung an der Einstichstelle bei 50 % der Geimpften gegen eine zellfreie Form (azellulärer Pertussisimpfstoff, aP) ausgetauscht wurde, die anschließend als TDaP oder DTaP bezeichnet wurden.<ref name="VaccInfo" />
Immunologie[Bearbeiten]
Der Impfstoff wird für die Erstimpfung meistens viermal verabreicht. Nach einer viermaligen Impfung entstehen neutralisierende Antikörper gegen das Tetanustoxin in 100 % der Geimpften sowohl bei DTAP als auch bei Tdap,<ref name="VaccInfo" /><ref name="DOI10.1016/j.vaccine.2012.02.013">A. Tomovici, L. Barreto, P. Zickler, W. Meekison, F. Noya, T. Voloshen, P. Lavigne: Humoral immunity 10 years after booster immunization with an adolescent and adult formulation combined tetanus, diphtheria, and 5-component acellular pertussis vaccine. (PDF) In: Vaccine. Nr. 30, 2012, S. 2647, doi:10.1016/j.vaccine.2012.02.013. PMID 22353673.</ref> die etwa 10 Jahre vor einer erneuten Tetanusinfektion schützen.<ref>Diphtheria, Tetanus, and Whooping Cough Vaccination. In: CDC. 24. April 2024, abgerufen am 26. Juni 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), bei "How Well Do These Vaccines Work?").</ref> Der Titer für neutralisierende Antikörper gegen das Tetanustoxin ist nach zehn Jahren vergleichbar mit dem vor der Wiederholungsimpfung.<ref name="DOI10.1016/j.vaccine.2012.02.013" /> Ein Titer für neutralisierende Antikörper von ≥ 0,01 IU/ml vermittelt eine Immunität.<ref>Ian J. Amanna, Mark K. Slifka: Contributions of humoral and cellular immunity to vaccine-induced protection in humans. In: Virology. Band 411, Heft 2 (2011), S. 206–215. doi:10.1016/j.virol.2010.12.016. PMID 21216425. PMC 3238379 (freier Volltext).</ref> Eine fünfte Impfung im Erwachsenenalter wird vom CDC empfohlen.<ref name="VaccInfo" />
Senioren gelten als die am schlechtesten durchgeimpfte Personengruppe, während Bundeswehrsoldaten eher eine Überimmunisierung aufwiesen.<ref name="doi:10.1055/b-0035-127599" />
Nebenwirkungen[Bearbeiten]
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei kombinierten Diphtherie- und Tetanusimpfstoffen umfassen Schmerzen an der Einstichstelle (80 %), Rötung (25 %), Kopfschmerzen (25 %), Müdigkeit (25 %) und Fieber (selten).<ref>Vaccine Information Statement: Td (Tetanus, Diphtheria). Centers for Disease Control and Prevention.</ref> Sehr selten bilden sich ein kleines Knötchen an der Einstichstelle oder bei überimpften Personen eine leichte bis mäßige Temperaturerhöhung, grippeähnliche Symptomatik oder Magen-Darm-Beschwerden.<ref name="doi:10.1055/b-0035-127599" />
Handelsnamen[Bearbeiten]
Handelsnamen für Kombinationsimpfstoffe sind z. B.<ref>Tetanus-Impfstoffe (Wundstarrkrampf). In: Paul-Ehrlich-Institut. 15. Juli 2021, abgerufen am 31. Juli 2021.</ref>
- Covaxis (TdPa-Impfstoff)
- Revaxis (Td-IPV-Impfstoff)
- Boostrix Polio (TdPa-IPV-Impfstoff)
- Infanrix (DTPa-Impfstoff)
- Pentavac (DTPa-IPV+Hib-Impfstoff)
- Vaxelis (DTPa-HepB-IPV+Hib-Impfstoff)
Literatur[Bearbeiten]
- D. M. Knipe, Peter M. Howley, D. E. Griffin (Hrsg.): Fields Virology. 5. Auflage. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-7817-6060-7.
- Marianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 319 f.
- F. Hofmann: Tetanus. In: Heinz Spiess, Ulrich Heininger, Wolfgang Jilg (Hrsg.): Impfkompendium. 8. Auflage. Thieme, ISBN 978-3-13-498908-3, S. 272 ff.
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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