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Uta von Naumburg

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Brustbild der Statue Utas im Naumburger Dom

Uta von Naumburg ist eine von zwölf farbig gefassten Steinfiguren im Westchor des Naumburger Doms. Die Figuren wurden Mitte des 13. Jahrhunderts im Zuge des Neubaus des Doms vom sogenannten Naumburger Meister geschaffen, um weiter an einige der wichtigsten Stifter des Vorgängerbaus zu erinnern. 2018 wurde der Naumburger Dom mit seinem Westchor und den Stifterfiguren als „einzigartiges Zeugnis der mittelalterlichen Architektur und Kunst“ in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Die Figur der Uta wurde ab der Mitte der 1920er-Jahre gegenüber den anderen Stifterfiguren hervorgehoben, popularisiert und während der Zeit des Nationalsozialismus auch ideologisch vereinnahmt. Über einen Zeitraum von etwa vier Jahrzehnten besaß sie den Status einer nationalen deutschen Ikone.

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Figurenpaar im Westchor: Markgraf Ekkehard II. und Markgräfin Uta

Die Figur[Bearbeiten]

Die farbig bemalte Skulptur der Uta von Naumburg bildet zusammen mit der ihres Mannes ein Figurenpaar an der Nordwand des Westchors am Übergang vom quadratischen Chorjoch zur polygonalen Apsis mit dem Altar. Die lebensgroßen Figuren stehen als Teil des dortigen Dienstbündels ca. 3 m über dem Boden der Apsis und ca. 4 m über dem Boden des Chorjochs. Jede der beiden Figuren wurde zusammen mit ihrem dahinter liegenden Dienst aus einem monolithischen Block aus regionalem Muschelkalk gearbeitet. Danach wurden die beiden Werkblöcke an den Innenseiten ihrer Dienste zu einem gemeinsamen Dienstbündel und Figurenpaar zusammengefügt. Über dem Figurenpaar befindet sich ein Doppelbaldachin.<ref>Jelschewski 2015, S. 189–212</ref>

Die Identifizierung des Paares als Markgraf Ekkehard II. von Meißen und seiner Ehefrau Uta ergibt sich zum einen aus dem Schriftzug ECHARDUS MARCHIO auf dem Schild Ekkehards II., den Daniela Karl 2015 als Teil der Originalbeschriftung aus dem 13. Jahrhundert wiederentdeckte<ref>Karl 2015, S. 148</ref> und zum anderen aus einem 1249 vom damaligen Naumburger Bischof Dietrich II. von Meißen verfassten Spendenaufruf zur Vollendung des Doms. Darin nennt er elf frühere Spender als Vorbild, darunter nacheinander Ekehard[us] marchio und Vta marchionissa.<ref>Dieter Riemer: Uta von Naumburg – eine Prinzessin aus Kiew? in: Saale-Unstrut-Jahrbuch 28 (2023) S. 45–58</ref> Zehn der elf Personen wurden zusammen mit zwei weiteren früheren Spendern als Stifterfiguren zur Bauzeit im Westchor verewigt. Über die historische Markgräfin Uta und ihre Abstammung ist praktisch nichts bekannt. Üblicherweise wird sie mit den anhaltinischen Grafen von Ballenstedt in Verbindung gebracht und nach deren Stammburg als Uta von Ballenstedt bezeichnet.

Die Figur der Uta von Naumburg steht frontal zum Raum mit leicht nach rechts Richtung Altar gedrehtem und leicht nach unten geneigtem Kopf. Sie trägt eine über die Wangen verlaufende Kinnbinde mit Goldborten, unter der sich die Ohren abzeichnen. Die Haare sind hinten zu einem dicken Zopf geflochten. Auf dem Kopf sitzt eine zylindrische, goldene Kappe,<ref>Kerstin Merkel: Neue Beobachtungen zur Kleidung der Naumburger Stifterfiguren in: Krohm 2011, Band 3, S. 192.</ref> darüber als Schmuck ein mit Perlen und Edelsteinen besetzter, ebenfalls goldener Kronreif mit Lilienzacken. An den Schläfen sind einige Haarlocken sichtbar. Wie alle weiblichen Stifterfiguren trägt sie ein Untergewand, dessen linkes Bündchen am Unterarm sichtbar ist, und darüber ein bis zum Boden reichendes, ärmelloses Obergewand.<ref>Merkel 2011, S. 202.</ref> Darüber trägt sie einen langen, ebenfalls bis zum Boden reichenden roten Tasselmantel mit goldenem Saum und reichem Faltenwurf. Mittig zeigt das aus Stücken von Eichhörnchenfell zusammengesetzte Innenfutter<ref>„Naumburg Cathedral“ 2018, S. 104.</ref> des Mantels nach außen. Mit der gespreizten linken Hand umgreift und rafft Uta die linke Mantelseite. Am Zeigefinger trägt sie einen steinbesetzten Ring. An der linken Schulter ist die verzierte linke Tasselscheibe sichtbar. Mit dem sich am Mantel abzeichnenden rechten Arm hat Uta von innen die rechte Mantelseite zur Wange hochgeschoben; die pelzgefütterte Innenseite des Mantels davor ist nach außen gefallen. Am ebenfalls roten Obergewand ist auf der Brust eine sechszackige und mit Perlen besetzte goldene Brosche angebracht. Darunter verläuft das Tasselband quer und dann nach oben zur rechten Tasselscheibe, die hinter dem Nacken der Figur kaum sichtbar ist. Am Boden kommen unter dem Obergewand die Schuhspitzen zum Vorschein.

Rezeption[Bearbeiten]

Bis ins 19. Jahrhundert hinein fanden die Stifterfiguren des Westchors nur „spärliche Beachtung“.<ref>Jens-Fietje Dwars: Fortgesetzte Spiegelungen - Kontinuitäten und Brüche in der Rezeptionsgeschichte des Naumburger Meisters in: Krohm 2011, Band 1, S. 44</ref> Johann Dominik Fiorillo war 1815 der erste, der in ihnen „Meisterstücke, an denen man sich nicht satt sehen kann“ erkannte. Die 1892 erschienene Monographie Die Bildwerke des Naumburger Doms des Kunsthistorikers August Schmarsow war von einer Bildmappe mit 20 großformatigen Fotografien begleitet, die Lesern erstmals eine genauere Betrachtung der Figuren ermöglichten.

Datei:Uta, Naumburger Dom - 1923 - Walter Hege.jpg
Fotografie der Uta von Naumburg, Walter Hege, 1923

Begünstigt wurde die Popularisierung auch durch den Naumburger Fotografen Walter Hege, der die Figuren ab 1923 fotografierte und 1925 zusammen mit dem Kunsthistoriker Wilhelm Pinder das Buch Der Naumburger Dom und seine Bildwerke veröffentlichte. Das Buch erlebte in der Folge insgesamt 8 Auflagen; Hege hob darin Uta als „Solitärfigur“ heraus.<ref name=":1">Wolfgang Ullrich: Uta, das Ewige Deutschland. Die Zeit, 23. Februar 2011, abgerufen am 23. April 2026.</ref>

Entscheidend für den Aufstieg speziell Utas war laut Jens-Fietje Dwars allerdings ihre „Modernität“: Ihre „Spannung aus abwehrendem Stolz und anziehender Schutzbedürftigkeit, aus damenhafter Unnahbarkeit und mädchenhafter Zartheit“ entsprach dem neuen Frauenideal, das zur gleichen Zeit auch Schauspielerinnen wie Greta Garbo verkörperten. Uta wie Garbo repräsentierten laut Dwars „einen Typus von emanzipierter, selbständiger, dem Manne ebenbürtiger, ja überlegener Frau, die lockend und unnahbar zugleich ihre Weiblichkeit bewahrt.“<ref>Dwars 2011, S. 53</ref> Die einflussreiche Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer beschreibt 1928 „die schmale, beherrschte Oberlippe über der vollen, sinnlich kräftigen Unterlippe“ und hebt später Utas „gestreckte und stolze Haltung“ hervor, die Sicherheit und Unabhängigkeit verkörpert.<ref>Ullrich 2009, S. 29</ref>

Utas Aufstieg zur „nationalen Ikone“<ref>Ullrich 2009</ref> zeigte sich auch in der Literatur. In den 1930er-Jahren erschienen ein halbes Dutzend Romane und Erzählungen,<ref>Siegfried Berger: Uta und der Blinde, Erzählung, 1932; Hanna Kiel: Uta von Naumburg. Erzählung, 1936; Hildegard Koppen-Augustin: Eckehard und Uta. Roman, 1938; Bertha Glöving: Der Schicksalsring, Roman, 1938; Hans Sterneder: Der Edelen Not, Erzählung, 1938</ref> die Utas Darstellung im Dom und die ganz wenigen historischen Fakten zu erfundenen Lebensgeschichten von Liebe, Einsamkeit und Treue ausschmückten. Das im Mai 1934 in Gera uraufgeführte Schauspiel Uta von Naumburg von Felix Dhünen wurde bis 1944 an mehr als 100 deutschsprachigen Bühnen inszeniert. Utas Schlussworte darin beginnen mit „Ich bleib' an deiner Seite, Ekkehard, dir Rede stehend, wenn Du mich befragst, gehorsam, schutzbedürftig und bereit, dir Schmerz zu lindern, Freude zu erhöhn …“<ref>Felix Dhünen: Uta von Naumburg. Schauspiel in 3 Akten. Felix Bloch Erben, Berlin 1934.</ref> Uta wurde als „das deutsche Frauenideal“<ref>Lucy Nath: Im Dom zu Naumburg. Leipzig 1936, S. 27.</ref> bezeichnet. In der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 wurde den 600 Exponaten der Moderne als einziges Gegenbild eine Fotografie der mittelalterlichen Statue der Uta gegenübergestellt.<ref name=":1" />

Datei:DBPB 1957 173 Ostdeutscher Kulturrat.jpg
Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin, 1957

In der Nachkriegszeit konnte Rosemarie Schuder im Osten Deutschlands mit dem 1955 erschienenen Roman Der Ketzer von Naumburg literarisch an die Popularität der Stifterfiguren anknüpfen. Der historische Roman erlebte bis 1990 insgesamt 18 Auflagen. Im Zentrum stand nun allerdings nicht mehr Uta, sondern der volksnah dargestellte Naumburger Meister, der mit Zensur und Selbstzensur konfrontiert ist.<ref>Dwars 2011, S. 59.</ref> Zunächst diente Uta noch im gesamten geteilten Deutschland, ab Mitte der 1950er-Jahr dann vornehmlich im Westen in Anknüpfung an ihre Verkörperung des Geschichtsbilds eines „Ewigen Deutschlands“ noch als „Mahnung für die deutsche Einheit“.<ref>Ullrich 2009, S. 164.</ref> So war sie 1957 noch Motiv einer Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin anlässlich einer dortigen Jahrestagung des bundesrepublikanischen Ostdeutschen Kulturrats und 1961 einer goldenen Medaille der als Wertanlage genutzten Aureus-Magnus-Serie Werner Grauls mit der Umschrift „Germania Aeterna“.

Mit der politischen Entwicklung und dem Wertewandel der 1960er-Jahre passte der mit Uta verbundene Mythos sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands nicht mehr. Sie verblasste als Identifikationsfigur, verschwand zunehmend aus der Öffentlichkeit und geriet von der nationalen Ikone zur „verlassenen Diva“.<ref>Ullrich 2011</ref> Literarisch war Uta zuletzt die Hauptfigur in Günter Grass’ 2022 posthum veröffentlichter, jedoch bereits 2003 entstandener Erzählung Figurenstehen. In dem ursprünglich als Kapitel in seinem Werk Beim Häuten der Zwiebel geplanten Text beschreibt der Schriftsteller eine rund 20-jährige Obsession bezüglich der Figur Utas, die ihren Anfang 1986 mit einem Besuch des Naumburger Doms anlässlich einer Lesereise mit seinem Roman Die Rättin nahm.<ref>Günter Grass: Figurenstehen. 1. Auflage. Steidl-Verlag, Göttingen 2022, ISBN 978-3-96999-107-7.</ref><ref>Drees, Jan (2022): Günter Grass: „Figurenstehen“ - Die Legende Schwarzsauer. Deutschlandfunk, 30. November 2022.</ref>

Literatur[Bearbeiten]

  • Heiko Brandl, Matthias Ludwig, Oliver Ritter: Der Dom zu Naumburg (= Beiträge zur Denkmalkunde in Sachsen-Anhalt. Band 13). 1. Auflage. Band 1: Architektur. Schnell & Steiner, Regensburg 2018, ISBN 978-3-7954-3399-4.
  • Dominik Jelschewski: Skulptur, Architektur und Bautechnik des Naumburger Westchors. Friedrich Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2600-7.
  • Daniela Karl: Die Polychromie der Naumburger Stifterfiguren. Kunsttechnologische Untersuchung der Farbfassungen des 13. und 16. Jahrhunderts. Regensburg 2015, ISBN 978-3-7917-2599-4.
  • Hartmut Krohm, Holger Kunde (Hrsg.): Der Naumburger Meister – Bildhauer und Architekt im Europa der Kathedralen (= Schriftenreihe der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz. Band 1–3). Michael Imhof, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-600-8.
  • Wolfgang Ullrich: Uta von Naumburg. Eine deutsche Ikone. 2. Auflage. Klaus Wagenbach, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-2523-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Commons: Stifterfigur Uta von Naumburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

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