V-Bomber
Als V-Bomber wurden die drei strahlgetriebenen strategischen Bombertypen der britischen Royal Air Force bezeichnet. Sie wurden in den späten 1940er Jahren entwickelt, in den 1950er Jahren in Dienst gestellt und trugen allesamt ein V als ersten Buchstaben der Typbezeichnung. Alle drei waren für den Einsatz von Kernwaffen konzipiert, konnten aber auch konventionelle Abwurf- und später (mit Ausnahme der bereits 1964 ausgemusterten Valiant) auch Lenkwaffen tragen.<ref>Downey, Bob, V-Bombers, Arms and Armour Press, 1985.</ref>
Typenfamilie[Bearbeiten]
Die Typenfamilie der V-Bomber umfasste:
- Vickers 667 Valiant (Erstflug: 1951)
- Handley Page H.P.80 Victor (Erstflug: 1952)<ref>Brookes, Andrew, Handley Page Victor, Ian Allen, 1998.</ref>
- Avro 698 Vulcan (Erstflug: 1952)<ref>Bulman, Craig, The Vulcan B.Mk2 from a Different Angle, Pentland Press, 2001</ref>
Die Valiant wurde für Kernwaffentests<ref>Wynn, Humphrey, RAF Nuclear Deterrent Forces, HMSO, 1994</ref> genutzt, danach aber recht schnell zum Tanker umgerüstet,<ref>Cruddas, Colin, In Cobham’s Company: Sixty Years of Flight Refuelling Limited, Cobham, 1994.</ref> hatte die kürzeste Einsatzdauer der V-Bomber und musste schon 1964 wegen Materialermüdung wieder außer Dienst genommen werden.
Die Victors wurden nach dem Ausscheiden der Valiants zum Tankflugzeug umgebaut und erst 1993 außer Dienst gestellt. Sie hatten mit 35 Jahren die längste Einsatzdauer der drei Flugzeugtypen. „Zusammen mit der Vulcan und einem dritten Bomber, der Vickers Valiant, bildete die Victor die V-Bomber-Flotte der RAF.“ (Rowland White)<ref>Das Zitat von Rowland White im englischen Original „Along with the Vulcan and a third bomber, the Vickers Valiant, the Victor had made up the RAF’s V-bomber force.“ (Vulcan 607, 2nd Ed., 2012, Corgi Edition: Seite 79, Abs. 2.)</ref>
Einzig die Vulcan verblieb, selbst wenn auch von ihr einige Exemplare zu Tankflugzeugen umgebaut wurden, überwiegend in ihrer ursprünglichen Aufgabe als Bomber und wurde 1984 ausgemustert. Somit sind inzwischen alle V-Bomber außer Dienst gestellt.
Bedeutung[Bearbeiten]
Die V-Bomber waren eine neue Generation des britischen Bombenflugzeugbaus und lösten die kolbenmotorbetriebenen, relativ preiswerten und für den Masseneinsatz konzipierten schweren Bomber des Zweiten Weltkrieges wie die Avro Lancaster,<ref>Middlebrook, Martin, The Berlin Raids: RAF Bomber Command Winter 1943–44, Penguin, 1990</ref> die Handley Page Halifax, die Short Stirling<ref>Brooks, Andrew, V-Force: The History of Britains Airborne Deterrent, Jane’s, 1982.</ref> und auch die von den US-Amerikanern gelieferte B-29 ab.<ref>Jackson, Robert – World Military Aircraft since 1945, Ian Allan 1979</ref><ref>Jackson, Robert, Avro Vulcan, Patrick Stephens, 1984</ref><ref>Jones, Barry, V-Bombers: Vilant, Vulcan and Victor, Crowood Press, 2000.</ref>
Ein vergleichbares Flugzeug ihrer Zeit war die sowjetische Tu-16.<ref>Laming, Tim, The Vulcan Story: 1952–2002, Cassell, 2002</ref>
Die V-Bomber bildeten den Höhepunkt des eigenständigen britischen Flugzeugbaus – und erwies sich als der Anfang von dessen Ende. Nach den V-Bombern und dem späteren BAC-TSR-2-Desaster beschaffte die Royal Air Force, neben den einheimischen Mustern Harrier, Buccaneer und Hawk aufgrund der enormen Kosten nur noch Gemeinschaftsprojekte wie den Jaguar, den Tornado oder den Eurofighter. Diese Entwicklung bewirkte letztendlich, dass die großen britischen Luftfahrtpioniere Avro (1963), Handley Page (1970) und Vickers (in BAE Systems aufgegangen) aufgeben mussten.
Aus den Bombern wurden die Passagierflugzeuge Vickers VC7, Handley Page HP.111 und Avro 722 Atlantic abgeleitet. Keines dieser Muster kam über das Entwurfsstadium hinaus.
Nutzungsgeschichte[Bearbeiten]
Während der Sueskrise 1956 griffen Valiants ägyptische Flugplätze mit konventionellen Bomben an.<ref>Delve, Ken, RAF Marham: The Operational History of Britains Front-line Base from 1916 to the Present Day, Patrick Stephens, 1995</ref> Die Basis für diese Angriffe war Luqa auf Malta, das zu diesem Zeitpunkt noch britische Kolonie war.
Alle acht britischen Kernwaffen, die je vom Flugzeug aus zur Explosion gebracht wurden (1956 bis 1958 im Rahmen der Testreihen Operation Buffalo und Operation Grapple), wurden von Valiants des No. 49 Squadron RAF abgeworfen.<ref>Wynn, Humphrey, RAF Nuclear Deterrent Forces, HMSO, 1994</ref>
Während des Borneo-Konfliktes wurden zwischen 1962 und 1966 zwei Victor als Bomber eingesetzt.
Die V-Bomber-Flotte erreichte ihren quantitativen Höhepunkt im Juni 1964, als 50 Valiants, 39 Victors und 70 Vulcans im aktiven Dienst standen.
Die Aufgabe als strategischer Kernwaffen-Träger verloren die V-Bomber spätestens Ende der 1960er Jahre aufgrund der wachsenden Leistungsfähigkeit der modernen Flugabwehr. Als Rückgrat der britischen Atomstreitmacht im Kalten Krieg wurden sie durch die Atom-U-Boote der Resolution-Klasse ersetzt, die von den USA gelieferte Polaris-Raketen führten.<ref>Ring, Jim, We Come Unseen: The Untold Story of Britain’s Cold War Submarines, John Murray, 2001</ref> Danach erhielten die V-Bomber andere Aufgaben als strategischer Fernaufklärer, Tankflugzeug und konventioneller Freifall-Bomber.
Besonders die in Norfolk stationierten Handley Page H.P.80 Victor wurde für Luftbetankungszwecke eingesetzt, ebenso die Victor K2 des 55. und 57. Geschwaders, während die Vulcans im Fliegerhorst Waddington dieser Aufgabe bereits früher nicht mehr zugewiesen wurden. In diesen Rollen kamen die V-Bomber auch in einigen Konflikten zum Einsatz. „In den letzten zehn Jahren (1972–1982) waren die verbliebenen Victor-Maschinen (...) ausschließlich als Tankflugzeuge zur Luftbetankung im Einsatz.“ (Rowland White).<ref>Das Zitat von Rowland White im englischen Original „AFor the last ten years <1972-1982>, though, the remaining Victors had served exclusively as air-to-air refuelling tankers“ (Vulcan 607, 2nd Ed., 2012, Corgi Edition: Seite 79, Abs. 2.)</ref><ref>Vulcan 607, 2nd Ed., 2012, Corgi Edition: Seite 79, Abs. 2.</ref><ref>Vulcan 607, 2nd Ed., 2012, Corgi Edition: Seite 125, Abs. 3 sowie Seite 127, Abs. 2</ref>
Die letzten Kampfeinsätze flogen die verbliebenen V-Bomber 1982 während des Falklandkrieges; für die Vulcan waren es gleichzeitig auch ihre ersten.<ref>Burden, Rodney, Micheal Draper, Douglas Rough, Colin Smith, David Wilton: Falklands: The Air War, Arms and Armour Press, 1986.</ref> Im Rahmen der Operation Black Buck wurde eine Vulcan als Bomber und elf Victor als Tanker erfolgreich eingesetzt, um die Landebahn des Flugplatzes von Port Stanley vom 6.250 km entfernten Ascension aus anzugreifen.<ref>Rowland White, Vulcan 607 – The Epic Story of the Most Remarkable British Air Attack since the Second World War (Special 30th Anniversary Ed.), Corgi, 2012 (zweite Ausg.)</ref><ref>'Victor Flight', Aircraft Illustrated, Oktober 1986; Gething, Michael J., 'The Black Buck Raids', Vulcan News, November 2000</ref> Bei den folgenden Einsätzen von kombinierten Vulcan- und Victor-Verbänden wurden argentinische Radarstellungen mit Lenkwaffen vom Typ AGM-45 Shrike angegriffen.
Technische Daten im Vergleich[Bearbeiten]
| Kenngröße | Avro Vulcan 698 B.MK 2 | HP Victor BMk.2 | Vickers 667 Valiant |
|---|---|---|---|
| Typ | Mittlerer Bomber | ||
| Besatzung | 5 (+1 Tankoperator) | 5 | 5 |
| Antrieb | 4 × Rolls-Royce Olympus Mk103 (je 88,9 kN) |
4 × Rolls-Royce Conway 201 (je 87,88 kN) |
4 × Rolls-Royce RA.28 Avon (je 44,7 kN) |
| Höchstgeschwindigkeit | 1.038 km/h in 12.000 Höhe | 1.024 km/h | 912 km/h |
| Dienstgipfelhöhe | 19.810 m | 18.300 m | 16.460 m |
| Reichweite | 7.400 km | 7.360 km | 7.000 km |
| Länge | 30,45 m | 34,95 m | 32,99 m |
| Höhe | 7,95 m | 8,97 m | 9,80 m |
| Spannweite | 33,83 m | 36,80 m | 34,85 m |
| Flügelfläche | 368,26 m² | 241 m² | 219 m² |
| Leermasse | 37.144 kg | 41.275 kg | 34.419 kg |
| max. Startmasse | 113.400 kg | 97.980 kg | 63.503 kg |
| Bewaffnung | Blue Steel CM, 21 × 454-kg-Bomben (1.000 Lb), max. Waffenlast ca. 9.500 kg | Blue Steel, 35 × 454-kg-Bomben, max. Waffenlast ca. 15.890 kg | 1 × 4.540-kg-Bombe oder 21 × 454-kg-Bomben, max. Waffenlast ca. 9.500 kg |
| Produzierte Einheiten | 134 (45×B.1 + 89×B.2) | 86 | 107 |
| Erstflug | 30. August 1952 | 24. Dezember 1952 | 18. Mai 1951 |
| Indienststellung | 1956 | 1958 | 1955 |
| Außerdienststellung | 1984 | 1993 | 1964 |
Quellen: <ref>'The V-Bombers – Avro Vulcan – Part 1', Aeroplane Monthly, OCT 1980;</ref><ref>The V-Bombers – Avro Vulcan – Part 2', Aeroplane Monthly, NOV 1980;</ref><ref>The V-Bombers – Avro Vulcan – Part 3', Aeroplane Monthly, DEC 1980;</ref><ref>The V-Bombers – Handley Page Victor – Part 1', Aeroplane Monthly, JAN 1981;</ref><ref>The V-Bombers – Handley Page Victor – Part 2', Aeroplane Monthly, FEB 1981;</ref><ref>The V-Bombers – Handley Page Victor – Part 3', Aeroplane Monthly, FEB 1981;</ref><ref>'Jets', Vulcan Special, Winter 1999</ref>
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />