Waschhaut
Waschhaut ist ein Trivialbegriff für die durch Wassereinwirkung vorübergehend faltig aufgequollene Haut der menschlichen Hände und Füße. Andere Begriffe sind Waschfrauenhände/-haut oder Spülhände/-haut. Diese Erscheinung kann verschiedene Ursachen haben: längere Exposition unter feuchten Bedingungen, Übertragung einer Geburt, Costello-Syndrom oder post mortem.<ref name="Reh">H. Reh: Early postmortem course of washerwoman's skin of the fingers. In: Z Rechtsmed, Band 92, Nr. 3, 1984, S. 183–188, doi:10.1007/BF00200253.</ref>
Provokation im Feuchten[Bearbeiten]
Wasserkontakt von 30 Minuten (wie Baden, Schwimmen, Arbeiten im Wasser, längerer Wärme- und Feuchtigkeitsstau, Tragen feuchtigkeitsdichter Handschuhe, längere Exposition feucht-alkalischer Bedingungen) kann in aller Regel Waschfrauenhände erzeugen. Dabei werden die Fußsohlen, Finger- und Zehenkuppen faltig, andere Hautareale nicht oder kaum.
Die gängige Erklärung beruht darauf, dass keratinreiche epitheliale Haut in Feuchtigkeit Wasser aufnimmt, wodurch sich die Haut ausdehnt. Die größere Fläche führt zu einer Faltenbildung.<ref>Dr Karl's Homework - Skin Wrinkles in Water, 26. Januar 2000.</ref> Üblicherweise bilden Finger und Zehen zuerst Falten, weil ihre Haut eine dickere Keratinschicht, aber keine Behaarung und keine Talgdrüsen trägt, welche schützende Öle (Sebum) abgibt.
Der Vorgang der Faltenbildung kann jedoch nur teilweise auf eine Mazeration der Hornschicht zurückgeführt werden, als Ergebnis eines passiven Einströmens von Wasser in die Haut aufgrund von Osmose. Auch eine autonome nervöse Steuerung der Vasokonstriktion ist daran beteiligt.<ref name="Changizi" /> Bei Nervenverletzungen der Hand kann die Ausbildung von Waschfrauenhänden unter feuchten Bedingungen unterbleiben,<ref>Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref><ref name="Zhai">Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref><ref>E. P. V. Wilder-Smith: Water immersion wrinkling: Physiology and use as an indicator of sympathetic function. In: Clin. Auton. Res., Band 14, 2004, S. 125–131.</ref> sodass das längere Eintauchen der Hände auch als klinischer Test in der Neurologie verwendet wird.<ref>Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref>
Wasser initiiert daher möglicherweise die Faltenbildung, indem es die Elektrolytkonzentration der betreffenden Hautzonen herabsetzt, indem es durch deren zahlreiche Schweißdrüsengänge einströmt. Davon könnten auch gefäßnahe Neuronenmembranen betroffen sein, was eine Gefäßkontraktion bewirken kann und so eine verstärkte Faltenbildung provoziert.<ref name="Zhai" /> Die Mazeration ist nach Entfettung der Haut verstärkt, z. B. durch Waschen mit Tensiden.<ref>Werner J. Heppt, Claus Bachert: Praktische Allergologie. Ausgabe 2, Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-13-162242-6. S. 75.</ref> Bei häufigerer oder längerfristiger Mazeration der Haut kann ein toxisches Kontaktekzem entstehen, z. B. bei längerem Tragen von feuchtigkeitsdichten Handschuhen<ref>Jörg Kleine-Tebbe, Axel Trautmann: Allergologie in Klinik und Praxis: Allergene - Diagnostik - Therapie. Ausgabe 2, Georg Thieme Verlag, 2013, ISBN 978-3-13-159352-8. S. 248.</ref> oder das Hausfrauenekzem.<ref>Peter Fritsch: Dermatologie Venerologie: Grundlagen. Klinik. Atlas. Ausgabe 2, Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-06555-6. S. 186.</ref>
Selektiver Vorteil[Bearbeiten]
Der selektive Vorteil der Hautfaltenbildung unter feuchten Bedingungen wird kontrovers diskutiert.
Keine eigenständige Anpassung[Bearbeiten]
Der Paläontologe und Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould betrachtete ihn weniger als eine evolutionäre Anpassung, denn als Begleiterscheinung, und warnte vor dem Zwang, jede Erscheinung als eine einzeln vorteilbringende deuten zu müssen.<ref>S. J. Gould, R. C. Lewontin: The spandrels of San Marco and the panglossian paradigm: A critique of the adaptationist programme. (PDF) In: The Royal Society, Proceedings B, Band 205, Nr. 116, September 1979, doi:10.1098/rspb.1979.0086.</ref> In diesem Zusammenhang wurde vermutet, dass wesentliche evolutionäre Änderungen der Handanatomie im Laufe der Stammesgeschichte des Menschen die Bildung einer Faust unterstützen und in diesem Entwicklungsprozess könnte die Bildung von Waschfrauenhänden eine untergeordnete Rolle gespielt haben.<ref>Michael H. Morgan, David R. Carrier: Protective buttressing of the human fist and the evolution of hominin hands. (PDF) In: Journal of Experimental Biology, Band 216, 2013, S. 236–244, doi:10.1242/jeb.075713.</ref><ref>T. Ryan Gregory: Another just-so story, this time about fists. In: Genomicron, 21. Dezember 2012, betrachtet 9. Juli 2015.</ref>
Erhöhte Grifffestigkeit[Bearbeiten]
Für eine zugrunde liegende evolutionäre Anpassung spricht, dass sich Waschfrauenhände mittels aktiver Vasokonstriktion nur an speziellen Hautarealen ausbilden (Finger- und Zehenkuppen).<ref name="Changizi" /> Die Erscheinung der parallel angeordneten Fingerkuppenfalten von Waschfrauenhänden wurde analogisiert mit den Profilen von Reifen oder Wasserrinnen an einem Hang. Daraus wurde die Vermutung abgeleitet, sie wären geeignet, Wasser besser ablaufen oder verdrängen zu lassen, um so einen besseren Griff zu erlauben.<ref name="Changizi">M. Changizi, R. Weber, R. Kotecha, J. Palazzo: Are wet-induced wrinkled fingers primate rain treads? In: Brain Behav. Evol., Band 77, 2011, S. 286–290.</ref><ref>Ed Yong: Pruney fingers grip better. In: Nature 28. Juni 2011, doi:10.1038/news.2011.388.</ref>
Dieser Vorstellung entsprechend konnte experimentell gezeigt werden, dass Probanden mit Waschfrauenhänden feuchte Marmorstücke signifikant schneller von einem Behälter in einen anderen umlagern konnten, als solche ohne Waschfrauenhände.<ref>K. Kareklas, D. Nettle, T. V. Smulders: Water-induced finger wrinkles improve handling of wet objects. In: Biol. Lett. 2013, doi:10.1098/rsbl.2012.0999.</ref>
Kein Vorteil im Wasser[Bearbeiten]
Der Effekt der verbesserten Grifffestigkeit von Waschfrauenhänden zur Aufnahme von Gegenständen unter Wasser konnte experimentell jedoch nicht belegt werden.<ref>J. Haseleu, D. Omerbašić, H. Frenzel, M. Gross, G. R. Lewin: Water-induced finger wrinkles do not affect touch acuity or dexterity in handling wet objects. In: PLoS ONE, Band 9, Nr. 1, 2014, e84949, doi:10.1371/journal.pone.0084949.</ref>
Folgen[Bearbeiten]
Werden Hände oder Füße über einen Zeitraum von mehreren Tagen feuchtgehalten, kann ein Kälte-Nässe-Schaden der Hände oder Füße eintreten, der durch Pilzbefall und Keime zu einer dauerhaften Schädigung des Gewebes führt.
Post mortem[Bearbeiten]
Auch wenn die Hände einer Leiche feucht gehalten werden, entwickeln sich Waschfrauenhände nach Art einer Mazeration oder infolge Eindringens von Wasser.<ref name="Reh" /><ref>W. Weber, R. Laufkötter: Stadien postmortaler Waschhautbildung — Ergebnisse systematischer qualitativer und quantitativer experimenteller Untersuchungen. In: Z. Rechtsmed., Band 92, 1984, S. 277–290, doi:10.1007/BF00200285.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Nina Weber: Nasse Haut: Forscher ergründen Zweck der Schrumpel-Finger. In: Spiegel online Wissenschaft, 9. Januar 2013.
- T. Ryan Gregory: The great wrinkled finger debate. In: Genomicron, 11. Januar 2013.
- H. Joachim Schlichting: Alles im Griff. In: Spektrum der Wissenschaft, 11/14, November 2014, S. 54–55.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />