Wittgensteins Neffe
Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft ist eine Erzählung von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1982.
Thema ist Bernhards Freundschaft mit Paul Wittgenstein, einem Neffen zweiten Grades<ref name="ITBG">Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. In: Thomas Bernhard. Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft, abgerufen am 11. Mai 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> von Ludwig Wittgenstein und Mitglied der reichen Wiener Industriellenfamilie Wittgenstein, der an einer manisch-depressiven Erkrankung litt. Während Wittgensteins Erkrankung wiederholt Aufenthalte in der Psychiatrie zur Folge hatte, kämpfte Bernhard seit seiner Jugend mit einem chronischen Lungenleiden.
Der Titel ist angelehnt an Diderots Werk Rameaus Neffe, dessen Protagonist ebenso wie Paul Wittgenstein im übermächtigen Schatten eines berühmten Verwandten steht.<ref name="ITBG" />
Inhalt[Bearbeiten]
Bernhard verortet den Beginn seiner im Jahr 1967 einsetzenden Erzählung mit seinem Aufenthalt im „Pulmologischen Zentrum“ auf der Baumgartner Höhe im Pavillon Hermann. Im selben Otto-Wagner-Spital, dort in der psychiatrischen Klinik Am Steinhof, ist zur selben Zeit auch sein Freund Paul Wittgenstein untergebracht – im von Bernhard in Anspielung auf den Vornamen des berühmten Onkels frei benannten Pavillon Ludwig. Auf die Krankheit der beiden Männer – Bernhards chronisches Lungenleiden, Wittgensteins psychische Erkrankung – wird während der gesamten Erzählung immer wieder verwiesen. Beispielhaft heißt es einmal: „Wie der Paul immer wieder und in immer kürzeren Abständen, wie sich denken läßt, sich selbst und die Welt nicht mehr ertragen hat, habe auch ich in immer kürzeren Abständen mich selbst und die Welt nicht mehr ertragen und bin, genauso wie der Paul in der Irrenanstalt, in der Lungenanstalt wieder zu mir gekommen, wie gesagt werden kann.“<ref>Thomas Bernhard: Werke, Band 13, Erzählungen III (s. Ausgaben), S. 225–226.</ref> Die Erzählung endet mit Wittgensteins Tod im Jahr 1979.
Zwölf Jahre hat Thomas Bernhard die Verarmung und Vereinsamung seines Freundes beobachtet<ref>Wittgensteins Neffe. In: suhrkamp.de. Suhrkamp Verlag, abgerufen am 19. Mai 2026: „Anfänglich finanziell sehr gut gesichert durch die Reichtümer einer der reichsten Familien Österreichs, verschenkte er sein Vermögen unbekümmert an Freunde und Arme, bis er selber in Armut dahinvegetierte. In seinen letzten Lebensjahren vereinsamte er mehr und mehr, nur noch mit seinem Freund Thomas Bernhard verbunden.“</ref> und war, so schreibt er, „der zwölfjährige Zeuge seines Sterbens gewesen“.<ref>Thomas Bernhard: Werke, Band 13, Erzählungen III (s. Ausgaben), S. 306.</ref> Die Erzählung wurde als „berührendes literarisches Denkmal“ bezeichnet.<ref>Wittgensteins Neffe. In: oeaw.ac.at. Österreichische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 19. Mai 2026.</ref>
Eingebunden in die Geschichte seiner Freundschaft mit Paul Wittgenstein erzählt Bernhard auch von Ereignissen dieser Jahre, die eher autobiographischen Charakter haben – u. a. von den Verleihungen des „Kleinen Österreichischen Staatspreises“ (1967/1968) und des Franz-Grillparzer-Preises (1971) sowie der Uraufführung seines Theaterstücks Die Jagdgesellschaft (1974).<ref>„Wittgensteins Neffe verdient also, ein autobiographischer Text genannt zu werden“, schreiben Hans Höller und Manfred Mittermayer. Siehe Thomas Bernhard: Werke, Band 13, Erzählungen III (s. Ausgaben), darin: Anhang, S. 342–358.</ref>
Einige Teile der Erzählung lassen sich als humorvolle Anekdoten lesen – so z. B. der Abschnitt, in dem auf mehreren Buchseiten geschildert wird, wie Bernhard, eine Freundin und Wittgenstein einmal eine 350 Kilometer lange Autofahrt durch Oberösterreich und Bayern zu dem Zweck unternahmen, die Tagesausgabe der Neuen Zürcher Zeitung zu erwerben. Das Vorhaben blieb erfolglos. Marcel Reich-Ranicki sah in dem Abschnitt mehr „als [nur] eine harmlose und vielleicht rührende Humoreske“:
„[Es] verbirgt sich in ihm auch eine hintergründige Parabel, die jeder auf seine Weise verstehen mag. Für mich ist es eine parodistische Geschichte, die den Künstler als Amokläufer zeigt, als einen, der, pragmatische Überlegungen ignorierend, unbeirrt sein Ziel verfolgt und gerade in seinem Starrsinn und seiner Rücksichtslosigkeit weltfremd und liebenswert ist, wenn nicht gar bewunderungswürdig.“
Zitat[Bearbeiten]
„Beide [Ludwig und Paul Wittgenstein] waren ganz und gar außerordentliche Menschen und ganz und gar außerordentliche Gehirne, der eine hat sein Gehirn publiziert, der andere nicht. Ich könnte sogar sagen, der eine hat sein Gehirn publiziert, der andere hat sein Gehirn praktiziert. Und wo liegt der Unterschied zwischen dem publizierten und dem sich fortwährend publizierenden Gehirn und dem praktizierten und sich fortwährend praktizierenden?“<ref>Thomas Bernhard: Werke, Band 13, Erzählungen III (s. Ausgaben), S. 232–233.</ref>
Bühnenfassungen[Bearbeiten]
Eine französische Bühnenfassung der Erzählung, erarbeitet und inszeniert von Patrick Guinand, hatte ihre Uraufführung 1991 in der Maison des Arts von Créteil. 2001 kam diese Bühnenfassung in deutschsprachiger Version, wieder unter der Regie von Guinand und mit Toni Böhm in der Hauptrolle, am Volkstheater in Wien zur Aufführung.<ref name="Werke">Thomas Bernhard: Werke, Band 13, Erzählungen III (s. Ausgaben), darin: Anhang, S. 342–358.</ref>
Zur großen Bekanntheit von Bernhards Erzählung trugen auch die Lesungen von Hermann Beil bei. Allein im Zeitraum von 1999 bis 2019 fanden bereits mehr als 300 Auftritte Beils mit Passagen aus Wittgensteins Neffe statt.<ref>Reinhard Wengierek: Erlöserkirche: Hermann Beil liest Thomas Bernhard. In: kulturvolk.de. Freie Volksbühne Berlin e.V., 16. September 2019, abgerufen am 20. Mai 2026.</ref> Bis heute setzt er diese Lesungen an Theatern und anderen Auftrittsorten fort.<ref>Als Beispiel, eine Lesung Beils in der „Hörsaalruine“ des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité im April 2026: Lesung Hermann Beil. In: bmm-charite.de. Abgerufen am 20. Mai 2026.</ref>
Anmerkung[Bearbeiten]
In seinem Stück Ritter, Dene, Voss, uraufgeführt 1986, verlieh Bernhard der von Gert Voss dargestellten Figur Ludwig Worringer biographische Elemente sowohl von Ludwig als auch von Paul Wittgenstein. Die Handlung des Stücks spielt zu einem Zeitpunkt, als Ludwig Worringer gerade einmal wieder aus der psychiatrischen Klinik „Am Steinhof“ entlassen wurde, in der sich Paul Wittgenstein am Beginn von Wittgensteins Neffe aufhält.
Ausgaben[Bearbeiten]
Vor der Erstausgabe als Buch erfolgte die Vorab-Veröffentlichung von Wittgensteins Neffe in mehreren Fortsetzungen in der Zeit von Ende Oktober bis Ende November 1982 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.<ref name="Werke" />
- Wittgensteins Neffe – Eine Freundschaft. Erstausgabe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1982 (Bibliothek Suhrkamp, Band 788). Später: Suhrkamp Taschenbuch, 3842, ISBN 3-518-37965-8. Sowie in Band 13 der Werkausgabe, herausgegeben von Hans Höller und Manfred Mittermayer: Erzählungen III, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-41513-9.
- Wittgensteins Neffe – Eine Freundschaft, gelesen von Thomas Holtzmann. 4 CDs, 236 Min. Hörverlag, ISBN 3-89584-951-0.
Weblinks[Bearbeiten]
- Der Drucktext sowie Materialien zur Textgenese und ein umfangreiches Register sind online verfügbar auf der Website des Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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