Zwangsmigration
Unter Zwangsmigration versteht man verschiedene Formen von massenhafter Migration, die mit Gewalt erzwungen werden. Es handelt sich dabei um keinen deskriptiven, sondern einen (negativen) normativen Begriff, das heißt, dass die mit diesem Wort beschriebene Migration als ethisch nicht legitimiert erscheint. So wird die Ausweisung von Ausländern, die gegen die Einwanderungs- oder andere Gesetze verstoßen haben, nicht als Zwangsmigration bezeichnet, Verfolgung aufgrund der ethnischen oder Religionszugehörigkeit oder der politischen Meinung aber schon.<ref>Matthew Gibney: Political Theory, Ethics, and Forced Migration. In: Elena Fiddian-Qasmiyeh, Gil Loescher, Katy Long, Nando Sigona (Hrsg.): The Oxford Handbook of Refugee and Forced Migration Studies. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-965243-3, S. 49–59, hier S. 49.</ref>
Formen[Bearbeiten]
Folgende Formen der Migration werden als Zwangsmigration beschrieben:
- Verschleppung von Sklaven, wie etwa der atlantische Sklavenhandel des 16. bis 19. Jahrhunderts.<ref>Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis heute. de Gruyter, New York / Berlin 2019, ISBN 978-3-11-055884-5, S. 799 u. ö.</ref> In Amerika waren die Sklaven dann grundsätzlich immobilisiert, doch gab es auch dort weitere massenhafte Zwangsmigrationen, etwa bei der Verlegung der amerikanischen Baumwollwirtschaft von der Atlantikküste nach Texas, Louisiana, Mississippi, Tennessee und Alabama ab etwa 1820.<ref>Sven Beckert: King Cotton: Eine Globalgeschichte des Kapitalismus C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-65921-8, S. 112 f.</ref>
- Indentur: Um den Arbeitskräftemangel zu beheben, der nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 bzw. 1865 einsetzte, griffen Arbeitgeber zu verschiedenen Methoden, Kontraktarbeiter in Indentur bzw. Schuldknechtschaft zu bringen und in die Gebiete zu verschiffen, wo sie sie benötigten. Hierzu wurden verschiedene Methoden von Überredung und Credit Ticket (das heißt, dass der Arbeitgeber die Reisekosten vorstreckte und dann später vom Lohn abzog) über Täuschung bis hin zur gewaltsamen Entführung angewendet (Shanghaien, Blackbirding). Die Arbeitsverpflichtung dauerte meist fünf Jahre. Viele blieben im Anschluss, etwa weil sie die Rückreise nicht bezahlen konnten. Der Zwangsmigration im Indentur-System unterworfen wurden hauptsächlich Inder, Fidschianer und Chinesen (siehe Kuli (Tagelöhner)).<ref>Dirk Hoerder: Migrationen und Zugehörigkeiten. In: Emily S. Rosenberg (Hrsg.): Geschichte der Welt. Bd. 5: 1870–1945. Weltmärkte und Weltkriege. C. H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-64105-3, S. 432–588, hier S. 454–457 und 511–514.</ref>
- Deportation, wie etwa die zehntausender Indianer Nordamerikas in Gebiete westlich des Mississippi River in den 1830er Jahren (Pfad der Tränen).<ref>Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg, München 2013, ISBN 978-3-486-72142-3, S. 2.</ref>
- Vertreibung, etwa im Zuge ethnischer Säuberungen, wie sie in den Balkankriegen oder dem Jugoslawienkrieg vorkamen.<ref>Katrin Boeckh: Balkankriege 1912/13. In: Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst (Hrsg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2010, ISBN 978-3-205-78407-4, S. 60 ff., hier S. 61 f.</ref> Auch die Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950 – die „größte Bevölkerungsbewegung der Weltgeschichte“<ref>R. M. Douglas: „Ordnungsgemäße Überführung“. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. C. H. Beck, München 2012, S. 90 und 113, zitiert nach Gregor Schöllgen: Krieg. Hundert Jahre Weltgeschichte. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, S. 75.</ref> – war eine Zwangsmigration.<ref>Ralph Melville, Jiri Pesek, Claus Scharf (Hrsg.): Zwangsmigrationen im mittleren und östlichen Europa: Völkerrecht – Konzeption – Praxis (1938–1950). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-10081-3.</ref>
- erzwungene Umsiedlung, etwa die Umsiedlung der Deutsch-Balten nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939<ref>Michael Garleff: Baltische Länder. In: Detlef Brandes, Holm Sundhaussen, Stefan Troebst (Hrsg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts. Böhlau, Wien / Köln / Weimar 2010, S. 64–68, hier S. 66.</ref> oder die von der DDR durchgeführten Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze 1952 und 1961.
Unter den Begriff der Zwangsmigration wird auch die Migration aufgrund von Naturkatastrophen gefasst.<ref>Grundlagen und Begriffe: Zwangsmigration. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), abgerufen am 30. April 2023.</ref><ref></ref> In diesem Sinne unterscheidet man zwischen konfliktbedingter und katastrophenbedingter Zwangsmigration, wobei es Überlappungen gibt und die Grenzen fließend sind.<ref>Forced migration or displacement. In: migrationdataportal.org. 27. Mai 2022, abgerufen am 1. Mai 2023.</ref>
Der Migrationshistoriker Dirk Hoerder unterscheidet zwischen {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) und {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value). Nur in der letzteren erlauben die Täter ihren Opfern, selbst auszuwählen, wo sie künftig siedeln möchten.<ref>Dirk Hoerder: Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium. Duke University Press, Durham / London 2002, S. 15.</ref>
Ein Phänomen der Moderne[Bearbeiten]
Nationenbildung gehen nicht zwangsläufig, aber regelmäßig mit Zwangsmigrationen einher, wenn Nationalstaaten sich um eine ethnisch homogene Bevölkerung bemühen. Als Beispiele hierfür nennt der Historiker Randall Hansen die USA mit der Vertreibung der Indianer aus den Gebieten östlich des Mississippi, den Völkermord an den Armeniern bei der Entstehung der modernen Türkei, die Westverschiebung Polens, die Teilung Indiens, bei der neun Millionen Menschen nach Pakistan bzw. Indien umgesiedelt wurden und die Gründung des Staates Israel, die mit der Flucht und Vertreibung von 750.000 Palästinenser einherging.<ref>Randall Hansen: State Controls: Borders, Refugees, and Citizenship. In: Elena Fiddian-Qasmiyeh, Gil Loescher, Katy Long, Nando Sigona (Hrsg.): The Oxford Handbook of Refugee and Forced Migration Studies. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-965243-3, S. 253–264, hier S. 255 f.</ref> Der britische Historiker Donald Bloxham sieht ein „langes 20. Jahrhundert“ der Zwangsmigrationen, das mit der massenhaften Vertreibung von Muslimen in der Balkankrise 1875–1878 begonnen habe. Die italienischen Historiker Antonio Ferrara und Niccolò Pianciola nehmen eine {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value), eine „Ära der Zwangsmigrationen“ an, die sie auf die Zeit von 1853 bis 1953 datieren, also vom Krimkrieg bis zum Tod Josef Stalins. In dieser Zeit hätten Kriege und Revolutionen immer wieder dazu geführt, dass Menschen massenhaft vertrieben oder deportiert wurden (nur diese beiden Formen von Zwangsmigration nehmen sie an). Insgesamt seien 31,5 Millionen bis 32,1 Millionen Menschen Opfer von Zwangsmigrationen geworden.<ref>Referiert nach Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg, München 2013, S. 15–19. und 425 f.</ref>
Zwangsmigrationen in diesem Sinne gelten als ein Phänomen der Moderne, auch weil vormoderne Staaten noch gar nicht über die Verwaltungsapparate, die Infrastruktur und die Zwangsapparate von Justiz, Polizei und Bürokratie verfügten, die nötig sind, um Bevölkerungsbewegungen im großen Maßstab zu erzwingen. Vormoderne Zwangsmigrationen unterscheiden sich nach Michael Schwartz von modernen nicht nur durch die Zahl der Opfer, sondern dadurch, dass ihnen kein Konzept rationaler Planung und Steuerung zugrunde liegt. Insofern seien massenhafte Zwangsmigrationen die Folge einer „Verwestlichung und nicht etwa von ‚Barbarei‘ oder ‚Rückständigkeit‘“.<ref>Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg, München 2013, S. 4–16, das Zitat S. 13.</ref>
Zwangsmigration und Völkermord[Bearbeiten]
Zwangsmigrationen gehen oft mit Hunger und katastrophalen Hygienebedingungen einher. Obwohl sie in der Praxis nicht leicht von Völkermorden zu unterscheiden sind, werden beide Massenverbrechen analytisch doch unterschieden.<ref>Michael Schwartz: Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg, München 2013, S. 2.</ref> Deportationen, die im Rahmen von Genoziden wie des Völkermords an den Armeniern oder des Holocaust durchgeführt wurden, werden nicht als Zwangsmigration bezeichnet.<ref>Krzysztof Ruchniewicz: Zwangsmigration im Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Mitteleuropa der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg</ref>
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über Zwangsmigration im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Krzysztof Ruchniewicz: Zwangsmigration im Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Mitteleuropa der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />