Zwirnen
Das Zwirnen ist ein Zusammendrehen einfacher Garne oder Zwirne bzw. einfacher Garne und Zwirne (DIN 60900).<ref>Ursula Völker, Katrin Brückner: Von der Faser zum Stoff – Textile Werkstoff- und Warenkunde.35., aktualisierte Auflage Verlag Dr. Felix Büchner. Hamburg 2014, ISBN 978-3-582-05112-7, S. 106.</ref> Nach dem Verwendungszweck kann man zwei große Gruppen unterscheiden: Glattzwirne, die hauptsächlich zwecks Verbesserung der Reißfestigkeit und Gleichmäßigkeit hergestellt werden, und Effektzwirne, die im Endverbrauch eine Textilie verschönern oder eine Musterung beleben sollen.
Zum Zusammenzwirnen sind sowohl Stapelgarne und Filamente aus gleichartigem Material, Feinheit und Farbe als auch unterschiedliche Garnarten geeignet.
Geschichte[Bearbeiten]
Der älteste bisher gefundene, 30 Zentimeter lange Rest eines Stricks oder einer Kordel mit einer Gesamtdicke von 6 bis 8 Millimeter, entdeckt 1953 von André Glory in der Höhle von Lascaux und datiert auf 15.000 Jahre v. Chr., besteht bereits aus drei jeweils einfach in Z-Richtung verzwirnten Garnen aus Pflanzenfasern, die wiederum in S-Richtung miteinander verdreht wurden.<ref>Elizabeth W. Barber: Women’s work. The first 20.000 years. Women, cloth and society in early times. Norton & Comp., New York / London 1994, ISBN 0-393-03506-9, S. 51–52.</ref><ref>Elizabeth W. Barber: Prehistoric textiles. The evelopement of cloth in the neolithic and bronze ages with special reference to the Aegean. Princeton 1992, ISBN 0-691-00224-X, S. 40.</ref>
Zwirndrehung[Bearbeiten]
Für den Charakter des Zwirns sind die Richtung und die Anzahl der Drehungen wichtig, sowohl bei der Vorlage (d. h. dem Einzelfaden) als auch beim gezwirnten Garn. Ist die Richtung der Drehungsspirale gleich wie der Schrägstrich des Buchstaben „Z“, spricht man von Z-Drehung oder Z-Draht. Bei Drehungsspiralen, die der Richtung des Mittelteils des Buchstaben „S“ folgen, handelt es sich um Zwirne mit S-Drehung oder S-Draht.
Einfachgarne werden in der Regel in Z-Draht und Zwirne in S-Draht gefertigt.
Ist die Richtung der Zwirndrehung gleichläufig mit der Spinndrehung, entsteht ein sehr harter Zwirn (geeignet etwa für Reifencords).
Mit zunehmender Anzahl der Drehungen erhöht sich bis zum gewissen Grad die Reißfestigkeit des Zwirns (ungefähr um 20 %).
Glatte Zwirne[Bearbeiten]
Der Zweck des Zwirnens ist vor allem die Verbesserung der Reißfestigkeit und der Gleichmäßigkeit. Das Zwirnen ist unentbehrlich bei Garnen für viele Webketten (insbesondere aus reiner Wolle), Nähgarne sowie Ketten für den Reifencord.
Vorbereitungsverfahren[Bearbeiten]
- Stapelfasergarne neigen zum Kringeln<ref>Anton Schenek: Lexikon Garne und Zwirne: Eigenschaften und Herstellung textiler Fäden., Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-810-1, S. 292.</ref> Um das zu vermeiden, werden Garne vor dem Zwirnen 15–30 Minuten bei 60–80 °C gedämpft.
- Sprengen mit Emulsion (ca. 0,5 % des Garngewichtes) aus Fettsäure.
- Zweck: Reduzierung des Garnabriebs bei der Weiterverarbeitung
- Die Vorlage für die Zwirnmaschine besteht in der Regel aus gefachtem Garn, das heißt, 2–6 Fäden werden als ein Strang auf eine Spule aufgewickelt.
Das Zwirnen[Bearbeiten]
Die bekanntesten sind folgende vier Verfahren: Doppeldraht-, Ring- und Stufenzwirnen und für spezielle Zwecke das Kablieren, wobei nach dem Doppeldrahtverfahren die meisten glatten Zwirne hergestellt werden.<ref>Anton Schenek: Lexikon Garne und Zwirne: Eigenschaften und Herstellung textiler Fäden., Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-810-1, S. 518.</ref>
Funktion der Doppeldrahtmaschine:
Eine Vorlage wird auf die Hohlspindel (1) im feststehenden Topf (2) aufgesteckt. Die Garne laufen nebeneinader von oben durch die Spindel nach unten, dann wieder an der Topfaußenwand nach oben zum Fadenführer (3) und weiter zur Aufwickelvorrichtung (4). Bei jeder Spindelumdrehung erhalten die Garne eine Drehung zwischen der Vorlagespule und Spitze der Hohlspindel und eine zweite Drehung zwischen dem unteren Spindelausgang und dem Fadenführer, also eine doppelte Drehung.
Als Vorlage dient entweder eine Spule, auf der mit der Fachmaschine die zu verzwirnenden Garne nebeneinander und unverdreht aufgewunden wurden oder in einer anderen Variante mehrere Spulen mit Einfach-Garnen, die übereinander eingesetzt werden. Die Spulen für diese Variante kommen direkt von der Spinn- oder Spulmaschine ohne zusätzlichen Arbeitsschritt. Sie wird in der Regel für 2fach-Zwirne verwendet.
Moderne Doppeldrahtmaschinen können bis etwa 14.000 Spindeltouren pro Minute erreichen, also 28.000 Drehungen pro Minute einbringen. Typische Zwirndrehungen liegen zwischen 200 und 600 je Meter (T/m). Wenn eine Zwirndrehung von z. B. 350 T/m gefordert ist, erreicht der Zwirnvorgang damit eine Produktivität von 80 m/min.
Das Doppeldraht-Zwirnen ist für Standard-Anwendungen das am einfachsten zu betreibende und produktivste Verfahren. Auch die Maschinen sind vegleichsweise am günstigsten. Für das Zwirnen kleinerer Partien und für einige Spezialverwendungen sind Ring- oder Stufenzwirnmaschinen besser geeignet.
Effektzwirne[Bearbeiten]
In der Regel wird ein Effektzwirn gebildet aus
- Grundfaden (Einfachgarn oder Zwirn)
- Effektfaden- oder Faserlunte (regelmäßig oder unregelmäßig eingebunden)
- (eventuell) Fixierfaden (einfach oder gezwirnt)
Die Effekte werden
- um den Grundfaden gewickelt, dabei entstehen Bouclé, Loop, Frottée, Ondé u. ä.
- zwischen zwei Grundfäden eingebunden bei Chenille, Noppen, Flamme u. Ä.
Auf dem Bild rechts werden (von links nach rechts) gezeigt: Bouclé, Loop, Noppen und Ondé.
Den Effektzwirnen werden manchmal auch Kreppzwirne zugeordnet. Das sind glatte Zwirne mit überhöhter Drehung, die beim Einsatz im Gewebe eine besonders kernige Oberfläche bewirken (Chiffon, Crêpe de Chine, Crêpe Georgette u. ä.).
Verwendung der Effektzwirne: Dekorationsstoffe, Handstickgarne, modische Web- und Maschenware und als Einzelfäden für modische Effekte in Textilien aller Art.
Herstellung[Bearbeiten]
Die meisten Effektgarne werden auf Ringzwirn- und Hohlspindelmaschinen hergestellt.
Die Zufuhrwalzen sind für durchgehend variable Geschwindigkeit angepasst. An einigen Maschinen wird auch ein Streckwerk installiert, das Faserlunte in unterschiedlicher Stärke liefern kann.
Das Zwirnen auf Ringzwirnmaschinen wird oft in 2–3 Passagen durchgeführt, der fertige Zwirn wird meistens auf Kreuzspulen gewickelt.
An modernen Hohlspindelmaschinen wird der zugeführte Faden (oder Fäden) durch den Hohlraum der Spindel geleitet und mit einem Drallhaken verdreht. Die Drehung wird gleichzeitig mit einem Faden vom auf der Spindel aufgesetzten Kops fixiert. Die Drehungen der Spindel können sich von der Geschwindigkeit des Drallelements unterscheiden und dadurch das Aussehen und den Griff des Zwirns wesentlich beeinflussen.
Bekannt sind auch Kombinationen des Hohlspindel- und Ringzwirnverfahrens. Hersteller von Spezialmaschinen fürs Effektzwirnen bieten Anlagen an, die eine Musterung in bis zu 2000 Varianten ermöglichen.
Literatur[Bearbeiten]
- Anton Schenek: Lexikon Garne und Zwirne. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-87150-810-1.
- Fabia Denninger, Elke Giese, Herbert Ostertag: Textil- und Modelexikon. Deutscher Fachverlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-87150-848-9.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Weblinks[Bearbeiten]
- Garn- und Zwirndrehung
- Wohn-Lexikon. Lexikoneinträge zum Thema Zwirn. SN-Verlag Hamburg, abgerufen am 19. Juli 2016.*
- Zwirnmaschinen. Saurer stellt Zwirnmaschinen für Teppich- und Reifencord her. Abgerufen am 22. Februar 2018.*
- Doppeldraht-Zwirnmaschinen. Saurer stellt dafür mehrere Varianten her. Abgerufen am 16. August 2026.*