Zum Inhalt springen

Aerugit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Aerugit
Datei:Aerugite-198370.jpg
Hell- bis dunkelgrüner Kristallrasen aus Aerugit aus Johanngeorgenstadt, Erzgebirge, Sachsen (Gesamtgröße: 1,7 cm × 0,9 cm × 0,8 cm)
Allgemeines und Klassifikation
IMA-Nummer

1965 s.p.<ref name="IMA-Liste" />

IMA-Symbol

Aru<ref name="Warr" />

Chemische Formel
  • Ni8.5(AsO4)2As5+O8<ref name="IMA-Liste" />
  • Ni8.5As[6][O8|(AsO4)2]<ref name="StrunzNickel" />
  • ≈ Ni9[O4|(AsO4)3]<ref name="Klockmann" />
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Phosphate, Arsenate und Vanadate
System-Nummer nach
Strunz (8. Aufl.)
Lapis-Systematik
(nach Strunz und Weiß)
Strunz (9. Aufl.)
Dana

VII/B.06
VII/B.09-010<ref name="Lapis" />

8.BC.15
38.05.10.01
Kristallographische Daten
Kristallsystem trigonal
Kristallklasse; Symbol ditrigonal-skalenoedrisch; 32/m
Raumgruppe R3m (Nr. 166)Vorlage:Raumgruppe/166
Gitterparameter a = 5,95 Å; c = 27,57 Å<ref name="StrunzNickel" />
Formeleinheiten Z = 3<ref name="StrunzNickel" />
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 4<ref name="Handbookofmineralogy" />
Dichte (g/cm3) gemessen: 5,85(7); berechnet: 5,772<ref name="Handbookofmineralogy" />
Spaltbarkeit fehlt
Bruch; Tenazität spröde
Farbe dunkelgrasgrün, blaugrün, hellbraun<ref name="Handbookofmineralogy" />
Strichfarbe hellgrün bis hellblaugrün<ref name="Handbookofmineralogy" />
Transparenz durchscheinend<ref name="Handbookofmineralogy" />
Glanz schwacher Glas- bis Diamantglanz, Harzglanz<ref name="Mindat" />

Aerugit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ mit der chemischen Zusammensetzung Ni8.5As[6][O8|(AsO4)2]<ref name="StrunzNickel" /> und ist damit chemisch gesehen ein Nickel-Arsenat mit zusätzlichen Sauerstoffionen.

Aerugit kristallisiert im trigonalen Kristallsystem, konnte aber bisher nur in Form feinkörniger Kristalle, derber Massen und krustiger Überzüge bis etwa zwei Millimeter Dicke gefunden werden. Das durchscheinende Mineral ist von dunkelgrasgrüner bis blaugrüner oder hellbrauner Farbe und hat eine ähnliche, hellgrüne bis hellblaugrüne Strichfarbe.

Etymologie und Geschichte[Bearbeiten]

Erstmals beschrieben wurde das Mineral 1858 von Carl Wilhelm Bergemann. Er entdeckte es an einer Probe aus der Umgebung von Johanngeorgenstadt im Erzgebirge von dem Mineralogen und Mineralienhändler Adam August Krantz erhalten hatte. Dieser wiederum hatte die Probe in einer 1857 in Schneeberg aufgekauften Sammlung gefunden.<ref name="Bergemann" /> Auf der Stufe fand Bergemann insgesamt drei neue Nickelminerale, die später als Aerugit, Bunsenit und Xanthiosit bekannt wurden.

Bergemann beschrieb das erstgenannte Mineral als undurchsichtige, dunkelgrasgrüne, kristalline Masse, die an einzelnen Stellen ins Mattbräunliche überging und dort amorph wirkte. Neben einigen chemischen und physikalischen Angaben gab Bergemann mit der Formel Ni5As2O10 (berechnet aus den anteiligen Oxidverbindungen)<ref name="Witzke" /> bereits eine recht genaue chemische Zusammensetzung an. Er zögerte allerdings, dem neuen Mineral einen Namen zu geben, weil es ihm zweckmäßiger erschien, damit zu warten, bis es in größerer Menge aufgefunden wird.<ref name="Bergemann" />

Seinen bis heute gültigen Namen Aerugit erhielt das Mineral vermutlich 1869 durch den französischen Mineralogen Gilbert Joseph Adam (1795–1881)<ref name="MineralogicalRecord" />, der es in einer tabellarischen Übersicht in seiner Publikation Tableau Mineralogique aufführt. Adam gibt jedoch keine Erklärung für den Namen ab und einige der in der Tabelle angegebenen Eigenschaften wurden mit denen von Xanthiosit verwechselt, obwohl er auf die Beschreibungen von Bergemann verwies. Nach William H. Blackburn und William H. Dennen (1997) soll der Name allerdings eine Ableitung des lateinischen Wortes aeruquo (auch aerugo<ref name="Langenscheidt" />) für Grünspan in Anlehnung an die Farbe des Minerals sein.<ref name="Witzke" />

Das Typmaterial des Minerals wird im Natural History Museum (NHM-London) in London (England) unter den Katalog-Nr. 32590 und 1907,103<ref name="Handbookofmineralogy" /> oder BM 1963,481<ref name="IMA-Typmineralkatalog" /> und in der Technischen Universität Bergakademie Freiberg (TU-BA-Freiberg) unter der Katalog-Nr. 10471<ref name="IMA-Typmineralkatalog" /> aufbewahrt.

Aerugit war bereits lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt und als eigenständige Mineralart anerkannt. Damit hätte Aerugit theoretisch den Status eines grandfathered Mineral. 1965 veröffentlichten allerdings R. J. Davis, M. H. Hey und Arthur W. G. Kingsbury eine Neubeschreibung von Aerugit und Xanthiosit aus dem angeblichen Fundort South Terras Mine (auch Resugga & Tolgarrick Mine, Union Mine oder Uranium Mine) bei St Stephen-in-Brannel in der englischen Grafschaft Cornwall (Vereinigtes Königreich),<ref name="DavisHeyKingsbury" /> die mit der Veröffentlichung der New mineral names durch Michael Fleischer im Auftrag der Commission on new minerals and mineral names im gleichen Jahr bestätigt wurde.<ref name="IMA-1965" /> Auch wenn sich der Fundort später als Fälschung erwies (siehe Abschnitt Bildung und Fundorte), bedeutete dies dennoch eine nachträgliche Ankerkennung für beide Minerale. Daher werden diese seitdem in der „Liste der Minerale und Mineralnamen“ der IMA unter der Summenanerkennung „1965 s.p.“ (special procedure) geführt.<ref name="IMA-Liste" />

Klassifikation[Bearbeiten]

In der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Aerugit zur Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort zur Abteilung „Wasserfreie Phosphate, mit fremden Anionen“, wo er zusammen mit Angelellit die „Aerugit-Angelellit-Gruppe“ mit der Systemnummer VII/B.06 bildete.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer VII/B.09-010. Dies entspricht ebenfalls der Abteilung „Wasserfreie Phosphate, mit fremden Anionen F,Cl,O,OH“}, wo Aerugit zusammen mit Angelellit und Grattarolait eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer VII/B.09 bildet.<ref name="Lapis" />

Auch die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte<ref name="IMA-Liste-2009" /> 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Aerugit in die Abteilung der „Phosphate usw. mit zusätzlichen Anionen; ohne H2O“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der relativen Größe der beteiligten Kationen und dem Stoffmengenverhältnis der zusätzlichen Anionen (OH etc.) zum Phosphat-, Arsenat- bzw. Vanadatkomplex (RO4). Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit ausschließlich mittelgroßen Kationen; (OH usw.) : RO4 > 1 : 1 und < 2 : 1“ zu finden, wo es als einziges Mitglied die unbenannte Gruppe 8.BC.15 bildet.

In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Aerugit die System- und Mineralnummer 38.05.10.01. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort der Abteilung „Wasserfreie Phosphate etc.“, wo das Mineral als einziges Mitglied in einer unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 38.05.10 innerhalb der Unterabteilung „Wasserfreie Phosphate etc., mit verschiedenen Formeln“ zu finden ist.

Chemismus[Bearbeiten]

Entsprechend der letzten, von Michael E. Fleet and Jacques Barbier 1989 durchgeführten, Strukturanalyse hat Aerugit die idealisierte chemische Zusammensetzung Ni17As6O32 (auch Ni8.5As3O16).<ref name="FleetBarbier" /> In den vier Proben aus der Typlokalität Johanngeorgenstadt fanden sich allerdings auch geringe Fremdbeimengungen von Bismut, Cobalt, Eisen, Kupfer und Phosphor.<ref name="Handbookofmineralogy" />

Kristallstruktur[Bearbeiten]

Aerugit kristallisiert trigonal in der Raumgruppe R3m (Raumgruppen-Nr. 166)Vorlage:Raumgruppe/166 mit den Gitterparametern a = 5,95 Å und c = 27,57 Å sowie drei Formeleinheiten pro Elementarzelle. Die Parameter für den Rhomboeder sind r = 9,8105 Å und α = 35,312°<ref name="FleetBarbier" />

Kristallstruktur von Aerugit nach Fleet und Barbier
Farblegende: 0 Vorlage:Farbe Ni 0 Vorlage:Farbe As 0 Vorlage:Farbe O

Bildung und Fundorte[Bearbeiten]

Aerugit bildet sich als Sekundärmineral in hydrothermalen Ni-As-U-Erzlagerstätten. Als Begleitminerale treten je nach Fundort unter anderem gediegen Bismut, Bunsenit und/oder Xanthiosit auf.

Außer an seiner Typlokalität Johanngeorgenstadt konnte das Mineral in Sachsen noch in der Umgebung der nahe gelegenen Stadt Marienberg und etwa 1,5 km nordwestlich davon auf der Abrahamhalde am Schacht 139 (nicht zu verwechseln mit dem Vater Abraham Schacht, Wismutschacht 152) bei Lauta entdeckt werden.

Der bisher einzige weitere gesicherte Fundort liegt im Distrikt Ratnapura auf der Insel Sri Lanka (Stand 2025).<ref name="Fundorte" />

Bei dem 1965 durch R. J. Davis, M. H. Hey und Arthur W. G. Kingsbury publizierten Fundort South Terras Mine (auch Resugga & Tolgarrick Mine, Union Mine oder Uranium Mine) bei St Stephen-in-Brannel in der englischen Grafschaft Cornwall (Vereinigtes Königreich)<ref name="DavisHeyKingsbury" /> handelt es sich dagegen um ein gefälschtes Vorkommen. In den 1990er Jahren konnte belegt werden, dass Kingsbury eine Reihe historischer Stufen aus alten Sammlungen von verschiedenen ausländischen Fundorten umetikettiert und als selbst in Großbritannien gefundene Stücke ausgegeben hatte. Eine ausführliche Zusammenfassung der Fälschungen von Kingsbury findet sich im 2001 von George Ryback, Alan D. Hart und Chris J. Stanley publizierten Artikel A. W. G. Kingsbury's specimens of British minerals.<ref name="RybackHartStanley" />

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • C. Bergemann: XXVI. Ueber einige Nickelerze. In: Journal für Praktische Chemie. Band 75, 1858, S. 239–244 (rruff.info [PDF; 222 kB; abgerufen am 12. Mai 2025]).
  • Michael E. Fleet and Jacques Barbier: Structure of aerugite (Ni8.5As3O16) and interrelated arsenate and germanate structural series. In: Acta Crystallographica Section B. Band 45, 1989, S. 201–205, doi:10.1107/S0108768189002727.
  • Richard V. Gaines, H. Catherine W. Skinner, Eugene E. Foord, Brian Mason, Abraham Rosenzweig: Dana’s New Mineralogy. 8. Auflage. John Wiley & Sons, New York (u. a.) 1997, ISBN 0-471-19310-0, S. 734.

Weblinks[Bearbeiten]

Commons: Aerugite – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

<references> <ref name="Bergemann"> C. Bergemann: XXVI. Ueber einige Nickelerze. In: Journal für Praktische Chemie. Band 75, 1858, S. 239–244 (rruff.info [PDF; 228 kB; abgerufen am 12. Mai 2025]). </ref> <ref name="DavisHeyKingsbury"> </ref> <ref name="FleetBarbier"> Michael E. Fleet and Jacques Barbier: Structure of aerugite (Ni8.5As3O16) and interrelated arsenate and germanate structural series. In: Acta Crystallographica Section B. Band 45, 1989, S. 201–205, doi:10.1107/S0108768189002727. </ref> <ref name="Fundorte"> Fundortliste für Aerugit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 12. Mai 2025. </ref> <ref name="Handbookofmineralogy"> Aerugite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (handbookofmineralogy.org [PDF; 52 kB; abgerufen am 12. Mai 2025]). </ref> <ref name="IMA-1965"> </ref> <ref name="IMA-Liste"> Vorlage:IMA-Liste </ref> <ref name="IMA-Liste-2009"> Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="IMA-Typmineralkatalog"> Catalogue of Type Mineral Specimens – A. (PDF 357 kB) Commission on Museums (IMA), 9. Februar 2021, abgerufen am 18. Mai 2022. </ref> <ref name="Klockmann"> </ref> <ref name="Langenscheidt"> Latein-Deutsch Übersetzung für „aerugo“. Langenscheidt, abgerufen am 12. Mai 2025. </ref> <ref name="Lapis"> </ref> <ref name="Mindat"> Aerugite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 18. Mai 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="MineralogicalRecord"> Adam, Gilbert-Joseph (1795–1881). The Mineralogical Record, abgerufen am 18. Mai 2022. </ref> <ref name="RybackHartStanley"> </ref> <ref name="StrunzNickel"> </ref> <ref name="Warr"> </ref> <ref name="Witzke"> Thomas Witzke: Die Entdeckung von Aerugit. In: strahlen.org/tw. Abgerufen am 12. Mai 2025. </ref> </references>