Briefmarkenhandlung
Eine Briefmarkenhandlung ist ein Handelsgeschäft, Versandhandel oder Auktionshaus für Briefmarken, Postwertzeichen, Ganzsachen, Briefe, postgeschichtliche Belege, philatelistische Literatur und Zubehör. Einzelpersonen, die in diesem Bereich gewerblich tätig sind, werden Briefmarkenhändler genannt. Zum Briefmarkenhandel gehören neben klassischen Ladengeschäften auch Auktionen, Lagerlisten, Preislisten, Versandhandel, Onlinehandel und Händlerstände auf Briefmarkenausstellungen.
Geschichte[Bearbeiten]
Der gewerbliche Briefmarkenhandel entstand kurz nach der Verbreitung des Briefmarkensammelns in den 1850er und 1860er Jahren. Er entwickelte sich zunächst aus angrenzenden Geschäftszweigen wie Buchhandel, Antiquariat, Münzhandel, Papierwarenhandel, Apotheken, Kuriositätenhandel und dem Handel mit Sammlerbedarf. Frühe Händler verkauften häufig nicht nur Marken, sondern veröffentlichten auch Preislisten, Briefmarkenkataloge, Briefmarkenalben und philatelistische Zeitschriften.
Eine einzelne „erste Briefmarkenhandlung der Welt“ lässt sich in der Literatur nicht eindeutig festlegen, weil frühe Händler unterschiedliche Geschäftsformen nutzten: Ladentisch, Buchhandlung, Marktstand, Versandhandel oder offene Sammlerbörse. In der philatelistischen Literatur werden mehrere frühe Händler mit entsprechenden Prioritätsansprüchen genannt.
Jean-Baptiste Moens in Brüssel wird häufig als erster Briefmarkenhändler oder als einer der ersten Briefmarkenhändler bezeichnet. Moens war ursprünglich Buchhändler und begann nach einer Darstellung der Philatelic Literature Review bereits 1852 mit dem Geschäft; dieselbe Quelle formuliert vorsichtig, einige betrachteten ihn als ersten Briefmarkenhändler.<ref name="PLR2016">Philatelic Literature, Its Lore and Heritage. (PDF) In: Philatelic Literature Review. 2016, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Edward Stanley Gibbons begann 1856 in Plymouth mit einem kleinen Briefmarkenverkauf in der Apotheke seines Vaters. Das daraus hervorgegangene Unternehmen Stanley Gibbons bezeichnet sich als ältesten noch bestehenden Händler für seltene Briefmarken und als seit 1856 bestehend.<ref name="StanleyGibbons">Stanley Gibbons. Stanley Gibbons Baldwin's, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Der Umzug nach London erfolgte erst 1874; deshalb ist 1874 nicht als Gründungsjahr des Unternehmens, sondern als Beginn der Londoner Phase zu verstehen.<ref name="Phillips1906"></ref>
Für London wird außerdem William Simpson Lincoln als früher Händler genannt. Die Association of British Philatelic Societies bezeichnet ihn als ersten Briefmarkenhändler in London um 1856; Lincoln selbst beanspruchte, der älteste etablierte Briefmarkenhändler der Welt zu sein.<ref name="ABPS">Who Was Who in Philately. Association of British Philatelic Societies, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Arthur Maury gehörte zu den frühesten französischen Briefmarkenhändlern. Er begann nach einer Darstellung von Christer Brunström im Alter von 16 Jahren mit dem Handel und verkaufte wahrscheinlich zunächst auf dem 1860 entstandenen offenen Briefmarkenmarkt in den Gärten des Palais Royal in Paris. Später eröffnete er sein erstes Geschäft in der Rue Richelieu und gründete 1864 mit Le Collectionneur de timbres-poste eine der frühen philatelistischen Fachzeitschriften Frankreichs.<ref name="BrunstromMaury">Christer Brunström: Curious Poster Labels Advertise Parisian Stamp Dealer. (PDF) In: Stamp News Online. Abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
In New York City gehörte William Penn Brown zu den frühesten Briefmarkenhändlern. Die American Stamp Dealers Association schreibt, Brown habe 1860 begonnen und sich selbst als zweitältesten Briefmarkenhändler New Yorks bezeichnet.<ref name="ASDABrown">William P. Brown. American Stamp Dealers Association, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Eine andere Darstellung nennt ihn den ersten amerikanischen Briefmarkenhändler seit 1859, weist aber zugleich darauf hin, dass Brown sich selbst hinter James Brennan einordnete und dass auch George Hussey, James Brennan und Brown ungefähr gleichzeitig mit dem Handel begonnen haben könnten.<ref name="NumismaticBrown">Brown, William Penn. In: Encyclopedic Dictionary of Numismatic & Philatelic Biographies. Abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Die frühere Aussage, die weltweit erste Briefmarkenhandlung sei 1860 in New York eröffnet worden, ist daher zu eng und sollte nicht mehr absolut formuliert werden.
Deutschland[Bearbeiten]
In Deutschland gehörte die Leipziger Firma Zschiesche & Köder zu den frühesten und wahrscheinlich ältesten Briefmarkenhandlungen. Carl Christian Zschiesche und Carl Eduard Köder gründeten am 22. Oktober 1855 zunächst ein Antiquitäten- und Münzgeschäft in Leipzig. Am 18. Juni 1862 erweiterten sie ihre im Handelsregister eingetragene Gewerbetätigkeit auf Briefmarken; noch 1862 erschien ihre erste Briefmarken-Preisliste.<ref name="Garcarek2022">Hans-Peter Garcarek: Zschiesche, Carl Christian. In: Phila Historica. Nr. 3, 2022, S. 236–237 (philahistorica.de [PDF; abgerufen am 5. Juli 2026]).</ref> Ein erhaltenes Exemplar der Uebersicht aller bekannten, von 1849–1862 emittirten Franco-Marken nennt das Unternehmen als „Antiquitäten- u. Münzgeschäft von Zschiesche & Köder“ und bot Briefmarken ausdrücklich an Sammler zum Kauf an.<ref name="ZK1862">Uebersicht aller bekannten, von 1849–1862 emittirten Franco-Marken. Zschiesche & Köder, Leipzig 1862 (org.uk [PDF; abgerufen am 5. Juli 2026]).</ref> Das Münzkabinett Berlin führt Zschiesche & Köder ebenfalls als Leipziger Händler mit Gründungsdaten 1855 und 1862 und nennt die Auflösung des Unternehmens 1910.<ref name="MKBZK">Zschiesche & Köder (Leipzig). In: Münzkabinett Authority File Portal. Staatliche Museen zu Berlin, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Zschiesche & Köder waren nicht nur Händler, sondern auch frühe Anbieter philatelistischer Literatur. Von 1863 bis 1867 gaben sie das Magazin für Briefmarken-Sammler heraus, die erste deutsche philatelistische Zeitschrift.<ref name="Beech2016"></ref>
Zu den weiteren frühen deutschen Briefmarkenhändlern und philatelistischen Verlegern gehörten Anbieter in Breslau, Dresden, Mannheim, Stuttgart und erneut Leipzig. In der Crawford Library sind mehrere frühe deutsche Preislisten und Kataloge aus den 1860er Jahren nachgewiesen, darunter Kataloge von Zschiesche & Köder, L. Priebatsch, F. Elb, dem Literarischen Museum in Leipzig, C. Mann und A. Lauber.<ref name="Beech2016" />
Handelsformen und Bedeutung[Bearbeiten]
Briefmarkenhandlungen können als Ladengeschäft, Versandhandlung, Auktionshaus, Verlag oder Onlinehändler auftreten. Klassische Ladengeschäfte boten neben Einzelmarken und Sammlungen häufig Alben, Klemmtaschen, Einsteckbücher, Briefmarkenpinzetten, Lupen, Kataloge und Fachliteratur an.
Eine besondere Rolle spielte der Handel bei der Herausbildung philatelistischer Standards. Händler mussten Marken bestimmen, nach Erhaltung bewerten, Fälschungen erkennen, Marktpreise bilden und Sammlungen auflösen. Bedeutende Händler wurden deshalb zugleich als Autoren, Herausgeber, Prüfer, Auktionatoren oder Organisatoren von Ausstellungen tätig. Aus Händlerlisten entstanden frühe Briefmarkenkataloge; aus Händlerblättern und Vereinsblättern entwickelten sich philatelistische Fachzeitschriften.
Fortbestehende Traditionsunternehmen[Bearbeiten]
Die folgende Auswahl nennt heute noch bestehende Unternehmen, die für den Briefmarkenhandel, das Katalogwesen oder das philatelistische Auktionswesen besonders prägend wurden. Gerade bei älteren Firmen ist zu beachten, dass der Briefmarkenhandel häufig aus einem anderen Geschäft heraus entstand, etwa aus einer Apotheke, einem Buch- oder Münzgeschäft, einer Druckerei oder einem Versandhandel.
| Unternehmen | Land | Beginn des Briefmarkenbezugs | Einordnung |
|---|---|---|---|
| Stanley Gibbons | Vereinigtes Königreich | 1856 | Briefmarkenhandel, Kataloge und Auktionen<ref name="StanleyGibbons" /> |
| Richard Borek | Deutschland | 1893 | Versandhandel, Kataloge und Sammlerbedarf<ref name="Borek">Richard Borek Group Celebrates 125th Anniversary. In: CoinsWeekly. 30. Januar 2018, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> |
| Yvert et Tellier | Frankreich | 1895 | philatelistischer Verlag, Kataloge und Zubehör<ref name="Yvert">Y is for Yvert & Tellier. Smithsonian National Postal Museum, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> |
| Zumstein & Cie. | Schweiz | 1905 | Briefmarkenhandel, Zumstein-Kataloge und Berner Briefmarken-Zeitung<ref name="HLSZumstein">Werner Bosshard: Zumstein. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 21. Februar 2014, abgerufen am 5. Juli 2026.</ref> |
| Heinrich Köhler | Deutschland | 1913 | philatelistisches Auktionshaus<ref name="Koehler">Company History. Auktionshaus Heinrich Köhler, abgerufen am 5. Juli 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> |
| Karl Pfankuch & Co | Deutschland | 1919 | Briefmarkenhandlung und Auktionshaus |
| Hermann E. Sieger | Deutschland | 1922 | Versandhandel für Briefmarken und philatelistische Belege |
Bekannte Briefmarkenhändler[Bearbeiten]
- William Penn Brown (1841–1929), US-amerikanischer Briefmarkenhändler und Auktionator
- Jean-Baptiste Moens (1833–1908), belgischer Briefmarkenhändler, Autor und Herausgeber von Le Timbre-Poste
- Arthur Maury (1844–1907), französischer Briefmarkenhändler und Katalogherausgeber
- Edward Stanley Gibbons (1840–1913), britischer Briefmarkenhändler und Gründer von Stanley Gibbons
- Théodore Champion (1873–1954), schweizerisch-französischer Briefmarkenhändler
- John Walter Scott (1845–1919), US-amerikanischer Briefmarkenhändler und Katalogherausgeber
- David Feldman (* 1947), irischer Briefmarkenauktionator
- Philipp Kosack (1869–1938), deutscher Briefmarkenhändler
- Hugo Krötzsch (1858–1937), deutscher Briefmarkenhändler
- Théophile Lemaire (1865–1943), französischer Briefmarkenhändler
- Hugo Michel (1866–1944), deutscher Briefmarkenhändler
- Hermann E. Sieger (1902–1954), deutscher Briefmarkenhändler
- Henry Stolow (1901–1971), lettischstämmiger Briefmarkenhändler
- Karl Pfankuch (1883–1952), deutscher Buchhändler, Verleger, Antiquar und Briefmarkenhändler
- Ernst Zumstein (1880–1918), Schweizer Briefmarkenhändler, Verleger und Katalogautor
Siehe auch[Bearbeiten]
- Briefmarkenkatalog
- Philatelistische Literatur
- Liste philatelistischer Zeitschriften
- Liste philatelistischer Bibliotheken
- Briefmarkenausstellung
Weblinks[Bearbeiten]
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />