David Roentgen
David Roentgen (* 11. August 1743 in Herrnhaag; † 12. Februar 1807 in Wiesbaden) war ein deutscher Ebenist (Kunsttischler) und Kabinettmacher.
Herkunft[Bearbeiten]
David Roentgen, ältester Sohn von Abraham Roentgen (1711–1793) und Susanne Maria Bausch († 1776), wurde in Herrnhaag, einer Siedlung in der Gemarkung des Büdinger Stadtteils Lorbach im hessischen Wetteraukreis geboren.
Nach dem Tod des Grafen Ernst Casimir I. (Ysenburg und Büdingen) im Jahre 1749 wies sein Sohn und Nachfolger Graf Gustav Friedrich (1715–1768) 1750 die Herrnhuter aus dem Isenburger Land. 41 Herrnhuter, darunter die Familie Roentgen, zogen daraufhin auf Einladung des religiös toleranten Grafen Friedrich Alexander zu Wied-Neuwied in die erst 100 Jahre zuvor gegründete Stadt Neuwied.
Leben und Wirken[Bearbeiten]
David besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr die Herrnhuter Bildungsanstalten in Marienborn, Lindheim und Niesky/Oberlausitz. Er kehrte nach seiner Schulausbildung 1753 zu seinen Eltern nach Neuwied zurück. Hier absolvierte er ab 1757 – wie später auch seine jüngeren Brüder – eine Schreinerlehre bei seinem Vater in Neuwied am Rhein und trat nach seinen Wanderjahren, in denen er unter anderem die fortschrittlichen Londoner Möbelmanufakturen kennenlernte, als Geselle wieder in die väterliche Schreinerei ein.
David wurde zu einem der besten Ebenisten seiner Zeit, auch wenn er im Gegensatz zu seinem Vater bald nicht mehr selbst an den Stücken arbeitete, sondern lediglich Entwürfe anfertigte und diese von seinen Angestellten ausführen ließ.<ref>Maren-Sophie Fünderich: Perfektion in Technik und Form. Unternehmensstrategien in der Möbelfertigung zwischen 1750 und 1914. In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte. Band 68, Nr. 1, 17. März 2023, S. 37–62, doi:10.1515/zug-2022-0033. hier: S. 43.</ref> Sein Talent für Organisation und Vermarktung zeigte sich 1769, als das damals noch vergleichsweise kleine Unternehmen seines Vaters am Rand des Bankrotts stand. Die Rezession der 1760er Jahre machte auch vor dem Adel nicht halt. Produktion auf Vorrat, langzeitiges Lagern der teuren, exotischen Edelhölzer zum Trocknen sowie Vorratshaltung teurer Materialien wie Elfenbein, Perlmutt oder feuervergoldete Bronzebeschläge brachten Abraham Roentgen in finanzielle Schwierigkeiten. David Roentgen überredete seinen Vater dazu, das Möbellager durch die Veranstaltung einer Lotterie zu leeren und so die schlimmsten finanziellen Sorgen abzuschütteln. David Roentgen unterhielt gute Verbindungen zu verschiedenen deutschen Herrscherhäusern. 1771 erhielt er den Auftrag, das neuerbaute Gartenschloss in Wörlitz-Dessau mit einigen Möbeln auszustatten. Dieser Bau wurde binnen kurzem zum Mekka des modebewussten deutschen Adels, da hier zum ersten Mal der aus England kommende, neue Stil des Klassizismus baulich umgesetzt worden war.
1772, noch zu Lebzeiten seines Vaters, wurde David Roentgen die Leitung des Betriebs übertragen, den er zu einem Unternehmen von Weltruf ausbaute. 1774 reiste Roentgen erstmals nach Paris. Er erkannte den Stilumbruch vom Rokoko zum Klassizismus und übertrug die reichen Intarsienverzierungen der Inneneinrichtungsgegenstände auf die in Paris gesehenen neuen Möbeltypen. Dabei unterlagen auch die Motive einem Wandel: Von den verspielten peinture en bois des Rokoko entwickelten sie sich mehr und mehr zur strengeren Klarheit flächiger Bauteile. Vor allem seine Stücke mit raffiniert angelegten Geheimfächern und ausgeklügelten technischen Spielereien nach Londoner Vorbild wurden berühmt. Hierbei arbeitete er eng mit dem Uhrmacher und Erfinder Peter Kinzing zusammen.
Es folgte eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Eine Betriebsorganisation mit Gruppenarbeit und Rationalisierung, die Verwendung einheimischer Obsthölzer anstelle der teureren exotischen sowie vielerlei andere Maßnahmen zur Kostenreduzierung verbesserten die wirtschaftliche Lage. Marktbeobachtung und aktive -Beeinflussung befähigten Roentgen, immer wieder lukrative Aufträge zu erhalten. Als Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine profitierte er auch von deren gutem wirtschaftlichem Ruf. Da die väterliche Werkstatt vom Zunftzwang befreit war, der die Höchstzahl von einem Gesellen und zwei Lehrlingen vorschrieb, stieg die Zahl seiner Beschäftigten bis Ende der 1780er Jahre auf rund 100, zu denen die Mitarbeiter der Pariser Niederlassung hinzukamen. Zu den bekannten Mitarbeitern zählt Johann Michael Rummer. Ergänzt und erweitert wurde die Leistungsfähigkeit der Werkstatt durch ein Netz spezialisierter Zuliefererfirmen, zu denen u. a. auch arrivierte Künstler als Entwerfer gehörten. So entstand eine Manufaktur, in der aber noch gänzlich von Hand gearbeitet wurde. Dennoch wurden jährlich mehrere hundert Möbel für den Export gefertigt.
Roentgen belieferte fast alle Fürsten- und Königshäuser Europas, den Adel und wohlhabende Bürger mit seinen künstlerisch gestalteten Möbeln. Vom preußischen König wurde er zum „Geheimen Kommerzienrat“ ernannt. Nachdem er sich 1780 das Meisterrecht in Paris erkauft hatte und damit auch den französischen Hof beliefern durfte, erhielt er von dem handwerklich interessierten Ludwig XVI. den Titel Ebeniste Mecanicien du Roi et de la Reine (Königlicher Kunsttischler für mechanische Möbel). Die meisten seiner Röntgenmöbel verkaufte er aber in den 1780er Jahren an den Hof der Zarin Katharina der Großen von Russland.
Zu Höhepunkten der Werkstatt-Tätigkeit dürfen aufwändig verarbeitete, mit raffinierten Details versehene Kunstschränke aus der Manufaktur David Roentgens zählen.<ref>MAK Blog. Museum für angewandte Kunst Wien; abgerufen am 17. September 2024.</ref> Heute ist bekannt, dass von einem der kostbaren Kunstschränke aus der Werkstatt Roentgen drei Exemplare existieren. Diese wurden für verschiedene europäische Höfe hergestellt und konnten gleichsam die Bekanntheit der Erzeugnisse der Werkstatt steigern. Heute befindet sich ein für den Brüsseler Hof hergestelltes, über einen Zeitraum von drei Jahren bis 2021 restauriertes Exemplar des Kunstschranks (1775/76) im Museum für angewandte Kunst in Wien. Ein weiteres Exemplar des Kunstschranks, das sogenannte Neuwieder Kabinett (1779), befindet sich heute im Kunstgewerbemuseum Berlin. Teile eines weiteren, für den französischen Hof hergestellten Kunstschrankes (1778/79) werden heute vom Bayerischen Nationalmuseum in München aufbewahrt.
Kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution wurde deutlich, dass die Roentgen-Werkstatt ihren Zenit überschritten hatte: Der französische König ließ einen der erwähnten, teuer bezahlten Prunkschreibtische zerlegen, weil er ihm ästhetisch missfiel, die russische Zarin verweigerte gar die Annahme einer ganzen Warensendung aus demselben Grund.<ref>Christian Zander: David Roentgen – berühmt, Konkurs … vergessen! In: Ders.: Das Tischlerhandwerk in Deutschland (1350–1870). Hamburg 2013, S. 239–270.</ref> 1794 wurde Roentgen von den revolutionären neuen Machthabern in Frankreich in einem Revolutionserlass als Konterrevolutionär (émigré) eingestuft, und er musste vor den französischen Truppen fliehen, die die linksrheinischen Gebiete und auch die Stadt Neuwied, Sitz der Roentgen-Werkstatt, besetzt hatten. Der sich ankündigende erneute Geschmackswandel und der durch die Französische Revolution verursachte politische Zusammenbruch des bisherigen Marktes zwangen Roentgen in den folgenden Jahren bis zu seinem Tode in die permanente Nähe eines Konkurses. Der Betrieb schrumpfte und wurde 1791 ganz aufgegeben.<ref>Maren-Sophie Fünderich: Perfektion in Technik und Form. Unternehmensstrategien in der Möbelfertigung zwischen 1750 und 1914. In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte. Band 68, Nr. 1, 17. März 2023, S. 37–62, doi:10.1515/zug-2022-0033. hier: S. 43.</ref> Danach versuchte Roentgen noch einige Jahre, die bereits hergestellten Produkte zu verkaufen. Er starb 1807 auf einer diplomatischen Reise im Dienst der Herrnhuter Brüdergemeine.
Familie[Bearbeiten]
David Roentgen heiratete am 19. April 1773 in Sundhofen (Elsass) Catharina Dorothea (* 1749; † 25. Mai 1825), Tochter des dortigen Pfarrers Emmanuel Scheurer und Maria Salome Faudel, mit der er acht Kinder hatte.
- Emanuel (* 20. Januar 1774 in Neuwied; † 28. September 1781)
- Johann Abraham Roentgen, (* 13. März 1776; † 31. Dezember 1776)
- Philipp Jakob Roentgen, (* 19. Dezember 1777; † 16. April 1855 in Königsberg/Preußen):⚭ 15. August 1804 Juliane Marie Henrietta Stobwasser (* 15. August 1804 in Braunschweig; † Januar 1841 in Christiansfeld/Dänemark) Tochter von Johann Heinrich Stobwasser (1740–1829) und Sophie Elisabeth Gersting (1745–;1809)
- Maria Salome Roentgen, (* 27. Januar 1780; † 29. Januar 1780)
- Gottfried Leonhard August von Roentgen (* 10. Juni 1781 in Neuwied; † 5. August 1865 in seinem Landhaus in Fahr), Jurist und Diplomat ⚭ Carolina Oliva von Trepka, (1815–1851)
- Catharina (*/† 1783)
- Dorothea (*/† 1783)
- Georg Heinrich Roentgen (* 27. Januar 1787; † 1811 in Marokko bei Mogadar/Afrika), Deutscher Biologe und Afrika-Forschungsreisender, wurde auf einer Expedition in Afrika von seinem weißen Begleiter beraubt und ermordet.
Davids Ehefrau Catharina vermählte sich nach seinem Tod in zweiter Ehe am 3. Juni 1812 in Sundhofen (Elsass) mit dem Lackwarenfabrikanten und Erfinder Johann Heinrich Stobwasser (* 16. November 1740; † 31. August 1829).
Sonstiges[Bearbeiten]
Zu Möbeln aus der Röntgen-Werkstatt zählen beispielsweise Kunstschränke. Die Möbel waren zu ihrer Zeit so bekannt und geschätzt, dass Goethe sie in einer Erzählung erwähnt:
„Wer einen künstlichen Schreibtisch von Röntgen gesehen hat, wo mit einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und Schreibzeug, Brief- und Geldfächer sich auf einmal oder kurz nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen können, wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich meine süße Begleiterin nunmehr hineinzog.“
Siehe auch[Bearbeiten]
- Marketerietafeln von Januarius Zick und David Roentgen
- Kunstschränke aus der Manufaktur David Roentgen
Literatur[Bearbeiten]
- Huth, Hans: Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Moebelwerkstatt. Berlin 1928.
- Josef Greber: David Roentgen, der königliche Kabinettmacher aus Neuwied. Neuwied 1948.
- Michael Stürmer: Handwerk und höfische Kultur. München 1982, ISBN 3-406-08284-X.
- W. F. Schmidt u. a.: Kinzing u. Roentgen. Uhren aus Neuwied. Leben u. Werk der Uhrenmacherfamilien Kinzing u. der Kunstschreiner Abraham u. David Roentgen. Bad Neustadt 1984.
- Dietrich Fabian u. a.: Roentgenmöbel aus Neuwied. Leben u. Werk von Abraham u. David Roentgen. Bad Neustadt 1986.
- Melanie Doderer-Winkler: Abraham und David Roentgen (1711–1793; 1743–1807). In: Franz-Josef Heyen (Hrsg.): Rheinische Lebensbilder. Band 17. Köln 1997, S. 57–78.
- Peter Prange: Roentgen, David. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 21. Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
- Andreas Büttner, Ursula Weber-Woelk, Bernd Willscheid (Hrsg.): Edle Möbel für höchste Kreise - Roentgens Meisterwerke für Europas Höfe. Katalog Roentgen-Museum Neuwied 2007.
- Petra Krutisch: Weltberühmt und heiß begehrt: Möbel der Roentgen-Manufaktur in der Sammlung des Germanischen Nationalmuseums. Nürnberg 2007, ISBN 978-3-936688-25-2.
- Achim Stiegel: Präzision und Hingabe. Möbelkunst von Abraham und David Roentgen, Ausstellungskatalog, Berlin 2007.
- Wolfgang Thillmann, Bernd Willscheid (Hrsg.): Möbeldesign - Roentgen, Thonet und die Moderne. Roentgen-Museum Neuwied 2011.
- Christian Zander: David Roentgen - berühmt, konkurs … vergessen. In: Ders.: Das Tischlerhandwerk in Deutschland (1350–1870). Hamburg 2013, S. 239–270.
- Detlev Richter, Bernd Willscheid: Reinheit, Feuer & Glanz - Stobwasser und Roentgen. Kunsthandwerk von Weltrang. Roentgen-Museum Neuwied 2013, ISBN 978-3-9814662-5-6.
- Manuel Mayer: Die Verwirklichung eines Möbels. Der Schreibsekretär von Abraham Roentgen in der Residenz zu Würzburg. In: Mainfränkisches Jahrbuch für Kunst und Geschichte. Band 70 (= Archiv des Historischen Vereins für Unterfranken und Aschaffenburg. Band 141). Würzburg 2018, ISBN 978-3-88778-555-0, S. 239–259.
- Maren-Sophie Fünderich: Wohnen im Kaiserreich. Einrichtungsstil und Möbeldesign im Kontext bürgerlicher Selbstrepräsentation, De Gruyter Verlag, Berlin / Boston 2019, S. 160–163. ISBN 978-3-11-065025-9
- Bernd Willscheid (Hrsg.): Roentgen & Kinzing à Neuwied - Möbel und Uhren für Europa. Roentgen-Museum, Neuwied 2022, ISBN 978-3-9822723-0-6.
- Maren-Sophie Fünderich: Die Roentgens und die Anfänge der Serienmöbelfertigung im 19. Jahrhundert. In: Heimat-Jahrbuch Neuwied, 2023, S. 137–147.
- Christine Cornet, Bernd Willscheid: Möbel à la Roentgen: Inspirationen aus der Neuwieder Manufaktur. Goerres-Druckerei und Verlag, Neuwied 2023, ISBN 978-3-9822723-4-4.
Weblinks[Bearbeiten]
- Literatur von und über David Roentgen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Suche nach David Roentgen im Online-Katalog der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz <ref>Achtung: Die Datenbasis hat sich geändert; bitte Ergebnis überprüfen und
SBB=1setzen, wenn Ergebnis sinnvoll.</ref> - Roentgen, David. Hessische Biografie. (Stand: 3. März 2020). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- David Roentgen in der Rheinland-Pfälzischen PersonendatenbankVorlage:Abrufdatum
- Website des Roentgenmuseums (Kreismuseum) in Neuwied
- Sebastian Hackenschmidt: Der Kunst- und Kabinettschrank von David Roentgen: Eine neue Serie am MAK-Blog widmet sich dem herausragenden Sammlungsstück. In: MAK Blog. Museum für Angewandte Kunst Wien, 5. Juli 2021, abgerufen am 16. September 2024.
- Demonstration verschiedener Roentgenmöbel youtube
- Demonstration of David Roentgen’s Automaton of Queen Marie Antoinette, The Dulcimer Player youtube
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Roentgen, David |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Kunsthandwerker |
| GEBURTSDATUM | 11. August 1743 |
| GEBURTSORT | Herrnhaag |
| STERBEDATUM | 12. Februar 1807 |
| STERBEORT | Wiesbaden |