Die Elixiere des Teufels
Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners. Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier ist der vollständige Titel von E. T. A. Hoffmanns 1815/16 in zwei Teilen erschienenem Roman.
Mit den Elixieren verfasste Hoffmann seinen ersten erhaltenen Roman. Das Werk wird in die Epoche der Romantik und innerhalb dieser in die Strömung der Schwarzen Romantik eingeordnet. Der Roman weist Merkmale des Schauerromans auf, geht durch die tiefere Psychologie der Gestaltung jedoch über die Gattung hinaus. Werke wie die Elixiere trugen wesentlich zur Psychologisierung der Literatur bei. In der neueren Forschung wird der Roman als Gattungsmischung aus Schauerroman, psychologischem Roman und Autobiografie mit Tendenzen zum Abenteuer- und Bildungsroman eingeordnet. Die Elixiere zählen zu den in Deutschland seltenen Unterhaltungsromanen von literarischem Rang.
In den Elixieren tritt das Motiv des Doppelgängers erstmals als zentrales Handlungsmoment eines literarischen Werkes auf. Die Doppelgängermotive der späteren Literatur der Moderne können beinahe durchgängig auf Hoffmann und zum großen Teil auf die Elixiere zurückgeführt werden.
Die Elixiere wurden insgesamt dreimal verfilmt. Die erste Verfilmung aus dem Jahr 1922 ist nicht erhalten geblieben. 1973 entstand eine DEFA-Verfilmung in der DDR, 1976 folgte eine bundesdeutsche Produktion.
Inhalt[Bearbeiten]
Der Protagonist Franz(iskus) verliert früh seinen Vater und wird von seiner Mutter in ein Kapuzinerkloster gegeben. Dort nimmt er den Ordensnamen Medardus an und entwickelt sich zu einem begabten Prediger, dessen Erfolg ihn zunehmend hochmütig werden lässt. Als Verwalter der Reliquien des Klosters trinkt er verbotenerweise von einem Wein, der in einem Reliquiar aufbewahrt wird und als das Elixier des Heiligen Antonius gilt. Mit diesem Elixier soll der Teufel einst vergeblich versucht haben, Antonius in Versuchung zu führen. Nach dem Trank erwachen in Medardus besondere Fähigkeiten, vor allem sein Rednertalent, zugleich aber auch starke Begierden und eine zunehmende innere Zerrissenheit. Als ihm Aurelie, die Tochter des Barons von F., im Beichtstuhl ihre Liebe gesteht („Du selbst – Du selbst, Medardus bist es, den ich so unaussprechlich liebe!“),<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 47.</ref> sieht er ihr Gesicht nicht und glaubt, die Heilige Rosalia vor sich zu haben. Daraufhin beschließt er, aus dem Kloster zu fliehen, um sie zu suchen: „Endlich stand es fest in meiner Seele, meiner Qual durch die Flucht aus dem Kloster ein Ende zu machen. Denn nur die Befreiung von den Klostergelübden schien mir nötig zu sein, um das Weib in meinen Armen zu sehen und die Begierde zu stillen, die in mir brannte.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 48.</ref>
Der Prior des Klosters kommt ihm jedoch mit einem Auftrag nach Rom zuvor, sodass er das Kloster auf rechtmäßige Weise verlassen kann. Auf der Reise sieht Medardus den Grafen Viktorin auf einem Felsvorsprung schlafen. Beide sehen sich zum Verwechseln ähnlich und wissen nicht, dass sie Halbbrüder sind. Als Medardus den Grafen Viktorin vor dem drohenden Absturz warnt, fällt dieser in die Schlucht. Medardus hält ihn zunächst für tot. Viktorin hat den Sturz jedoch überlebt, verliert infolge einer Kopfverletzung zeitweise sein Gedächtnis und verfällt wiederholt dem Wahnsinn. Dadurch hält er sich schließlich selbst für Medardus und tritt unter dessen Namen auf.
Da Viktorin sich vor seinem Sturz als Mönch verkleidet hatte, um seine Geliebte Euphemie heimlich zu treffen, wird Medardus aufgrund seiner äußeren Ähnlichkeit mit ihm für Viktorin gehalten. Auf dem Schloss des Barons von F. hält Euphemie ihn deshalb für ihren Geliebten. Medardus erfährt, dass Aurelie die Tochter des Barons ist. Nachdem er Euphemie seine wahre Identität offenbart hat, versucht sie, ihn zu vergiften. Medardus vertauscht jedoch die Gläser, woraufhin Euphemie selbst stirbt. Anschließend versucht er in einem Anfall von Wahnsinn, Aurelie zu vergewaltigen, wird jedoch von ihrem Bruder Hermogen daran gehindert. Im Kampf tötet Medardus Hermogen und flieht.
Medardus gelangt an den Hof eines Fürsten, wo er unter dem Namen Leonard als Gelehrter auftritt. Bei der Veränderung seines Äußeren ist ihm der Friseur Pietro Belcampo behilflich. Auch Aurelie kommt an den Hof und erkennt in Leonard den Mönch Medardus und den Mörder ihres Bruders wieder. Medardus wird daraufhin gefangen genommen. Inzwischen gibt sich Viktorin, der den Sturz überlebt hat und dem Wahnsinn verfallen ist, als Medardus aus und gesteht den Mord an Hermogen, woraufhin Medardus, der eigentliche Mörder, freikommt. Aurelie hält ihre frühere Anschuldigung nun für einen Irrtum und verliebt sich in Leonard, der in Wahrheit Medardus ist. Beide beschließen, zu heiraten. Kurz vor der Hochzeit wird Viktorin als vermeintlicher Medardus zur Hinrichtung geführt. Dies löst bei Medardus einen Anfall von Wahnsinn aus, in dessen Verlauf er Aurelie den Mord an ihrem Bruder gesteht („Ha ha ha … Wahnsinniges, töriges Weib … ich … ich, dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus … bin deines Bruders Mörder“)<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 235.</ref> und versucht, sie mit einem Messer zu töten. Dabei verletzt er jedoch nicht Aurelie, sondern sich selbst. Bei der Flucht hilft ihm der Friseur Pietro Belcampo. Als Medardus in einem Wald seinem Doppelgänger Viktorin begegnet, kommt es zu einem Kampf und einer längeren Verfolgung: „Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppeltgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 237.</ref> In der Folge der Anstrengungen wird er ohnmächtig. Schließlich findet ihn Belcampo und bringt ihn zur Pflege in ein Kloster.
Medardus gelangt nach Rom, bereut seine Taten und leistet Buße. Er gewinnt die Gunst des Papstes, erregt damit jedoch den Neid der Dominikaner, die einen Giftanschlag auf ihn verüben. Nachdem Medardus den Giftanschlag überlebt hat, verlässt er Rom und kehrt in sein Kloster zurück. Dort tritt Aurelie als Nonne in den Orden ein. Während ihrer Einkleidung kämpft Medardus ein letztes Mal gegen seine Leidenschaft und überwindet seine Begierden. In diesem Augenblick dringt Viktorin in einem Wahnsinnsanfall in die Kirche ein und ersticht Aurelie. Ihr Tod wird als Märtyrertod gedeutet und mit der Heiligen Rosalia verglichen („Ein Mirakel – ein Mirakel ja sie ist eine Märtyrin. – Sancta Rosalia, ora pro nobis“).<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 320.</ref> Vor ihrem Tod erlöst sie Medardus von seinen Gewissensqualen. Ein Jahr später stirbt Medardus „sehr fromm“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 330.</ref> eines natürlichen Todes.
Form[Bearbeiten]
Aufbau[Bearbeiten]
Der Roman besteht aus zwei Bänden, die jeweils einen Teil bilden. Der erste Teil umfasst vier, der zweite Teil drei Abschnitte. Die einzelnen Abschnitte sind betitelt und verweisen chronologisch auf die Stationen der autobiografischen Lebensgeschichte des Protagonisten Medardus. So lauten die Titel der vier Abschnitte im ersten Teil: Die Jahre der Kindheit und des Klosterlebens, Der Eintritt in die Welt, Die Abenteuer der Reise und Das Leben am fürstlichen Hofe. Die drei Abschnitte des zweiten Teils markieren eine Wende der Autobiografie, da die Buße nun eine zentrale Stellung einnimmt, und schildern die weiteren Stationen bis zum Lebensende des Protagonisten: Der Wendepunkt, Die Buße und Die Rückkehr in das Kloster.
Im Aufbau des Romans lässt sich eine Rahmenkonstruktion erkennen. Den hinterlassenen Aufzeichnungen, der Autobiografie des Medardus, ist ein Vorwort des fiktiven Herausgebers vorangestellt. Den Abschluss bildet das mit Nachtrag des Paters Spiridion, Bibliothekar des Kapuzinerklosters zu B. überschriebene letzte Kapitel. Vorwort und Nachtrag fungieren dabei als Anfang und Ende der Rahmenkonstruktion. Sie gehören jedoch unterschiedlichen narrativen Ebenen an, da der fiktive Herausgeber nicht Teil der erzählten Welt ist, während Pater Spiridion als Figur zur erzählten Welt gehört.<ref>Magdolna Orosz: Identität, Differenz, Ambivalenz. Erzählstrukturen und Erzählstrategien bei E. T. A. Hoffmann. Peter Lang, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-38248-0, S. 137.</ref> In diese ambivalente Rahmenkonstruktion ist die Autobiografie des Medardus eingebettet, die ihrerseits als Rahmen die Pergamentblätter des Malers Francesco, eines Urahns von Medardus, enthält. Darin wird die Abstammungsgeschichte der Familie von Medardus geschildert.<ref>Magdolna Orosz: Identität, Differenz, Ambivalenz. Erzählstrukturen und Erzählstrategien bei E. T. A. Hoffmann. Peter Lang, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-631-38248-0, S. 138.</ref>
Darüber hinaus enthält die Autobiografie weitere eingebettete Erzählungen. So wird Aurelies Brief an die Äbtissin eingerückt. Daneben finden sich zahlreiche Retrospektionen unterschiedlicher Länge, die von verschiedenen Figuren erzählt und als Zitate in die Haupterzählung eingefügt werden. Diese Struktur ermöglicht dem impliziten Leser, eine Distanz zu der „monoperspektivischen, subjektiven Erzählweise“, welche die autobiografische Form sonst kennzeichnet.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 33.</ref>
Erzählweise[Bearbeiten]
Der Kapuzinermönch Medardus, der in den Elixieren sein Leben auf dem Weg zum Heiligen verschriftlicht, ist nach dem Germanisten Dieter Kampmeyer eine autofiktionale homodiegetische Erzählerfigur.<ref name=":1">Dieter Kampmeyer: Lebens-Skripte. E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Die Elixiere des Teufels“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-7127-0, S. 16.</ref> Hinsichtlich der Fokalisierung handelt es sich bei Medardus um eine Erzählerfigur mit einer internen Fokalisierung.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 43.</ref>
Medardus gestaltet als autodiegetische Erzählinstanz seine Lebensgeschichte zu einem „Lebens-Skript“, das eine therapeutische Funktion erfüllt und der Selbstkonstitution dient. Er schreibt sich auf diese Weise ein Leben, in dem er bei seinen Brüdern im Kapuzinerkloster zu B. zum Heiligen und als solcher zu Gott gelangen will.<ref>Dieter Kampmeyer: Lebens-Skripte. E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Die Elixiere des Teufels“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-7127-0, S. 16–18.</ref>
Den Hauptteil der Handlung erzählt der Protagonist Medardus überwiegend aus der Perspektive des erlebenden Ichs. Zugleich zeigt sich wiederholt eine Distanz zwischen dem erzählenden und dem erzählten Ich. Dies wird daran deutlich, dass der Erzähler frühere Urteile und Einschätzungen nachträglich als unzutreffend markiert. Dies geschieht beispielsweise durch einschränkende Formulierungen wie „galt mir in dem Augenblick“ oder „wie ich glaubte“. Darüber hinaus kommentiert der Erzähler Medardus nachträglich, was das erlebende Ich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht dachte oder empfand, etwa in Formulierungen wie „dachte nicht daran, wie schwer, wie unmöglich“ oder „Ach! ich Verblendeter gewahrte nicht“.<ref name=":7">Ricarda Schmidt: Narrative Strukturen romantischer Subjektivität in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ und „Der Sandmann“. In: Germanisch-romanische Monatsschrift. Band 49, Nr. 2, 1999, S. 154.</ref>
In Bezug auf das Typologische Modell der Erzählsituationen nach dem Literaturwissenschaftler Franz Karl Stanzel liegt bei dem Erzähler Medardus eine Ich-Erzählsituation vor. Der Ich-Erzähler ist eine berichtende Instanz, die eigene Erlebnisse schildert.<ref>Silke Lahn / Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-476-02598-2, S. 88.</ref>
Interpretation[Bearbeiten]
Figuren[Bearbeiten]
Medardus[Bearbeiten]
Franz(iskus) ist der Protagonist des Romans. Später nimmt er den Klosternamen Medardus an. Der Name bedeutet „der Redegewaltige“.<ref>Birte Grages: Die Maske des Mönchs. Konfigurationen des Theatralen und Religiösen in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. LIT, Wien / Zürich / Münster 2016, ISBN 978-3-643-90868-1, S. 140.</ref> Medardus lässt sich dem geistlichen Bereich zuordnen und wird von der weltlichen Sphäre in Versuchung geführt.<ref name=":21" /> Nach dem Trinken des Elixiers des Teufels wirken unheimliche Mächte auf ihn ein, die sich mit dem Bösen in Medardus verbinden und ihn zu Freveltaten verleiten. Nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring ist es „ein Geisterkampf“, den Medardus in seinem Inneren austrägt.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 471.</ref>
Im Unterschied zu den übrigen Figuren, die aus der begrenzten Perspektive des Protagonisten charakterisiert werden, stellt sich Medardus selbst vor. Er ist die einzige Figur des Romans, von der ein umfassendes psychologisches Bild vermittelt wird. Medardus ist zwischen sinnlichem Begehren und geistlichem Streben, Selbstüberhöhung und demütiger Reue sowie Liebe und Hass, Verehrung und Zerstörungswut hin- und hergerissen.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 467.</ref> Diese Gegensätze zeigen sich auch in seinem Verhältnis zu Aurelie. Auf unkontrolliertes Begehren und den Wunsch nach ihrer Vergewaltigung folgen die Scheu, die Geliebte zur Frau eines verbrecherischen Mönchs zu machen, Hochzeitsvorbereitungen und schließlich ein gewaltsamer Angriff auf ihr Leben. Aufgrund der wiederholten Veränderungen seiner Entscheidungen und Verhaltensweisen geht Nehring von einer dualistischen Struktur des Charakters aus, die keine kontinuierliche Entwicklung zulässt.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 467–468.</ref>
Medardus’ Gefühlsausbrüche führen ihn bis an die Grenze des Wahnsinns. Er verliert die Kontrolle über sich selbst. So nennt er im Gespräch mit dem Untersuchungsrichter und dem Prior Leonardus unwillkürlich den Namen Aurelies, äußert sich während seiner Bußübung in der Kirche durch Heulen und Stöhnen und ist sich mehrfach unsicher, ob er bestimmte Äußerungen tatsächlich ausgesprochen hat.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 468.</ref> Als Medardus die Rolle des Grafen Viktorin einnimmt, der seinerseits vor seinem Sturz in die Felsenschlucht die Rolle eines Mönchs annehmen wollte, glaubt er tatsächlich, Viktorin zu sein: „Aber das Verhältnis mit der Baronesse, welches Viktorin unterhält, kommt auf mein Haupt, denn ich bin selbst Viktorin. Ich bin das, was ich scheine, und scheine nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzwei mit meinem Ich!“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 67.</ref>
Am Ende des Romans kehrt Medardus ins Kloster zurück. Dort stirbt er genau ein Jahr nach Aurelies Tod zur selben Stunde, wodurch ihre beiden Lebenswege symbolisch miteinander verbunden werden.<ref name=":21">Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 77.</ref>
Aurelie[Bearbeiten]
Die Figur der Aurelie fungiert im Roman als Medardus’ Anklägerin, Geliebte und Braut und schließlich auch als Opfer seines immer wieder imaginierten Mordanschlags, der jedoch erst durch seinen Doppelgänger Graf Viktorin faktisch vollzogen wird.<ref>Birte Grages: Die Maske des Mönchs. Konfigurationen des Theatralen und Religiösen in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. LIT, Wien / Zürich / Münster 2016, ISBN 978-3-643-90868-1, S. 139.</ref> Mit der Figur Aurelie spielt Hoffmann auf „die ‚goldene‘ Aura heiliger Jungfräulichkeit an“, die auch im Vorbild der Heiligen Rosalia bewahrt ist.<ref>Detlef Kremer: E. T. A. Hoffmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1998, ISBN 3-88506-966-0, S. 83.</ref> Aurelie entspricht als „verfolgte Unschuld“ der Tradition des Schauerromans, geht in diesem Typus aber nicht vollständig auf, da sie in einem Brief an die Äbtissin die geheimnisvolle Anziehung schildert, die von der verbotenen Liebe zu dem Mönch Medardus ausgeht.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 464.</ref> Der Brief zeigt, dass Aurelie nicht allein fromm und rein ist. Sie fühlt sich zu dem „frevelhaften“ Mönch Medardus hingezogen und gerät dadurch in einen inneren Konflikt zwischen „Flucht vor dem Bösen und unkontrollierten Wünschen“.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 86.</ref>
Aurelie erscheint Medardus sowohl als unberührbare Heilige als auch als Objekt sexuellen Begehrens. Seine Liebe zu ihr ist in eine himmlische, idealisierte und eine irdische, sinnliche Komponente gespalten.<ref name=":6" /> Da diese für ihn unvereinbaren Aspekte in einer Person miteinander verbunden sind, gerät Medardus in einen unauflösbaren inneren Konflikt. Einerseits fühlt er sich sexuell zu Aurelie hingezogen und begehrt sie, andererseits kann er dieses Begehren aufgrund seiner Idealisierung Aureliens und seiner grundsätzlich negativen Einstellung zur Sexualität nicht verwirklichen.<ref name=":6">Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 84.</ref> Dieser Konflikt zeigt sich exemplarisch anhand folgender Textstelle: „Oft kam es mir in den Sinn, durch einen wohlberechneten Gewaltstreich, dem Aurelie erliegen sollte, meine Qual zu enden, aber sowie ich Aurelien erblickte, war es mir, als stehe ein Engel neben ihr, sie schirmend und schützend und Trotz bietend der Macht des Feindes.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 79–80.</ref>
Die zwiespältige Beziehung des Medardus zu Aurelie, das ständige Schwanken zwischen sinnlicher und himmlischer Liebe, findet mit Aurelies Tod und dem damit verbundenen Verlust ihres Körpers ein Ende. Nach ihrem Tod kann er seine himmlische Liebe zu ihr fortführen und die Idealisierung Aurelies aufrechterhalten.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 88.</ref> Wenn Aurelie zum Schluss zur Heiligen wird, so ist ihr nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring der Heiligenschein aber nicht nur zugefallen, sondern sie hat ihn sich erworben.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 464.</ref>
Graf Viktorin[Bearbeiten]
Die Figur Graf Viktorin tritt kaum als eigenständig handelnde Figur in Erscheinung. Vielmehr fungiert er als unheimlicher Doppelgänger des Medardus. Von dem Moment seines Sturzes von einem Felsvorsprung, den er überlebt, existiert er nicht mehr als Graf Viktorin, sondern als der „wahnsinnige Mönch“, dessen Leben und Handlungen eng mit dem Schicksal des Medardus verbunden sind. Viktorin bekennt sich fortan entweder zu Medardus’ Taten, ohne sie begangen zu haben, oder aber er lebt sie tatsächlich nach. Er ist überzeugt, selbst Medardus zu sein, und erinnert sich nur selten an seine frühere Existenz als Graf. Aber gerade in diesen Momenten der Erinnerung erscheint er Kramer zufolge seiner Umwelt als im höchsten Grade wahnsinnig.<ref>Karin Kramer: Bewußtseinsspaltung in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann Gesellschaft. Band 16, 1970, S. 8–9.</ref>
Auf den ersten Blick erscheint Viktorin als Personifizierung des Bösen in Medardus. Viktorin lässt sich als Medardus’ anderes Ich deuten, dessen Gewissen und Wahnsinn sowie jene irrationalen Kräfte verkörpert, die von der bewussten und verantwortlichen Seite des Menschen verdrängt werden. Viktorins Handlungen stehen für das, was Medardus unbewusst empfindet: „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Schuld, Sünde, Angst, Wahnsinn, Wünsche und Träume.“<ref name=":0" /> Sein spurloses Verschwinden am Ende des Romans, dessen Verbleiben nicht erklärt wird, stellt die Überwindung der „Ich-Spaltung“ und des Wahnsinns durch Medardus dar.<ref name=":0">Karin Kramer: Bewußtseinsspaltung in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann Gesellschaft. Band 16, 1970, S. 9.</ref>
Der Germanist Detlef Kremer deutet die Namensgebung der Figur vor dem Hintergrund, dass Medardus sowohl Hermogen als auch Viktorin tötet beziehungsweise zu töten versucht. Beide Figuren kehren als Phantome seines eigenen Ichs zurück: Hermogen, um Aurelie vor Medardus zu schützen, und Viktorin, um die verlockende Frau endgültig zu vernichten. Viktorin bleibt am Ende des Romans Sieger, da er Aurelie ermordet und trägt deshalb seinen viktorianischen Namen.<ref>Detlef Kremer: E. T. A. Hoffmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1998, ISBN 3-88506-966-0, S. 91.</ref>
Euphemie[Bearbeiten]
Die Gestalt der Euphemie steht von den Figuren des Romans am deutlichsten in der Tradition des Schauerromans und ist psychologisch am wenigsten differenziert gestaltet.<ref name=":23" /> Sie verkörpert die typische Verführerin und Intrigantin, die äußerlich perfekt und schön ist, während sie innerlich als „restlos verdorben“ bezeichnet werden kann.<ref name=":23">Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 464.</ref> Dies zeigt sich im Roman bildhaft, als Medardus seine „feindlichen Traumbilder“ beschreibt: „Ich sah Euphemien, wie sie in üppiger Schönheit mir nahte [...]. Da schlug sie ihr Gewand aus einander, und die Schauer der Verdammnis ergriffen mich. Zum Gerippe eingedorrt war ihr Leib, aber in dem Gerippe wanden sich unzählige Schlangen durch einander und streckten ihre Häupter, ihre rotglühenden Zungen mir entgegen“.<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 253.</ref>
Im Gegensatz zu Aurelie, deren Persönlichkeit maßgeblich von Frömmigkeit und Tugendhaftigkeit geprägt ist, erscheint Euphemie als zielbewusste, machtbesessene und skrupellose Figur. Sie agiert als Drahtzieherin, die die Menschen in ihrem Umfeld gezielt beeinflusst und für ihre Zwecke zu lenken versucht. Dabei versteht sie es, ihre wahren Absichten zu verbergen und sich meisterhaft zu verstellen. Widerstand gegen ihre Person oder ihre Pläne verfolgt sie mit zäher, verstellter Rachsucht.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 70.</ref>
Eine weitere Facette der Figur bildet ihre Charakterisierung als Verkörperung der Sinnlichkeit.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 72.</ref> In diesem Zusammenhang deutet Kremer die Figur als eine verführerische Frau, die zur rhetorischen Stilfigur wird: „Sie ist ein einziger Euphemismus.“ Zugleich sieht er in Euphemie eine Anspielung von Hoffmann auf das alt-europäisch-christliche Emblem der koketten Glücksspielerin, der Frau Welt, die ihren vergänglichen Kern nur unzureichend durch eine glänzende äußere Fassade verbergen kann.<ref>Detlef Kremer: E. T. A. Hoffmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1998, ISBN 3-88506-966-0, S. 83.</ref>
Pietro Belcampo[Bearbeiten]
Die Figur Pietro Belcampo, der sich in Deutschland Peter Schönfeld nennt, ist von Beruf Friseur. Der Name Belcampo spielt nach dem Literaturwissenschaftler Eckart Goebel möglicherweise auf Pierre Beauchamp an, dem Erfinder der modernen Choreografie, worauf Belcampos possierliche Sprünge und Hüpfer sowie seine Bitte um das Gehen durch den Raum hindeuten.<ref>Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 96.</ref> Die Verdoppelung des Namens Peter Schönfeld ist nur vordergründig Ausdruck angeblicher Eitelkeit und lässt sich als Ausdruck sexueller Befreiung deuten.<ref>Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 95.</ref>
In der Forschung wird Belcampo zugleich als ein scharfsinniger Beobachter, Künstler, Helfer und weiser Narr beschrieben.<ref>Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 93.</ref> Als Helfer steht er dem Protagonisten Medardus zur Seite. Belcampo hält sich immer dann bereit, wenn Medardus in Gefahr ist, um ihn durch eine, wie es im Roman heißt, ‚„kleinen Seitentüre“, zur Flucht zu verhelfen.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 154.</ref> Auf diese Weise rettet er Medardus zweimal das Leben.<ref>Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 94.</ref>
Belcampo erscheint gegenüber Medardus als kleiner, lustiger und possierlicher Narr mit einer spitzen roten Nase und einer Perücke, von dem keinerlei Gefahr droht.<ref>Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 95.</ref>
Der Aspekt der Narrheit führte in Teilen der Forschung zu einer Geringschätzung Belcampos, die derjenigen ähnelt, die dem Stand des Friseurs im realen Leben mitunter entgegengebracht wurde.<ref name=":24" /> Weitgehend einig ist sich die Forschung darin, dass es sich bei Belcampo um eine Art Selbstparodie des Künstlers handelt.<ref name=":24">Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 91.</ref> Nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring ist Belcampo eine „geniale Selbstparodie“ von Hoffmanns Künstlergestalten, die unter dem Druck unerträglicher Lebensverhältnisse ins Bizarre ausweichen, als verrückt gelten und bisweilen auch wahnsinnig werden.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 341.</ref>
Genealogie des Fürsten Camillo[Bearbeiten]
Eine zentrale Rolle im Roman spielt die über mehrere Generationen reichende Genealogie des Fürsten Camillo, des Stammvaters von Medardus’ Familie. Der fiktive Herausgeber unterbricht an späterer Stelle die Autobiografie von Medardus, um auf ein altes Pergament hinzuweisen, das in äußerst konzentrierter Form die Abstammungsgeschichte des Fürsten Camillo bis zu Medardus’ Generation darstellt. Darin werden zahlreiche der zuvor aufgeworfenen Rätsel der Handlung aufgelöst. Das Pergament bildet somit einen Brennpunkt, in dem ein großer Teil des gesamten Romans zusammenläuft. Seine Funktion besteht darin, die zuvor chaotisch erscheinende Anordnung der Ereignisse, Personen, Bilder und Motive genealogisch zu ordnen.<ref></ref>
Fürst Camillo ist ein bedeutender Seeheld und der Vater von Francesco und Zenobio. Als die Republik Genua von algerischen Korsaren bedroht wird, bittet sie Camillo, mit vier Galeonen gegen die Räuber vorzugehen. Vor seiner Abreise beabsichtigt Camillo, die Regierung seines Landes seinem ältesten Sohn Francesco anvertrauen. Dieser lehnt jedoch ab, da er „die Kunst höher, als alle Ehre und Pracht auf Erden“ hält.<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 260.</ref> Daraufhin verstößt Camillo seinen Sohn und bestimmt Zenobio zum Nachfolger. Für die weitere Genealogie ist jedoch nicht Zenobio, sondern Francesco maßgeblich, von dem die nachfolgenden Generationen abstammen.
Familienverhängnis[Bearbeiten]
Der erstgeborene Sohn des Fürsten Camillo, der Maler Francesco, wird bereits zu Beginn des Romans als Figur eingeführt und erscheint Medardus unheimlich und bedrohlich. Wie später Medardus hat auch Francesco vom Elixier des Teufels getrunken. Unter dessen Einfluss malt Francesco die Heilige Rosalia mit den Zügen der heidnischen Göttin Venus. Als das Bild vollendet ist, begeht Francesco in „sündigem, frevelichem Leichtsinn“ mit einem „fremden Weibe“, das er für das Original seines Bildes hält, nach heidnischen Gebräuchen Hochzeit.<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 267–268.</ref>
In einer Vision wird Francesco von einer himmlischen Stimme dazu verurteilt, ebenso wie seine Nachkommen niemals Ruhe zu finden, solange sie sich fortpflanzen: „Welcher sündige Mensch hat gleich diesem gefrevelt! Nicht Gnade, nicht Ruhe im Grabe soll er finden, so lange der Stamm, den sein Verbrechen erzeugte, fortwuchert, in frevlicher Sünde!“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 268.</ref> Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring deutet diese Passage dahingehend, dass Francesco durch die Vermählung mit dem teuflischen Venusbild ein Geschlecht begründet, in dem die satanische Macht fortwirkt und alle frommen Bestrebungen zunichtemacht, bis es verlischt.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 339.</ref>
Der Maler Francesco erscheint später wiederholt als übernatürliche Gestalt. Sein normales menschliches Leben müsste inzwischen beendet sein, da zwischen ihm und Medardus drei Generationen liegen.<ref></ref> Als übernatürliche Gestalt überwacht er Medardus, den letzten männlichen Nachkommen der Familie. Dieser soll in das Kapuzinerkloster zu B. zurückkehren und dort kinderlos sterben, um das Verhängnis des Familiengeschlechts zu beenden.<ref>Dieter Kampmeyer: Lebens-Skripte. E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Die Elixiere des Teufels“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-7127-0, S. 119–120.</ref>
Das Pergamentblatt des Malers Francesco stellt die Familiengeschichte von Medardus über sechs Generationen und einunddreißig Personen dar.<ref></ref> Die männlichen Nachkommen tragen dabei wiederholt die Namen Francesco beziehungsweise Franz. Durch uneheliche Verbindungen, Morde und Vergewaltigungen setzen sie das schuldhafte Verhalten ihrer Vorfahren fort. Der Stammbaum weist zudem verwandtschaftliche Verbindungen zwischen Medardus und nahezu allen wesentlichen Romanfiguren auf.<ref name=":8" />
Dabei steht der Grad der Verworfenheit der Personen der letzten Generation in einem Zusammenhang mit ihrer Abstammung. Der Einfluss des Bösen zeigt sich am stärksten bei Euphemie und Viktorin, die in jeweils drei Linien vom Maler Francesco abstammen. In diesen Linien überwiegen die unehelichen Verbindungen. Aurelie hingegen lässt sich nur über eine Linie auf Francesco zurückführen, wobei die ehelichen Verbindungen überwiegen. Medardus nimmt eine Mittelstellung ein, da er in zwei Linien von Francesco abstammt. In einer Linie überwiegen die ehelichen, in der anderen die außerehelichen Verbindungen.<ref name=":8">Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 589.</ref>
Abstammungstafel[Bearbeiten]
Die Abstammungstafel veranschaulicht die vom Maler Francesco ausgehende Genealogie bis zu Medardus’ Generation. Aus der unehelichen Verbindung des Malers Francesco mit dem „Teufelsweib“ geht ein Sohn hervor, der ebenfalls Francesco heißt. Dieser wird als Kind ausgesetzt, von Graf Filippo S. gefunden und großgezogen und verführt später die Ehefrau seines Ziehvaters. Aus dieser unehelichen Verbindung gehen Graf Pietro und Gräfin Angiola hervor. Schließlich heiratet er eine Frau unbekannten Namens, mit der er Paolo Francesco bekommt.<ref name=":20">Ralf Wegener: 80 Romane und Erzählungen. Inhalt und Kommentare. Graciela Madrigal, Hamburg 2005, ISBN 3-927660-04-3, S. 56.</ref>
Graf Pietro geht eine eheliche Verbindung mit einem deutschen Fräulein ein und bekommt Aurelie (I), die die Mutter von Aurelie (II) wird, in die sich später Medardus verliebt. Später geht Graf Pietro eine uneheliche Verbindung mit der Fürstin Vittoria ein. Die gemeinsame Tochter ist Giazinta. Die Gräfin Angiola wird von ihrem Halbbruder Paolo Francesco vergewaltigt. Aus der Verbindung geht Franz hervor.<ref name=":20" />
Franz wird nach dem Tod seiner Mutter, der Gräfin Angiola, von deren späterem Ehemann, dem Fürsten Theodor von W., aufgenommen und erzogen. Er setzt die Schuldgeschichte der Familie fort, indem er Giazinta vergewaltigt. Aus dieser Verbindung geht Viktorin hervor. Franz geht eine Verbindung mit Aurelie (I) ein, mit der Euphemie bekommt. Aurelie (I), Tochter von Graf Pietro und einem deutschen Fräulein, heiratet den Baron von F und bekommt mit ihm die beiden Kinder Hermogen und Aurelie (II). Später heiratet Franz eine Frau vom Lande und bekommt mit ihr Franz(iskus), der später den Ordensnamen Medardus annimmt.<ref name=":20" />
Mit Medardus erreicht die männliche Linie der Familie ihren letzten Nachkommen. Neben ihm gehören Viktorin und Euphemie sowie Hermogen und Aurelie (II) der letzten in der Abstammungstafel dargestellten Generation an. Da diese Figuren keine Nachkommen haben, setzt sich die von Francesco ausgehende Familienlinie nicht fort.
Themen und Motive[Bearbeiten]
Elixier des Teufels[Bearbeiten]
Mit dem Titel Die Elixiere des Teufels konterkariert Hoffmann jene im zeitgenössischen Diskurs vorherrschende Funktion des Weins als eines belebenden und der Gesundheit zuträglichen Getränks. Das Wort „Elixier“ bezeichnet zunächst eine trockene Substanz mit heilenden oder magischen Eigenschaften, im weiteren Sinne in Alkohol gelöste Heilkräuter und damit einen Heiltrank. In übertragender Bedeutung entsteht daraus die Vorstellung des sprichwörtlichen Lebenselixiers. Ein „Lebenselixier des Teufels“ erscheint demgegenüber als paradox. Gerade aus dieser Spannung, die gleichsam von der weißen zur schwarzen Magie wechselt, rührt jedoch die ambivalente, verführerische Qualität des Getränks im Roman, das Medardus’ Zwiespalt zwischen gutem und bösem Prinzip verstärkt und verschiebt.<ref>Matthias Bickenbach: Elixiere? Des Teufels? Der Alkoholiker-Mythos und die Funktion des Alkohols in Hoffmanns Schauerroman. In: E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft. Band 31, Nr. 69, 2023, S. 15.</ref>
Der Titel des Romans legt nahe, dass der Teufel in die Erzählung eingreift und durch das Elixier auf die Figuren einwirkt. Nach der Literaturwissenschaftlerin Rosmarie Zeller lässt sich ein tatsächliches Wirken des Teufels am Text jedoch nicht belegen; sämtliche entsprechenden Textstellen sind zweideutig.<ref>Rosmarie Zeller: E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der englische Schauerroman „The Monk“ von M. G. Lewis. In: Anne Feler, Raymond Heitz, Gérard Laudin (Hrsg.): Die Erzählproduktion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-5905-6, S. 144.</ref> Diese Zweideutigkeit zeigt sich im Gespräch zwischen Medardus und Bruder Cyrillus über die Wirkung der Reliquie. Auf Medardus’ Frage, ob die Reliquien „gewiß und wahrhaftig das sein, wofür man sie ausgibt?“, antwortet Cyrillus: „offenherzig gestanden bin ich der Meinung, daß, der darüber sprechenden Dokumente unerachtet, wohl wenige dieser Dinge das sein dürften, wofür man sie ausgibt. Allein es scheint mir auch gar nicht darauf anzukommen.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 29–30.</ref>
Auch die Beschaffenheit des Elixiers bleibt zweideutig. Es könnte sich lediglich um Syrakuser Wein handeln, wie die Besucher des Klosters vermuten, die Medardus dazu veranlassen, die Flasche zu öffnen, oder tatsächlich um ein Elixier, das mit dämonischen Mächten verbunden ist. Die Tatsache, dass Medardus nach dem Trinken des Elixiers „feuriger“ predigt, lässt sich auch auf die Wirkung des Weines und nicht auf das Einwirken dämonischer Mächte zurückführen. Entsprechend ließe sich die plötzliche Unruhe Viktorins, nachdem er den Rest des Elixiers austrinkt, den Medardus mitgenommen hat, als Folge des Weines erklären.<ref name=":13">Rosmarie Zeller: E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der englische Schauerroman „The Monk“ von M. G. Lewis. In: Anne Feler, Raymond Heitz, Gérard Laudin (Hrsg.): Die Erzählproduktion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-5905-6, S. 144.</ref> Andererseits weist die Literaturwissenschaftlerin Liisa Steinby darauf hin, dass sich im Roman auch Ereignisse zutragen, die offenbar übernatürlichen Ursprungs sind. Ein Beispiel ist, dass Medardus später die Kiste, in der die Flasche steckt, mit einem Schlüssel aufschließt, der gar nicht in seinem Schlüsselbund war.<ref>Liisa Steinby: Mythos, Psychologie und das Unerklärliche. Die Modernität von E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Irma Hyvärinen, Jouni Rostila, Ulrike Richter-Vapaatalo (Hrsg.): Finnische Germanistentagung 2012. Einblicke und Aussichten. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2014, ISBN 978-3-631-65119-3, S. 271.</ref>
Neben der Deutung des Romans als dämonische Geschichte eines Familienfluchs, bei dem der Teufel seine Hände im Spiel hat, lässt sich der Roman nach dem Germanisten Matthias Bickenbach auch als „psychologische Zerrütungsgeschichte“ lesen. Der Alkohol fungiert dabei als ein initiatives Motiv, um den fixen Wahn samt psychischer Dissoziation von Raserei bis hin zur Bewusstseinsspaltung darzustellen.<ref>Matthias Bickenbach: Elixiere? Des Teufels? Der Alkoholiker-Mythos und die Funktion des Alkohols in Hoffmanns Schauerroman. In: E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft. Band 31, Nr. 69, 2023, S. 16.</ref> Eine vom Bewusstsein der Figuren unabhängige Existenz des Teufels wird durch das Elixier nicht eindeutig bestätigt. Nach der Literaturwissenschaftlerin Liisa Steinby wäre es jedoch übereilt, im Elixier lediglich ein Symbol für Medardus’ innere Anlagen und Begierden zu sehen, da eine psychologische Interpretation etwas eindeutig macht, was im Roman mehrdeutig bleibt.<ref>Liisa Steinby: Mythos, Psychologie und das Unerklärliche. Die Modernität von E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Irma Hyvärinen, Jouni Rostila, Ulrike Richter-Vapaatalo (Hrsg.): Finnische Germanistentagung 2012. Einblicke und Aussichten. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2014, ISBN 978-3-631-65119-3, S. 271.</ref>
Das Teufelsmotiv durchzieht den gesamten Roman. Es reicht von der Reliquie des Teufelselixiers über die Teufelsschlucht und den Teufelssitz bis zu den wiederkehrenden Figuren, die die dargestellten Ereignisse auf die Wirkung des Elixiers zurückführen. Eine auktoriale Bestätigung dafür, dass der Teufel in der dargestellten Welt existiert und in die Handlung eingreift, gibt es jedoch nicht.<ref name=":13" />
Doppelgängermotiv[Bearbeiten]
In der romantischen Literatur ist der Doppelgänger ein verbreitetes Motiv, das kaum ein anderes Œuvre in vergleichbarer Weise durchzieht wie das von E. T. A. Hoffmann.<ref>Annemarie Opp: Doppelgänger. In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart [u. a.] 2015, ISBN 3-476-02523-3, S. 250.</ref> Nach Christof Forderer dient der Doppelgänger „zur Darstellung der Vielschichtigkeit und Komplexität der Identität des Menschen“.<ref>Christof Forderer: Ich-Eklipsen. Doppelgänger in der Literatur seit 1800. Stuttgart / Weimar 1999, S. 12.</ref> Das Motiv kann nach der Germanistin Magdolna Orosz als Thematisierung von Identitätsspaltung angesehen werden.<ref>Magdolna Orosz: Identität, Differenz, Ambivalenz. Erzählstrukturen und Erzählstrategien bei E. T. A. Hoffmann. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2001, S. 61.</ref> Bei Hoffmann erscheint das Motiv des Doppelgängers vor dem Hintergrund zeitgenössischer Theorien der Persönlichkeitsspaltung unter anderem als Usurpator, Widersacher oder niederträchtiges Alter Ego.<ref name=":27">Annemarie Opp: Doppelgänger. In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart [u. a.] 2015, ISBN 3-476-02523-3, S. 251.</ref> Die Gestaltung des Doppelgängers in Hoffmanns Texten zeichnet sich durch eine Vielfalt unterschiedlicher Ausprägungen aus. Hoffmann erweitert das bereits verbreitete, häufig geheimnisvoll oder komisch geprägte Motiv um psychologische und psychiatrische Aspekte. Besonders ausgeprägt sind diese in Hoffmanns Gesamtwerk im Roman der Elixiere des Teufels, im Capriccio Prinzessin Brambilla und in der Erzählung Der Sandmann.<ref name=":27" /> Hoffmann führt in den Elixieren die Persönlichkeitsstörung am detailliertesten aus.<ref>Annemarie Opp: Doppelgänger. In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart [u. a.] 2015, ISBN 3-476-02523-3, S. 251.</ref> In den Elixieren tritt das Motiv des Doppelgängers erstmals als zentrales Handlungsmoment eines literarischen Werkes auf.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 581.</ref> Die Doppelgängermotive der späteren Literatur der Moderne können beinahe durchgängig auf Hoffmann und zum großen Teil auf die Elixiere zurückgeführt werden.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 149.</ref>
Die zentrale Bedeutung des Doppelgängermotivs zeigt sich dabei bereits in der komplexen Figurenkonstellation des Romans. In den Elixieren sind zahlreiche Figuren durch Namensähnlichkeiten, etwa zwischen Francesco, Franz und Franziskus, durch äußere Ähnlichkeiten und gemeinsame Motive wie Liebe, Sünde, Buße und Wahnsinn miteinander verbunden.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 40–41.</ref> Diese Beziehungen bilden die Grundlage für die vielfältigen Ausprägungen des Doppelgängermotivs. Dabei tritt der Doppelgänger sowohl als reale Person als auch als ausschließlich für einzelne Figuren wahrnehmbare Phantomgestalt in Erscheinung. Viktorin ähnelt Medardus äußerlich, begegnet ihm jedoch zugleich in Traum- und Halluzinationsszenen. Vergleichbar erscheint der Maler Francesco teils nur Medardus, teils auch anderen Figuren.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 41.</ref> Die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Frenzel unterscheidet entsprechend zwischen dem personalen und dem „Phantom-Doppelgänger“.<ref>Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Kröner, Stuttgart 1999, S. 94.</ref> Darüber hinaus nennt die Germanistin Magdolna Orosz die „virtuelle[n]-Doppelgänger oder Doppelgänger-Projektionen“, die sich in Automatenmenschen, Spiegelbildern, Schatten, Porträts und Traumbildern manifestieren.<ref>Magdolna Orosz: Identität, Differenz, Ambivalenz. Erzählstrukturen und Erzählstrategien bei E. T. A. Hoffmann. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2001, S. 67.</ref> Solche Beziehungen bestehen etwa zwischen Aurelie, dem Porträt der heiligen Rosalia und der Venus beziehungsweise dem sogenannten Teufelsweib sowie zwischen Medardus und dem alten Maler Francesco, mit dem ihn der violette Mantel verbindet.<ref>Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0, S. 42.</ref>
Die zentrale Doppelgängerbeziehung des Romans besteht zwischen Medardus und Viktorin. Obwohl beide eigenständige Figuren sind, erscheinen sie aufgrund ihrer vielfältigen Beziehungen zugleich als gegensätzliche Seiten einer Person. Nach dem Germanisten Detlef Kremer begründet ihre kreuzsymmetrische Beziehung eine doppelte Perspektivführung, in der sich beide Figuren wechselseitig bedingen und ausschließen. Immer dann, wenn Medardus Viktorin als Phantom seines Wahns deutet, begegnet ihm dieser als reale Person; erkennt er ihn als solche an, behauptet Viktorin wiederum, mit Medardus identisch zu sein, und erklärt diesen selbst zum Phantasma.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Das Phantom der Familie oder die Metamorphosen des Mönchs. In: Günter Saße (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2004, ISBN 3-15-017526-7, S. 80.</ref>
Durch Hermogen wird diese Konstellation zu einer Trias erweitert. Aufgrund der kreuzförmigen Narbe an seinem Hals, die an derselben Stelle auch Medardus und Viktorin aufweisen, ordnet Medardus auch Hermogen dem Kreis der mit ihm verbundenen Doppelgänger- und Phantomgestalten zu. Nachdem Medardus im ersten Drittel des Romans Hermogen und Viktorin getötet oder zu töten versucht hat, kehren Kremer zufolge Hermogen und Viktorin als Phantome von Medardus’ eigenem Ich wieder. Während Hermogen Aurelie vor Medardus schützen will, versucht Viktorin, sie zu töten.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Das Phantom der Familie oder die Metamorphosen des Mönchs. In: Günter Saße (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Romane und Erzählungen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2004, ISBN 3-15-017526-7, S. 81.</ref>
Insgesamt betrachtet nimmt der Roman Die Elixiere des Teufels hinsichtlich der Thematisierung der Identitätsspaltung durch Doppelgängertum in Hoffmanns Werk eine Sonderstellung ein, da die fiktive Familiengeschichte nicht nur einzelne Doppelgängerbeziehungen, sondern ein ganzes Geflecht mehrfacher doppelgängerischer Beziehungen hervorbringt. Medardus und Viktorin, die als zentrale Doppelgängerfiguren im Zentrum der erzählten Welt stehen, erweisen sich dabei lediglich als spätere Ausprägungen einer über Generationen tradierten familiären Doppelgängerstruktur. Der Maler Francesco lässt sich nach der Germanistin Magdolna Orosz als ein „Urbild“ der späteren männlichen Doppelgängerfiguren deuten.<ref>Magdolna Orosz: Identität, Differenz, Ambivalenz. Erzählstrukturen und Erzählstrategien bei E. T. A. Hoffmann. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2001, S. 62–63.</ref>
Wahnsinn[Bearbeiten]
Hoffmanns Interesse an den Erscheinungen der Melancholie und des Wahnsinns, welche damals zu den Phänomenen der sogenannten „Geisteszerrüttungen“ zählten, ging zum Teil auf Beobachtungen des eigenen Ichs zurück. Sein Tagebuch zeigt mehrfach Hoffmanns Angst davor, selbst dem Wahnsinn zu verfallen. In einem Eintrag vom 6. Januar 1811 heißt es: „gespannt bis zu Ideen des Wahnsinns die mir oft kommen Warum denke ich schlafend und wachend so oft an den Wahnsinn?“<ref name=":25">Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 564.</ref> In einem Eintrag vom 6. November 1809 erkennt der Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke eine frühe Vorstellung von einer Vervielfältigung des eigenen Ichs, die sich später auch mit dem Konzept der Ich-Spaltung in Verbindung bringen lässt: „Ich denke mir mein Ich durch ein VervielfältigungsGlas – alle Gestalten die sich um mich herum bewegen sind Ichs.“<ref name=":25" /> Neben diesen eigenen Beobachtungen vertiefte Hoffmann seine Kenntnisse durch die intensive Beschäftigung mit der damaligen Fachliteratur, insbesondere mit dem Werk Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen (1803) des Mediziners Johann Christian Reil.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 565.</ref> Bei Reil findet sich der Hinweis, dass der Wahnsinn „um desto leichter“ entstehe, wenn zu der inneren Veranlagung „äussere Verhältnisse“ wie etwa das „Klosterleben“ hinzuträten,<ref>Christoph Reil: Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen. Curtsche Buchhandlung, Halle 1803, S. 322 (archive.org).</ref> was sich in der Handlung der Elixiere widerspiegelt.
Immer wieder griff Hoffmann auch auf neuere Arbeiten über die „Nachtseiten“ des Geistes zurück. Mit „Nachtseite“ wurde diejenige Seite des Menschen bezeichnet, die dem Verstand nicht zugänglich ist. Dazu zählen insbesondere die Fremdbestimmung des Menschen durch unerklärliche Kräfte, etwa durch Schicksal oder Zufall, Triebe wie Sinnlichkeit, Erscheinungen des animalischen Magnetismus, beispielsweise Telepathie, Hellsehen, Hypnose oder Somnambulismus, sowie Phänomene der menschlichen Psyche, darunter „Geisteszerrüttungen“ und Wahnsinn.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 563.</ref> Zu den damals neueren Arbeiten über die Nachtseiten des Geistes, mit denen sich Hoffmann auseinandersetzte, zählen Carl Alexander Ferdinand Kluges Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel (1811),<ref name=":26">Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 565.</ref> das von Johann Christian Reil übersetzte Werk des britischen Psychiaters Joseph Mason Cox Praktische Bemerkungen über Geisteszerrüttung (1811)<ref name=":26" /> sowie die beiden Werke des Naturforschers Gotthilf Heinrich Schubert mit den Titeln Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft (1808) und Die Symbolik des Traumes (1814).<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 563.</ref> Die beiden Werke Schuberts haben nach dem Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke eine Fülle von Spuren in den Elixieren hinterlassen. Von besonderer Bedeutung für die Romankonzeption wurden die Phänomene der „Geisteszerrüttungen“ von der Melancholie bis zum Wahnsinn.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 564.</ref>
Der Roman zeigt verschiedene Spielarten des Wahnsinns, von denen mehrere Figuren betroffen sind. Neben Graf Viktorin, Hermogen und dem Friseur Belcampo wird insbesondere der Protagonist Medardus wiederholt von Wahnsinnsanfällen heimgesucht, die mehrfach durch die Begegnung mit seinem Doppelgänger Viktorin ausgelöst werden.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 566.</ref> Dabei lässt sich der Roman aus heutiger Perspektive mit unterschiedlichen psychischen Phänomenen und Krankheitsvorstellungen in Verbindung bringen, die von Melancholie und Spleen bis hin zu Verfolgungswahn und Schizophrenie reichen. Den grauenvollen Bildern des von Tobsucht zerrissenen Viktorin steht etwa die Figur Belcampo gegenüber, eine bizarr-groteske Erscheinung in der Tradition der Narren Shakespeares.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 584.</ref>
In einer schauerlichen Szene des Romans springt der entflohene Doppelgänger Viktorin auf den Rücken von Medardus und umklammert ihn: „Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebüsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang, und mich mit den Armen umhalste. […] Der Mensch kicherte und lachte höhnisch […] und das totenbleiche, gräßliche Gesicht des Mönchs – des vermeintlichen Medardus, des Doppeltgängers, starrte mich an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem Wagen herauf.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 236.</ref> Eine Ohnmacht erlöst Medardus aus dem schrecklichen Geschehen. Erst nach Wochen kommt er in einem Irrenhaus wieder zu sich. Mit dem Tod des Medardus verschwindet schließlich auch der Doppelgänger.<ref name=":18">Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 582.</ref> Der Roman bietet Krankheitsbilder und Diagnosen, liefert nach dem Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke jedoch keine eindeutigen Erklärungen. Allerdings gibt die Art der Darstellung bereits einen wesentlichen Deutungsansatz, indem auf die ständige und unlösbare Verflechtung von äußerem Geschehen und innerseelischen Vorgängen hingewiesen wird.<ref name=":18" /> Eine Reihe von Interpreten geht so weit, den Realitätscharakter des Doppelgängers gänzlich zu leugnen und dessen Erscheinungen als Ausdruck einer paranoiden Schizophrenie Medardus’ zu deuten. Dies ist nach Hartmut Steinecke jedoch eine „unhistorische Psychologisierung“. In verschiedenen Szenen lässt sich nach Steinecke die Realität des Doppelgängers nicht übersehen.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 583.</ref>
Das Ende des Romans deuten zahlreiche Interpreten dahingehend, dass Medardus sein Ziel erreicht und seine aufgespaltene Identität, die in der Ich-Spaltung begründet liegt, wiederfindet.<ref name=":19">Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 585.</ref> Sigmund Freud spricht mit Blick auf das Doppelgängermotiv in dem Roman von einer „Ichverdopplung, Ichteilung, Ichvertauschung“, womit er das „Überspringen seelischer Vorgänge“ von einer Person auf die andere meint, was er mit dem Begriff „Telepathie“ bezeichnet, sodass „der eine das Wissen, Fühlen und Erleben des andern mitbesitzt, die Identifizierung mit einer anderen Person, so daß man an seinem Ich irre wird oder das fremde Ich an die Stelle des eigenen versetzt.“<ref>Sigmund Freud: Das Unheimliche. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Band 5, 1919, S. 309 (uni-heidelberg.de).</ref> Der Hinweis des Paters Spiridion im Nachwort des Romans, Medardus sei „sehr fromm gestorben“, hat einige Interpreten dazu veranlasst, das Werk in die Nähe katholischer Bekehrungs- und Heilsgeschichten zu rücken.<ref name=":19" /> Die Niederschrift von Medardus hingegen endet mit Zweifeln: „Ich weiß, daß vielleicht noch im Tode der Widersacher Macht haben wird, den sündigen Mönch zu quälen.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 327.</ref> Von einer Erlösung des Medardus zu sprechen, verbietet im Grunde nach Hartmut Steinecke der gesamte Charakter der Lebensbeichte.<ref name=":19" />
Einordnung[Bearbeiten]
In der Hoffmannforschung werden die Elixiere in die literarische Strömung der Schwarzen Romantik eingeordnet. Im Mittelpunkt der Schwarzen Romantik stehen neben dem Schauerlichen insbesondere die „Nachtseiten“ des menschlichen Lebens und die Abgründe der menschlichen Psyche. Dies zeigt sich nach dem Literaturwissenschaftler André Vieregge in den Elixieren, indem die „satanischen Essenzen“ als physischer Auslöser einer psychischen Entwicklung fungieren und die Abgründe der Psyche sowie die „latente Gefahr des Bösen im Menschen“ offenlegen.<ref name=":14">André Vieregge: Nachtseiten. Die Literatur der Schwarzen Romantik. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2008, ISBN 978-3-631-57700-4, S. 301.</ref> Nach André Vieregge finden sich in den Elixieren eine „lange Reihe“ von Motiven und Strukturen der Schwarzen Romantik.<ref name=":22">André Vieregge: Nachtseiten. Die Literatur der Schwarzen Romantik. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2008, ISBN 978-3-631-57700-4, S. 97.</ref> Hierzu lässt sich die im Roman ausgestaltete Variante des Teufelspakts zählen, der nicht mit dem Teufel selbst, sondern durch ein Medium, die Elixiere des Teufels, zustande kommt. Die Anwendung Schwarzer Magie stellt die freiwillige Form des Pakts mit dem Satanischen dar.<ref name=":22" /> Ein weiteres Motiv findet sich in der Szene, in der Medardus durch die Äbtissin unbeabsichtigt mit einem diamantenen Kreuz am Hals verletzt wird und die Narbe fortan als Mal trägt. Medardus’ Schrei und das schmerzvolle Abwenden von der kirchlichen Würdenträgerin und dem Kreuz verweisen auf ein antichristliches Element in seinem Wesen. Zugleich erinnert die Szene an den Mythos des Vampirs und anderer dämonischer Geschöpfe, die das heilige Symbol nicht ertragen können.<ref>André Vieregge: Nachtseiten. Die Literatur der Schwarzen Romantik. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2008, ISBN 978-3-631-57700-4, S. 98.</ref> Das Doppelgängermotiv um Medardus und Graf Viktorin, das im Verlauf des Romans durch genealogische Verwandtschaftsverhältnisse erklärt wird, streift hingegen nur den Bereich der schwarzromantischen Phantastik.<ref>André Vieregge: Nachtseiten. Die Literatur der Schwarzen Romantik. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2008, ISBN 978-3-631-57700-4, S. 237.</ref>
Hinsichtlich der Gattung werden die Elixiere dem Schauerroman zugeordnet. Dabei lassen sich insbesondere Einflüsse von Matthew Gregory Lewis’ Roman The Monk - A romance (1795) und Carl Friedrich August Grosses trivialem Schauerroman Der Genius (1795) feststellen. Das Werk gehört zu den in Deutschland seltenen Unterhaltungsromanen von literarischem Rang.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 587.</ref> Werke wie die Elixiere trugen wesentlich zur Psychologisierung der Literatur bei.<ref>Christof Forderer: Ich-Eklipsen. Doppelgänger in der Literatur seit 1800. Metzler, Stuttgart [u. a.] 1999, ISBN 978-3-476-45209-2, S. 54.</ref>
In der älteren Forschung wurde der Roman als Familien- oder Stammbaumroman<ref>Elisabeth Kutzer: Zum Stammbaumroman in der neueren Literatur. Leipzig, Leipzig 1929, S. 1–49.</ref><ref>Kenneth G. Negus: The family tree in E. T. A. Hoffmann's „Die Elixiere des Teufels“. In: Publications of the Modern Language Association. Vol. 73, No. 5 (part 1), 1958, S. 516–520.</ref> oder als Schicksalsroman klassifiziert.<ref>Dietrich Raff: Ich-Bewusstsein und Wirklichkeitsauffassung bei E. T. A. Hoffmann. Eine Untersuchung der „Elixiere des Teufels“ und des „Kater Murr“. Emmanuel-Verlag, Rottweil 1971, S. 25.</ref><ref>Günther Weydt: Der deutsche Roman von der Renaissance und Reformation bis zu Goethes Tod. In: Deutsche Philologie im Aufriss. Band 2. Schmidt, Berlin 1960, S. 2186.</ref> In den meisten dieser Arbeiten wurde jedoch darauf hingewiesen, dass eine Zuordnung zu einer einzelnen Gattung problematisch sei und der Vielschichtigkeit des Romans nicht gerecht werde. In der neueren Forschung wird der Roman als Gattungsmischung aus Schauerroman, psychologischem Roman und Autobiografie eingeordnet, wobei er zugleich Tendenzen zum barocken Abenteuerroman aufweist.<ref>Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 10.</ref> Darüber hinaus wird der Roman im Spannungsfeld des Bildungsromans der Goethezeit verortet.<ref>Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 9–13.</ref>
Schauerroman[Bearbeiten]
Die Elixiere weisen in einigen wesentlichen Strukturmerkmalen auf die Tradition des Schauerromans zurück.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 558–559.</ref> Von den verschiedenen Typen des Schauerromans haben vornehmlich der Kloster- und Geheimbundroman auf die Elixiere eingewirkt. Charakteristische Motive aus Ritter- und Räuberromanen finden sich hingegen kaum.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 454.</ref> Dies lässt sich damit begründen, dass der Roman in der Gegenwart, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, spielt.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 336.</ref>
Die zentralen Effekte der Schauerliteratur sind Spannung und Angst. Die Übergänge dieser beiden Effekte sind in den Elixieren vielfältig. Scheinbar durchsichtige Konfliktsituationen, etwa Medardus’ Flucht vor seinen Verfolgern auf dem Schloss des Fürsten von B. nach dem Mord an Hermogen, enden in undefinierbarem Grauen, als Medardus plötzlich seinem blutrünstigen Doppelgänger Viktorin gegenübersteht.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 337.</ref>
Die im Schauerroman beliebten schauerlichen Orte finden sich in den Elixieren wieder. Der erste schauerliche Ort im Roman ist die sogenannte Teufelsschlucht und der Teufelssitz, wo Medardus auf den schlafenden Viktorin trifft, der auf seinen Warnruf in die Schlucht stürzt. Ein weiterer schauerlicher Ort ist die nächtliche Fahrt zum Försterhaus im Wald. Auf der Reise dorthin gibt es Blitze, Sturm und Donner und der Kutscher verfährt sich. Auch das Gefängnis, in das Viktorin durch den Boden in Medardus’ Zimmer eindringt, und das Totengewölbe, in dem Medardus Buße tut, sind schauerliche Orte.<ref>Rosmarie Zeller: E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der englische Schauerroman „The Monk“ von M. G. Lewis. In: Anne Feler, Raymond Heitz, Gérard Laudin (Hrsg.): Die Erzählproduktion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-5905-6, S. 141–142.</ref> Obwohl Hoffmann aus der Schauerliteratur bekannte Orte einsetzt, dienen diese nicht lediglich dazu, beim Leser Schauer zu erwecken, sondern die Orte sind funktionalisiert, da an ihnen Medardus mit seiner Vergangenheit und seinem Unterbewusstsein konfrontiert wird.<ref>Rosmarie Zeller: E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der englische Schauerroman „The Monk“ von M. G. Lewis. In: Anne Feler, Raymond Heitz, Gérard Laudin (Hrsg.): Die Erzählproduktion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-5905-6, S. 142.</ref>
Ein wesentliches Merkmal des Schauerromans ist das Auftreten von Gespenstern. In den Elixieren kommt das Motiv in der Gestalt des hageren Mannes mit violettem Mantel vor, der an entscheidenden Stellen der Handlung auftritt und von dem anzunehmen ist, dass es sich um den Geist von Medardus’ Vater oder um den Maler Francesco handelt.<ref>Rosmarie Zeller: E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der englische Schauerroman „The Monk“ von M. G. Lewis. In: Anne Feler, Raymond Heitz, Gérard Laudin (Hrsg.): Die Erzählproduktion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-5905-6, S. 140.</ref> Am Ende des Romans wird der Mann im violetten Mantel als ein „drohendes Gespenst“ beschrieben, das aus der Zelle von Medardus heraustritt.<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 328.</ref>
Mit den schauerromantischen Elementen ist aber nur eine erste Ebene des Romans erfasst. Nach dem Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke erreicht das „Nächtliche“ der Elixiere Dimensionen, die „weit über Intentionen und Motive des Schauerromans“ hinausgehen. Darüber hinaus bezieht Hoffmann auch die „Nachtseite“ des Menschen in die Darstellung ein. Damit sind zum einen die Probleme gemeint, die hinter den schauerromantischen Stichwörtern „Fatalismus“ und „frevelnde Sexualität“ stehen, nämlich die Unfreiheit des Willens und die Triebe des Menschen, zum anderen die Phänomene einer gestörten Ich-Struktur.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 578.</ref>
Abenteuerroman[Bearbeiten]
Der Roman entspricht nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring in gewisser Weise dem Aufbau eines barocken Abenteuerromans. Die Lebensgeschichte des Medardus wird weitgehend chronologisch von seiner Geburt bis zu seinem Tod erzählt. Dabei werden sowohl seine Jugend und die ersten glücklichen Jahre im Kloster als auch das letzte Lebensjahr des Medardus vergleichsweise kurz wiedergegeben, während der Mittelteil, die abenteuerliche Reise des Protagonisten durch die Welt, den Hauptteil des Romans ausmacht.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 336.</ref>
Die am Ende des Romans einsetzende moralische und geistige Besinnung weist auf die idyllische Jugendzeit des Medardus zurück und rahmt damit die abenteuerliche Ereignisfolge des Mittelteils. Dadurch erhält der Roman eine dreiteilige Struktur, die in ihrer Anlage an den barocken Abenteuerroman erinnert. Wie der barocke Held aus seiner behüteten Kindheit herausgerissen wird, um in der Welt herumgetrieben zu werden, bis er schließlich sich von der Welt in die Einsamkeit abwendet, um der irdischen Nichtigkeit zu entgehen, muss auch Medardus zyklisch zu seinem frommen Ausgangspunkt zurückfinden.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 336–337.</ref> Der Lebensweg des Medardus erinnert nach Wolfgang Nehring in gewisser Hinsicht an den Simplicissimus, den barocken Abenteuerroman von Grimmelshausen.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 459.</ref>
Der barocken Struktur wird der Roman nach Wolfgang Nehring jedoch letztlich nicht vollständig gerecht. Die Fülle der Abenteuer ist nicht allein dem blinden Walten der Fortuna geschuldet. Vielmehr wird das scheinbar zufällige Geschehen von verborgenen Kräften beeinflusst und durch vergangene Ereignisse determiniert. Unabhängig davon, wohin Medardus flieht, begegnet er immer wieder Menschen, mit denen ihn etwas verbindet, und wird dabei fortwährend mit seiner Vergangenheit konfrontiert.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 337.</ref>
Bildungsroman[Bearbeiten]
Die Elixiere wurden in der älteren Forschung meist als Entwicklungs- oder Bildungsroman gelesen, der mit der Selbstfindung und Selbsterkenntnis des Protagonisten endet. Begründet wurde diese Einordnung mit dem tradierten Entwicklungsschema des Romans. Dieser beginnt mit der Darstellung der unschuldigen Kindheit des Helden, schildert anschließend dessen Weg in ein sündiges Leben und beschreibt schließlich seine Läuterung zum Guten, die mit seiner Selbstfindung und Selbsterkenntnis einhergeht.<ref>Johannes Harnischfeger: Das Geheimnis der Identität. Zu E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann Gesellschaft. Band 36, 1990, S. 1.</ref> In der neueren Forschung wird diese Einordnung hinterfragt. Nach dem Literaturwissenschaftler Johannes Harnischfeger gestaltet Hoffmann im Unterschied zu den klassischen Bildungsromanen, die den Prozess der Individuation als ein „Sich-Bilden und Reifen innerer Anlagen“ darstellen, die Sozialisation des Protagonisten als einen „gewaltsamen Prozeß“, der dem Individuum von außen auferlegt wird. Medardus nimmt im Verlauf des Romans verschiedene Rollen ein, etwa die des Grafen Viktorin oder die des Gelehrten Leonard, die ihm von außen zugewiesen werden und von ihm angenommen oder abgewiesen werden können, ohne zu einem festen Bestandteil seiner Persönlichkeit zu werden.<ref>Johannes Harnischfeger: Das Geheimnis der Identität. Zu E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann Gesellschaft. Band 36, 1990, S. 2–3.</ref>
Der Germanist Joachim Gerdes untersucht die Elixiere im Verhältnis zum Bildungsroman der Goethezeit. Seiner Auffassung nach stellt der Roman eine „radikale Demontage einer denkbaren Modellstruktur eines Bildungsromans“ dar, indem Hoffmann typische Merkmale des Bildungsromans teils bis zur Unkenntlichkeit bewusst übersteigert.<ref name=":16" /> Zugleich greift eine Deutung der Elixiere als bloße Parodie oder Verspottung klassisch-romantischer literarischer Konzepte oder des Bildungsromans als Gattung zu kurz. Der Roman parodiert den Bildungsroman nicht lediglich, sondern setzt sich vielmehr ernsthaft kritisch mit zentralen Diskursen des Bildungsromans auseinander.<ref name=":16">Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 116.</ref> Gerdes zufolge haben die Elixiere zudem noch unverhüllter als die Lebensansichten des Katers Murr die Lebens- und Entwicklungsgeschichte eines fiktiven Helden zum Gegenstand. Vor diesem Hintergrund erscheint es ihm naheliegend, die Elixiere in unmittelbarem Zusammenhang mit Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren und dessen Nachfolgern zu betrachten.<ref>Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 14.</ref> Auf eine solche Verbindung weist Magris ebenfalls hin. Ihm zufolge kämpft Medardus vergleichbar wie Wilhelm Meister und die Protagonisten in den Bildungsromanen jener Zeit „um die Konstruktion einer Biographie, um die Bildung der eigenen Persönlichkeit“.<ref>Claudio Magris: Die andere Vernunft. E. T. A. Hoffmann. Hain, Königstein im Taunus 1980, ISBN 3-445-02039-6, S. 66.</ref>
Der Gegenstand der Bildung wird in den Elixieren nach Joachim Gerdes an mehreren Stellen thematisiert. Medardus wird im Verlauf des Romans in unterschiedlichen Gesprächen mit verschiedenen Bildungsauffassungen konfrontiert. Seine eigene Position erscheint dabei meist nebulös oder soll lediglich opportunistischen Zwecken der Vorstellung oder Anbiederung dienen.<ref>Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 113.</ref> Zugleich lässt sich entlang der Romanhandlung ein Bildungsweg des Protagonisten erkennen, dessen Entwicklung sich allerdings weniger durch eine kontinuierliche innere Reifung als durch äußerliche Bildungsereignisse bestimmen lässt. Dazu zählen seine Ausbildung im Kloster und im klostereigenen Seminar, seine Unterweisung durch den Prior Leonardus sowie später die gelehrten Gespräche mit dem Direktor der fürstlichen Bildergalerie, dem Fürsten Alexander von W. und dem Papst.<ref>Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 108.</ref>
Die künstlerische Entwicklung von Medardus stellt ihn nach Joachim Gerdes in direkte Verwandtschaft zu den Helden des Bildungsromans, insbesondere zu Ludwig Tiecks Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen. So lässt sich hinsichtlich Medardus’ Künstlertum eine dreistufige Abfolge erkennen: Sein künstlerisches Potenzial zeigt sich zunächst in seiner Fähigkeit zur Rhetorik, anschließend als Schauspieler ohne Bühne und schließlich in seiner Rolle als Erzähler und autobiografischer Literat.<ref>Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universitätsverlag Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8, S. 109.</ref>
Entstehung[Bearbeiten]
Niederschrift und Veröffentlichung[Bearbeiten]
Die Entstehung von Hoffmanns Roman Die Elixiere des Teufels lässt sich auf das Frühjahr 1814 datieren. In seinem Tagebuch notierte er am 4. März 1814, dass ihm am Tag nach der Beendigung der Niederschrift der Novelle Der goldne Topf die Idee zu dem Roman gekommen sei.<ref name=":2">Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 144.</ref> Diese Idee knüpfte an Eindrücke an, die Hoffmann 1812 bei einem Besuch eines Klosters in Bamberg gewonnen hatte. Diese Eindrücke lieferten ihm wohl wichtige Anregungen für die Elixiere, insbesondere für jene Teile des Romans, die im Kapuzinerkloster zu B. spielen. Neben diesem biografischen Kontext gibt es ein weiteres Indiz dafür, das Vorbild für das Kloster in B. im Kapuzinerkloster in Bamberg zu sehen. Gegen Ende des Romans lässt der Prior den wahnsinnigen Grafen Viktorin in die Irrenanstalt St. Getreu bringen. Die Bezeichnung verweist auf die Anstalt, die Hoffmanns Bamberger Bekannter Marcus 1804 in der ehemaligen Propstei Sankt Getreu in Bamberg gegründet hatte. Auch die drei anderen Orden, die in B. Klöster unterhalten, die Dominikaner, Franziskaner und Klarissinnen, lassen sich im späten 18. Jahrhundert in Bamberg nachweisen.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 557–558.</ref>
Bei der Arbeit an dem Roman erkrankte Hoffmann. In seinem Tagebuch notierte er am 24. März 1814, die Krankheit habe ihm „hart zugesetzt“ und das Rheuma sei „in wirkliche Gichtschmerzen ausgeartet“, an denen er „periodisch und vorzüglich bey der geringsten Wetterveränderung“ leide.<ref>Friedrich Schnapp (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Heimeran. München 1974, ISBN 3-7765-3039-1, S. 114.</ref> Zu diesem Zeitpunkt befand er sich zudem in finanzieller Not. Als Schriftsteller war Hoffmann noch nicht etabliert, wenngleich sich bereits erste Erfolge abzeichneten.<ref name=":3">Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 326.</ref> Am selben Tag schrieb er in seinem Tagebuch: „Der Roman: Die Elixiere des Teufels, muß für mich ein LebensElixier werden!“<ref>Friedrich Schnapp (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Heimeran, München 1974, ISBN 3-7765-3039-1, S. 114.</ref> Nach der Literaturwissenschaftlerin Jeang-Yean Goak war der Roman für Hoffmann in finanzieller und seelischer Hinsicht von großer Bedeutung.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 167.</ref>
In einem Brief an den Verleger Carl Friedrich Kunz gab Hoffmann an, den ersten Teil des Romans innerhalb von nur drei Wochen, bis zum 24. März, beinahe vollständig fertiggestellt zu haben. Eine erste Fassung des ersten Romanteils stellte Hoffmann bis zum 4. April fertig; anschließend überarbeitete er sie bis zum 24. April und beendete die Reinschrift Anfang Mai 1814. Die Veröffentlichung verzögerte sich jedoch, da der Verleger Kunz, bei dem bereits Hoffmanns Fantasiestücke in Callot’s Manier erschienen waren, den Roman aus unbekannten Gründen nicht verlegte.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 144.</ref> Nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring wollte der Verleger Kunz wahrscheinlich den Erfolg der Fantasiestücke bei Publikum und Kritik abwarten, ehe er sich auf weitere Risiken mit dem Musikdirektor Hoffmann einlassen wollte.<ref name=":9">Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 326.</ref> Auch Cotta und Friedrich Rochlitz, der Herausgeber der Allgemeinen Musikalischen Zeitung, für die Hoffmann gearbeitet hatte, druckten das Werk nicht.<ref name=":9" /> Anfang Juni 1814 übersandte Hoffmann sein Manuskript an seinen Freund Julius Eduard Hitzig mit der Bitte, es in dessen Verlagsbuchhandlung zu drucken. Hitzig war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits im Begriff, seine Verlagsbuchhandlung zu schließen. Er empfahl jedoch das Manuskript dem Berliner Verlag Duncker und Humblot, bei dem der erste Teil der Elixiere des Teufels im September 1815 erschien.<ref name=":10">Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 144.</ref>
Über die Entstehung und Niederschrift des zweiten Teils liegen keine zuverlässigen Daten vor, da Hoffmann nach dem Sommer 1815 kein Tagebuch mehr führte. Aus brieflichen Andeutungen Hoffmanns lässt sich nach dem Germanisten Detlef Kremer „mit einiger Sicherheit jedoch schließen“, dass der zweite Teil im Spätherbst 1815 abgeschlossen wurde und im Mai 1816 ebenfalls bei Duncker und Humblot erschien.<ref name=":10" /> Wie schon der erste Teil, der von der Idee bis zur Vollendung in kaum sieben Wochen entstand, scheint nach Wolfgang Nehring auch der zweite Teil nach einer mehr als einjährigen Unterbrechung der Arbeit „ebenfalls äußerst rasch“ vollendet worden zu sein.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 334.</ref>
Quellen und literarische Einflüsse[Bearbeiten]
Die Elixiere beruhen auf verschiedenen Quellen und literarischen Einflüssen. Unter den verschiedenen Typen des Schauerromans haben insbesondere der Kloster- und der Geheimbundroman auf die Elixiere eingewirkt.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 454.</ref> Eine zentrale Quelle nennt Hoffmann selbst, wenn er im sechsten Kapitel die weibliche Figur Aurelie sagen lässt: „In meines Bruders Zimmer sah ich ein fremdes Buch auf dem Tische liegen; ich schlug es auf, es war ein aus dem Englischen übersetzter Roman: ‚Der Mönch‘!“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 226.</ref> Dabei handelt es sich um Matthew Gregory Lewis’ Roman The Monk (1796).
In der Hoffmannforschung sind wiederholt Parallelen zwischen Hoffmanns Elixieren und Matthew Gregory Lewis’ The Monk festgestellt worden. Neben dem Klostermilieu ähnelt sich die Figurenkonstellation. Sowohl Hoffmanns Medardus als auch Lewis’ Ambrosio sind Kapuzinermönche, die im Verlauf der Handlung zu Sündern werden. Beide nutzen ihre rhetorischen Fähigkeiten zur Befriedigung ihrer Eitelkeit, verbergen ihre sexuellen Begierden hinter einer scheinbaren Heiligkeit und werden zu Mördern. Auch zwischen den weiblichen Figuren bestehen Entsprechungen. Den schönen und dämonischen Verführerinnen Euphemie und Matilda stehen die unschuldigen Aurelie und Antonia gegenüber, die von den jeweiligen Protagonisten begehrt werden. Darüber hinaus weisen mehrere Szenen der Elixiere, etwa die nächtliche Wagenfahrt und die Ankunft im Forsthaus, Parallelen zu The Monk auf. Aus diesen Übereinstimmungen lässt sich jedoch keine unmittelbare Abhängigkeit Hoffmanns von Lewis ableiten. Die entsprechenden Motive sind in den Elixieren in einen neuen Zusammenhang eingebunden, der sich wesentlich von The Monk unterscheidet. Auch die Figurenkonzeption weist Unterschiede auf. Hoffmann erweitert die Figuren im Vergleich zu Lewis insbesondere um eine stärkere psychologische und seelische Perspektivierung.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 454–455.</ref> In kompositioneller Hinsicht unterscheiden sich die beiden Romane ebenfalls. Im Gegensatz zu The Monk wechselt in den Elixieren die Erzählform vom Er- zum Ich-Erzähler, die Perspektive wird durch Hoffmanns Herausgeberfiktion gebrochen und das Verhältnis von Bild und Text in seinen jeweiligen medialen Funktionen reflektiert.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 146.</ref>
Neben Werken der Trivialliteratur mögen auch Ludwig Tiecks Trauerspiel Karl von Berneck (1797) und Clemens Brentanos Romanzen vom Rosenkranz (1812) als Quellen für die Elixiere gedient haben. Einen Anstoß zur Aufnahme des Doppelgängermotivs scheint Friedrich de la Motte Fouqués Roman Der Zauberring (1813) gegeben zu haben.<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 363.</ref> Als mögliche Einflüsse aus dem Bereich des Geheimbundromans kommen Friedrich Schillers Fragment Der Geisterseher (1787–1789) und Carl Friedrich August Grosses Roman Der Genius (1791–1795) infrage. Das Klosterwesen und die geheime Politik der Kapuziner und Dominikaner sowie die Überwachung und Lenkung des Medardus durch den Prior und den Maler erinnern nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring an das Wirken eines geheimen Bundes und seiner Oberen, wie es in diesen beiden Romanen dargestellt wird. In Grosses Roman Der Genius findet sich darüber hinaus der Gedanke des Fatalismus in den Elixieren wieder.<ref>Wolfgang Nehring (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Reclam, Ditzingen 2021, S. 455.</ref>
Zu den medizinisch-psychologischen Einflüssen auf den Roman zählen Schriften, mit denen Hoffmann sich während seiner Bamberger Zeit im Kreis um den befreundeten Arzt und Psychiater Adalbert Friedrich Marcus auseinandersetzte, darunter Karl Alexander Ferdinand Kluges Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel (1811), Johann Christian Reils Rhapsodien über die Anwendung der psychologischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen (1803) und Philippe Pinels Traité médico-philosophique sur l’aliénation mentale ou la manie (1801).<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 364.</ref>
Rezeption[Bearbeiten]
Rezeption in Deutschland[Bearbeiten]
Bereits vor dem Erscheinen des Romans war das Interesse an den Elixieren groß.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 326.</ref> Hoffmanns erstes Buch, die Fantasiestücke, das zuvor erschienen war, hatte eine begeisterte Aufnahme gefunden. Mit den Elixieren versuchte Hoffmann, an diesen Erfolg anzuschließen. Auf dem Titelblatt der Elixiere verwies er mit der Wendung „herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier“ auf seinen erfolgreichen Erstling.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 566–567.</ref> In Weimar sah man dem Erscheinen des Werks mit großer Erwartung entgegen. Der spätere Fürst von Pückler-Muskau, Hermann Graf von Pückler, bestellte den zweiten Teil des Romans bei seinem Buchhändler, obwohl dieser noch nicht vollendet war.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 326.</ref> Dennoch fand der Roman so gut wie überhaupt kein publizistisches Echo.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 567.</ref>
Der Dichter Heinrich Heine gehörte zu den frühen Lesern des Romans. Bereits 1816 schenkte er seiner Cousine Fanny ein Exemplar als Neujahrsgeschenk.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 326.</ref> Jahre später, im Juni 1822, würdigte er das Werk in seinen Briefen aus Berlin und schrieb: „In den Elixieren des Teufels liegt das Furchtbarste und Entsetzlichste, das der Geist erdenken kann. Wie schwach ist dagegen The monk von Lewis, der dasselbe Thema behandelt. In Göttingen soll ein Student durch diesen Roman toll geworden sein.“<ref>Heinrich Heine: Werke und Briefe. Hrsg. von Hans Kaufmann. Bd. 3: Reisebilder. Berlin / Weimar 1972, S. 556.</ref> Zwar dürfte nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring die Schlussbemerkung eher zu Heines poetischen Göttingen-Satiren zuzurechnen sein, doch verweist sie auf die psychische Wirkung, die der Roman auf manche Leser ausgeübt haben dürfte.<ref name=":3" /> So wird etwa von dem jungen Theologen Karl August von Hase überliefert, dass dieser während seiner Festungshaft auf dem Hohenasperg unter dem Eindruck der Klosterszenen aus den Elixieren begonnen haben soll, sich selbst zu geißeln und zu quälen, um auf diese Weise eine „schwärmerisch-gläubige Stimmung“ hervorzubringen.<ref name=":11">Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 326.</ref>
Wie weit der Roman verbreitet war und das öffentliche Bild seines Autors prägte, zeigt sich nach Wolfgang Nehring daran, dass Hoffmann bisweilen schlicht als der „Verfasser der Teufelselixire“ oder sogar als unheimlicher „Bruder Medardus“ identifiziert wurde. Eine zweite Auflage erschien allerdings erst 1827, fünf Jahre nach Hoffmanns Tod.<ref name=":11" />
Zeitgenössische Literaturkritik[Bearbeiten]
In der zeitgenössischen Literaturkritik fanden die Elixiere nur geringe Beachtung.<ref name=":4">Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 327.</ref> Dabei ist zu berücksichtigen, dass Hoffmanns Werk dem Schauerroman zuzurechnen ist, einem Genre, das zur Zeit der deutschen Klassik und Romantik beim Publikum zwar beliebt war, von der Literaturkritik jedoch weitgehend geringgeschätzt wurde, da die Schauerliteratur als Trivial- und Unterhaltungsliteratur galt.<ref name=":4" /> Die wenigen Rezensionen der Elixiere fielen überwiegend ablehnend aus oder blieben inhaltlich wenig aussagekräftig. Kremer spricht von einem beinahe vollständigen Misserfolg des Romans in der zeitgenössischen Literaturkritik.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 147.</ref>
Der Schriftsteller Willibald Alexis, der Hoffmann eigentlich gewogen war,<ref name=":17" /> warnte die möglichen Leser in einem 1823 veröffentlichten Essay vor der Lektüre der Elixiere: „Um sich zu ergötzen, um den Dichter lieben zu lernen, würde ich Niemanden ihn zu lesen anrathen, wer aber den Dichter, oder überhaupt die Geschichte der Poesie studiren will, der muß dieses Gemälde einer üppigen Phantasie durchlesen, um darin die göttlichen Funken, neben einer verwerflichen Anwendung zu bewundern.“<ref name=":17">Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 147–148.</ref> Der Literaturkritiker Friedrich von Cramer bezeichnete die Elixiere als eine „Verirrung eines reich begabten Geistes“.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 327.</ref>
Daneben fanden sich auch positive Bewertungen. Der Pädagoge und Literaturkritiker Konrad Schwenk, der ein scharfer Kritiker Hoffmanns war, äußerte sich lobend über den Roman.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 148.</ref> Er leitet den Abschnitt über die Elixiere in seiner umfangreichen Würdigung E. T. A. Hoffmanns Schriften im Hermes oder Kritischen Jahrbuch der Literatur 1823 mit der folgenden Würdigung ein: „In keinem seiner Werke hat der Dichter diese Reinheit der Sprache und das Ergreifende der Situationen wieder zu erreichen vermocht, und in allen seinen auf Effekt berechneten Erzählungen findet sich nichts, was an das Erschütternde in dieser Dichtung reicht.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 369.</ref> Allerdings beurteilte Schwenk den menschlichen Gehalt in den dargestellten „Landschaften des Wunderbaren“ als problematisch.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 327.</ref>
Der Schriftsteller und Kritiker Friedrich Wilhelm Gubitz äußerte sich im Morgenblatt für gebildete Stände wohlwollend über den zweiten Teil der Elixiere: „Der Roman Die Elixiere des Teufels von Hoffmann ist mit dem zweiten, eben erschienenen Bande beendet; gewiß eine erfreuliche Nachricht für die Leser des ersten Bandes, da sie nach der Lösung einer sehr verwickelten Aufgabe begierig sein müssen. Es finden sich hier auch ein paar recht erfreuliche Absprünge zu zeitgemäßen Betrachtungen.“<ref name=":5">E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 369.</ref>
Urteile namhafter Dichter[Bearbeiten]
Bei den namhaften zeitgenössischen Dichtern fand Hoffmanns Roman keine nennenswerte Resonanz.<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 373.</ref>
Der Lyriker Joseph von Eichendorff warf Hoffmann „Mangel an Tiefe des wahren dichterischen Gefühls“ vor und verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Elixiere, wenn er urteilt: „Im Kapuzinerkloster zu Bamberg fühlt er [Hoffmann] sich durch die religiöse Umgebung ‚in eine gemütlich exaltierte Stimmung‘ versetzt. [...] Und so dienen denn alle diese Eindrücke letztlich zu nichts weiter als zu poetischem Ausschmuck in seinen ‚Elixieren des Teufels‘, im ‚Kater Murr‘ usw. Eine so schwachgestimmte Innerlichkeit mußte notwendig gar oft ihr Falsett, in vage Schwärmerei, umschlagen.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 374.</ref>
Der Schriftsteller Jean Paul spottete in einer Vorrede zur zweiten Auflage des Romans der Unsichtbaren Loge (1821) mit Beziehung auf Hoffmann und implizit auf die Elixiere, dass die „Lesewelt“ jetzt „Verrückte als Heilige“ ehrt.<ref>Jean Paul: Werke. Hrsg.: Norbert Miller, Walter Höllerer. Band 1. München 1960, S. 19.</ref> Ähnlich despektierlich äußerte sich Ludwig Tieck über die Elixiere, insofern Rudolf Köpkes Bericht wirklich die Meinung Tiecks wiedergibt: „Fouqué's Stelle als Beherrscher der Modeliteratur theilte mit ihm ein anderes bizarr neckendes und irregehendes Talent, E. T. A. Hoffmann. [...] Hier gab es alle erdenkliche Zerrgebilde krankhafter Phantasie, den bis zum Schwindel gesteigerten Wechsel brennender Farben. [...] Die Fieberhitze dieser Nachtstücke und Teufelselixire ging auf das Publicum über.“<ref>Rudolf Köpke: Ludwig Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mitteilungen. Band 2. Leipzig 1855, S. 43–44.</ref> Nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring haben sich Paul und Tieck bei ihrer Beurteilung über Hoffmanns Kunst „nicht viel Mühe gegeben“, diese zu verstehen.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 329.</ref>
Eine der wenigen Gegenstimmen war der Dramatiker Friedrich Hebbel. An mehreren Stellen seiner Tagebücher bezeugt er eine außerordentliche Verehrung Hoffmanns und seine Dankbarkeit für poetische Inspirationen. So notiert er über die Elixiere am 9. Januar 1842: „Das meiste von Hoffmann hat sich überlebt, aber seine ‚Elixiere des Teufels‘ sind und bleiben ein höchst bedeutendes Buch, so voll warmen, glühenden Lebens, so wunderbar angelegt und mit solcher Konsequenz durchgeführt, daß, wenn es noch keine Gattung gibt, der Darstellungen dieser Art angehören, das Buch eine eigene Gattung bilden wird.“<ref>E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Textrevision und Anmerkungen von Hans-Joachim Kruse. Redaktion Rudolf Mingau. 3. Auflage. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar 1987, ISBN 3-351-00621-7, S. 375.</ref>
Rezeption in England[Bearbeiten]
In England zeigte man sich dem Roman nach dem Literaturwissenschaftler Wolfgang Nehring am „aufgeschlossensten“ und hatte im Ursprungsland der Gothic Novel keine Bedenken gegenüber der poetischen Darstellung des Schauerlichen.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 328.</ref> Der Roman wurde bereits 1824 als erstes Werk Hoffmanns ins Englische übersetzt.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 20.</ref>
Nach dem Erscheinen der englischen Übersetzung wurden die Elixiere ausführlich im Blackwoods‘ Edinburgh Magazine besprochen. Der anonyme Rezensent bezeichnete den Roman als seinen „chief favourite“ unter den Werken Hoffmanns. Er rühmte die tiefsinnige wie wirkungsvolle Gestaltung des Doppelgängermotivs und würdigte insbesondere die für Hoffmann so charakteristische Verbindung des Schauerlichen mit dem Alltäglichen und des Furchtbaren mit dem Scherzhaften.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 20.</ref> Der Germanist Detlef Kremer weist darauf hin, dass es sich bei der anonymen Rezension des schottischen Schriftstellers John Gibson Lockhart um „die einzige ausführliche und aussagekräftige Rezension“ des Romans handelt.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 148.</ref> Die Rezension zeigt nach der Literaturwissenschaftlerin Jeang-Yean Goak, dass in dieser der Roman mit anderen Kriterien als in Deutschland beurteilt wurde und die Besonderheiten des Romans sowohl verstanden als auch geschätzt wurden.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 20.</ref> Nach Wolfgang Nehring kam im 19. Jahrhundert keine andere zeitgenössische Beurteilung der Intention und literarischen Leistung Hoffmanns näher.<ref name=":15">Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 328.</ref>
Die Redaktion des Morgenblatts für gebildete Stände zeigte sich von dem „Furore“ der Elixiere in England beeindruckt, sodass sie den englischen Artikel des Blackwoods‘ Edinburgh Magazine in deutscher Sprache nachdruckte und damit dem Publikum in Deutschland eine neue Perspektive eröffnete.<ref>Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 328.</ref> Aus der Paraphrase des Morgenblatts konnte der deutschen Öffentlichkeit grundlegende Einsichten in die Poetik der Elixiere zugänglich werden, etwa die Ambivalenz von Grauen und Ironie, das Zusammenspiel von Normalität und dem Wahnsinn sowie die psychologische Bedeutung von Doppelgängerstrukturen. Die übersetzte Rezension führte jedoch zu keiner weitergehenden Resonanz in der deutschen literarischen Öffentlichkeit.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 149.</ref>
Rezeption in weiteren Ländern[Bearbeiten]
In Frankreich wurde der Roman bereits 1829 von Jean Cohen ins Französische übersetzt, wobei Hoffmann nicht als Verfasser genannt und es Karl Spindler zugeschrieben wurde.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 573.</ref> Erst 1861 fanden die Elixiere Eingang in die französische Gesamtausgabe von Hoffmanns Werken.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 149.</ref> Die Elixiere waren das erste selbstständige Werk Hoffmanns, das ins Französische übersetzt wurde.<ref>Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7, S. 21.</ref>
Angesichts der ausgeprägten Hoffmann-Rezeption in Frankreich lässt sich eine ausdrückliche Bezugnahme auf den Roman in Honoré de Balzacs L'Élixir de longue vie (1830) feststellen.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 149.</ref> In dem später geschriebenen Vorwort wies Balzac darauf hin, dass er das Sujet seines Romans einem von den Herausgebern vergessenen Werk Hoffmanns verdanke. Der Hinweis zeigt nach dem Literaturwissenschaftler Hartmut Steinecke, dass Balzac und vermutlich auch der französische Leser die Bezugnahme auf Hoffmanns Roman als Empfehlung verstanden.<ref>Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels. Werke 1814–1816. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 573–574.</ref>
In Amerika lässt sich der Einfluss der Elixiere insbesondere bei Edgar Allan Poe und Nathaniel Hawthorne (Alice Doane's Appeal, 1835) nachweisen. In Russland ist der Einfluss des Romans auf die Werke Fjodor Dostojewskis und Nikolai Gogol belegt.<ref>Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 149.</ref>
Verfilmungen[Bearbeiten]
Die erste Verfilmung der Elixiere des Teufels kam 1922, in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, unter der Regie von Adolf Abter in die Kinos. Das Drehbuch verfasste der Bühnen- und Filmschauspieler Meinhart Maur, der zugleich die Hauptrolle des Kapuzinermönchs Medardus übernahm.<ref name=":12">Anett Werner-Burgmann: Bittere Romantik. Brigitte und Ralf Kirstens „Die Elixiere des Teufels“ (1973). In: Anett Werner-Burgmann (Hrsg.): Hoffmannesk. Auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns im Film. SYNEMA, Wien 2024, ISBN 978-3-901644-96-2, S. 99.</ref>
Nach der Literaturwissenschaftlerin Anett Werner-Burgmann eigneten sich die „rasante, geheimnisvolle Handlung, die fantastischen Motive, die mystische Atmosphäre und die sonderbaren Figuren des Romans“ für eine filmische Umsetzung im Stummfilm der 1920er-Jahre.<ref name=":12" /> Die Verfilmung ist nicht erhalten geblieben. Maur bezeichnete den Film bereits 1921 in der Sportillustrierten Sport im Bild als eine Inszenierung im „E. T. A.-Hoffmann-Stil“.<ref>Die Entwicklung des künstlerischen Films. In: Sport im Bild. Nr. 36, 1921, S. 32.</ref> Der Stil wurde 1921 in der Filmfachzeitschrift Der Kinematograph folgendermaßen definiert: „Wenn man etwas besonders Eigenartiges und Interessantes, etwas Packendes und Spannendes etwas Mystisches und Unheimliches im Sinne des Malerischen, Bildlichen, Dramatischen und Musikalischen bezeichnen will, spricht man von einem E. T. A. Hoffmannstil“.<ref>Die Elixiere des Teufels im Film. E. T. A Hoffmannstil - Ein neuer Film von Meinhart Maur. (Verfasser des Films „Die Elixiere des Teufels“). In: Der Kinematograph. Nr. 759, 4. September 1921 (archive.org).</ref> Aufgrund der fehlenden Überlieferung lässt sich nicht mehr feststellen, wie die für Hoffmanns Werk charakteristischen unheimlichen, mystischen und geheimnisvollen Elemente filmisch umgesetzt wurden.
Eine zweite Verfilmung der Elixiere des Teufels entstand 1973 bei der DEFA, einem Filmunternehmen der DDR. Das Drehbuch verfasste Brigitte Kirsten, Regie führte ihr Ehemann Ralf Kirsten. Die Hauptrolle des Medardus spielte Benno Besson. Nach Anett Werner Burgmann bietet die Verfilmung „eine actiongeladene, spannende Kriminalhandlung und eine Reihe von Spezialeffekten im kinotauglichen Breitwandformat.“<ref>Anett Werner-Burgmann: Bittere Romantik. Brigitte und Ralf Kirstens „Die Elixiere des Teufels“ (1973). In: Anett Werner-Burgmann (Hrsg.): Hoffmannesk. Auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns im Film. SYNEMA, Wien 2024, ISBN 978-3-901644-96-2, S. 103.</ref> Die zeitgenössische Kritik nannte die Elixiere „eigenartig uneinheitlich…“, dabei jedoch trotzdem unterhaltsam und gestalterisch verdienstvoll.<ref>Friedrich Salow: Sehr frei nach Hoffmann. In: Filmspiegel. Nr. 9, 1979, S. 8.</ref> In der DDR-Zeitschrift Film für Sie erläuterte die Drehbuchautorin Brigitte Kirsten ihre Motivation für die filmische Bearbeitung des Romans. Schon seit längerer Zeit habe sie der Gedanke beschäftigt, die Elixiere für den Film zu bearbeiten. Zwar sei der Roman für den heutigen Leser „schwer zugänglich“, die „üppige Phantasie des Dichters entspricht unserer rationalen Denkweise nicht mehr“, erscheine „irreal und weltfremd“. Darüber hinaus könne der „oberflächliche Leser“ E. T. A. Hoffmann „leichtfertig“ zu einem Autoren von Spukgeschichten abwerten. Doch wäre Hoffmann ein solcher Autor, „käme wohl niemand bei uns auf die Idee, eines seiner Werke zu verfilmen.“ Ihr erschien es „reizvoll, den rationalen Kern und den kritischen Realismus Hoffmanns herauszuarbeiten und für den Film verwertbar zu machen, denn Hoffmann war ein kritischer und scharfsinniger Beobachter seiner Zeit.“<ref>Erika Köhler: Die Elixiere des Teufels. In: Film für Sie. Nr. 9, 1973.</ref>
Um die erheblichen Produktionskosten, insbesondere für das teure Farbfilmmaterial und den aufwendigen Bau von Kulissen wie dem Refektorium im Kloster und dem Römischen Bad, zu finanzieren, wurde der Film in Koproduktion mit den Filmstudios Barrandov in Prag realisiert.<ref>Anett Werner-Burgmann: Bittere Romantik. Brigitte und Ralf Kirstens „Die Elixiere des Teufels“ (1973). In: Anett Werner-Burgmann (Hrsg.): Hoffmannesk. Auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns im Film. SYNEMA, Wien 2024, ISBN 978-3-901644-96-2, S. 102.</ref> Das Filmstudio Barrandov übernahm 25 % der Produktionskosten von knapp vier Millionen (Ost-)Mark. Im Gegenzug wurde eine paritätische Besetzung der Rollen mit Schauspielern aus der DDR, Polen und der damaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik vereinbart.<ref>Anett Werner-Burgmann: Bittere Romantik. Brigitte und Ralf Kirstens „Die Elixiere des Teufels“ (1973). In: Anett Werner-Burgmann (Hrsg.): Hoffmannesk. Auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns im Film. SYNEMA, Wien 2024, ISBN 978-3-901644-96-2, S. 103.</ref>
Eine bundesdeutsche Verfilmung der Elixiere des Teufels entstand 1976 unter der Regie von Manfred Purzer. Die Rolle des Medardus übernahm Dieter Laser.<ref>Anett Werner-Burgmann: Bittere Romantik. Brigitte und Ralf Kirstens „Die Elixiere des Teufels“ (1973). In: Anett Werner-Burgmann (Hrsg.): Hoffmannesk. Auf den Spuren E. T. A. Hoffmanns im Film. SYNEMA, Wien 2024, ISBN 978-3-901644-96-2, S. 105.</ref> In der Fachzeitschrift Filmecho/Filmwoche wurde der Film wohlwollend rezensiert: „Als Regisseur ging Purzer … mit bemerkenswertem Selbstbewußtsein und handwerklichem Geschick an diese Vorlage heran. Er löste die Szenen geschmackssicher auf, führte seine Darsteller mit fester Hand, hatte auch die Emotionen stets kühl im Griff und setzte einprägsame Spannungsakzente. Die suggestiv schauspielerische Ausstrahlung Dieter Lasers in der Hauptrolle trägt den Film dann auch leicht über Handlungssprünge und unterstützt mit Verve den Reiz der Doppelrolle.“<ref>Film-Echo/Filmwoche, Nr. 66 vom 26. November 1976</ref>
Ausgaben (Auswahl)[Bearbeiten]
- Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus eines Capuziners. Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier. [Erster Teil] Duncker und Humblot, Berlin 1815. Zweiter Teil 1816 [Erstdruck]. Digitalisat und Volltext verfügbar im Deutschen Textarchiv (Teil 1, Teil 2).
- E. T. A. Hoffmanns Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Herausgegeben von Carl Georg von Maassen. Band 2: Die Elixiere des Teufels. Georg Müller, München / Leipzig 1908.
- E. T. A. Hoffmanns Werke in 15 Teilen. Herausgegeben von Georg Ellinger. Bong, Berlin / Leipzig / Wien / Stuttgart, [1912]. 2. Auflage [1927]. – Teil 2: Die Elixiere des Teufels. [Anmerkungen dazu in Teil 15].
- E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Lebens-Ansichten des Katers Murr. Winkler, München 1961. [Band 2 der Ausgabe: Sämtliche Werke in 6 Einzelbänden.]
- E. T. A. Hoffmann: Sämtliche Werke in 6 Bänden. Herausgegeben von Wulf Segebrecht und Hartmut Steinecke. Band 2.2: Die Elixiere des Teufels. Herausgegeben von Hartmut Steinecke. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt 1988.
- E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Mit einem Nachwort von Hans-Georg Werner. Insel-Verlag: Leipzig 1965. 410 S.
- E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Herausgegeben von Wolfgang Nehring. Reclam, Ditzingen 2021 [Nachdruck 2023].
Literatur[Bearbeiten]
- Yvonne Al-Taie: „Des fremden Malers wunderbares Buch“. Die doppelte Ordnung von Bild und Erzählung in E. T. A Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ (1815/16). In: Jakob Christoph Heller, Erik Martin und Sebastian Schönbeck (Hrsg.): Ding und Bild in der europäischen Romantik. De Gruyter, Berlin und Boston 2021, ISBN 978-3-11-068598-5, S. 265–281.
- Maximilian Bergengruen: Der Weg allen Blutes. Vererbung in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Bernd Auerochs, Dirk von Petersdorff (Hrsg.): Einheit der Romantik? Zur Transformation frühromantischer Konzepte im 19. Jahrhundert. Schöningh, Paderborn [u. a.] 2009, ISBN 978-3-506-76665-6, S. 149–172.
- Matthias Bickenbach: Elixiere? Des Teufels? Der Alkoholiker-Mythos und die Funktion des Alkohols in Hoffmanns Schauerroman. In: E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft, Band 31, Heft 69 (2023), S. 7–28.
- Christa Bürger: Die zwiespältige Macht der Bilder. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“. In: Christa und Peter Bürger, Luziferische Kunst. Wallstein Verlag, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5472-2, S. 145–156.
- Joachim Gerdes: Ein „LebensElixier“. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der Bildungsroman der Goethezeit. Universität Hamburg, Hamburg 2001, ISBN 3-924330-46-8.
- Jeang-Yean Goak: Die Ich-Problematik in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Eine psychoanalytische Untersuchung in Auseinandersetzung mit der deutschen idealistischen Philosophie. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2000, ISBN 3-631-36454-7.
- Eckart Goebel: Literatur und Frisur. Zur Belcampo-Figur in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Daniel Müller Nielaba, Yves Schumacher, Christoph Steier (Hrsg.): Figur Figura Figuration. E. T. A. Hoffmann. Königshausen und Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4647-6, S. 89–100.
- Birte Grages: Die Maske des Mönchs. Konfigurationen des Theatralen und Religiösen in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. LIT, Wien [u. a.] 2017, ISBN 978-3-643-90868-1.
- Walter Hinderer: Die poetische Psychoanalyse in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. In: Gerhard Neumann (Hrsg.): „Hoffmanneske Geschichte“. Zu einer Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 978-3-8260-2998-1, S. 43–76.
- Dieter Kampmeyer: Geschicksgestaltung und „falsches“ Erinnern. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“. In: E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft, Band 24, Heft 62 (2016), S. 7–33.
- Dieter Kampmeyer: Lebens-Skripte. E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und „Die Elixiere des Teufels“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-7127-0.
- Detlef Kremer: „Die Elixiere des Teufels“. Das Phantom der Familie oder die Metamorphosen des Mönchs. In: Günter Saße (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann - Romane und Erzählungen. Reclam, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15-017526-2, S. 75–95.
- Detlef Kremer: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners (1815/16). In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin und Boston 2012, ISBN 978-3-11-026831-7, S. 144–160.
- Peter von Matt: Der Roman im Fieberzustand. E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“. In: Peter von Matt (Hrsg.): Das Schicksal der Phantasie. Studien zur deutschen Literatur. Hanser, München [u. a.] 1994, ISBN 3-446-17689-6, S. 122–133.
- Wolfgang Nehring: E. T. A. Hoffmann. Die Elixiere des Teufels (1815/16). In: Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Romane und Erzählungen der Romantik. Neue Interpretationen. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1981, ISBN 3-15-010308-8, S. 325–350.
- Wolfgang Nehring: Gothic Novel und Schauerroman. Tradition und Innovation in Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Deutsche Romantik im europäischen Kontext. Schmidt, Berlin 1993, ISBN 3-503-03074-3, S. 36–47.
- Tünde Paksy: Raumpoetik und Doppelgängermotiv in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Lang, Berlin [u. a.] 2022, ISBN 978-3-631-87862-0.
- Ludger Schäfer: Symbole des Individuationsprozesses in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. Universität Düsseldorf, Düsseldorf 1976.
- Ricarda Schmidt: Narrative Strukturen romantischer Subjektivität in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ und „Der Sandmann“. In: Germanisch-romanische Monatsschrift, Band 49, Heft 2 (1999), S. 143–160.
- Irina Sergeeva-Chernykh: Poetik des Unheimlichen in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“ im Kontext des psychoanalytischen Diskurses. Das Begehren des forschenden Subjekts und das Begehren des Mönchs Medardus. In: E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft, Band 30, Heft 68 (2022), S. 51–66.
- Liisa Steinby: Mythos, Psychologie und das Unerklärliche. Die Modernität von E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: Irma Hyvärinen, Jouni Rostila, Ulrike Richter-Vapaatalo (Hrsg.): Finnische Germanistentagung 2012. Einblicke und Aussichten. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 2014, ISBN 978-3-631-65119-3, S. 265–277.
- Cornelia Steinwachs: Die Liebeskonzeption in E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“. In: E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch. Mitteilungen der E. T. A. Hoffmann-Gesellschaft, Band 8 (2000), S. 37–55.
- Nicole A. Sütterlin: (Ver-)Brechen der Narration. E. T. A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ als Trauma-Erzählung. In: Andrea Bartl und Nils Ebert (Hrsg.): Der andere Blick der Literatur. Perspektiven auf die literarische Wahrnehmung der Wirklichkeit. Königshausen & Neumann, Würzburg 2014, ISBN 978-3-8260-5582-9, S. 217–249.
- Gerhard Weinholz: Psychologie und Soziologie in E. T. A. Hoffmanns Roman „Die Elixiere des Teufels“. Verlag Die Blaue Eule, Essen 1990, ISBN 3-89206-380-X.
- Rosmarie Zeller: E. T. A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“ und der englische Schauerroman „The Monk“ von M. G. Lewis. In: Anne Feler, Raymond Heitz, Gérard Laudin (Hrsg.): Die Erzählproduktion. Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-5905-6, S. 131–148.
Weblinks[Bearbeiten]
- Die Elixiere des Teufels – Textausgabe im Projekt Gutenberg
- Die Elixiere des Teufels – Textausgabe bei Zeno.org
- Die Elixiere des Teufels – Hörbuch beim SWR
- Die Elixiere des Teufels – Hörbuch bei LibriVox
- Die Elixiere des Teufels – Zusammenfassung und Interpretation bei getAbstract
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references responsive />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Romane: Die Elixiere des Teufels | Lebens-Ansichten des Katers Murr
Prosazyklen:
Fantasiestücke in Callots Manier
Jaques Callot |
Ritter Gluck |
Kreisleriana |
Nachricht von einem gebildeten jungen Mann |
Don Juan |
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