Duat
| colspan="2" class="darkmode-hintergrundfarbe-neutral" style="background:#Vorlage:Ägyptologie Farbe; color:inherit;"| Duat in Hieroglyphen | |
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<hiero>N14-G1-Z7:H_SPACE-X1:O1-G7</hiero> dw3.t ausführliche Schreibung seit dem Neuen Reich | |
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<hiero>N14-A:t-O1</hiero> weitere Schreibung | |
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<hiero>N15</hiero> Ideogramm (Stern im Kreis), seit den Sargtexten belegt | |
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Die Duat (altägyptisch dw3.t) ist ein zentraler Begriff der altägyptischen Jenseitsvorstellungen und bezeichnet den Bereich, in dem sich die Toten aufhalten und durch den die Sonne nach altägyptischer Vorstellung jede Nacht zieht. Üblicherweise wird die Duat als „Unterwelt“ übersetzt. Diese Übersetzung trifft jedoch erst die ausgeprägte Vorstellung des Neuen Reichs, während der Begriff in den ältesten Quellen zugleich himmlische Züge trägt. Wichtigste Quellen zur Duat sind die altägyptischen Unterweltsbücher, zu deren bekanntestem das Amduat zählt und in denen die Duat den Schauplatz der nächtlichen Sonnenfahrt bildet. Wie düster die Duat gedacht war und wie stark sich die Vorstellungen über die Epochen wandelten, ist in der Forschung umstritten.
Name und Beleglage[Bearbeiten]
Das Wort dw3.t ist ein feminines Nomen.<ref name="tla" />Die Texte überliefern mehrere Schreibvarianten (d3.t, dw3.t, d3, d.t), die als Varianten derselben phonologischen Einheit gelten.<ref name="Zago2018ZÄS" details="S. 205" /> In den Pyramidentexten wird das Wort überwiegend mit dem Zeichen des Sterns im Kreis (Gardiner-Liste N15) determiniert. In den Sargtexten dient es bereits vorwiegend als Ideogramm für das Wort selbst. Das Sternzeichen klassifiziert die Duat dabei als Teil des himmlischen Bereichs. Zur Etymologie wurde vorgeschlagen, die Duat mit dem Wortfeld von dw3 („Morgen“; „anbeten“, insbesondere am Morgen) zu verbinden, da die Duat als der Raum galt, in dem die Sonne vor ihrer morgendlichen Wiedergeburt weilt. Die Frage ist in der Forschung nicht abschließend geklärt.<ref name="Zago2018ZÄS" details="S. 209" />
Die Duat begegnet bereits in den Pyramidentexten, der ältesten Totentextsammlung Ägyptens (seit dem Ende der 5. Dynastie, 24. Jahrhundert v. Chr.). Dort ist das Wort in 42 Textpassagen belegt.<ref name="Zago2018JARCE" details="S. 203, 205" /> In den Sargtexten (erste Belege um 2200 v. Chr.) tritt die Duat häufiger auf und wird erstmals verstärkt mit Gefahren und dämonischen Wesen in Verbindung gebracht.<ref name="Zago2018JARCE" details="S. 208–209" /> Für das Neue Reich bilden die Unterweltsbücher der Königsgräber die Hauptüberlieferung. Eine allgemein anerkannte einheitliche Definition des Begriffs gibt es in der Ägyptologie nicht; die Vorstellungen wandelten sich über die Jahrhunderte.<ref name="Zago2018ZÄS" details="S. 205" />
Lage und Charakter[Bearbeiten]
Den ältesten Texten zufolge hatte die Duat von Anfang an einen doppelten Charakter: Sie erscheint in den Pyramidentexten sowohl als Teil des Himmels – insbesondere als Bereich unterhalb des Horizonts, in dem Sonne und Sterne ihre unsichtbare Zeit verbringen – als auch als Gegenstück zum Himmel unter der Erde.<ref name="Zago2018JARCE" details="S. 204–208" /> In einem Spruch wird die Duat als Tochter der Himmelsgöttin Nut bezeichnet; in den späteren Himmelsbüchern liegt die Duat im Inneren des Leibes der Nut.<ref name="Zago2018JARCE" details="S. 206–207" />
Die unterirdische Vorstellung verband die Duat personhaft mit dem Erdgott Aker und kosmologisch mit dem Urgewässer Nun.<ref name="Altenmüller2006" details="Abschnitt 3.4" /> Zugleich blieb die Duat ein Schwellenraum am Horizont. In manchen Texten kann auch der Himmel als ihr Ort auftreten.<ref name="Zago2018JARCE" details="S. 206–207, 209" />
Die nächtliche Sonnenfahrt[Bearbeiten]

Den Unterweltsbüchern zufolge durchquert der Sonnengott Re die Duat nach seinem Untergang in einer Barke auf einem unterirdischen Fluss. Die Fahrt führt durch zwölf Bereiche, die den zwölf Stunden der Nacht entsprechen. Die Schlange Mehen legt sich schützend um den Gott. Im Verlauf der Nacht vereinigt sich Re mit Osiris und wird am Morgen am Osthorizont wiedergeboren.<ref name="Stadler2014" details="S. 17–18, 20, 27" /><ref name="Hornung1998" />
Als Gegenspieler tritt die Schlange Apophis auf, die den Sonnenlauf zum Stillstand bringen will. In einer Szene droht sie, den unterweltlichen Fluss auszutrinken. Die Abwehrzauber gegen sie schreiben die Texte der Göttin Isis zu. Das Ziel der Verstorbenen bestand nach diesen Texten darin, zur Besatzung der Sonnenbarke zu gehören und so am täglichen Erneuerungszyklus der Sonne teilzuhaben.<ref name="Stadler2014" details="S. 22" />
Gefahren und Totengericht[Bearbeiten]
Die Texte schildern den Aufenthalt in der Duat als gefahrvoll: Dem Verstorbenen drohen Feinde und Wächterdämonen, Schlangen und die Fangnetze von Jägern, dazu die Verwesung des Leichnams und der Verlust seiner Zauberkraft. Als Schutz galten das Wissen um die jenseitigen Orte, wie es die Jenseitsführer vermitteln, sowie Sprüche zur Abwehr der dortigen Gefahren – etwa zur Überredung oder Drohung von Wächtern.<ref name="Backes2007" details="Abschnitte 1.5 und 1.6" />

Die Vorstellung eines Totengerichts vor Osiris hat Vorläufer bereits in den Sargtexten – so begegnet dort die Waage, auf der das Herz des Verstorbenen gewogen wird.<ref name="Backes2007" details="Abschnitte 1.5 und 2.2.2" /><ref name="Stadler2008" /> Ihre bekannteste Ausformung fand das Gericht im 125. Kapitel des Totenbuchs: Dort bekundet der Verstorbene vor Osiris und 42 Richtern mit der „negativen Beichte“ seine Schuldlosigkeit. Die ersten Belege des Spruchs stammen aus dem frühen Neuen Reich.<ref name="Backes2007" details="Abschnitt 2.3.1" /><ref name="Stadler2008"/> Im Amduat sitzt Osiris in der siebten Nachtstunde als Richter. Die „Feinde des Osiris“ werden dort enthauptet und verbrannt.<ref name="Stadler2014" details="S. 20–21"/>
Die Texte verheißen dem Gerechtfertigten den Zugang zu den elysischen Gefilden, vor allem zum Sechet-iaru, das das 110. Kapitel des Totenbuchs als von Kanälen durchzogenes Ackerland abbildet.<ref name="Stadler2014" details="S. 7–8"/> Diese Gefilde verorten die Quellen überwiegend im Bereich des Himmels beziehungsweise am Horizont. Sie gehören also nicht zur Duat im engeren Sinn.<ref name="Backes2007" details="Abschnitt 1.4" />
Überlieferung in den Unterweltsbüchern[Bearbeiten]
Die Kenntnis der Duat beruht vor allem auf vier Textkompositionen: dem Amduat, dem Pfortenbuch, dem Höhlenbuch und dem Buch von der Erde. Ihre Entstehungszeit ist umstritten: Archaische Sprachformen in den frühesten Belegen wurden als Hinweis auf eine längere Vorüberlieferung gedeutet, während andere Forscher die Entstehung erst um 1500 v. Chr. ansetzen.<ref name="Stadler2014" details="S. 15–17" />
Das älteste dieser Werke, das Amduat, ist seit der ersten Hälfte der 18. Dynastie (ab ca. 1500 v. Chr.) belegt. Sein altägyptischer Titel „Schrift des verborgenen Raums“ wurde in der Forschung durch die moderne Namensform „Amduat“ ersetzt, die ägyptisch jmj-dw3.t („(Das Buch dessen,) was in der Duat ist“) wiedergibt.<ref name="Backes2007" details="Abschnitt 2.3.2" /><ref name="Stadler2014" details="S. 16" /> Die früheste Niederschrift der ausführlichen Fassung stammt aus dem Grab Thutmosis' I. (KV 38), die älteste vollständige Fassung aus dem Grab Thutmosis' III. (KV 34). Die Kurzfassung ist erstmals im Grab des Wesirs Useramun (TT 61) belegt, der unter Hatschepsut und Thutmosis III. amtierte.<ref name="Altenmüller1967" details="S. 27" /><ref name="Hornung1999" details="S. 28" /><ref name="unil" />
Das Pfortenbuch gliedert die Unterwelt in zwölf durch Tore getrennte Räume und nimmt erstmals auch Ausländer – Syrer, Libyer und Nubier – in die Unterwelt auf.<ref name="Altenmüller2006" details="Abschnitt 2.3.3.2" /> Das Höhlenbuch ersetzt das Stundenschema durch sechs Höhlen. Erstmals belegt ist es in der 19. Dynastie. Seine älteste nahezu vollständige Fassung steht im Osireion von Abydos.<ref name="Stadler2014" details="S. 17" /><ref name="Hornung1999" details="S. 83–95" />
Erforschung[Bearbeiten]
Die frühe Ägyptologie deutete die widersprüchlichen Ortsangaben der Pyramidentexte als Vermischung zweier ursprünglich getrennter Jenseitsvorstellungen: eines himmlischen Jenseits beim Sonnengott und eines unterirdischen bei Osiris. Diese Deutung (unter anderem bei Adolf Erman und Hermann Kees) gilt seit den Arbeiten von Winfried Barta und James P. Allen als überholt. Die osirische wie die solare Bestimmung des Toten gehörten demnach von Anfang an zu einem einzigen Vorstellungskomplex.<ref name="Zago2018JARCE" details="S. 204–205" /> Umstritten ist ferner, wie düster die Duat gedacht war. Während die ältere Forschung sie vorwiegend als elysische Gegenwelt beschrieb, hat Jan Assmann hervorgehoben, dass die Texte die Duat auch als „finsteres, licht- und wasserloses, gottfernes Land ohne Wiederkehr voller Ungeheuer und Dämonen“ beschreiben, aus dem der Tote erst durch die Totenriten und das Totengericht erlöst werden musste.<ref name="Assmann2002" details="S. 34" />
Literatur[Bearbeiten]
- Hartwig Altenmüller: Zur Überlieferung des Amduat. In: Jaarbericht ex Oriente Lux. Band 20, 1967/68, S. 27–42 (online).
- Jan Assmann: Totenglaube und Menschenbild im alten Ägypten. In: Paideuma. Band 48, 2002, S. 33–46 (online).
- Erik Hornung: Altägyptische Jenseitsbücher. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997 (englisch: The Ancient Egyptian Books of the Afterlife. Cornell University Press, Ithaca 1999, ISBN 0-8014-8515-0).
- Erik Hornung: Die Nachtfahrt der Sonne – Eine altägyptische Beschreibung des Jenseits. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 1998, ISBN 3-7608-1200-7.
- Martin Andreas Stadler: Judgment after Death (Negative Confession). In: UCLA Encyclopedia of Egyptology. Los Angeles 2008 (online).
- Martin Andreas Stadler: Elysische Gefilde und Orte der Schrecknisse. Die Fahrt des Sonnengottes durch die Unterwelt nach den altägyptischen Unterweltsbüchern. In: Joachim Hamm, Jörg Robert (Hrsg.): Unterwelten. Modelle und Transformationen. Würzburg 2014, S. 6–28 (Volltext als PDF).
- Silvia Zago: Classifying the Duat. Tracing the Conceptualization of the Afterlife between Pyramid Texts and Coffin Texts. In: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde 145, 2018, S. 205–218 (Volltext als PDF, DOI:10.1515/zaes-2018-0018).
- Silvia Zago: Imagining the Beyond. The Conceptualization of Duat between the Old and the Middle Kingdoms. In: Journal of the American Research Center in Egypt. Band 54, 2018, S. 203–217 (Volltext als PDF, DOI:10.5913/jarce.54.2018.a016).
Weblinks[Bearbeiten]
Vorlage:Wikidata-Registrierung
- dwꜣ.t (Lemma ID 854583) im Thesaurus Linguae Aegyptiae mit sämtlichen Textbelegen
- Burkhard Backes: Unterweltvorstellungen und Jenseitsliteratur (Ägypten) in: WiBiLex
- Hartwig Altenmüller: Jenseitsvorstellungen (Ägypten) in: WiBiLex
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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