Groove (Musik)
Der aus dem amerikanischen Englischen ins Deutsche übernommene Begriff Groove (auch als „das Stück groovt“, „groovy“) wird mehrfach und „mehrdimensional“<ref name="Pfleiderer">Martin Pfleiderer: Dimensionen der Groove-Erfahrung. Eine empirische Studie. Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.(PDF; 214 kB) ( vom 23. April 2013 im Internet Archive)</ref> interpretiert:
- Das schwingende Spiel und Zusammenspiel von Musikern im Mikrotimingbereich (siehe dazu Swing (Rhythmus)#Erzeugung und Wirkung). So klingt ein laid back-gespielter Viervierteltakt („laid back“ im Sinne von zurückgezogen, gebremst) anders, als wenn er gerade gespielt wird.<ref>laid back. dictionary.reference.com, abgerufen am 3. Juli 2014.</ref> Vermutlich sind die Mittel zur Erzeugung eines Groove-Empfindens vom jeweiligen Musikstil abhängig: Experimentelle Studien zeigen, dass beispielsweise Schlagzeug-Rhythmen dann das stärkste Bewegungsgefühl stimulieren, wenn das Pattern ohne mikrozeitliche Schwankungen (quantisiert) dargeboten wird. Diese „Ästhetik der Exaktheit“ gilt hierbei zunächst aber nur für bestimmte Formen der Rockmusik.<ref>J. Frühauf, R. Kopiez, F. Platz: Music on the timing grid: The influence of microtiming on the perceived groove quality of a simple drum pattern performance. In: Musicae Scientiae. Band 17, Nr. 2, 2013, S. 246–260, doi:10.1177/1029864913486793.</ref> Jedoch kann die aktuelle Befundlage zur Groove-Empfindung und mikrorhythmischer Abweichung, die auch nur der besseren Wahrnehmung einzelnen Instrumente dienen kann,<ref name="Pfleiderer" /> als gemischt angesehen werden. Eine Untersuchung von 2016 erbrachte z. B. keine Unterschiede von exaktem, "quantisiertem" Timing und bestimmter Asynchronitäten hinsichtlich der Groove-Empfindung bei zeitgenössischer Musik<ref>Olivier Senn, Lorenz Kilchenmann, Richard von Georgi, Claudia Bullerjahn: The Effect of Expert Performance Microtiming on Listeners' Experience of Groove in Swing or Funk Music. In: Frontiers in Psychology. Band 7, 2016, ISSN 1664-1078, doi:10.3389/fpsyg.2016.01487 (frontiersin.org [abgerufen am 11. Oktober 2017]).</ref>, während eine Arbeit von Benjamin Burkhart das Zusammenspiel von Mikro- und Makrotiming, im spezifischen Kontext, als relevante Groovekriterien ansieht.<ref>Benjamin Burkhart: Rhythmus und Mikrotiming in Reggae- und Dancehall-Riddims. Zur Analyse Stilspezifischer Gestaltungsweisen und Entwicklungslinien. (PDF) 28. Januar 2015, abgerufen am 11. Oktober 2017.</ref> In Musik mit afrikanischem Erbe werden die Pulse der metrischen Struktur in einem zyklisch wiederkehrenden Muster gestreckt und gedehnt. Im binären Metrum, wie beispielsweise dem 4/4-Takt, ergibt sich der sogenannte Swing oder Shuffle, der meist aus einem langen Puls auf der betonten Zählzeiten (Beat) besteht und von einem kurzen Puls auf der unbetonten Zählzeit (Offbeat) gefolgt wird (Lang-Kurz-Pattern).<ref>M. W. Butterfield: Why Do Jazz Musicians Swing Their Eighth Notes? In: Music Theory Spectrum. Vol. 33, No. 1, 2011, S. 3–26.</ref> Im ternären Metrum, wie dem 6/8-Takt, ergibt sich eine Dreiteilung der Viertelnoten (Beats) in Pulse unterschiedlicher Längen, wie beispielsweise Lang-Mittel-Kurz oder Kurz-Mittel-Lang.<ref>R. Polak: Rhythmic Feel as Meter: Non-Isochronous Beat Subdivision in Jembe Music from Mali. In: Music Theory Online. Band 16, Nr. 4, 2010.</ref> Bei polymetrischer Musik werden häufig die binären und ternären Formen überlagert, wodurch ein zyklisches Timing-Muster der Länge von sechs Pulsen entsteht.<ref>Oliver Weede: Polymetric Rhythmic Feel for a Cognitive Drum Computer. In: Carsten Busch, Jürgen Sieck (Hrsg.): Kultur und Informatik. Verlag Werner Hülsbusch, Berlin 2016, ISBN 978-3-86488-103-9, S. 281–294.</ref>
- Das beim Zuhörer dann entstehende Gefühl, das durch Rhythmus, Spannung und Tempo des Musikstücks erzeugt wird (siehe Drive)
- Ein Mitreißen oder Animieren des Publikums zu einer Interaktion (Mitwippen, Klatschen, Fingerschnippen, Tanzen)<ref name="Pfleiderer" />
- Auch die Euphorie, die sich bei (Jazz-)Musikern einstellt, wenn das Zusammenspiel funktioniert<ref name="Pfleiderer" />
Inspirierenden Groove findet man nicht nur in der rhythmisch akzentuierten modernen Unterhaltungsmusik, hier besonders in jenen Stilrichtungen, die ihre Wurzeln in der afro-amerikanischen Musik haben (z. B. Rhythm and Blues, Funk, Jazz, Soul, Salsa, Rock, Pop und Hip-Hop), sondern z. B. auch in der Bachschen Musik. Einige Musikbeflissene nennen das Konzept des Grooves einen subjektiven und schwer fassbaren Begriff; unter erfahrenen Musikern besteht ein gemeinsames, intuitives und praxisbasiertes Verständnis und Empfinden für den Begriff Groove.
Der Terminus entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ist vom Bild der immer gleichbleibenden Ackerfurche abgeleitet (engl. groove = „Furche“, „Rille“, „Spur“), die dem Bauern die Marschrichtung vorgibt. Auch die Schallplattenrillen heißen im Englischen „grooves“, ebenso wie die Furchen eines Autoreifenprofils. Der „Groove“ ist beim Rhythmus das, was bei der Melodie Riff genannt wird, zieht sich aber im Gegensatz zum Riff durch das ganze Musikstück. Beides fällt unter den Oberbegriff des Ostinato (Italienisch, abgeleitet vom Lateinischen obstinatus = „hartnäckig“, „eigensinnig“) – eine sich ständig wiederholende musikalische Phrase.
Der Groove gibt ein rhythmisches, oft synkopisches Grundmuster vor, das in der Folge variiert werden kann und gegen das die übrigen Musiker anspielen. Dieses Spannungsverhältnis verleiht dem Groove einen besonderen Reiz. Ein Groove wirkt auf die Zuhörer unbewusst psychomotorisch stimulierend. Besondere Bedeutung hat der Groove daher in Stilen der Tanzmusik wie Funk oder Disco. Ein gutes Beispiel ist die Musik James Browns der frühen 1970er Jahre.
Ein bekanntes Beispiel, wie der Groove sich auch im weißen Mainstream-Pop durchsetzte, ist der Popsong „Take a Chance On Me“ von ABBA. Während Agnetha und Frida die Melodiestimmen singen, skandieren Benny und Björn den Groove „Take a chance take a chance take a chance take a chance“.
„Im Groove sein“ ist Ausdruck für Übereinstimmung im Handeln mehrerer Menschen, z. B. dem Zusammenspiel mehrerer Musiker, oder eine Bezeichnung für ein Glücksgefühl, das durch psychomotorische Stimulation wie beim Tanzen ausgelöst wird.
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Wieland Harms: Basic Guitar Grooves. Mehr als 50 Gitarren-Grooves aus Blues, Rock, Soul, Funk, Latin & Jazz. Gerig, ISBN 3-87252-251-5.
Weblinks[Bearbeiten]
- Heinrich Klingmann: Academic Grooves. (PDF; 240 kB). In: The Groove Issue. (= PopScriptum. Nr. 11). 2010.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
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