Ludwig Leist
Ludwig Leist (* 14. März 1891 in Kaiserslautern; † 9. Januar 1967 in Murnau) war ein deutscher Verwaltungsbeamter, SA-Führer und Stadthauptmann von Warschau im deutsch besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges. Leist wurde 1947 von einem polnischen Gericht als Kriegsverbrecher zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.
Leben[Bearbeiten]
Leist besuchte bis 1904 die Volksschule.<ref name="Roth487">Kurzbiografie bei Markus Roth: Herrenmenschen, Göttingen 2009, S. 487.</ref> Er trat 1906 in das bayrische 8. Infanterieregiment ein.<ref>Peter Weidisch: Die Machtergreifung in Würzburg 1933, F. Schöningh, 1990, S. 122</ref> Grund für den frühen Eintritt in den Militärdienst dürfte die mittellose Herkunft und der frühe Tod seiner Eltern (1904 und 1905) gewesen sein. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges leistete er Kriegsdienst, zuletzt im Rang eines Leutnants.<ref name="Lehnstaedt56">Stephan Lehnstaedt: Okkupation im Osten. Besatzeralltag in Warschau und Minsk. 1939-1944, ISBN 978-3-486-59592-5, Oldenbourg, München 2010, S. 56</ref> Nach Kriegsende wurde er aus der Armee entlassen und wechselte 1921 in die Reichszollverwaltung, wo er bis 1934 tätig war und zum Oberzollinspektor befördert wurde.<ref name="Roth487"/> Danach war er bei der Verwaltung der Stadt Würzburg angestellt, dort Stadtrat<ref>Peter Weidisch: Würzburg im »Dritten Reich«. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 196–289 und 1271–1290; hier: S. 221 und 223.</ref> und für die SA-Standarte Würzburg tätig. Zum 1. Oktober 1930 war er bereits der NSDAP (Mitgliedsnummer 317.535)<ref>Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/14930388</ref> und der SA beigetreten.<ref name="Roth487"/> Im Jahr 1934 rückte er aufgrund einer Mandatsniederlegung zum Ratsherren in Würzburg nach, gefolgt von seiner Berufung als Ratsherr für sechs Jahre am 1. Oktober 1935 im Würzburger Stadtrat - ohne jedoch nennenswert in Erscheinung getreten zu sein. Allerdings war Leist im Frühjahr 1933 als Teil der Würzburger SA aufgefallen, da er sich aktiv um ein eigens in der Feste Marienberg eingerichtetes "wildes" Konzentrationslager beteiligt hatte. So soll Leist u. a. eigenmächtig Schutzhaftbefehle für politische Gegner ausgestellt haben, die zu deren Verhaftung führten.<ref>Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist, In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, S. 155 ff.</ref> Er kandidierte im Rang eines SA-Standartenführers erfolglos für die Reichstagswahl 1938.<ref>Erich Stockhorst: 5000 Köpfe – Wer war was im Dritten Reich. Blick + Bild Verlag, 1967, S. 267.</ref>
Nach dem Überfall auf Polen gehörte er zu einer Gruppe von 20 Beamten aus Würzburg, die im deutsch besetzten Warschau in der Stadtverwaltung unter Oskar Rudolf Dengel tätig waren.<ref>Markus Roth: Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen - Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009, S. 111</ref> Als Nachfolger Dengels war Leist ab dem 16. März 1940 zunächst Beauftragter des Gouverneurs für die Stadt Warschau unter Ludwig Fischer und hatte seinen Dienstsitz im Blank-Palast.<ref>Bundesarchiv, Institut für Zeitgeschichte, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Lehrstuhl für Geschichte Ostmitteleuropas an der Freien Universität Berlin: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945: Polen September 1939 – Juli 1941. Band 4. Bearb. von Klaus-Peter Friedrich. 2011, ISBN 978-3-486-58525-4, S. 260, Fn. 3</ref> Warum die Wahl auf ihn fiel, ist bis heute unklar, zumal er keinerlei Ausbildung und Erfahrung für diese Position besaß, und es geeignetere und erfahrene Kandidaten gegeben hätte. Von September 1941 bis zum 31. Juli 1944 war er Stadthauptmann in Warschau und unterschied sich zumindest von seinem Vorgänger Dengel dahingehen, dass er sich bis zum Schluss des Krieges nicht persönlich bereicherte.<ref name="Lehnstaedt56"/> Innerhalb der SA bekleidete er zuletzt den Rang eines Brigadeführers.<ref name="Klee365">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 365</ref><ref>Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist, In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, S. 156 ff.</ref> Leist fiel der Polnischen Exilregierung vergleichsweise positiv auf. So organisierte er gegen Ende der deutschen Kulturwoche im Jahr 1940 für einige polnische Angesellte der Stadt ein Konzert oder ging im Vergleich zu seinem Vorgänger konzilianter mit den polnischen Angestellten um. Allerdings änderte dies nichts an der brutalen Vorgehensweise der Besatzungsmacht und deren Auswirkungen für die Bevölkerung. So war Leist ebenfalls an der Niederschlagung des Warschauers Aufstands und der fast vollständigen Zerstörung weiter Teile der Stadt mit beteiligt.<ref>Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist, In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, S. 157 ff.</ref> Nach der Einnahme der Stadt Warschau durch die Rote Armee war er im Januar 1945 im Volkssturm während der Schlacht um Posen aktiv im Wehrdienst.
Nach Kriegsende befand sich Leist ab dem 19. Juni 1945 in westalliierter Internierung und wurde später nach Polen ausgeliefert. Mit dem Gouverneur des Distrikts Warschau Ludwig Fischer, dem Kommandanten der Sicherheitspolizei in Warschau Josef Meisinger und dem Leiter der Ordnungspolizei Max Daume wurde er in Warschau vor dem Obersten Nationalen Tribunal aufgrund von in Warschau begangener Verbrechen im Dezember 1946 angeklagt. Fischer, Meisinger und Daume wurden Anfang März 1947 zum Tode verurteilt und später hingerichtet. Da Leist im Vergleich zu den anderen Verurteilten weniger schwere Verbrechen zur Last gelegt wurden, erhielt er eine achtjährige Haftstrafe.<ref>Stephan Lehnstaedt: Okkupation im Osten. Besatzeralltag in Warschau und Minsk. 1939-1944, ISBN 978-3-486-59592-5, Oldenbourg, München 2010, S. 319f.</ref> Hintergrund der milderen Strafgebung war ein neuer polnischer Straftatbestand, nämlich die Mitgliedschaft in einer verbrecherschen Organisation. Ihm wurde zu Last gelegt, dass er zwar innerhalb der Stadtverwaltung an führender Position stand aufgrund seiner NSDAP-Mitgliedschaft, allerdings konnte man ihm keine führende Position innerhalb der Partei nachweisen. Auch fand sich kein Beweis, dass Leist an den Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung direkt beteiligt war oder Mitverantwortung trug für den Mord und die Verbringung von Menschen in Gefängnisse oder Konzentrationslager. Für das Strafmaß bewertet werden konnte allerdings die Teilnahme an der Niederschlagung des Warschauer Aufstands und die nachweisbare Verbringung von Mitgliedern der Stadtverwaltung zur Strafe in das Arbeitslager Treblinka.<ref>Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist, In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, S. 158 ff.</ref> Zugutegehalten wurde ihm vom ehemaligen polnischen Bürgermeister Julian Kulksi, dass er sich kaum in die Belange der polnischen Stadtverwaltung eingemischt hätte. Des Weiteren hätte er sich aufgeschlossen gezeigt für den Erhalt kultureller Güter wie z. B. polnische Denkmäler und sich sogar eingesetzt für die Freilassung verhafteter polnischer Angestellter. Kulski sagte im Verfahren gegen Leist aus "... es wäre schwierig gewesen, einen Deutschen, einen Nationalsozialisten zu finden, der einen Rolle in der deutschen Verwaltung spielte, der günstiger für uns gewesen wäre". Das polnische Gericht kam abschließend zu der Bewertung, dass noch ein Funke Menschlichkeit im Verhalten Leist erkennbar war, auch im Verhalten gegenüber dem Judenratsvorsitzenden Adam Czerniaków.<ref>Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist, In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, S. 159 ff.</ref> Leist war während des Prozesses bereit über seine Rolle in Warschau zu sprechen, verharrte nicht in alten Loyalitätsstrukturen und hatte auch kein Problem damit, seine ehemaligen Mitangeklagten durch seine Aussagen zu belasten. Auch die Todesurteile gegenüber Hans Frank und Ludwig Fischer hielt er für gerechtfertigt. Er hielt sowohl den Prozess gegen ihn, als auch das Urteil für fair sowie gerechtfertigt und beklagte sich nicht über die Haftbedingungen.
Leist wurde am 17. Januar 1954 aus der Haft in die Bundesrepublik entlassen.<ref>Bogdan Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Wiesbaden 1999, S. 354</ref> Er selbst fürchtete aufgrund der belastenden Aussagen gegenüber seinen Mitangeklagten und seiner vergleichsweise geringen Haftstrafe im neuen Deutschland nicht mit offenen Armen empfangen zu werden. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Würzburg gegen Leist wurde schließlich eingestellt.<ref name="Roth487"/> Leist setzte sich im Gegensatz zu vielen seiner Mittäter aktiv mit seiner Rolle im deutsch besetzten Polen auseinander. Markus Roth kommt in einer Abhandlung 2026 zu dem Ergebnis, dass es auch bei ihm bis zum Schluss viele Schutzbehauptungen und blinde Flecken in seiner Biografie gab. Im Gegensatz zu vielen anderen, so Roth, hätte Leist allem Anschein nach aufrichtige Worte des Bedauerns gefunden und eine Teilschuld eingestanden.<ref>Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist. , In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, Band 19, S. 161 ff.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Markus Roth: Herrenmenschen. Die deutschen Kreishauptleute im besetzten Polen – Karrierewege, Herrschaftspraxis und Nachgeschichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0477-2.
- Markus Roth: Mit einem Funken Menschlichkeit und aufrichten Worten des Bedauerns nach 1945: Ludwig Leist. In: Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus Unterfranken, Band 19. Wolfgang Proske (Hrsg.), Kugelberg Verlag Gerstetten 2025, ISBN 978-3-945893-27-2.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Leist, Ludwig |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Verwaltungsbeamter, SA-Führer und Stadthauptmann |
| GEBURTSDATUM | 14. März 1891 |
| GEBURTSORT | Kaiserslautern |
| STERBEDATUM | 9. Januar 1967 |
| STERBEORT | Murnau |
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