New Topographic Movement
Das New Topographic Movement ist eine zeitgenössische Stilrichtung der Fotografie, die in den USA während der 1970er Jahre entstand.
Die Bezeichnung leitet sich ab von der 1975 im George Eastman House in Rochester, New York durchgeführten Ausstellung mit dem Titel New Topographics: Photographs of a Man-altered Landscape („Neue Topographien: Fotografien einer vom Menschen veränderten Landschaft“).<ref>Geschichte einer Ausstellung. Die Tageszeitung, 22. Januar 2011, S. 23.</ref> Der Kurator William Jenkins präsentierte in dieser Schau Werke von Robert Adams, Lewis Baltz, Joe Deal, Frank Gohlke, Nicholas Nixon, John Schott, Stephen Shore, Henry Wessel, sowie Bernd und Hilla Becher als den Einzigen, die nicht aus den USA kamen.
Jenkins Ausgangspunkt waren die Fotoserien Edward Ruschas wie Twentysix Gasoline Stations (1963) und Every Building on the Sunset Strip (1966), die er bewusst in schlichtem Offsetdruck herausgebracht hatte und die konzeptuelle Eigenschafzslosigkeit und Anonymität gegen jedes ästhetische Kunstverständnis ausspielte. Ruschas im Grunde auch anti-fotografischen Arbeiten fanden jedoch nicht Eingang in die Ausstellung.<ref>William Jenkins: Introduction, in: New Topographics: Photographs of a Man-Altered Landscape. Rochester: International Museum of Photography at George Eastman House, 1975, S. 5. Als verkleinertes Faksimile abgedruckt in: Britt Salvesen, Alison Nordström: New Topographics. Steidl, Göttingen 2009, ISBN 978-3-86521-827-8, S. 250 (englisch).</ref> Zu einer weiteren, doch nicht expliziten Inspiration gehörte sicher Dan Graham, dessen Homes for America (1965–67) er mit billigen Farbfotografien illustrierte, die er als Diashow und von Text begleitet in Magazinen veröffentlicht hatte; Ausdrucksmittel und Gegenstand entsprachen sich als qualitätslose Massenprodukte.<ref>Dan Graham: Ausgewählte Schriften, hrsg. von Ulrich Wilmes. Oktagon, Stuttgart 1994, ISBN 3-927789-69-0, S. 26–32 (deutsche Übersetzung von Benjamin Buchloh, Reproduktion der Doppelseite aus Arts Magazine, Dez. 1966–Jan. 1967).</ref> Auch die epochale Studie Learning from Las Vegas der Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour, 1972 veröffentlicht, war ein weiteres Zeugnis des kritischen Diskurses, der der Ausstellung vorausging. Die Studie nahm auch explizit Bezug auf Ed Ruscha, speziell auf Every Building on the Sunset Strip.<ref>Nordström/Salvesen 2009, S. 23 ff.</ref> Und Stephen Shores Reise quer durch die USA war 1975 von den Architekten in Auftrag gegeben worden, die seine Arbeit auch im folgenden Jahr in ihrer Ausstellung Signs of Life: Symbols in the American City in der Renwick Gallery des Smithsonian Instituts zeigten.<ref>Emilia Mickevicius: New Topographics. Beitrag zum Kurs Modernisms 1900–1980: Postwar photography der Khan Academy, o. J., Anm. 2 (englisch).</ref>
Die in New Topographics zum Teil erstmals, beziehungsweise erstmal zusammen, vorgestellten Arbeiten wird allgemein als der Beginn einer neuen fotografischen Sicht auf die Landschaft und eine einschneidende Veränderung der amerikanischen Landschaftsfotografie verstanden. Bis dahin bestimmten insbesondere Fotografen wie Ansel Adams oder Edward Weston mit einer idealistischen und damit eher romantischen Vorstellung die Landschaftsfotografie des modernen Amerikas, geleitet vom Blick auf die vom Menschen weitgehend unberührte Landschaft und Natur.
Die von Jenkins 1975 unter diesem Begriff zusammengefasst vorgestellten Fotografen wandten sich stattdessen vom menschlichen Eingriff gekennzeichneten Plätzen und Landschaften zu (häufig an den Rändern der Städte). Nicht die „schöne“ Landschaft, sondern die dokumentarische Sicht auf die Umwelt, wie sie durch den Landfraß großräumig geplanter neuer Eigenheimsiedlungen (als Nachklang der blühenden Nachkriegszeit), Gewerbe, Transport und Naturausbeutung geprägt war, wurde zum Gegenstand einer neuen gesellschaftskritischen Fotografie. Das Vorgehen der Fotografen, die mit dem Genre assoziiert werden, ist seriell in Werkgruppen und häufig konzeptuell. Das Werk von Bernd und Hilla Becher, 1975 ebenfalls unter dem Begriff der neuen topografischen Fotografie verhandelt, zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass es Zeugnisse der industriellen Entwicklung, die weitgehend Opfer von Modernisierungsprozessen wurden, in einzigartiger Weise dokumentiert.
Zunächst „weitgehend unbeachtet“<ref>Nicholas Nixon im Gespräch mit Carlos Gollonet Carnicero, in Carnicero: Nicholas Nixon. Fundación Mapfre/Kehrer, Madrid and Berlin 2017, ISBN 978-3-86828-828-5, S. 23 (englisch; Ausstellungskatalog Fundación Mapfre und C/O Berlin).</ref> und die ausgestellten Fotografien als flat („flach“) und ugly („hässlich“) beschrieben,<ref>Zitate zum Beispiel bei Mickevicius/Khan Academy, o. J.</ref> entwickelte sie sich mit vermehrten Rückbezügen und zunehmender Prominenz einiger der Künstler in den 1980er und ’90er Jahren zu einer Art „New Topographic Movement“. Der ausgehende Anstoß hatte einen bis in die Gegenwart wirksamen Einfluss auf die Praxis folgender Fotografengenerationen. Als deutsche Vertreter dieser Richtung können mit Teilen ihres Werks unter anderen Heinrich Riebesehl,<ref>Martina Mettner: Warum Heinrich Riebesehl mehr Anerkennung verdient hätte. Fotofeinkost-Blog, 2010.</ref> Michael Schmidt, Joachim Brohm, Hans-Christian Schink und Hildegard Ochse<ref>Christoph Schaden: Arbeit am Mythos. In: Photonews. Bd. 29, Nr. 2, 2017, S. 6–7.</ref> gesehen werden.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Weblinks[Bearbeiten]
- New Topographics: Photographs of a Man-Altered Landscape. Ausstellung vom 14. Oktober 1975 – 2. Februar 1976, Eastman House, Rochester (englisch)
- Emilia Mickevicius: New Topographics. Beitrag zum Kurs Modernisms 1900–1980: Postwar photography der Khan Academy (englisch)
- Damian Zimmermann: „New Topographics“ in Köln. Ausstellungsbesprechung. Weblog Fotografie und Texte zur Fotografie, 25. Januar 2011