Radnabenlenkung

Die Radnabenlenkung ist eine seltene und ungewöhnliche Bauart der Vorderradführung bei Motorrädern, bei der sich die Lenk- oder Drehachse in der Radmitte befindet. Die Radnabenlenkung kann im weitesten Sinne zur Gruppe der Achsschenkellenkung gerechnet werden.<ref name="Sto">Jürgen Stoffregen: Motorradtechnik. S. 330–331.</ref>
Geschichte[Bearbeiten]
Die erste Radnabenlenkung stammt vom US-amerikanischen Konstrukteur Carl A. Neracher, der diese in seinem Motorradmodell Ner-a-Car von 1921 bis 1926 in größeren Stückzahlen einbaute.<ref>Patent CA236891A: Motorcycle. Veröffentlicht am 8. Januar 1924, Anmelder: Ner A Car Corp, Erfinder: Carl A. Neracher.</ref> Danach folgte der französische Hersteller Majestic (1928–1934). Ab 1968 bot der britische Konstrukteur Jack Difazio (* 1915; † 2012) eine Radnabenlenkung für Straßenmotorräder und Rennmotorräder an, die auch als Umbausatz erhältlich war;<ref>Tony Foale, Vic Willoughby: Motorrad-Fahrwerk heute. S. 95.</ref><ref>Difazio-Umbausatz an einer BMW R 45 (1979)</ref> bekannt wurde die „Nessie“.<ref>Tony Foale, Vic Willoughby: Motorrad-Fahrwerk heute. S. 175</ref> Insgesamt sollen von 1968 bis 1983 etwa 50 Motorräder mit Radnabenlenkung gebaut worden sein.<ref>Andrew Westlake: Klassik Motorrad. Nr. 1/2015, S. 15.</ref> 1986 entwickelte der italienische Hersteller Bimota eine Radnabenlenkung an der Langstreckenrennmaschine Bimota Tesi; die Lenkübertragung erfolgte hydraulisch.<ref>MOTORRAD Revue 1984/85, S. 29.</ref>
1990 stellte Bimota mit dem Serienmodell Bimota Tesi 1D eine Radnabenlenkung vor, auf dessen Lenksystem Giuseppe Morri, Mitgründer von Bimota, ein Patent hielt.<ref>Patent US5133223A: Device for steering the front wheel of a motor vehicle. Angemeldet am 31. Oktober 1990, veröffentlicht am 28. Juli 1992, Anmelder: Bimota S.P.A, Erfinder: Giuseppe Morri.</ref> Mit den Nachfolgemodellen Bimota Tesi 2D (2005–2006) und Bimota Tesi 3D (ab 2007) produziert Bimota die Radnabenlenkung für interessierte Kunden bis heute (Stand Februar 2016). Ebenfalls in Kleinserie bietet der italienische Hersteller Vyrus, nach zwischenzeitlicher Produktionseinstellung und Übernahme von Bimota, Motorräder mit einer Radnabenlenkung an.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.vyrus.it ( vom 7. Juli 2013 im Webarchiv archive.today) (abgerufen am 7. Juli 2013)</ref> Seit 2009 bietet der schwedische Hersteller ISR auch eine Radnabenlenkung u. a. für das Modell BMW R 1200 S an.<ref>Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.isrbrakes.se ( des Vorlage:IconExternal vom 4. März 2016 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. ISR History (abgerufen am 7. August 2013)</ref>
Bei den Motorradgespannen wurde 1988 bei Krauser-Domani und 1994 bei GG Duetto eine Radnabenlenkung eingeführt.
Technik[Bearbeiten]
Bei der Radnabenlenkung dreht sich das Rad um einen Lenklagerzapfen in der Radachsenmitte. Beim Lenkvorgang wird das Rad über einen Hebel, der am Radträger wirkt, um die Lenkachse gedreht.<ref name="Sto" /> Bereits bei der Ner-a-Car wurde der geringe Lenkeinschlag bemängelt. Bei der Radnabenlenkung (System Morri) wird über ein extrem aufwändiges Hebelsystem mit zwei Schubstangen (System 1D) – eine Schubstange (System 3D) – und Umlenkhebeln die Lenkbewegung vorgenommen. Der maximale Lenkeinschlag der Difazio-Radnabenlenkung (19 Grad) ist gegenüber herkömmlichen Teleskopgabeln (über 30 Grad) deutlich geringer; der Bremsnickausgleich ist jedoch wesentlich größer als bei der Teleskopgabel. Durch das komplizierte und auch wartungsaufwändige Hebelsystem ergeben sich erhebliche Nachteile hinsichtlich der Fahrstabilität, insbesondere bei hohen Geschwindigkeiten.<ref>MOTORRAD. Nr. 18, 21. August 1993, S. 14–24.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Tony Foale, Vic Willoughby: Motorrad-Fahrwerk heute. 1. Auflage. Motorbuch Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-613-01226-X.
- Jürgen Stoffregen: Motorradtechnik: Grundlagen und Konzepte von Motor, Antrieb und Fahrwerk. 7. Auflage. Vieweg Verlag, Braunschweig 2010, ISBN 978-3-8348-0698-7.
Weblinks[Bearbeiten]
- Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Difazio-Radnabenlenkung ( vom 7. Juli 2013 im Webarchiv archive.today)
- Die Seite Vorlage:Webarchiv/styles.css hat keinen Inhalt.Difazio-Umbausatz ( vom 19. Juli 2013 im Webarchiv archive.today)
- Konstruktionszeichnung Difazio-Radnabenlenkung
- Funktionsvideo der Radnabenlenkung von ISR
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />