Stresstheorie
Verschiedene Stresstheorien haben versucht, den Zusammenhang zwischen Stressoren und Stressreaktion darzustellen. Die Modelle sind mit wachsendem Erkenntnisstand komplexer geworden. In mancher Hinsicht stellen sie einfach verschiedene Definitionsversuche des weitläufigen Begriffskomplexes „Stress“ dar. Beispielhaft können benannt werden:
Stresstheorien[Bearbeiten]
Notfallreaktion[Bearbeiten]
Nach Walter B. Cannon (1914, 1932): Nach diesem Modell reagiert der Körper blitzartig durch die Herstellung einer „Flucht oder Angriffsbereitschaft“.
Allgemeines Anpassungssyndrom[Bearbeiten]
Nach Hans Selye (1936): Dieses Modell ist das ursprüngliche Stresskonzept. Es stellt die Folgen punktuellen und chronischen Stresses dar. Mit Wahrnehmung eines (jeden) Stressors folgt eine Anpassungsreaktion. Nachgewiesen wurde, dass auf jede Anspannung- eine Entspannungsphase folgen muss, da nur bei ausreichender Erholung ein gleichbleibendes Niveau zwischen Ruhe und Erregung gehalten werden kann. Folgen in kurzen Abständen weitere Stressoren, wächst das Erregungsniveau weiter an.
Allostase – Stabilität durch Änderung[Bearbeiten]
Nach P. Sterling (1988): Stress dient hauptsächlich der psychischen und physischen Anpassung an sich verändernde Lebens- und Umweltbedingungen. Zentrales Stressorgan ist dabei das Gehirn, das vor allem über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse aktiviert und teils auch modifiziert wird. Eine dauerhafte Aktivierung führt zu allostatischer Last, die das Risiko für viele Erkrankungen erhöht. Das aktuelle biopsychologische Stressmodell ist das Allostase-Modell.<ref>P. Sterling, J. Eyer: Allostasis: a new paradigm to explain arousal pathology. In: S. Fisher, J. Reason (Hrsg.): Handbook of life stress, cognition and health, Wiley & Sons, New York, 1988, S. 631–651.</ref><ref>B. S. McEwen: Stress, sex, and neural adaptation to a changing environment: mechanisms of neuronal remodeling. Ann N Y Acad Sci, 1204 Suppl (2010) E38-59. doi:10.1111/j.1749-6632.2010.05568.x</ref><ref>P. Sterling: Allostasis: a model of predictive regulation. Physiol Behav, 106 (2012) 5–15. doi:10.1016/j.physbeh.2011.06.004</ref>
Stressmodell von Henry[Bearbeiten]
Dieses Modell unterscheidet spezifische physiologische Reaktionen je nach Stresssituation: Furcht (Flucht) führt zu Adrenalinanstieg; Ärger (Kampf) zu Noradrenalin- und Testosteronanstieg; Depression (Kontrollverlust, Unterordnung) zu Cortisolanstieg und Testosteronabfall.<ref>Hermann Faller; Herrmann Lang: Medizinische Psychologie und Soziologie. Heidelberg: Springer 2006, ISBN 3-540-29995-5</ref>
Transaktionales (oder kognitives) Stressmodell[Bearbeiten]
Nach Lazarus (1974): Zusätzlich zu den oben genannten Modellen werden persönliche Bewertungsebenen eingefügt. Demnach wird Stress wesentlich von kognitiven Bewertungsprozessen mitbestimmt. Stress ist damit eine Interaktion zwischen der (individuellen) Person und der Umwelt. Es wurde nachgewiesen, dass Stress durch Einstellung und Erfahrung beeinflussbar ist.
Theorie der Ressourcenerhaltung[Bearbeiten]
Nach Stevan Hobfoll (1988, 1998; Hobfoll & Buchwald, 2004): Die Theorie der Ressourcenerhaltung ermöglicht ein umfassenderes und stärker an den sozialen Kontext gebundenes Verständnis von Stress. Zentrale Annahme ist, dass Menschen ihre eigenen Ressourcen schützen wollen und danach streben, neue aufzubauen. Stress wird als eine Reaktion auf die Umwelt definiert, in der (1) der Verlust von Ressourcen droht, (2) der tatsächliche Verlust von Ressourcen eintritt und/oder (3) der adäquate Zugewinn von Ressourcen nach einer Ressourceninvestition versagt bleibt im Sinne einer Fehlinvestition.
Modell von Karasek[Bearbeiten]
Das Job-Demand-Control-Modell (engl. Anforderungs-Kontroll-Modell) von Robert A. Karasek stellt zwei Komponenten heraus: die Arbeitsanforderung einerseits und die Entscheidungsspielräume andererseits. Stress entsteht diesem Modell zufolge vor allem, wenn die Anforderungen hoch und zugleich der Entscheidungsspielraum klein ist.<ref>Margarete Edelmann: Gesundheitsressourcen im Beruf, 2002, ISBN 3-621-27526-6 S. 6 ff</ref>
SOS-Konzept[Bearbeiten]
Das theoretische Framework „Stress as Offence to Self“ (SOS-Konzept), welches von Semmer und seiner Arbeitsgruppe an der Universität Bern erstellt wurde, rückt die Bedrohung des Selbst als Ursache von Stress in das Zentrum des Stressprozesses. Als zentrale Elemente beinhaltet das SOS-Konzept entweder Stress durch eine Bedrohung des Selbst aufgrund eines eigenen Scheiterns („Stress through insufficiency“, kurz: SIN) oder durch die Respektlosigkeit anderer Personen („Stress as disrespect“, kurz: SAD).
Literatur[Bearbeiten]
- G Hüther: Biologie der Angst – wie aus Stress Gefühle werden. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1997, ISBN 3-525-01439-2
- Lehmann, J. (2012): Die Bedrohung des Selbst als Ursache von Stress – eine experimentelle Operationalisierung des SOS-Konzeptes. Institut für Psychologie. Universität Bern.
Quellen[Bearbeiten]
<references />