Theorie (Logik)
In der mathematischen Logik ist eine Theorie (der Prädikatenlogik erster Stufe) eine Menge von Aussagen über einer Signatur.
Definition[Bearbeiten]
Eine Menge von Aussagen <math>T</math> heißt deduktiv abgeschlossen, wenn alle Aussagen, die daraus abgeleitet werden können, schon zu <math>T</math> gehören. Als Formel:
- <math>\forall \phi\colon (T \vdash \phi \Rightarrow \phi \in T).</math>
Wenn <math>L</math> eine Sprache ist, so ist eine Theorie eine deduktiv abgeschlossene Menge von Aussagen über dieser Sprache.
(Bemerkung: Die Definitionen sind in der Literatur nicht einheitlich. Zum Teil wird nicht verlangt, dass eine Theorie deduktiv abgeschlossen ist.<ref>Chang, Chen C., Keisler, H.Jerome: Model Theory. Amsterdam [u. a.], North-Holland, 1998, S. 12</ref>)
Eine Menge von Aussagen ist ein Axiomensystem für eine Theorie, wenn diese Theorie der deduktive Abschluss des Axiomensystems ist.
Theorie einer Struktur[Bearbeiten]
Die Theorie einer Struktur <math>M</math> wird notiert als <math>\operatorname{Th}(M)</math>. Sie enthält alle Sätze, die für <math>M</math> gelten, das heißt, für die <math>M</math> ein Modell ist. Als Formel:
- <math>\operatorname{Th}(M)=\{\phi\mid M \vDash \phi\}</math>.<ref>Heinz-Dieter Ebbinghaus, Jörg Flum und Wolfgang Thomas. Einführung in die mathematische Logik. 6. überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer Spektrum, 2018. doi:10.1007/978-3-662-58029-5. Seite 99</ref>
Wenn <math>M</math> eine Struktur ist, so ist <math>\operatorname{Th}(M)</math> deduktiv abgeschlossen.
Eigenschaften[Bearbeiten]
Allgemein[Bearbeiten]
- Die Mächtigkeit einer Theorie ist ihre Mächtigkeit als Menge, mindestens aber abzählbar.
- Eine Theorie ist konsistent, wenn sie nicht jeden Satz enthält. (Das ist dazu äquivalent, dass sie keinen Satz der Form „<math>\phi \wedge \neg \phi </math>“ enthält.)
- Die Theorie ist vollständig, wenn sie für jede Aussage entweder sie oder ihre Negation enthält.
- Die Theorie ist endlich axiomatisierbar, wenn sie der deduktive Abschluss einer endlichen Menge von Aussagen ist.
Modelltheorie[Bearbeiten]
- Eine Theorie ist modellvollständig, wenn daraus, dass ein Modell im anderen liegt, auch folgt, dass dieses dann elementar im anderen liegt.
- Eine Theorie hat Quantorenelimination, wenn sie der deduktive Abschluss einer Menge von Formeln ist, die ohne Quantoren gebildet wurde.
- Eine Theorie ist kategorisch in einer Kardinalzahl <math>\kappa</math>, wenn sie bis auf Isomorphie nur ein Modell der Mächtigkeit <math>\kappa</math> hat.
- Eine vollständige Theorie <math>T</math> heißt klein oder schmal, wenn <math>S_n(T)</math> für alle <math>n</math> abzählbar ist. (<math>S_n(T)</math> ist die Menge aller vollständigen Typen in <math>n</math> Variablen.)
Sätze[Bearbeiten]
Wichtige Sätze über Theorien sind:
Der Gödelsche Vollständigkeitssatz:
- Jede konsistente Theorie hat ein Modell.
Der Satz von Löwenheim-Skolem:
- Wenn eine Theorie ein Modell in einer unendlichen Kardinalzahl hat, so hat sie auch eines in jeder Kardinalzahl größer oder gleich ihrer Mächtigkeit.
Der Satz von Morley:
- Ist eine abzählbare Theorie in einer überabzählbaren Kardinalzahl kategorisch, so in jeder.
Beispiele[Bearbeiten]
Arithmetik[Bearbeiten]
Die Theorie der Arithmetik der natürlichen Zahlen (oft kurz auch nur: Arithmetik) <math>\operatorname{Th}(\mathcal{N})</math> enthält alle Aussagen, die für die Struktur <math>\mathcal{N} =(\N, 0, s, +, \cdot)</math> gelten.<ref>Heinz-Dieter Ebbinghaus, Jörg Flum und Wolfgang Thomas. Einführung in die mathematische Logik. 6. überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer Spektrum, 2018. doi:10.1007/978-3-662-58029-5. Seiten 52 und 101</ref> Hierbei sind
- <math>\N</math> die Menge der natürlichen Zahlen,
- <math>0\in\N</math> die Null,
- <math>+ \colon \N\times\N\to \N</math> die Additionsfunktion,
- <math>\cdot \colon \N\times\N\to \N</math> die Multiplikationsfunktion und
- <math>s \colon \N\to \N</math> die Nachfolgerfunktion.
Die Aussagen sind in der Sprache der Prädikatenlogik der ersten Stufe mit der Signatur <math>(0,S, +,\cdot)</math> formuliert, wobei <math>0</math> das Symbol für die Null, <math>S</math> das Symbol für die Nachfolgerfunktion, <math>+</math> das Symbol für die Addition und <math>\cdot</math> das Symbol für die Multiplikation ist. Nach dem Satz von Skolem gibt es neben dem Standardmodell <math>\mathcal{N}</math> für die Theorie auch abzählbare Nichtstandardmodelle <math>\mathcal{N}'</math> für <math>\operatorname{Th}(\mathcal{N})</math>.<ref>Heinz-Dieter Ebbinghaus, Jörg Flum und Wolfgang Thomas. Einführung in die mathematische Logik. 6. überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer Spektrum, 2018. doi:10.1007/978-3-662-58029-5. Seite 101</ref>
Peano-Arithmetik[Bearbeiten]
Die Peano-Arithmetik ist die Theorie der Aussagen, die aus den folgenden noch zu formalisierenden Axiomen über der Symbolmenge der Sprache der Arithmetik folgen:
- Null ist kein Wert der Nachfolgerfunktion <math>S</math>.
- Die Nachfolgerfunktion ist injektiv.
- Für alle <math>n</math> ist <math>n+0=n</math>.
- Für alle <math>n</math> ist <math>n+(Sm)=S(n+m)</math>.
- Für alle <math>n</math> ist <math>n \cdot 0 = 0</math>.
- Für alle <math>n</math> ist <math>n \cdot Sm = (n \cdot m) + n</math>.
Zusätzlich ist noch für jede Formel <math>\phi</math> die Induktionsformel mit <math>\phi</math> ein Axiom:
- <math>\phi(0,\vec y) \land \forall x \, ( \phi(x,\vec y)\rightarrow\phi(Sx,\vec y)) \rightarrow \forall x \, \phi(x,\vec y)</math>
- (<math>\vec y</math> steht für <math>y_1,\ldots,y_k</math>.)
Die Peano-Arithmetik ist eine echte Teilmenge der Arithmetik. Mit anderen Worten: Die Peano-Arithmetik ist unvollständig, es gibt Aussagen in der Arithmetik, die nicht aus den Axiomen der Peano-Arithmetik folgen. Die Arithmetik lässt sich nicht rekursiv aufzählen. Dies ist die Aussage des Unvollständigkeitssatzes.
Die Theorie der dichten linearen Ordnung ohne Endpunkte[Bearbeiten]
Die Theorie der dichten linearen Ordnung ohne Endpunkte ist die Theorie von den rationalen Zahlen mit der Ordnungsrelation „<“. Die Axiome lauten im Einzelnen:
- <math>(x < y) \vee (x = y) \vee (y < x) </math> (Trichotomie)
- <math>(x < y) \rightarrow \neg (y < x) </math> (Asymmetrie)
- <math>(x < y) \wedge (y < z) \rightarrow (x < z)</math> (Transitivität)
- <math>\exists y \, \exists z \colon ( x < y \wedge z < x ) </math> (Offenheit)
- <math>x < y \rightarrow \exists z \colon (x < z \wedge z < y)</math> (Dichtheit)
Sie hat unter anderem folgende Eigenschaften:
- Sie ist endlich axiomatisierbar, hat aber keine endlichen Modelle.
- Sie ist vollständig und modellvollständig.
- Alle abzählbaren Modelle sind isomorph (siehe Beweis), in überabzählbaren Kardinalzahlen gibt es nicht isomorphe Modelle. In der Sprache der Modelltheorie heißt das: Sie ist <math>\omega</math>-kategorisch, aber nicht kategorisch in überabzählbaren Kardinalzahlen; ist also <math>\kappa</math> eine überabzählbare Kardinalzahl, so hat diese Theorie <math>2^{\kappa}</math> nicht-isomorphe Modelle der Mächtigkeit <math>\kappa</math>.
- Sie ist der (eindeutig bestimmte) Modellbegleiter der Theorie der linearen Ordnung.
- Sie besitzt mit den rationalen Zahlen ein Primmodell. (Das ist ein Modell, das in jedes andere Modell elementar eingebettet werden kann.)
- Jedes Modell ist atomar.
- Sie hat Quantorenelimination.
- Sie ist nicht stabil.
Die Theorie der algebraisch abgeschlossenen Körper (in der Charakteristik p oder 0)[Bearbeiten]
- Die Theorie der algebraisch abgeschlossenen Körper ohne Angabe der Charakteristik ist modellvollständig, aber nicht vollständig.
- Für die Theorie der algebraisch abgeschlossenen Körper mit einer Angabe der Charakteristik gilt:
- Sie ist vollständig.
- Sie hat ein Primmodell.
- Sie ist <math>\omega</math>-kategorisch, aber nicht kategorisch in einer überabzählbaren Kardinalzahl.
- Sie hat Quantorenelimination.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Literatur[Bearbeiten]
- H.-D. Ebbinghaus, J. Flum, W. Thomas: Einführung in die mathematische Logik, Spektrum Akademischer Verlag, ISBN 3-8274-0130-5
- Wilfrid Hodges: Model theory. Cambridge University Press, 1993, ISBN 0-521-30442-3.
- Chang, Chen C., Keisler, H.Jerome: Model Theory. Amsterdam [u. a.], North-Holland, 1998.
- Prestel, Alexander: Einführung in die Mathematische Logik und Modelltheorie. Vieweg, Braunschweig 1986. (Vieweg-Studium; 60: Aufbaukurs Mathematik), ISBN 3-528-07260-1. 286 S.
- Philipp Rothmaler: Einführung in die Modelltheorie. Spektrum Akademischer Verlag, 1995, ISBN 978-3-86025-461-5.