Automobilelektronik
Automobilelektronik umfasst den gesamten Bereich der Elektronik im Kraftfahrzeug und ist ein Teilbereich der Fahrzeugtechnik. Generell spricht man von der Hardware (Mechanik ausgenommen, bis auf die Gerätegehäuse, Befestigung oder Kühltechnik), unterteilt in die drei Bereiche: (1) Elektrik, (2) Elektronik, und (3) die Software bzw. programmierbare Anteile. Abgekürzt: E/E/SW. Diese Anteile sind dem Teilgebiet der eingebetteten Systeme zuzuordnen, wenn ein komplexes Elektroniksystem oder Gerät vorliegt.<ref></ref> Die Elektrik und Elektronik umfasst dabei einen Spannungsbereich von (pauschal) bis zu 1.000 V sowie Frequenzen von wenigen Hertz bis in den Gigahertzbereich. Die grundlegende Spannungsversorgung in Automobilen sind Netze mit DC 12 V und 48 V, sowie 400 V und 800 V bei Elektrofahrzeugen (vgl. Hochvoltsystem).<ref></ref>
Neben der Automobilelektronik sind die Softwaretechnik und Mechatronik Disziplinen, die in diesem Umfeld (Automobilbau) zum Tragen kommen. Die Entwicklung von Fahrzeugelektronik findet heute im Rahmen des Automotive System Engineering und V-Modells statt.
Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]
Die Entwicklung der Automobilelektronik hat seit den 1980er Jahren zusammen mit dem massenhaften Aufkommen der Halbleiterprodukte und Zunahme der Leistung der Mikroprozessoren bzw. Mikrocontroller eine rasante Entwicklung genommen. Seit etwa den 2010er Jahren sind in einem kommerziellen Fahrzeug hunderte bis tausende Halbleiterbauteile integriert. Softwaregesteuerte Geräte sind mit Millionen Zeilen Code programmiert.
Entwicklungsablauf[Bearbeiten]
Alle zu entwickelnden (später produzierenden) Bauteile, Geräte oder Systeme unterliegen speziellen Anforderungen, die den Normen der Automobilindustrie genügen müssen (vgl. VDA oder ISO/IEC/IEEE). Dies gilt sowohl für Stecker, Kabel, Einzelbauteile (Widerstand, Spule, Kondensator), Halbleiterprodukte (Transistoren usw.) als auch für vollwertige Geräte oder Systeme eines Herstellers (auch Zulieferers). Zu den klassischen E/E-Komponenten zählen die Automobil-Sensoren<ref></ref><ref></ref><ref></ref> und Aktuatoren. Hinzu kommen auch die Softwareanteile, die übergeordnet durch Softwarearchitekturen<ref></ref> wie AUTOSAR modelliert und ausgelegt werden. Man spricht daher auch von einer E/E/SW-Entwicklung. Es sei angemerkt, dass auch der Begriff E/E/PE für programmierbare Elektronik (PE) genutzt wird. Die IEC 61508 nutzt diese Abkürzung offiziell.
Bekannte Geräte sind die Geschwindigkeits-, Beschleunigungs-, Drehmoment-, Klopfsensoren. Auch Mikrosysteme (MEMS) werden als Teil der Baugruppen, z. B. im Airbagsystem, integriert. In Elektrofahrzeugen spielen Leistungselektronik und Leistungshalbleiter eine entscheidende Rolle. Zu den elektro- und mechanischen Fahrzeugsystemen zählen u. a. die Servolenkung, Abgassystem (vgl. Abgasreinigung), die Navigationssysteme, Mediageräte (früher: Radio oder CD-Spieler), moderne LED-Scheinwerfer usw. Ein Hauptfokus der Automobilelektronikentwicklung liegt jedoch auf der Motorsteuerung (einschließlich Elektromotoren, Inverter, Batteriemanagementsysteme für Elektroautos, Hybride und batterieelektrische Fahrzeuge<ref></ref> – als System auch bekannt als E-Achsen) und dem Antriebsstrang (auch Getriebe).
Aufgrund der Vielzahl der elektronisch geregelten bzw. gesteuerten Teilkomponenten besitzen gewöhnliche Fahrzeuge bereits mehrere Steuergeräte, die miteinander kommunizieren. Dabei kommen Kommunikationsprotokolle wie CAN, LIN, FlexRay oder auch Automotive Ethernet (IEEE 802.3) zum Einsatz. Alle diese Standards werden seit Jahrzehnten für Fahrzeuge angepasst und optimiert. Im Falle des autonomen Fahrens (AD) kommen weitere Datenschnittstellen hinzu, z. B. 5G oder 6G-Kapazitäten. Die Mobilfunksysteme spielen außerdem eine Rolle bei dem elektronischen eCall-System, welches 2018 Vorschrift wurde. Dies ist nur eines von vielen Elektronikgeräten, die Autos sicherer, komfortabler und moderner machen.
Test und Qualität[Bearbeiten]
Die Qualitätssicherung, Messtechnik, Diagnose und das Testen (V&V) der Funktionen der E/E/SW-Komponenten oder auch der elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) spielen bei der Entwicklung eine entscheidende Rolle, siehe hierzu auch Verifikation und Validierung (V&V). Hier wird genau unterschieden zwischen Unit-, Komponenten- oder Modultests, Integrationstests, Softwarequalität und Systemtests. In Fahrzeugen jeglicher Art spielen spezielle Anforderungen an die Echtzeitfähigkeit und funktionale Sicherheit (vgl. ISO 26262) der Systeme und des Systems „Fahrzeug“ eine überragende Rolle. Elektronikgeräte werden außerdem in „Umwelttests“ auf IP-Schutzarten geprüft. Die Messmittel (Messtechnik) wird selbst überprüft und kalibriert.
Dafür gibt es eigene Interessensgemeinschaften wie die Association for Standardization of Automation and Measuring Systems (ASAM), welche Normen oder Standards spezifiziert. An die Elektronik im Fahrzeug werden besondere Ansprüche bezüglich Robustheit, Temperaturbereich, Schwingungs- und Stoßfestigkeit sowie Zuverlässigkeit gestellt, oder zusammengefasst, die Sicherheit und Qualität. Ein Großteil der Technologie eines Automobils ist reguliert, das heißt, sie wird durch Normen und Richtlinien sowie entsprechende Abnahmen und Prüfungen überprüft. Vorgaben kommen z. B. von der International Automotive Task Force (IATF). Die Basis der Qualität, was jedes Unternehmen (egal ob Zulieferer oder Endausrüster) im Zusammenhang mit Automobilelektronik erfüllen sollte, ist ein Qualitätsmanagementsystem (QMS) nach ISO 9001.
Automobilelektroniksysteme[Bearbeiten]
Im Zentrum der Entwicklung der Automobilelektronik stehen häufig die Steuergeräte, welche im Fahrzeug verteilt und mittels CAN-Bus o.a. Kommunikationsprotokollen verbunden sind. Zentral sind dabei die Motorsteuergeräte, die sowohl bei Verbrennungsmotoren als auch bei Elektrofahrzeugen die Kontrolle, Steuerung und Regelung übernehmen.
Beispiele elektronischer Anwendungen im Fahrzeug[Bearbeiten]
- Airbag (Elektronik erkennt eine Kollision und löst den Airbag aus)
- Alarmanlage
- Antiblockiersystem (ABS) und Fahrdynamikregelung (ESC/ESP)
- Body Control Unit (BCU) und andere Systeme wie elektronische Schlüssel
- Drive-by-Wire-Systeme (elektronisches Gaspedal)
- Fahrerassistenzsysteme<ref></ref> (passive Sicherheit)
- Kombiinstrument (dient zur Anzeige der Daten im Auto)
- Kommunikationssysteme (Car2Car, Car2x, eCall, uvm.)
- Motorsteuerung mit Ansteuerung der Zündanlage oder des Einspritzsystems
- Multimediageräte (Navigationssystem, Radio u. a.)
- Sämtliche Systeme aus der Elektromobilität
Hochentwickelte Fahrzeuge[Bearbeiten]
Bei Fahrzeugen der neuesten Generation (ab 2020er Jahre) kommen leistungsstarke Recheneinheiten (Hochleistungssteuergeräte bzw. Fahrzeugcomputer) zum Einsatz, z. B. die Media Control Unit (MCU) bei Tesla. Als Teil der Entwicklung spricht man von Software-definierten Fahrzeugen, welche auf neuartigen E/E-Architekturen und Chip-Technologien aufbauen.<ref></ref><ref></ref> In Einzelfällen kommen sogenannte „KI-Beschleuniger“ zum Einsatz, welche eine hochkomplexe Sensordatenfusion durch autonome bzw. intelligente Kapazitäten unterstützen. (Diese Technologien sind jedoch noch nicht der Standard in jedem gewöhnlichen Fahrzeug, da die Entwicklung künstlicher neuronaler Netze (KNN) selbst noch Teil der Forschung und Entwicklung (F&E) ist.<ref>Fastest Computer in the Industry: Continental Accelerates AI Development Using Supercomputer. In: Continental AG. 28. Juli 2020, abgerufen am 15. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Ein Anwendungsbeispiel sind die „Robotaxis“.)
In hochwertigen Fahrzeugen sind gewöhnliche Kombiinstrumente mittlerweile durch hochauflösende LCD-Displays bzw. Touchdisplays abgelöst worden. Autoelektronik ist eine Basistechnologie moderner Fahrzeuge. Die Steigerung oder Weiterentwicklung führt zu hochkomplexen Fahrzeugtechnologien, wie dem autonomen Fahren (AD).<ref></ref> Des Weiteren spielt bei den hochentwickelten und mit dem Internet verbundenen Elektroniksystemen auch die Cybersecurity eine wichtige Rolle, vgl. auch die Norm SAE J3061.
Markt[Bearbeiten]
Die Autoindustrie ist seit vielen Jahren ein Hauptabnehmer der sich rasant entwickelnden Produkte der Halbleiterindustrie. Man schätzt (Stand 2025) den Markt für Automobil-Halbleiterprodukte auf etwa 74,4 Milliarden US-Dollar (2024: 69,9 Mrd. USD).<ref>Weiterhin größter Halbleiterhersteller für die Automobilindustrie. In: elektroniknet.de. 14. April 2026, abgerufen am 19. Mai 2026.</ref>
Siehe auch[Bearbeiten]
- Automotive Electronics Council (AEC)
- Avionik (Luft- und Raumfahrttechnik)
- ASPICE (vgl. ISO/IEC 15504)
- Consumer Electronics Show (CES)
- FMEA
- Internationale Automobil-Ausstellung (IAA)
- Motor & Equipment Manufacturers Association (MEMA)
- OSEK (eines der vielen Echtzeit-Betriebssysteme für Steuergeräte)
- Qualitäts Management Center (QMC)
- Society of Automotive Engineers (SAE)
- Unbemannte Systeme
Literatur[Bearbeiten]
Fachzeitschriften[Bearbeiten]
- ATZ/MTZ
- Automobil Elektronik<ref>Automobil-Elektronik. In: B2B-Media-Netzwerk.de ; Industrie Netzwerk verlag moderne industrie GmbH ; Hüthig Medien GmbH. Abgerufen am 17. Juni 2026.</ref>
- Hanser Automotive<ref>Hanser Automotive | Das Portal für die Automobilelektronik. Hanser, abgerufen am 17. Juni 2026.</ref>
Fachbücher[Bearbeiten]
- Konrad Reif (Hrsg.): Bosch Autoelektrik und Autoelektronik. 6. Auflage. Vieweg+Teubner, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-8348-1274-2, doi:10.1007/978-3-8348-9902-6.
- Robert Bosch GmbH (Hrsg.): Kraftfahrtechnisches Taschenbuch. 30. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2024, ISBN 978-3-658-44233-0, doi:10.1007/978-3-658-44233-0.
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />