Kirchohsen
Kirchohsen Gemeinde Emmerthal
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| Koordinaten: | Vorlage:Deutsches Bundesland/Code_type:city(3120)&title=Kirchohsen 52° 3′ N, 9° 23′ O
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dim=10000 | globe= | name=Kirchohsen | region=DE-Vorlage:Deutsches Bundesland/Code | type=city
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| Höhe: | 71 m ü. NHN | |||||
| Einwohner: | 3120 (30. Juni 2022)<ref>Nahverkehrsplan 2023–2027 / ANLAGE 1 – Einwohnerzahlen Ortsteile 2022. (PDF; 406 kB) Landkreis Hameln-Pyrmont, S. 2, abgerufen am 8. November 2024.</ref> | |||||
| Eingemeindung: | 1. Januar 1973 | |||||
| Postleitzahl: | 31860 | |||||
| Vorwahl: | 05155 | |||||
Lage von Kirchohsen in Niedersachsen
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Kirchohsen ist ein Ortsteil von Emmerthal, einer Gemeinde im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen. Der Ort liegt im Naturpark Weserbergland Schaumburg-Hameln an der Weser auf 71 m ü. NHN. Kirchohsen ist heute das administrative Zentrum (Rathaus-Sitz) der Gemeinde Emmerthal.
Geografie[Bearbeiten]
Die Landschaft um Kirchohsen wird von den Tälern der Weser und der Emmer sowie den Wäldern Bückeberg, Scharfenberg, Hellberg, Ruhberg, Baßberg und Grohnder Forst geprägt. Kirchohsen liegt im Mündungsbereich der Emmer in die Weser, sowie am Weserberglandwanderweg (Etappe 9/10) und an der Straße der Weserrenaissance.
Geschichte[Bearbeiten]
Vorgeschichte (von der Altsteinzeit bis 27 v. Chr.)[Bearbeiten]
Menschliche Anwesenheit in der Region um Ohsen von der Altsteinzeit bis zur Eisenzeit[Bearbeiten]
Am Ende der Altsteinzeit (2.500.000-9.500 v. Chr.) und in der Mittelsteinzeit (9.500-5.500 v. Chr.) diente das Wesertal, in dem Kirchohsen liegt, den nomadisierenden Jägern und Sammlern als Wander- und Jagdroute. Altsteinzeitliche Funde sind wegen der in dieser Zeitstellung im Weserbergland im Raum Hameln vorherrschenden rauen klimatischen Bedingungen jedoch sehr selten. In der Gemarkung Kirchohsen südöstlich von Hameln wurde in den Weserschottern ein ca. 60.000 Jahre alter Faustkeil aus der Altsteinzeit gefunden,<ref>Quelle:
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Archäologische Fundchronik Niedersachsen: Gemarkung Kirchohsen/Emmerthal, Fundstelle Altsteinzeit, Hannover, erreichbar über das ADABweb.</ref> der sich heute im Museum Hameln befindet.<ref>Quelle:
Museum Hameln: Katalog der archäologischen Dauerausstellung: Abteilung Ur- und Frühgeschichte, Exponat Faustkeil aus den Weserkiesen von Emmerthal/Kirchohsen, Hameln.</ref> Im weiter südlich liegenden Landkreis Höxter wurden Jägerlager und typische Steinartefakte altsteinzeitlicher Gruppen gefunden.<ref>Quelle:
Michael Baales, Hans-Otto Pollmann & Bernhard Stapel: Westfalen in der Alt- und Mittelsteinzeit, hrsg. vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Münster, 2013, ISBN 978-3-8053-4793-8.</ref>
Seit der letzten Eiszeit (Weichsel-Kaltzeit), die vor ca. 11.700 Jahren am Ende der Altsteinzeit endete, lagerten sich in den Gletschervorfeldern in windgeschützten Lagen der Mittelgebirge kalkreiche Gesteinsstäube ab.<ref>Quellen:
- Oskar Grupe: Über jüngeren und älteren Löß im Flussgebiet der Weser, in: Jahrbuch F., 37/1, 1916, S. 144-163;
- Zeitschrift Eiszeitalter und Gegenwart. Quarternary Science Journal, Vol. 60, Nr. 1, 2011, S. 27-41, ISSN 0424-7116.
- Jens Berthold: Archäologie zwischen Hameln und Hoya. Die neue Kommunalarchäologie der Schaumburger Landschaft, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte (NNU), Band 80, S. 3-11, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart (für den übergreifenden regionalen Kontekt der altsteinzeitlichen Besiedlung).</ref> Die hochwassergeschützten Terrassen des Flusstals der Weser, wie bei Hagenohsen, bestehen daher aus fruchtbaren Lößböden.<ref>Quelle:
Karl-Heinz Hartge & Friedrich Bailly: Beziehungen zwischen Staunässemerkmalen, Wasserleitfähigkeit und Porenkontinuität in Löß-Parabraunerden im südlichen Niedersachsen, in: Zeitschrift für Pflanzenernährung, Düngung und Bodenkunde, 1967, ISSN 0372-9702.</ref><ref>Quelle:
Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Lößboden - Boden des Jahres 2021, in: https://www.bmleh.de/DE/themen/landwirtschaft/pflanzenbau/bodenschutz/boden2021.html, abgerufen am 22. Juli 2026.</ref> Sie eigneten sich gut für frühen Ackerbau und Viehzucht.<ref name=":0">Quelle:
Christian Wiegand, Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (Hrsg.): Kulturlandschaftsräume und historische Kulturlandschaften landesweiter Bedeutung in Niedersachsen. Landesweite Erfassung, Darstellung und Bewertung, Hannover, 2019, S. 261.</ref><ref>Quelle:
Geologischer Dienst NRW: Geologie im Weser- und Osnabrücker Bergland, Krefeld, 2003, S. 109, ISBN 978-3-86029-932-6.</ref>
Archäologische Forschung zur Vorgeschichte des Raumes Hameln seit der Mittelsteinzeit ergibt folgendes Bild: Im gesamten Landkreis Hameln-Pyrmont wurden immer wieder bearbeitete Feuersteinreste, Schaber, Steinbeile und Äxte entdeckt, die von der Mittelsteinzeit bis zur vorrömischen Eisenzeit auf anfänglich halbnomadische Kulturen, sowie später auf frühbäuerliche Kulturen hinweisen. Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit in der Jungsteinzeit (5.500-2.200 v. Chr.) wurde das Wesertal, in dem Kirchohsen liegt, zu einem dauerhaften Siedlungsraum.<ref>Quellen:
- Thomas Saile: Aspekte der Neolithisierung in der Weser-Harz-Region, Germania: Anzeiger der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Vol. 85, 2007, S. 181-197, ISSN 0016-8874;
- Ernst Sprockhoff: Altlas der Megalithgräber Deutschlands, Rudolf Habelt Verlag, Bonn, 1975;
- Waltraud Schrickel: Westeuropäische Elemente im neolithischen Grabbau Mitteldeutschlands und die Galeriegräber Westdeutschlands und ihre Inventare. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie des Mittelmeer-Kulturraumes, Band 4 und 5, Rudolf Habelt Verlag, Bonn, 1966.</ref> Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz schreibt: „Erste dauerhafte Siedlungen sind (im zentralen Weserbergland) für das 6. Jahrtausend v. Chr. zu vermuten.“ Im Weserbergland ist zudem Fernhandel und Warentausch seit der Jungsteinzeit belegbar.<ref name=":0" />
- Das Gebiet am Süntel bei Welliehausen, einem Stadtteil von Hameln, wurde bereits in der Mittelsteinzeit von Menschen aufgesucht, wie die Funde von drei verschiedenartigen Schabern zeigen, die zur Bearbeitung von Tierhäuten, Knochen oder Holz dienten.<ref>Quelle:
Stadt Hameln (Hrsg.): Archäologische Fundchronik.</ref>
- In Tündern, einem Stadtteil von Hameln, wurde ein spitznackiges Felsovalbeil gefunden. Der Archäologe Daniel Lau berichtet: „Dieses Beil ist mit einer jungsteinzeitlichen Nutzung des Gebietes am Hastebach in der Zeit um 4.000 v. Chr. in Verbindung zu bringen.“<ref>Quelle: Daniel Lau, Archäologische Fundchronik 2022 für die Stadt Hameln, in: Museumsverein Hameln e. V. (Hrsg.): Hamelner Jahrbuch 2023, S. 136, ISSN 0947-8566.</ref>
- Das Steinkistengrab in Rohden, einem Stadtteil von Hessisch Oldendorf, ist wissenschaftlich präzise als Galeriegrab der jungsteinzeitlichen Wartberg-Kultur, ca. 3.500-2.800 v. Chr., klassifiziert; es gehört zu den seltenen westfälisch-hessischen Megalithanlagen in Niedersachsen.<ref>Quelle:
Waltraud Schrickel: Westeuropäische Elemente im neolithischen Gräberfeld Mitteldeutschlands und die westlichen Beziehungen der mitteldeutschen Steinkisten, Verlag Rudolf Habelt, 1966.</ref>
- Auf dem Finnenberg östlich von Fischbeck gab es bronzezeitliche Funde.
- In der Weseraue bei Tündern wurde eine Hirschgeweihaxt der jüngeren Bronzezeit (1.300–800 v. Chr.) gefunden.<ref>Quelle:
Joachim Schween: Die Augen der Axt. Bemerkungen zur Punktkreisverzierung einer Hirschgeweihaxt der jüngeren Bronzezeit aus der Weseraue bei Tündern, Landkreis Hameln-Pyrmont, in: Niedersächsischer Landesverein für Urgeschichte (Hrsg.): Die Kunde, Band 53, Hannover, 2002, S. 225–241, ISSN 0342-0736.</ref>
- Auf den Feldern und Anhöhen bei Ohr wurden steinzeitliche Werkzeuge (Flint-Schaber und Beile) und bronze- und eisenzeitliche Keramikscherben gefunden.<ref>Quellen:
- Joachim Schween: Die archäologischen Fundstellen des Landkreises Hameln-Pyrmont, unveröffentlichtes Manuskript, Hameln, 1993.
- Georg Lange: Der Ohrberg und seine Geschichte, Hameln, 1967.</ref>
- In der Nähe von Kirchohsen gibt es vorgeschichtliche Fundstellen wie den undatierten Ohsener Grabhügel mit einem Durchmesser von 7,5 Metern und einer erhaltenen Höhe von ca. 0,6 Meter in der Gemarkung Kirchohsen und Grabhügelfelder am Fuße des Bückeberges in den Gemarkungen Hagenohsen und Grohnde, die im Denkmalatlas Niedersachsen aufgeführt sind. Sie belegen die Nutzung des Geländes in der Übergangszeit von der Bronzezeit zur Eisenzeit um etwa 1000 v. Chr.
- In Wangelist, einem Stadtteil von Hameln, wurde ein jungbronze- und eisenzeitliches Gräberfeld (1.100–600 v. Chr.) gefunden.<ref>Quelle:
Erhard Cosack: Das jungbronze- und eisenzeitliche Gräberfeld von Wangelist, Stadt Hameln, in der Reihe: Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens, Heft 20, Hildesheim, 1986, ISSN 0465-2770.</ref>
- Jungsteinzeitliche Funde und Keramik aus der Eisenzeit (800–1 v. Chr.) weisen nach dem Archäologen Erhard Cosack auf frühe Besiedlungsphasen des Geländes bei Hastenbeck, einem Stadtteil von Hameln, hin.<ref>Quelle:
Jürgen Schlieckau: Die Geschichte der Dörfer Diedersen und Dadersen, Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden 2025, S. 19, ISBN 978-3-95954-174-9.</ref>
- Bei Afferde, einem Stadtteil von Hameln, rechnete der Archäologe Daniel Lau Keramikbruchstücke, wie die von Harpstedter Rauhtöpfen, der vorrömischen Eisenzeit zu.<ref>Quelle:
Daniel Lau: Archäologische Fundchronik 2023 für die Stadt Hameln, in: Museumsverein Hameln e. V. (Hrsg.): Hamelner Jahrbuch 2024, S. 157 ff, ISSN 0947-8566.</ref>
- Bei Hilligsfeld, einem Stadtteil von Hameln, wurde beim Bau der Landstraße von Hameln nach Hannover, der heutigen Bundesstraße B217, ein vorgeschichtliches Gräberfeld gefunden.
Römische Kaiserzeit (27 v. Chr.-476 n. Chr.)[Bearbeiten]
Die rhein-weser-germanischen Stämme der Cherusker und der Angrivarier im Siedlungsraum Weserbergland[Bearbeiten]
Es gibt im Weserbergland nur wenige archäologische Nachweise von frühen Siedlungen aus der Römischen Kaiserzeit. Eine Ausnahme bildet eine kleine Siedlung aus dem ersten bis dritten Jahrhundert n. Chr. bei Hastenbeck.<ref>Die kaiserzeitliche Siedlung bei Hastenbeck lag direkt an der Weser, die in dieser Zeitstellung einen anderen Verlauf in der Talaue hatte.
Quelle: Erhard Cosack: Ein kaiserzeitlicher Siedlungsplatz des 1. bis 3. Jahrhunderts bei Tündern, Stadt Hameln, Ldkr. Hameln-Pyrmont, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte (NNU), Band 68. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1999, S. 39–57, ISSN 1437-2177.</ref> Sie lag direkt an der Weser, deren Flussbett sich in der Folgezeit nach Westen verlagerte. Der Archäologe Erhard Cosack ordnet sie ein: „Diese ist dem Fundmaterial nach dem westgermanischen Kulturkreis zuzuordnen.“<ref>Quelle:
Erhard Cosack, Ein kaiserzeitlicher Siedlungsplatz des 1. bis 3. Jahrhunderts bei Tündern, Stadt Hameln, Ldkr. Hameln-Pyrmont, in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte (NNU), Band 68, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 1999, S. 39, ISSN 1437-2177.</ref> Das Weserbergland, in dem Kirchohsen liegt, war nach Edward Schröder in der Römischen Kaiserzeit das Kernland des germanischen Stammes der Cherusker. Stämme waren nach Auffassung der jüngeren Forschung aber flüchtige Bündnisse. Der Kontakt zum Römischen Reich trieb die Bildung neuer Gruppen erst voran. Das Weserbergland fungierte eher als dynamischer Bewegungsraum zwischen wechselnden Verbänden, denn als angestammtes Kernland eines einzigen, gleichbleibenden Stammes.
Am Ende der Römischen Kaiserzeit gehörte die Region um Kirchohsen wahrscheinlich zum Siedlungsgebiet des germanischen Stammes der Angrivarier, der in der gleichen Zeitstellung wie der Stamm der Cherusker lebte und zunächst an der Mittelweser,<ref>Die Verortung des Siedlungsraums der Angrivarier in der Römischen Kaiserzeit an der Mittelweser ist wissenschaftlicher Standardkonsens.
Quelle:
Reinhard Wenskus: Angrivarier, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), 2. Auflage, Band 1, Walter de Gruyter, Berlin/New York, 1973, S. 333, ISBN 3-11-004489-7.</ref> vornehmlich auf der rechten Weserseite siedelte.<ref>Quellen:
- Ludwig Schmidt: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgange der Völkerwanderung, Nachdruck des Originals von 1907, Salzwasser Verlag, Paderborn, 2015, ISBN 978-3-86382-485-3.
- Klaus Tausend: Im Inneren Germaniens: Beziehungen zwischen den germanischen Stämmen vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. Geographica Historica, Band 25, Stuttgart, 2009, ISBN 978-3-515-09416-0.
- Hans-Dieter Berlekamp: Rhein-Weser-Germanen, in: Bruno Krüger (Hrsg.): Die Germanen I, Berlin, 1978, S. 396–403, Digital- und Print-Nachdruck des Verlags Walter De Gruyter: ISBN 978-3-11-261794-6.</ref> Die Cherusker wanderten nach Auffassung von Historikern nicht aus ihrem Siedlungsgebiet aus, sondern gingen wohl bereits vor der Völkerwanderungszeit (375–568 n. Chr.) in den Stamm der Angrivarier und in noch andere germanische Stämme und flexible Siedlungsgemeinschaften und Sippen auf, nachdem sich die zerstrittenen Angehörigen der cheruskischen Oberschicht nach dem Mord an ihrem charismatischen Anführer Arminius (* 17 v. Chr.; † 21 n. Chr.) im Jahr 21 n. Chr. in schweren internen Machtkämpfen und Fehden überwiegend gegenseitig ermordeten und den eigenen Stamm führungslos hinterließen.
Frühmittelalter (476–1050 n. Chr.)[Bearbeiten]
Die kleine Eiszeit im 6./7. Jahrhundert[Bearbeiten]
Die spätere Saxonia war nach heutigem Stand der archäologischen Forschung in der Zeitstellung vom frühen 6. bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts weitgehend entvölkert. In der Zeitstellung von ca. 536 bis ca. 660 n. Chr. gab es eine kleine Eiszeit (Late Antique Little Ice Age, LALIA), ausgelöst durch drei gigantische Vulkanausbrüche in Südostasien, die weltweit zu Frost im Sommer, Ernteausfällen und Hungersnöten führte und die Bevölkerung im Raum des heutigen Niedersachsen extrem schwächte und ausdünnte.<ref>Quellen zur Kleinen Eiszeit in der Spätantike:
- Ulf Büntgen et al.: Cooling and societal change during the Late Antique Little Ice Age from 536 to around 660 AD. In: Nature Geoscience 9, 2016, 231–236, ISSN 1752-0894.
- Joel D. Gunn (Hrsg.): The Years without Summer. Tracing A.D. 536 and its Aftermath. Archaeopress, Oxford 2000, ISBN 1-84171-074-1 (BAR. International Series 872).
- Kyle Harper: Climate, Disease and the Fate of Rome. Princeton University Press, Princeton, New Jersey 2017, ISBN 978-0-691-16683-4. Dt. Übersetzung: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches. C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-74933-9. Siehe Klimaanomalie 536–550.</ref> Historiker und Archäologen schätzen die Gesamtbevölkerung im Raum der Saxonia, die in etwa das heutige Niedersachsen, Westfalen, Teile von Schleswig-Holstein und Teile von Sachsen-Anhalt umfasste, im 7. Jahrhundert auf 100.000 bis maximal 300.000 Menschen. Die Region im Weserbergland um Kirchohsen wird in dieser Zeitstellung entsprechend dünn besiedelt gewesen sein.<ref>Detaillierte historische Schätzungen liefert Hans-Jürgen Häßler: Niedersachsens frühe Bevölkerung: Die Altsachsen der Römischen Kaiserzeit und des frühen Mittelalters. Versuch einer kulturhistorischen Würdigung anhand archäologischer Forschung, Isensee Florian GmbH, 2004, ISBN 978-3-89995-094-6.
Wenn man die von Historikern geschätzte maximale Bevölkerungszahl in der Saxonia im 7. Jahrhundert (300.000) mit der heute statistisch belegten Bevölkerungszahl von Niedersachsen (ca. 8.000.000) ins Verhältnis setzt und in beiden Zeitstellungen ein gleiches prozentuales Verhältnis der Bevölkerungszahl im Raum Kirchohsen zur Gesamtbevölkerung im Raum der historischen Saxonia bzw. zur Gesamtbevölkerung im Raum Niedersachsen annimmt, dürften in Ohsen im 7. Jahrhundert geschätzt zwischen 40 und 120 Menschen entweder in einem kleinen Weiler oder in einer Streusiedlung von wenigen Einzelgehöften gelebt haben (falls der Siedlungsort in dieser Zeitstellung bereits existierte), während heute über 3.000 Einwohner in Kirchohsen leben. Wenn diese Annahme stimmt, hätte sich die Bevölkerungszahl in Kirchohsen in einer Zeitspanne von 14 Jahrhunderten um das 25- bis 75-fache erhöht. Diese kontrafaktische Hypothese ist aber für Kirchohsen weder geschichtswissenschaftlich, noch archäologisch belegt und dient hier allein der Veranschaulichung demografischer Veränderungen im Vergleich von zwei verschiedenen Zeitstellungen in Kirchohsen.</ref>
Von den Angrivariern zum altsächsischen Teilstamm der Engern[Bearbeiten]
Die Angrivarier und andere Stämme der Rhein-Weser-Germanen (Istwäonen) gingen im Frühmittelalter in die Engern, den mittleren Stammesverband der Altsachsen (Nordseegermanen, Ingwäonen) auf, der nach historischen fränkischen Staatsquellen zwischen den Westfalen und den Ostfalen siedelte.<ref>Von „Altsachsen“ als dem sich im Zeitverlauf verändernden Siedlungsgebiet der Altsachsen in Norddeutschland, spricht man nach dem Historiker Matthias Becher ab dem 4. Jahrhundert bis zum Sturz des Herzogs Heinrich der Löwe und zur Zerschlagung des Stammesherzogtums Sachsen im Jahr 1180.
Quelle:
Matthias Becher: Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert, Matthiesen Verlag, Husum, 1999, ISBN 3-7868-1444-9.
Der Name des Teilstamms der Engern ist in nur wenigen erhaltenen Urkunden dokumentiert:
- den Fränkischen Reichsannalen von 775,
- dem Capitulare Saxonum von 797,
- dem Mainzer Geiselverzeichnis von 803/804,
- der Poeta Saxo von 889 (als das dritte sächsische Volk, populus Saxonum tertius) und
- der Gelnhäuser Urkunde von 1180.</ref> Die Altsachsen stellten in der Saxonia nach Auffassung der älteren Mittelalterforschung die mächtige oberste Schicht der Edelinge, während die große Mehrheit der freien Frilinge (freie Bauern) und der halbfreien Laten<ref>Die halbfreien Laten standen in der altsächsischen Stammesgesellschaft zwischen den Frilingen (freie Bauern) und den unfreien Knechten.</ref> aus Angehörigen der anderen germanischen Stämme im Raum der Saxonia bestanden habe, die im Frühmittelalter in den sächsischen Großstammaufgegangen seien. Diese These wurde vom Historiker Walther Lammers vertreten.<ref>Am detailliertesten wurde die Dreiteilung der Gesellschaft im Stammesherzogtum Sachsen in Edelinge, Frilinge und Laten in der Vita Lebuini antiqua, dem ältesten Lebensbericht des heiligen Lebuin beschrieben.
Quellen:
- Matthias Springer: Was Lebuins Lebensbeschreibung über die Verfassung Sachsens wirklich sagt, oder warum man sich mit einzelnen Wörtern beschäftigen muss, in: Westfälische Zeitschrift 148, 1998, S. 241–259, ISSN 0083-9043. Der Gesamtband 148 hat die ISBN 978-3-89710-041-1. Matthias Springer sagt auch, dass Vieles mangels zeitgenössischer Quellen nicht beweisbar ist. Zur weiteren Einordnung vgl. die beiden Publikationen:
- Reinhard Wenskus: Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Böhlau, Köln, 1961, ISBN 978-3-412-00177-3. und
- Edward Schröder: Sachsen und Cherusker (1933), in: Walther Lammers, Entstehung und Verfassung des Sachsenstamms, Darmstadt, 1967, S. 207–231. Der Sammelband von Walther Lammers ist allerdings eine Zusammenstellung älterer Forschung.</ref> Germanische Stämme waren aber keine biologischen Abstammungsgemeinschaften.<ref>Quelle:
Reinhard Wenskus: Stammesbildung und Verfassung: Das Werden der frühmittelalterlichen gentes, Böhlau Verlag, Köln, 1961.</ref> In der jüngeren Sachsenforschung wird u. a. vom Historiker Matthias Becher<ref>Diese These findet sich vor allem in der neueren Landesgeschichtsforschung.
Quelle: Matthias Becher: Rex, Dux und Gens. Untersuchungen zur Entstehung des sächsischen Herzogtums im 9. und 10. Jahrhundert, Matthiesen Verlag, Husum, 1999, ISBN 3-7868-1444-9.
Im Übrigen wird in der neueren geschichtswissenschaftlichen Forschung die Auffassung vertreten, dass es sich beim Stammesherzogtum Sachsen im Mittelalter eher um eine unklare territoriale Begrifflichkeit handelt, die aus den Ordnungsvorstellungen des 19. Jahrhunderts konstruiert wurde und dass sich eine sächsische Identität und die adligen Strukturen erst im Zuge der Integration in das fränkische Reich bildeten. Es gab im Stammesherzogtum Sachsen nie einen einheitlichen stammesbezogenen Herrschaftsbereich und niemals einen Herzog von Sachsen, sondern ein heterogenes Gebiet verschiedener Völkerschaften und nur Herzöge in Sachsen.
Quelle: Matthias Becher & Alheydis Plassmann: Streit am Hof im frühen Mittelalter, Vandenhoeck & Ruprecht Unipress, 2011, ISBN 978-3-89971-884-3.</ref> und von der Prähistorikerin und Sachsenforscherin Babette Friederike Ludowici<ref>Einen aktuellen geschichtswissenschaftlichen Überblick über die Frage, wer die Altsachsen waren, bietet das Buch von Babette Friederike Ludowici: Die Sachsen, Verlag C. H. Beck, München, 2022, ISBN 978-3-406-79076-8.</ref> betont, dass es keine starren Volksstamm-Kontinuitäten, sondern flexible Veränderungen in der Zusammensetzung der Siedlungsgemeinschaften gab und dass die Führungsschicht der verschiedenen Völkerschaften, Sippen und Siedlungsgemeinschaften im Gebiet des Stammesherzogtums Sachsen heterogen zusammengesetzt und überregional gut vernetzt war. Der Historiker Matthias Springer lehnt im Übrigen die Theorien der älteren Mittelalterforschung über die Stammesbildung der Sachsen kategorisch ab und entlarvt sie als Mythen und Konstruktionen. Er bezeichnet auch die „Lebensbeschreibung des heiligen Lebuin“<ref>Die ältere Fassung war die „Vita Lebuini antiqua“.
Eine jüngere Fassung der Vita Lebuini stammt vom gelehrten Mönch und Musiker Hucbald von St. Amand aus der Zeit zwischen 917 und 930, der auch auf Berichte aus der „Lebensbeschreibung des heiligen Liudger“ (Vita Liudgeri von Altfrid) zurückgriff.
Quelle: Matthias Springer: Marklo und kein Ende, in: Reiche und Namen im Frühen Mittelalter, Reihe MittelalterStudien, Band 22, Brill Fink, S. 297-324, ISBN 978-3-8467-4891-6.</ref> eines unbekannten (anonymen) Mönchs aus dem Kloster Essen-Werden als historisch wertlose Quelle.<ref>Quelle:
Matthias Springer: Die Sachsen, W. Kohlhammer GmbH, 2004.</ref> Auch der Mönch Widukind von Corvey (* um 925; † nach 973) schrieb es in seinem Werk Res Gestae Saxonicae so nicht, er wurde von der älteren Mittelalterforschung missinterpretiert und wird von der modernen Mittelalterforschung in seinen teils sagenhaften Aussagen zur Stammesbildung des Sachsen selbst kritisch bewertet.<ref>Quelle:
Matthias Springer: Widukind von Corvey, in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), 2. Auflage, Band 33, Walter de Gruyter, Berlin, New York, 2006, S. 586-592, ISBN 3-11-018388-9.</ref> Überhaupt sind die Vorstellungen von einem organisierten sächsischen Stammesverband vor der Zeit der fränkischen Herrschaft, sowie von einem zentral geführten Stammesherzogtum Sachsen in der modernen Geschichtswissenschaft überholt.<ref>Quelle:
Babette Ludowici: Die Sachsen, Verlag C. H. Beck, München, 2022, S. 92, ISBN 978-3-406-79076-8.</ref>
Was sagt die Ortsnamenforschung zum Alter von Ohsen?[Bearbeiten]
Die neuere Ortsnamenforschung sagt, dass die fränkische Interpretation von Ludolf Fiesel mehrfach fehlerhaft sei. Die neuere Ortsnamenforschung stellt fest, dass die Dörfer im Raum um Hameln ausnahmslos (oder doch mit der Ausnahme von Frenke?) altsächsische Siedlungen gewesen seien und dass alle Ortsnamen der Region altsächsischen bzw. indogermanischen Ursprungs seien. Unabhängig von den noch offenen Fragen, ob der Ort Ohsen um 800 für die Franken eine Funktion
a) als militärischer Stützpunkt,
b) als Ort einer Missionskirche und/oder
c):als fränkisches landwirtschaftliches Gut
im altsächsischen Stammesgebiet hatte, halten Namensforscher wie Jürgen Udolph eine wesentlich frühere Gründung der Siedlung Ohsen in einer vorgermanischen oder frühgermanischen Epoche, möglicherweise noch vor der Zeitenwende oder in den ersten Jahrhunderten n. Chr., jedenfalls viele Jahrhunderte vor der fränkischen Binnenkolonisation, für wahrscheinlich. Jürgen Udolph schreibt: „Ohsen gehört in eine Namensgebungsperiode, die weit vor die fränkische Eroberungsepoche zu datieren ist.“<ref name=":1">Jürgen Udolph: Fränkische Ortsnamen in Niedersachsen, in: https://www.prof-udolph.com/forschung/beitraege/, abgerufen am 24. August 2026.</ref> Der Ortsname Ohsen wird von Sprachwissenschaftlern wie Uwe Ohainski und Jürgen Udolph auf ältere (vor-)germanische Sprachwurzeln und Ableitungen aus geografischen Gegebenheiten oder Wasserbezeichnungen zurückgeführt.<ref>Die Ortschaft Vranki (Frenke) in der Gemeinde Emmerthal, die 1050 erstmals im Güterverzeichnis des Klosters Corvey urkundlich genannt wurde, wird z. B. als ursprünglich fränkische Funktionssiedlung (fränkische Exklave oder Militärkolonie) aus der Zeitstellung der Okkupation Sachsens durch die Franken in der Phase der Landnahme im 8./9. Jahrhundert angesehen. Der Bezug des Ortsnamens zu den Franken wird in namenkundlichen Quellen hergestellt. Es gibt auch bei diesem Ort keinen unumstößlichen direkten Beweis für diese Annahme einer fränkischen Funktionssiedlung an der Weser, aber es ist eine wissenschaftlich akzeptierte Lehrmeinung aus einer Kombination von Namenskunde (Onomastik) und Reichsgeschichte.
Quellen:
- Uwe Ohainski & Jürgen Udolph: Die Ortsnamen des Landkreises Hameln-Pyrmont (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen), Verlag für Regionalgeschichte;
- Adolf Bach: Deutsche Namenskunde, Band II: Die deutschen Ortsnamen, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg, 1954.</ref> Jürgen Udolph nutzt für seine Beweisführung die Methode der Alteuropäischen Hydronymie (Gewässernamengebung). Als Grundform von Ohsen bietet sich „Osana“ an, in dem man eine alte indogermanische Basis „us-“ und ein Wortbildungselement „-n-“ sehen darf. Hinter „U“ verbirgt sich nach Jürgen Udolph „Au“. „Us-“ hat die Grundbedeutung „feucht, nass, sumpfig“.<ref>Jürgen Udolph (Recherche): Der „Ortsnamenforscher“. In: Internetseite NDR 1 Niedersachsen. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 2. Dezember 2016; abgerufen am 2. August 2019.</ref> Aus dieser uralten indogermanischen Basis entwickelte sich laut Udolph über Jahrhunderte der vor- bzw. frühgermanische Name Ausana oder Osena, der im Mittelalter schließlich zu O(h)sen verschriftlicht wurde. Der frühmittelalterliche Ortsname Oihusen für Kirchohsen bedeutet „Festes Haus am Wasser“. Alte Ortsbezeichnungen von Kirchohsen aus dem späten Frühmittelalter und dem Hochmittelalter sind um 1004 Osen bzw. Oihusen und Wesen, 1159 Osen, 1197 Oœen, 1226 und 1237 bis 1247 Osen.
Hier bietet sich ein Vergleich mit der kleinen namenlosen frühgermanischen Siedlung bei Hastenbeck an, die weniger als sechs Kilometer nördlich von Ohsen und ebenfalls direkt (am damaligen Verlauf) der Weser lag und bereits archäologisch untersucht wurde. Der Archäologe Erhard Cosack ordnet die Siedlung bei Hastenbeck der Römischen Kaiserzeit, dem 1. bis 3. Jahrhundert, zu und schreibt: „Diese ist dem Fundmaterial nach dem westgermanischen Kulturkreis zuzuordnen.“<ref>Erhard Cosack: Ein kaiserzeitlicher Siedlungsplatz des 1. bis 3. Jahrhunderts bei Tündern, Stadt Hameln, Landkreis Hameln-Pyrmont. In: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte (NNU). Band 68. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1999, S. 39.</ref> Im Fall des Siedlungsfundes bei Hastenbeck fehlt der Ortsname. Im Fall von Kirchohsen fehlt dagegen vor allem archäologische Forschung (mit Ausnahme einer nur oberflächlichen Sondage auf Schloss Ohsen im Jahr 1953), um u. a. die noch ungeklärte Frage des Alters von Kirchohsen zu klären. Die älteste bisher auf Schloss Ohsen gefundene Keramik stammt vermutlich aus dem Jahr 1200.
Ohsen wurde erstmals in einer (im 12. Jahrhundert gefälschten) Schutz- und Immunitätsurkunde des ostfränkischen Königs und späteren Kaisers Heinrich II. (* 6. Mai 973 oder 978; † 13. Juli 1024) vom 20. Juli 1004 erwähnt, die an die Äbtissin Alfheid († um 1017) des Damenstifts Fischbeck gerichtet war (actum in villa osen: „geschehen im Dorf Osen“).<ref>Ohsen | kirchengemeindelexikon.de. Abgerufen am 20. August 2026.</ref><ref>Die Königsurkunde König Heinrichs II. von 1004 ist in digitalisierter Form in der Universitätsbibliothek Marburg archiviert.
Quelle:
https://urkundenrepositorium.uni-marburg.de/entities/urkunde/8bd824f6-4a20-4f75-a33a-9c8601804662, abgerufen am 21. August 2026.</ref>
Das Straßennetz im Weserbergland von der Römischen Kaiserzeit bis heute[Bearbeiten]
Kirchohsen liegt an einer historischen Weserfurt und am südlichen der beiden Hellwege im Weserbergland, eines alten Hellweg-Wegenetzes, das in West-Ost-Richtung quer durch Europa verlief. Die Anfänge des transeuropäischen Fernwegenetzes reichen bis in die Römische Kaiserzeit (Barbaricum) zurück. Die Römer befestigten nur Straßen, die sich in ihrem Reichsgebiet befanden. Die Fernwege in der Germania magna, die zum Teil sogar schon seit der Steinzeit bestanden, waren dagegen bis in das 18. Jahrhundert und teilweise bis in das 19. Jahrhundert nur unbefestigte Natur-, Heer- und Handelswege (Altstraßen), Schlamm- und Sandpisten. Die Routen und Siedlungsachsen des alten mitteleuropäischen Fernstraßennetzes lassen sich in ihren Ursprüngen bereits anhand der Ortskoordinaten in der „Geographike Hyphegesis“ („Erdbeschreibung“) des griechischen Mathematikers, Geographen und Astronomen Claudius Ptolemäus (Klaudios Ptolemaios, * 100; † 175) für die Germania magna nachweisen. Er hatte darin jedoch keine Straßen gezeichnet, sondern 6300 Orte aufgelistet. Um das Jahr 1000 entwickelte sich aus den alten Handelswegen auf der nördlichen Hellwegtrasse die ottonische Königsstraße von Aachen nach Magdeburg. Sie war aber ebenfalls noch nicht befestigt und daher witterungsabhängig. Auch auf lokaler Ebene gab es ebenfalls überwiegend nur unbefestigte witterungsabhängige Naturwege (Erdwege, Altstraßen). Lediglich in den Städten wurden seit dem Mittelalter die Straßen gepflastert. Ab dem 18. und vor allem 19. Jahrhundert wurde die 1.392 Kilometer lange Reichsstraße 1, die auf der nördlich liegenden Trasse des alten Hellweges und der ottonischen Königsstrasse von der deutschen Westgrenze bei Aachen bis nach Eydtkuhnen in Ostpreußen an der damaligen Grenze zu Litauen verlief, etappenweise als Chaussee befestigt. Sie erhielt ihren Namen erst am 17. Januar 1932. Ihre Umbenennung in Bundesstraße 1 (B1), die von der deutsch-niederländischen Grenze bei Aachen-Vaals bis zur deutsch-polnischen Grenze in Küstrin-Kietz verläuft, erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg.<ref>Quelle:
Paul Leidinger: Der westfälische Hellweg als frühmittelalterliche Etappenstraße zwischen Rhein und Weser, in: Westfälische Zeitschrift 149, 1999, S. 9.</ref>
Die Bundesstraße 83, an der Kirchohsen liegt, entstand ebenfalls aus alten Handelswegen und wurde erstmals 1831 im ehemaligen Kurfürstentum Hessen modernisiert und als Hauptstraße zweiter Klasse deklariert. Abschnitte der Straße wurden damals Bremer Straße oder Holländische Straße genannt. 1934 wurde sie Fernverkehrsstraße 83 (FVS83) und 1939 Reichsstraße 83 (R83) genannt. 1949 erhielt sie den heutigen Namen Bundesstraße 83 (B83). Erst vor hundert Jahren, zwischen 1900 und 1930, wurden Straßen systematisch mit Asphalt, Teer oder Beton versiegelt.
Die Weser hatte im Mittelalter als klassischer Handels- und Transportweg eine wesentlich größere Bedeutung für das direkte Umland als heute, zumal es in der Zeitstellung des Frühmittelalters noch keinen planmäßigen Wegebau gab.
War Ohsen um 800 n. Chr. ein fränkischer Stützpunkt?[Bearbeiten]
Die Erzählung von der karolingischen Gründung von O(h)sen basiert vor allem auf lokaler Tradition und ist wohl dem Umstand geschuldet, dass es aus der vorkarolingischen Zeit keine schriftlichen Aufzeichnungen aus der Region gab und die mündliche Überlieferung in Vergessenheit geriet. Nach der Überlieferung soll auf dem Leuwenwerder, einer ehemaligen Weserinsel bei Ohsen, dem heutigen Kirchohsen/Hagenohsen/Emmern, bereits um 780 n. Chr. ein befestigter fränkischer Hof errichtet worden sein.<ref>Ähnliche karolingisch-fränkische Güter wie in Ohsen gab es vermutlich, aber historisch nicht gesichert
- in „Vranki“ (Frenke, einem Ortsteil der Gemeinde Emmerthal),
- in „Othere“ (Ohr, einem weiteren Ortsteil der Gemeinde Emmerthal),
- in „Wenge“, einer mittelalterlichen Dorfwüstung im heutigen Hamelner Stadtteil Wangelist,
- in „Uisbeccae“ (der heutige Hessisch Oldendorfer Stadtteil Fischbeck),
- in „Hilligesfelde“ (der heutige Hamelner Stadtteil Hilligsfeld),
- ab 784 in „villa Liuhidi“ (der heutigen Stadt Lügde) und
- in „Schidara“ (der heutigen Stadt Schieder-Schwalenberg).
Nach Ludolf Fiesel wurden fränkische Adlige von den Karolingern mit diesen Gütern in deren jeweiliger Gründungsphase belehnt. Das zeigt sich am Beispiel eines fränkischstämmigen Grafen Ekbert in Fischbeck.
Quelle: Ludolf Fiesel: Franken im Ausbau altsächsischen Landes, in: Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen (Hrsg.): Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte. Band 44. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1972, S. 92; siehe auch DKdG 139 a. 781.</ref> Indizien dafür dürften das Patrozinium St. Petrus der Kirche in Ohsen und, laut einer Nachricht im Turmknauf der Kirche, die Inschrift in einem wohl im 18. Jahrhundert verloren gegangenen Fenster im Kirchenchor sein. Als Gründer der Siedlung in Ohsen wird Karl der Große aus dem Geschlecht der Karolinger (* wahrscheinlich 2. April 747 oder 2. April 748; † 28. Januar 814 in Aachen) genannt, auf dessen Veranlassung etwa zur gleichen Zeit auch die Kirche in Ohsen errichtet worden sein soll. Letzteres teilte der Pastor Christian Georg Leist (amt. 1730–1756) im „Corpus bonorum“ von 1734 mit.<ref>Ohsen | kirchengemeindelexikon.de. Abgerufen am 19. August 2026.</ref> Beide Angaben sind allerdings wissenschaftlich nicht gesichert. Nicht unwahrscheinlich, aber auch nicht letztgültig beweisbar ist die Aussage der lokalen Sage, dass in der Zeitstellung um 780 eine erste fränkische Burg bzw. ein fränkischer Gutshof auf dem Leuwenwerder in Ohsen zur Sicherung des Weserübergangs errichtet wurde.
Der Archiv- und Museumsdirektor Ludolf Fiesel untersuchte in seinem Standardwerk „Franken im Ausbau altsächsischen Landes“ systematisch die ältesten Güterverzeichnisse und Lehnsregister der Weserregion. Er konnte nachweisen, dass die Struktur der ältesten Grundherrschaften rund um Ohsen typisch für das karolingische Kronschatz- und Tafelgutsystem war. Die Struktur der Abgaben und Ländereien lässt sich nur durch die Existenz eines zentralen Verwaltungshofes, einer villa regia oder curia, erklären.<ref>Quelle:
Ludolf Fiesel: Franken im Ausbau altsächsischen Landes, in: Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen (Hrsg.): Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 44, August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim, 1972.</ref> Er geht davon aus, dass die Franken während der Sachsenkriege Karls des Großen ein Stützpunktsystem entlang der Weser mit Höfen u. a. in Wenge (Wangelist), Othere (Ohr), Ohsen (Kirchohsen) und Vranki (Frenke) aufgebaut hatten. Moderne Historiker und Ortsnamenforscher äußern sich angesichts fehlender historischer Urkunden und archäologischer Nachweise wesentlich zurückhaltender zu dieser These.
Der Historiker und Religionspädagoge Heinrich Spanuth untersuchte in seinem mehrbändigen Werk „Geschichte der Stadt Hameln und ihrer Umgebung“, das von den 1930er Jahren bis in die Nachkriegsjahrzehnte hinein als wissenschaftliches Fundament für die Erforschung des Hamelner Raumes und des Tilithigaus galt, detailliert die fränkische Reichskirchenpolitik. Er erklärte, warum Ohsen aufgrund seiner strategischen Lage an der Weserfurt und der Verbindung zur fränkischen „Villa Ohsen“ als die logische erste Tauf- und Urkirche im Tilithigau noch vor Hameln (und Fischbeck) anzusehen sei. Seine Schriften waren jedoch auch von der völkischen Ideologie der NS-Zeit geprägt und gelten nach Jahrzehnten neuerer Geschichtsforschung heute als verstaubt und fachlich überholt. Die völkischen Deutungen in seinem Werk werden von der neueren Geschichtsforschung, so auch von der Historikerin und Volkskundlerin Gesa Snell, die das Großprojekt einer neu gefassten Stadtgeschichte von Hameln betreut, kritisiert.
Es ist in der Geschichtsforschung nicht letztgültig bewiesen, ob Ohsen bereits in der Zeitstellung Ende des 8./Anfang des 9. Jahrhunderts eine von den Franken gegründete hölzerne Missionskirche hatte bzw. ob es in dieser Zeitstellung eine fränkische Funktionssiedlung war. Das gotische Kirchenschiff der heutigen Petrikirche in Kirchohsen stammt aus der Zeit um 1300. Und archäologische Untersuchungen hat es bisher, mit Ausnahme einer Sondierung am Schloss Ohsen, weder an der hochmittelalterlichen Burg Ohsen, noch an der spätmittelalterlichen Petrikirche gegeben.
Für die These einer frühen Missionskirche und einer frühmittelalterlichen fränkischen Burg spricht nach Auffassung von Historikern wie Hans Berner,<ref>Quelle:
Hans Berner: Amt Ohsen, Verlag Heinz Reise, Göttingen, 1954.</ref> Albert Neukirch,<ref>Quelle:
Albert Neukirch: Niedersächsische Adelskultur der Renaissance, in: Renaissanceschlösser Niedersachsens, Textband, Hälfte 2, Hannover, 1939.</ref> Leopold Schütte,<ref>Quelle:
Leopold Schütte: Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, Verlag Bonifacius, Paderborn, 1992.</ref> Karl Hengst,<ref>Quelle:
Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch, Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, Band 1 bis 3, Aschendorff Verlag, Münster, 1992–2003.</ref> und Albert K. Hömberg,<ref>Quelle:
Albert K. Hömberg: Geschichtliche Nachrichten über Adelssitze und Rittergüter im Herzogtum Westfalen und ihre Besitzer, Historische Kommission für Westfalen, Münster, ab 1969 ff.</ref> dass
- Ohsen im Frühmittelalter an einer strategisch wichtigen Weserfurt lag,
- das St. Petrus-Patronat ein typisches Patronat der fränkischen Missionare war,
- der Pfarrer der Petrikirche in Ohsen Patronatsrechte über andere umliegende Petrikirchen in Aerzen, Hemeringen und (Bad) Münder hatte,
- Ohsen später der Sitz des Archidiakons im größten Archidiakonat der Diözese Minden wurde und
- sich in Ohsen im Mittelalter die Hauptgerichtsstätte des Tilithigaus befand.
Moderne, streng quellengestützte Historiker und Archäologen, wie der Historiker Caspar Ehlers<ref>Quelle:
Caspar Ehlers: Die Integration Sachsens in das fränkische Reich (751-1024), Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 231, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, ISBN 978-3-525-35887-0.</ref>, der Archäologe Stefan Eismann<ref>Quelle:
Stefan Eismann: Burg Ohsen, in: Europäisches Burgeninstitut (Hrsg.): EBIDAT - Burgendatenbank, Objekt-ID: 5993.</ref> und Archäologen der Bezirksdenkmalpflege Hannover<ref>Quelle:
Gitta Schache et al. (Bearb.): Denkmaltopografie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Band 11.2: Landkreis Hameln-Pyrmont, Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden, 1989, S. 583.</ref> äußern sich hierzu angesichts fehlender Urkunden aus dem 8. Jahrhundert und fehlender archäologischer Untersuchungen sehr viel kritischer und sehen die genannten Annahmen lediglich als „sehr plausible Arbeitshypothese“.
Die historischen Belege in älterer Zeit unterscheiden im Übrigen noch nicht nach Kirch-, Hagen- oder Nordohsen.
Die Christianisierung der Sachsen an der Oberweser[Bearbeiten]
Erkanbert (* 2. Hälfte 8. Jh.; † 830), der aus dem Gollachgau in Mainfranken (Mittelfranken zwischen Würzburg und Ansbach) stammte, war ein Mönch des Reichsklosters Fulda. Er missionierte ab 785 im Auftrag Karls des Großen zunächst von Hameln als erster Missionsbasis aus die Sachsen im mittleren Weserraum. Seine Missionstätigkeit begann mehrere Jahrzehnte, bevor vom Reichskloster Fulda um 826 das Romanus- und Emerentianakloster und um 851 das Benediktinerkloster St. Bonifatiusstift (als dessen Nachfolgeeinrichtung) in Hameln gegründet wurden. Erkanbert wurde um 790 zum Missionsbischof geweiht und war von etwa 803 bis 813 der erste Bischof des um 800 noch in der Zeit Karls des Großen gegründeten Bistums Minden. In Ohsen stand wahrscheinlich die Urkirche im Tilithigau, von der in der fränkischen Okkupationszeit die Missionierung der Einwohner des Tilithigaus ausging. Es gab allerdings seit Ende des 8. Jahrhunderts auch das Missionszentrum in Hamelon (Hameln), das von dem Mönch Erkanbert geleitet wurde, sowie die Eigenkirche des altsächsischen Grafen Bernhard von Engern und Ohsen († 826) und seiner Frau Christina (oder Odegundina) in Hamelon (Hameln) und in der gleichen Zeitstellung wahrscheinlich noch die Missionskirche in Uisbeccae (Fischbeck).<ref>Quelle:
Klaus Nass: Untersuchungen zur Geschichte des Bonifatiusstifts Hameln, in: Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte und Studien zur Germania Sacra, Band 83, 1986, ISBN 3-525-35399-5.</ref> Letztere war eine Vorgängereinrichtung des 955 gegründeten Stifts Fischbeck. Vielleicht schuf Erkanbert in den Anfangsjahren der Christianisierung auch relativ gleichzeitig ein Netz mehrerer Missionskirchen im Tilithigau, wie manche Autoren vermuten. Schwerpunktmäßig vom 9. bis 11. Jahrhundert im Früh- und Hochmittelalter wurden vom Missionszentrum Minden bzw. dem Bistum Minden aus Klöster und Kirchen im Bistum geplant und gegründet.
Die Goe to den hengh Eken by der Weser im Tilithigau[Bearbeiten]
Im Zuge der Festigung der weltlichen fränkischen Herrschaft in den altsächsischen Stammesgebieten unter Karl dem Großen wurde das germanische Thingsystem in das fränkische Grafschafts- und Gogerichtswesen überführt. Das fränkische Reich wurde in verschiedene Bezirke (comitate, Grafschaften) unterteilt, denen jeweils ein königlicher Amtsträger, ein Graf vorstand.<ref>Die neuere historische Forschung bestätigt im Wesentlichen den Befund der Lorscher Annalen (hier: Aufzeichnungen der Reichsversammlung von Lippspringe von 782), dass Karl der Große bei der Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung bereits zu einem großen Teil Grafen aus dem einheimischen sächsischen Hochadel (nobiles) einsetzte, die frankenfreundliche Mitglieder der sächsischen Führungsschicht waren. Sie kommt damit, anders als die ältere Geschichtsforschung von z. B. Ludolf Fiesel zu einem differenzierteren Urteil; sie sieht den Einsatz einheimischer Adliger als politische Notwendigkeit bei Karl dem Großen, um lokale Loyalitäten zu sichern. Zudem hatten die Grafschaften keine klar begrenzten geschlossenen Territorien. Damit festigte sich aber auch langfristig die Macht des sächsischen Hochadels.
Studien zur sächsischen Grafschaftsverfassung haben Sabine Krüger oder Hans K. Schulze vorgelegt:
Sabine Krüger: Studien zur sächsischen Grafschaftsverfassung im 9. Jahrhundert, 1950.
Hans K. Schulze: Die Grafschaftsverfassung der Karolingerzeit in den Gebieten östlich des Rheins, in: Schriften zur Verfassungsgeschichte (VG), Band 19, Duncker & Humblot, Berlin, 1973.</ref> Das Grafenamt wurde von den Karolingern schon während der Sachsenkriege (772-804) Karls des Großen im eroberten Sachsen eingeführt. Der Graf war als fränkischer Herrschaftsvertreter ein militärischer Befehlshaber, er sprach Recht, zog Steuern ein und verwaltete seine Grafschaft. Die Franken trennten die hohe Gerichtsbarkeit der Grafengerichte (für schwere Verbrechen) von der niederen Gogerichtsbarkeit. Die Grafen waren in der Festigung der fränkischen Herrschaft in den ersten Jahrzehnten im sächsischen Gebiet allerdings oft weniger erfolgreich als die Bischöfe und die neu gegründeten Klöster. Königsboten (missi dominici) kontrollierten als reisende Prüfer des Königs, ob die Grafen ihre Aufgaben richtig erledigten.
In einem Gau befanden sich drei oder mehr Gogerichtsbezirke. Die Goe to den hengh Eken by der Weser war die älteste weltliche Organisationseinheit des Raumes rund um Emmerthal und bestand im Tilithigau seit der fränkischen Okkupation Sachsens. Sie existierte also bereits mehrere Jahrhunderte, bevor die Region im 12./13. Jahrhundert politisch an die Grafschaft Everstein fiel. Nördlich der Goe to den hengh Eken by der Weser lag beiderseits des Hamelflusses die Goe auf der Hamel mit dem Gogericht auf dem Eichberg bei Hilligsfeld (einem heutigen Stadtteil von Hameln), zu der um 1300 zeitweise auch die Ortschaften Hastenbeck und Ohr gehörten. Und bei Fischbeck (einem heutigen Stadtteil von Hessisch Oldendorf) westlich von Hameln lag die Goe Fischbeck mit dem Gogericht in Fischbeck. Diese anderen beiden Gogerichtsbezirke gehörten ebenfalls zum Tilithigau. Auch in Selxen, einem heutigen Ortsteil des Fleckens Aerzen und in noch weiteren Orten im Tilithigau gab es Gogerichte. Eine exakte und abschließende Gesamtzahl und Beschreibung aller Goen im Tilithigau ist nicht lückenlos und klar überliefert, da sich die politischen Strukturen im Mittelalter stark veränderten.<ref>Die Calenberger Amtsbücher halten fest, welche Dörfer zu den traditionellen Gogerichten gehörten und dokumentieren die überdauernde Struktur des Tilithigaus.
Folgende Sekundärquellen geben darüber (lückenhaft) Auskunft:
- Bernhard Engelke: Die Grenzen, Gaue, Gerichte und Archidiakonate der älteren Diözese Minden, in: Hannoversche Geschichtsblätter, Band 4, 1937, OCLC 247648408;
- Hermann von Bothmer: Zur Entstehung der sächsischen Goe, in: Niedersächsisches Jahrbuch, S. 204-222, Lax, Hildesheim, 1961.
- Ludwig August Theodor Holscher: Beschreibung des vormaligen Bisthums Minden nach seinen Grenzen, Archidiakonaten, Gauen und alten Gerichten, Münster, 1877.</ref>
Das Gogericht war sozusagen der Rechtsnachfolger des vorkarolingischen germanischen Things und existierte in seinen Vorläufern ab dem 8. Jahrhundert (Frühmittelalter) und als feste Institution ab dem 12./13. Jahrhundert (Hochmittelalter).<ref>Zur Organisation einer Goe im Mittelalter und in der Neuzeit, sowie zum Prozessablauf eines Gogerichttermins vgl. den Wikipedia-Eintrag „Goe auf der Hamel“.</ref> Das Gogericht (die „Malstatt“) der Goe to den hengh Eken by der Weser lag in der Flur „Ruhestück“/„Vor den Richtebänken“ unter freiem Himmel am Eichberg zwischen Brockensen und Grohnde (nicht zu verwechseln mit dem Eichberg bei Hilligsfeld). Das 826 erwähnte Gogericht in Hajen und die Gerichtsstätte „Dageort“ in Vranki (Frenke, eine fränkische Siedlung) sind wohl jeweils mit der Gogerichtsstätte am Eichberg zwischen Brockensen und Grohnde identisch, da sie im gleichen Raum liegen. Die Gogerichte existierten insgesamt über 1.000 Jahre und wurden endgültig in der Zeit der französischen Fremdherrschaft in der Zeitstellung zwischen 1809 und 1815 aufgelöst.
Die Herrschaft der Ekbertiner im 8. und 9. Jahrhundert[Bearbeiten]
Das einflussreiche fränkisch-altsächsische Hochadelsgeschlecht der Ekbertiner (auch Cobbonen genannt), das von Karl dem Großen direkt nach den Sachsenkriegen zwischen 790 und 811 mit umfangreichen Besitzungen im altsächsischen Raum belehnt wurde und das auch großen Eigenbesitz (Allode) in diesem Raum, primär im südlichen Westfalen zwischen dem Rhein, dem Münsterland und der Weser besaß, hatte im Frühmittelalter Verbindungen in die Region um Ohsen. Historische Untersuchungen zu den Königspfalzen und Herrschaftsstrukturen verweisen darauf, dass die Ekbertiner auch die strategisch wichtigen Weserübergänge bei Ohsen und Hameln kontrollierten.<ref>Die Hochadelsfamilie der Ekbertiner (bzw. Cobbonen), wandelte durch die ihr wohl zugehörige Edelfrau Helmburgis den fränkisch-sächsischen Königshof in Fischbeck im Jahr 955 in das Stift Fischbeck um. Graf Ekbert I. gilt nicht nur als Ahnherr des fränkisch-altsächsischen Hochadelsgeschlechts der Ekbertiner, sondern auch als einer der Vorfahren der altsächsisch-engerschen Billunger Herzöge, bzw. stand zumindest im Sippenzusammenhang mit ihnen. Auch der altsächsisch-westfälische Herzog Widukind zählte zu den Vorfahren der weit verzweigten Sippe der Billunger. Und Mittelalterforscher wie Karl Schmid gehen davon aus, dass es enge verwandtschaftliche und soziale Netzwerke zwischen den Ekbertinern und der Sippe des Sachsenherzogs Widukind gab, in dem Heiraten und politische Allianzen üblich waren. Forscher sehen insgesamt ein stark verflochtenes fränkisch-sächsisches Adelsnetzwerk im westfälischen Raum.
Quelle:
Karl Schmid: Zur Problematik von Familie, Sippe und Geschlecht, Haus und Dynastie beim mittelalterlichen Adel, in: Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg (Hrsg.): Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 105. Band, Verlag G. Braun GmbH, Karlsruhe, 1957 (MGH).</ref> Im Hochmittelalter erloschen die Ekbertiner als eigenständige Familie in der männlichen Linie und gingen in andere Grafenhäuser auf. Der Ekbertiner Graf Cobbo der Jüngere (eine Kurzform von Godabert oder Godebert, nachweisbar um 890/921) im Tilithigau (es gab mehrere Vertreter gleichen Namens aus dem Geschlecht der Ekbertiner) verstarb kinderlos. Eine direkte urkundliche Erwähnung der Familie als unmittelbare Eigentümer von Ohsen selbst fehlt jedoch.
Die Herrschaft der Billunger vom 10. Jahrhundert bis 1106[Bearbeiten]
Die mächtigen altsächsisch-engernschen Billunger Herzöge hatten anschließend vom 10. Jahrhundert bis 1106 u. a. in der Region um Ohsen umfangreichen Eigenbesitz (Allode). Die hochadeligen Billunger traten über die weibliche Linie (Heirat von Herzog Hermann Billung mit Oda aus dem Geschlecht der Ekbertiner) die Rechtsnachfolge der Ekbertiner im Tilithigau an. Der ostfränkische König Otto I. übertrug ihnen Grafschaftsrechte und Ämter. Der Billunger Herzog Bernhard II. (regierte 1011 bis 1059) trat nachweislich als oberster Lehnsherr in der Region auf.<ref>Quellen:
- Hans-Joachim Freytag: Die Herrschaft der Billunger in Sachsen, in: Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen, Heft 20, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1951;
- Gudrun Pischke: Die Herrschaftsbereiche der Billunger, der Grafen von Stade, der Grafen von Northeim und Lothars von Süpplingenburg. Quellenverzeichnis. In: Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen, Heft 29, Lax, Hildesheim, 1984.</ref> Vielfach übernahmen die Billunger indirekt auch frühere Besitztümer der Ekbertiner.<ref>Quelle:
Gerd Althoff: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung. Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen, S. 390 und 407, 1984, ISBN 978-3-7705-2267-5.</ref><ref>Die altsächsisch-engernschen Billunger hatten großen Eigenbesitz (Allode) und Lehngut
- in ihrem Stammland im sächsischen Bardengau und an der Ilmenau um Lüneburg,
- im Weser-Leine-Bergland,
- im Laargau und Astergau um Jever nahe der Wesermündung (wo sie die Schifffahrtswege kontrollierten),
- im Raum Corvey,
- im heutigen Schleswig-Holstein,
- im heutigen Sachsen-Anhalt und
- am Niederrhein.
Im Bistum Minden verdichtete sich der billungische Besitz. Durch die Heirat von Wichmann dem Älteren (* um 900; † vermutlich 23. April 944) mit einer Schwester der Königin Mathilde aus der Nachfahrenschaft des Sachsenherzogs Widukind gelangten enorme Besitz- und Herrschaftstitel an die Familie. Sie besaßen die Schalksburg bei Porta Westfalica und die Bückeburg. Im Raum Hameln und Ohsen besaß die Familie bedeutende Eigengüter (Allode) und gräfliche Rechte.
Die Billunger waren vom späten 10. Jahrhundert bis zu ihrem Aussterben im Mannesstamm im Jahr 1106 Schutzvögte der Frauenstifte Fischbeck und Kemnade. Zwei Schwestern aus der Billunger-Familie, mutmaßlich Töchter des Billunger Grafen Wichmann des Älteren, die Gräfin Imma (* 10. Jh.; † nach 1017) und die Äbtissin Frederuna (* 10. Jh.; † 1025), sollen um das Jahr 960 unter der Herrschaft von Kaiser Otto I. dem Großen (* 23. November 912; † 7. Mai 973) unter Einbringung ihres gesamten Eigenbesitzes (Allode) das Frauenstift Kemnade gegründet haben. Sie werden in der Königsurkunde von Kaiser Heinrich II. (* 6. Mai 973; † 13. Juli 1024) vom 8. November 1004 genannt. Die Hypothese, dass sie aus der Billunger-Sippe und nicht aus einem anderen regionalen Adelsgeschlecht stammten, ist zwar plausibel, aber in der modernen Forschung stark umstritten. Das Stift Kemnade ist geringfügig jünger als das 955 gegründete Stift Fischbeck, während das 896 gegründete Damenstift Möllenbeck 59 Jahre älter und das am 10. Februar 1167 gegründete Augustiner-Chorfrauenstift Obernkirchen 212 Jahre jünger als das Stift Fischbeck sind.
Quellen:
- Nathalie Kruppa: Die Billunger und ihre Klöster, zit. Gerd Althoff: Adels- und Königsfamilien im Spiegel ihrer Memorialüberlieferung: Studien zum Totengedenken der Billunger und Ottonen. Münstersche Mittelalterschriften. Hrsg.: Brill Fink, 1984, ISSN 1867-0059.
- Historische Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg: Schaumburg im Mittelalter - Entwicklung grundlegender Strukturen, in: https://www.histag-schaumburg.de/, abgerufen am 8. Juli 2026.
- Nicolaus Heutger: Das Stift Möllenbeck an der Weser. Kanonissenstift, Windesheimer Chorherrenstift, Evangelisches Stift. 2. Auflage. Hildesheim 1987, ISBN 3-7848-4012-4.
- Dieter Brosius: Das Stift Obernkirchen 1167–1565, Schaumburger Studien, Heft 30, Grimme Verlag, Bückeburg, 1972, ISBN 3-87277-030-6.</ref><ref>Quellen:
- Nathalie Kruppa: Die Billunger und ihre Klöster. Beispiele zu den weitläufigen Verbindungen im frühmittelalterlichen Sachsen. In: Concilium Medii Aevi 12, S. 1–41. 2009, abgerufen am 30. Oktober 2025.
- Die Billunger. Die sächsische Herzogsfamilie im Blick aktueller Forschung. In: Carolin Triebler, Florian Hartmann, Rainer-Maria Weiss (Hrsg.): Veröffentlichungen des Archäologischen Museums Hamburg und Stadtmuseum Harburg. Hamburg 2023, ISBN 978-3-931429-43-0.</ref> Eine direkte urkundliche Erwähnung der Familie als unmittelbare Eigentümer von Ohsen ergibt sich aus der Übertragung der Grafschaftsrechte und Ämter im Tilithigau, zu denen der strategisch wichtige Weserübergang bei Ohsen gehörte, durch den ostfränkisch-deutschen König Otto I.,
Hochmittelalter (1050–1250 n. Chr.)[Bearbeiten]
Die Herrschaft der Grafen von Everstein an der Oberweser im Hochmittelalter[Bearbeiten]
Die Grafen von Everstein waren vom Reichskloster Fulda um 1100 mit der Vogtei der Stadt Hameln und vielen Gütern u. a. im Tilithigau belehnt worden. Das Dorf Ohsen lag im Hochmittelalter noch in einer sumpfigen, von mehreren Weserarmen durchzogenen Wildnis. Die Burg Ohsen, das Castrum Osen, wurde von den Grafen von Everstein vermutlich um 1200 auf dem Leuwenwerder von Ohsen erbaut, um den Weserübergang zu schützen. Die westlich vorgelagerte Vorburg lag ursprünglich 2,50 Meter tiefer als die Hauptburg, die einen „Wittekindsturm“ oder „Karlsturm“ genannten Bergfried hatte. Die Straße verlief durch die Tordurchfahrt des kleineren Turms „Schwarzes Laster“ auf der Vorburg. Die Wasserburg wurde 1259 urkundlich im Vertrag zwischen den Grafen von Everstein und dem Erzbischof von Köln erwähnt.<ref>Quelle:
Ohsen, Burg, in: https://www.historisches-emmerthal-wiki.de/wiki/Ohsen,-_Burg, abgerufen am 19. August 2026.</ref> In jüngerer Zeit wurde der östliche Nebenarm der Weser zugeschüttet, so dass die Burg/das Schloss Ohsen und darin das spätere Amtshaus keine Insellage mehr hatten. Das heutige Haupthaus des Schlosses Ohsen besteht aus einer barocken Dreiflügelanlage. Die Grafen von Everstein besaßen 1197 nachweislich Höfe in Hastenbeck und Nordohsen, hatte Fischereirechte in der Weser und wohnten zeitweise auf der Burg Ohsen. Das ehemalige Dorf Nordohsen, das als dörfliche Siedlung am Fuße des Bückebergs im Bereich des heutigen Kirchohsener Friedhofs lag, wurde im 14./15. Jahrhundert zur Wüstung, als sich ihre Einwohner im Zuge des Ausbaus der Burg Ohsen um die schützende Burg ansiedelten und dafür ihre alten Höfe aufgaben. Die Feldmark des wüst gewordenen Nordohsen wurde von ihnen von Kirchohsen aus weiter bewirtschaftet. Mit dem Aufstieg von Hameln als Stadt verlor Ohsen im Hochmittelalter an Bedeutung. Das 1416 erstmals urkundlich erwähnte Hagenohsen entstand als Nachfolgesiedlung von Nordohsen auf der rechten Weserseite. Der Ortsname Kirchohsen etablierte sich erst schleichend im 16./17. Jahrhundert, weil sich das alte Dorf Ohsen auf der linken Weserseite für die Behörden und die Bewohner vom Dorf Hagenohsen auf der rechten Weserseite unterscheiden musste.
Die reichen uradeligen Edelherren von Frenke hatten Besitz von Frenke über Börry bis nach Ohsen. Das Niederadelsgeschlecht existierte seit dem Hochmittelalter an der Oberweser im Gebiet um Ohsen und erlosch 1558 im Mannesstamm.
Das Archidiakonat Ohsen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit[Bearbeiten]
Das Bistum Minden richtete im 12. Jahrhundert 12 Archidiakonate als Unterbezirke des Bistums ein, und der Archidiakon des größten Archidiakonats der Diözese Minden und Stellvertreter des Bischofs hatte seinen Sitz in Ohsen. Der Bezirk des Archidiakonats Ohsen, das nicht nur ein spiritueller Verbund, sondern auch ein Rechts-, Gerichts- und Verwaltungsbezirk war (bannus seu districtus vel Decanatus in Wesen; mit „Wesen“ ist der Ort Ohsen gemeint),<ref>Quelle:
Robert Krumbholtz (Bearb.): Westfälisches Urkundenbuch, Band 10: Die Urkunden des Bistums Minden (1301-1325), 2. Auflage, Joseph Prinz (Bearb.), 1977.</ref> war mit dem altsächsischen Tilithigau räumlich weitgehend deckungsgleich.<ref>Quellen:
- Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Westfälische Geschichte, S. 52. (PDF), abgerufen am 3. Dezember 2025;
- Wilfried Dammeyer: Der Grundbesitz des Mindener Domkapitels, in: Mindener Jahrbuch NF 6, Minden, 1957.</ref> Ein Archidiakon Ludolf ist erstmals 1267 im beginnenden Spätmittelalter urkundlich belegt (Testes autem huius rei sunt: Wernerus decanus, Ludolfus archidyaconus in Osen, Widego [...] canonici: „Zeugen dieser Sache sind: Dekan Werner, Ludolf, Archidiakon in Osen, Widego [...] Kanoniker“).<ref>Ohsen | kirchengemeindelexikon.de. Abgerufen am 20. August 2026.</ref><ref>Der Text der Urkunde befindet sich im Westfälischen Urkundenbuch (WUB), sowie in den historischen Verzeichnissen des Landeskirchlichen Archivs und des Kirchengemeindelexikons.</ref> Gegen Ende des Spätmittelalters um das Jahr 1500 wurden 54 Kirchen und Kapellen, die größtenteils auf dem Territorium des heutigen Landkreises Hameln-Pyrmont lagen, vom Archidiakonat Ohsen betreut.<ref>Hermann Hoogeweg: Die Urkunden des Bistums Minden vom J. 1201-1300, Westfälisches Urkundenbuch (WUB), Band 6, Münster, 1898.</ref> Der Ort Kirchohsen gehörte faktisch bis 1647/1648 kirchenrechtlich zu diesem Archidiakonat. Das Archidiakonat Ohsen und die übrigen Archidiakonate der Diözese Minden wurden 1648 infolge des Westfälischen Friedens offiziell aufgelöst.<ref>Kirche Ohsen. Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, abgerufen am 3. Dezember 2025.</ref><ref>Die Geschichte des Bistums Minden entwickelte sich wie folgt weiter: Das nominell noch katholische Bistum Minden kam 1648 an Preußen und wurde als geistliches Fürstentum säkularisiert, bis es 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluss des Regensburger Reichstages aufgelöst wurde.</ref>
Das Patronatsrecht über die Kirche in „Tunderen“ (Tündern) lag wohl Mitte des 12. Jahrhunderts beim Kloster Corvey (das außerdem bis ins 16. Jahrhundert Lehensbriefe für Besitzungen in Tündern vergab) und beim Archidiakon in Ohsen.<ref>Quelle:
Leopold Schütte: Die alten Mönchslisten und die Traditionen von Corvey, Teil 2, Paderborn 1992.
Siehe auch: Fragmente Codex, S. 8.</ref> Danach lag es bis 1871 beim welfischen Landesherrn.
Spätmittelalter (1250–1500 n. Chr.)[Bearbeiten]
Die Grundherrschaft des Niederadelsgeschlechts der Freiherren von Hake im Raum um Ohsen ab Ende des 12. Jahrhunderts[Bearbeiten]
Die Freiherren von Hake, niederer altsächsisch-engernscher Uradel, war an der Oberweser, besonders im Raum rund um Ohsen, u. a. in Hastenbeck (1197), Nordohsen (1197/1359), Bodenwerder (1278), Dassel (1301), Börry (1301), Buchhagen (1304/24), Holzminden (1306), Ohr (1307) Emmern (1307) und später in Hämelschenburg (1339), Grohnde (1358), Hagenohsen (1358), Diedersen (1558) und Hasperde (1775), sowie an der Mittelweser ansässig und war in noch weiteren Orten im Tilithigau, z. B. in Bessingen, Flegessen, Hastenbeck und Tündern begütert. Die Freiherren von Hake waren ursprünglich Mindener und Corveyische Lehnsleute und gehören zur Calenberg-Göttingen-Grubenhagenschen Ritterschaft. Ihr Freiherrenstand wurde im Königreich Hannover gewohnheitsrechtlich geführt und 1891 vom Fürstentum Waldeck anerkannt.<ref>Quelle:
Marcelli Janecki: Handbuch des Preußischen Adels, 2 Bände, Berlin, 1893, S. 310–314.</ref> Der niedersächsische Zweig dieser Adelsfamilie ist bis heute ununterbrochen in Ohr und Diedersen und damit seit über 800 Jahren an der Oberweser ansässig. 1307 übergab Otto Graf von Everstein den Brüdern Ernst und Hermann von Hake alle Güter in Odere (Ohr) und Emmern zu Lehen. Die Grafen von Everstein waren in dieser Zeitstellung Oberlehnsherren der freiherrlichen Familie von Hake. Nach dem Aussterben der Grafen von Everstein in den beiden männlichen Linien (1336 und vor 1429) wurden die welfischen Herzöge von Braunschweig-Hannover Oberlehnsherren derer von Hake.
Die Grafen von Everstein im Kampf um ihren Machterhalt an der Oberweser im Spätmittelalter[Bearbeiten]
1259 überließ Conrad Graf von Everstein (urkundlich nachgewiesen von 1243 bis 1283) das Schloss Ohsen dem Kölner Erzbischof und zugleich Herzog von Westfalen Conrad von Hochstaden (* 1200 oder 1205; † 18. September 1261), um die Macht seiner Familie zu sichern. Conrad Graf von Everstein erhoffte sich von ihm Unterstützung gegen die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg, die an der Ausweitung ihres Herzogtums nach Westen interessiert waren. 1266 nannten sich die Grafen von Everstein Grafen von Ohsen. Bekannte Vertreter des Adelsgeschlechts, die sich diesen Namen gaben, waren Konrad IV. (erwähnt 1243-1283) und Engelbert I. (erwähnt 1276-1291). 1283 übertrug Conrad Graf von Everstein dem Erzbischof Siegfried von Westerburg, genannt Sigfrid von Köln (* um 1235; † 7. April 1297) das Schloss Ohsen und die Gerichtsbarkeit des Pfarrbezirks Ohsen und nahm die Hälfte des Schlosses wieder zu Lehen.<ref>Quelle:
Friedhelm Biermann: Der Weserraum im hohen und späten Mittelalter: Adelsherrschaften zwischen welfischer Hausmacht und geistlichen Territorien, Bielefeld, 2007, ISBN 978-3-89534-649-1.</ref> 1284 eroberten die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg den Stammsitz der Grafen von Everstein, die Burg Everstein. Die beiden Linien der Grafen von Everstein im Weserraum nahmen daraufhin ihre Sitze in Polle und Ohsen. Nach 1351 übernahmen die Welfen die Hälfte der Burg Ohsen. Beide Eigentümer verpfändeten in der Folgezeit ihren jeweiligen Besitz an der Burg. Die Linie Ohsen derer von Everstein starb 1336 im Mannesstamm aus. Danach übernahm die Linie Polle der Eversteiner bis 1408 die Rechte der Linie Ohsen. Die Linie Polle erlosch vor 1429 ebenfalls im Mannesstamm. Um 1335 übergaben die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg Ohsen zeitweise an die Edelherren von Homburg.
Die Fehde um Schloss Leuwenwerder von 1329[Bearbeiten]
1329 kam es in der Fehde um Schloss Leuwenwerder (die Burg Ohsen) zu schweren kriegerischen Handlungen zwischen Hermann II. oder III. Graf von Everstein (* 1260 oder 1280; † 1351) und umliegenden Territorialherren, sowie dem Bistum Minden. Der Streit entstand dadurch, dass Hermann II. oder III. Graf von Everstein mit Unterstützung der braunschweig-lüneburgischen Herzöge eine zusätzliche Befestigungsanlage namens Schloss Leuwenwerder (an der Burg Ohsen) errichtet hatte. Dies verletzte die Rechte der umliegenden Territorialherren und des Bistums Minden.
1360 teilten sich Otto X. Graf von Everstein aus der Linie Polle (* um 1339; † 1373) und Herzog Wilhelm II. von Braunschweig-Lüneburg (* um 1300; † 23. November 1369) den Besitz des Schlosses Ohsen je zur Hälfte und gelobten sich gegenseitig den Burgfrieden.<ref>Kirche-Ohsen. Abgerufen am 21. August 2026.</ref>
Justatius von dem Bussche aus einem Ministerialengeschlecht der Grafen von Schaumburg, der Vater von Wilhelm von dem Bussche, des späteren Bischofs von Minden, hielt als Pfandnehmer kurzzeitig die Burg Ohsen.<ref>Quelle:
Matthias Christian Kuck: Mittelalterliche Geschichte. Burg und bischöfliche Herrschaft im Stift Minden, Dissertation, Münster (Westfalen), 2000, S. 129, zit. Lün UB III Nr. 16 vom 16. März 1357, ebd. Nr. 254 vom 21. Dezember 1364 und ebd. Nr. 269 vom 24. März 1365.</ref>
Der Fischwehr-Streit von 1353[Bearbeiten]
Der in den Urkundenbüchern des Amtes Ohsen und in den Chroniken der Kirchengemeinde Kirchohsen urkundlich belegte Fischwehr-Streit von 1353 war ein heftiger, bewaffneter Streit um ein Fischwehr und die Fischfangrechte in der Weser zwischen dem Schloss Ohsen und dem alten Dorf Nordohsen.
Das Amt Ohsen (spätes 14. Jahrhundert bis 1815)[Bearbeiten]
Das Amt Ohsen war ein historisches Verwaltungsgebiet des Fürstentums Calenberg und des Königreichs Hannover, das Dörfer beiderseits der Weser umfasste. Der Amtmann hatte seinen Sitz in Kirchohsen. Das Amt entstand aus dem Bestand der Burg Ohsen der Grafen von Everstein, der im 14. Jahrhundert teilweise in den Besitz der welfischen Herzöge von Braunschweig-Lüneburg bzw. der Edelherren von Homburg gelangte.
Das Lehen des Niederadelsgeschlechts von Zerssen in Ohsen (ca. 1400 bis 17. Jahrhundert)[Bearbeiten]
Das Niederadelsgeschlecht von Zerssen, das seinen Stammsitz im Dorf Zersen, einem heutigen Stadtteil von Hessisch Oldendorf und später weiteren Besitz in der Grafschaft Schaumburg hatte, war in Kirchohsen im Spätmittelalter ab etwa 1400 und in der Frühen Neuzeit begütert. Die Ritter von Zerssen waren ursprünglich Burgmannen der Grafen von Schaumburg. Mitglieder der Familie, wie z. B. Hermann von Zerssen auf Mengeringhausen (* 1516, † 1588), waren mit der Vikarie zu Ohsen belehnt.
Die Eversteiner Fehde (1404–1409)[Bearbeiten]
1402 verpfändete Hermann Graf von Everstein (* 1374; † 1413-1415) dem Grafen Wilhelm von Berg-Ravensberg, Bischof von Paderborn (* 1382; † 22. November 1428) die Hälfte des Schlosses Ohsen. 1403 besaßen Hermann Graf von Everstein, Simon Edelherr zur Lippe (* um 1340; † 17. Februar 1410) und Bernhard Edelherr zur Lippe einerseits und Heinrich Edelherr von Homburg (* 1340; † November 1409), Moritz III. Graf von Spiegelberg (* 1355; † 1421) und sein Sohn Moritz Graf von Spiegelberg (* 1406 oder 1407, † 3. Juni 1483) andererseits das Schloss Ohsen je zur Hälfte.
1404 fand die Schlacht am Ohrberg<ref>Quelle:
Georg Lange: Der Ohrberg und seine Geschichte, Hameln, 1967, S. 3.</ref><ref>Quelle:
Werner Müller & Günther G. H. Baumann: Kreuzsteine und Steinkreuze in Niedersachsen, Bremen und Hamburg, 1988, S. 171 f.</ref> zwischen den Häusern Lippe und Everstein einerseits und den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg andererseits statt, in der es gegenseitig um ihr machtpolitisches Erbe und die Vorherrschaft im Weserbergland ging.
1408/1409 wurde das Amt Ohsen in der Eversteiner Fehde (1404-1409) nach dem Sieg der welfischen Herzöge Heinrich I. der Milde (* 1355; † 14. Oktober 1416) und Bernhard I. von Braunschweig-Lüneburg (* 1358-1364; † 11. Juni 1434) endgültig welfisch. Es wurde danach bis ins 17. Jahrhundert zumeist an wechselnde Adelsgeschlechter verpfändet, weil die Burg Ohsen im 14. und 15. Jahrhundert chronisch unterfinanziert war. Wollte ein Landesherr die Burg zurückfordern, konnte aber kein Pfandgeld bezahlen, endete dies nicht selten in einer lokalen Belagerungsfehde (Pfandfehde).
1409 ging der Besitz der Grafen von Everstein und der Edelherren von Homburg in Ohsen an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg über, die das Schloss Ohsen einschließlich der Vogtei Tündern für die damals enorme Summe von 10.000 lötigen Mark Silber (ca. 2,338 Tonnen reines Silber, reiner Edelmetallwert ca. 2.221.600 Euro; heutige Kaufkraft: zwischen 3 und 5 Millionen Euro) gänzlich an den Grafen Moritz von Spiegelberg verpfändeten. Der Verlust der Grafschaft Anfang des 15. Jahrhunderts im (ehemaligen) Tilithigau<ref>Der Begriff Tilithigau als politische Gaugrafschaft verschwand im Spätmittelalter, während die administrativen Unterstrukturen, die Gogerichtsbezirke, überdauerten.</ref> war der ultimative Machtverlust für die beiden Linien der im Weserbergland über einen Zeitraum von über 300 Jahren ansässigen Grafen von Everstein und gleichzeitig die endgültige Ausweitung des Territoriums der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg bis an die Weser und bis an die Grenze der Grafschaft Schaumburg. Das Wappen der Grafen von Everstein ist in den heutigen Landkreiswappen der beiden niedersächsischen Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden enthalten.
Die Hildesheimer Fehde (1420–1422)[Bearbeiten]
Eine dreijährige Fehde zwischen dem Hochstift Hildesheim und den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg fand von 1420 bis 1422 statt. Am Gründonnerstag im Jahr 1421 verlor Johann III. von Hoya, Bischof von Hildesheim (* 1355 oder 1372; † 12. Mai 1424) die Schlacht bei Grohnde vernichtend gegen die Herzöge Bernhard, Wilhelm und Otto von Braunschweig-Lüneburg. Wichtigster Verbündeter des Bischofs war Moritz III. Graf von Spiegelberg (* vor 1355; † nach 1421), der zu diesem Zeitpunkt Herr der Burg Grohnde war und nach der Schlacht vorübergehend die Kontrolle über die Burgen Grohnde und Ohsen verlor. Die Fehde wurde 1422 durch Verhandlungen beigelegt. Moritz III. Graf von Spiegelberg starb kurze Zeit später.
Die Grafen von Spiegelberg als Pfandnehmer des Schlosses Ohsen (15. Jahrhundert)[Bearbeiten]
Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Ohsen zu einem zentralen Stützpunkt und Residenzort der Grafen von Spiegelberg, bevor die Grafschaft 1557 an das Haus Lippe fiel. Als Johann II. Graf von Spiegelberg (der Enkel des Grafen Moritz III., * 1414; † 1480) Elisabeth, die Tochter des Edelherrn Bernhard VII. zur Lippe (genannt „bellicosus“, „der Streitbare“; * 4. Dezember 1428; † 2. April 1511) heiratete, überschrieb er ihr das halbe Schloss Ohsen samt Gericht und Zubehör als wittum (Witwenvorsorge), das er als Pfandgut von den welfischen Herzögen hielt. Dieser Anteil entsprach damals dem Gegenwert von 250 Rheinischen Gulden (das wären nach heutigem Wert „nur“ zwischen 22.500,00 und 53.500,00 Euro). Obwohl Ohsen im Kerngebiet der Grafen von Everstein lag, waren auch die Edelherren zur Lippe wichtige Lehnsherren in der Region.
Die erste Spiegelberger Fehde (1434–1435)[Bearbeiten]
In der Ersten Spiegelberger Fehde von 1434 bis 1435 zwischen Moritz IV. Graf von Spiegelberg (von 1419 bis 1483 (!) sehr lange Kölner Domherr und von 1417 bis 1435 Abt des Reichsklosters Corvey) und einer Allianz des Bischofs Magnus von Hildesheim (* zwischen 15. März und 14. Juli 1390; † 21. September 1452) und des Bischofs von Minden, Wulbrand von Hallermund († 23. Dezember 1436) mit Herzog Otto IV. dem Hinkenden zu Braunschweig-Lüneburg († 1446) und seinem welfischen Vetter Herzog Wilhelm dem Älteren (* 1392 oder 1400; † 25. Juli 1482) versuchte Moritz Graf von Spiegelberg erfolglos, sein kleines Territorium um Coppenbrügge aggressiv zu erweitern. In regionalen Chroniken wurde er teilweise als „Raubritter“ betitelt. Ohsen lag am Rand des im Bereich zwischen Coppenbrügge, Salzhemmendorf und Hameln liegenden Hauptkampfgebietes der Fehde. Am Ende der Fehde zerstörten die Welfen das Schloss der Grafen von Spiegelberg in Hachmühlen und besetzten die Reichsabtei Corvey, in der Moritz IV. von Spiegelberg Abt war. Die Burg Ohsen diente dem geschlagenen und finanziell ruinierten Grafen von Spiegelberg daraufhin als letzter Zufluchtsort und als Herrschaftssitz im Weserraum und wurde von den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg trotz der im Jahr 1435 gerade erst beendeten Fehde im Zeitraum von 1436 bis 1533 wieder an die Grafen von Spiegelberg verpfändet (danach wechselten die Pfandbesitzer häufig). Erst in den folgenden Jahrzehnten übernahm der jüngere Verwandte des Grafen Moritz, Johann II. von Spiegelberg (* ca. 1414) die aktive weltliche Herrschaft in seiner Grafschaft, so dass sich Graf Moritz wieder ganz auf seine kirchlichen Ämter in Köln und Emmerich konzentrieren konnte. 1495 kam Ohsen an das Fürstentum Calenberg-Göttingen.
Die unendliche Geschichte der Verpfändungen Ohsens[Bearbeiten]
Die fortlaufende Kette der Verpfändungen von Ohsen bzw. der Burg Ohsen und des dazugehörigen Amtes erstreckte sich vom Spätmittelalter bis in das 17. Jahrhundert, da die Besitzer weiter chronisch unter Geldmangel litten.
1533 gab Erich I. der Ältere von Braunschweig-Lüneburg (* 16. Februar 1470; † 30. Juli 1540) Ohsen mit allen Leuten und Zubehör für ein Pfanddarlehen von 11.240 Goldgulden (das wären nach heutigem Wert über 11 Millionen Euro) zunächst für 20 Jahre an die Brüder von Bortfeld. Die Herren von Bortfeld stritten mit den Grafen von Spiegelberg um die rechtmäßige Übergabe der Pfandschaft über Ohsen.
1584 wurde Claus von Münchhausen für eine Zahlung von 37.822 Talern (das wären nach heutigem Wert zwischen 13 Millionen Euro und 22 Millionen Euro) Besitzer von Ohsen mit allem Zubehör, Gericht, Renten und Einkünften.
Auch die regionale Niederadelsfamilie von Wettberg, die in (Bad) Münder den Wettbergschen Adelshof besaß, stellte ab dem 16. Jahrhundert zeitweise Amtmänner und Bedienstete für die Verwaltung und den Schutz des Amtes Ohsen, bis die Familie 1644 im Mannesstamm erlosch.
Die Edelherren des ostwestfälisch-niedersächsischen Uradelsgeschlechts von Amelunxen, die ursprünglich aus dem Kreis Höxter stammten und Lehnsmänner und Gefolgsleute des Abtes von Corvey waren, waren auf der Burg Ohsen Amtmänner (Drosten) im Dienste der welfischen Herzöge von Braunschweig-Lüneburg und finanzierten u. a. 1581 die Erneuerung des Kirchtums der Petrikirche in (Kirch-)Ohsen. Ab 1557 befand sich die Burg Ohsen vollständig im Besitz der Welfen.<ref>Stefan Eismann: Ohsen, in: Europäisches Burgeninstitut (Hrsg.): Wissenschaftliche Datenbank EBIDAT, in: https://www.ms-visucom.de/cgi-bin/ebidat.pl?id=5993, abgerufen am 25. August 2026.</ref>
Die Reformation in Ohsen um 1540[Bearbeiten]
Um das Jahr 1540 wandte sich Ohsen dem Protestantismus zu. Herzog Julius von Calenberg († 3. Mai 1589) setzte 1588 die evangelische Kirchenordnung in seinem Territorium endgültig durch und ließ die Gemeinden visitieren.
Spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Dorfwüstungen bei Ohsen[Bearbeiten]
Zwischen Ohsen und Grohnde lag auf dem Gelände des heutigen AKW Grohnde das um 1541 wüst gewordene Dorf Schnes(s)el/Snelsle/Snesele/Sneyssle. Und bei Hagenohsen lagen die Dorfwüstungen Nordohsen und Frolevessen/Frohleifsen/Vrolevissen.<ref>Quellen:
- Kurt Brüning: Der Landkreis Hameln-Pyrmont, Bremen-Horn, 1952.
- Ludolf Fiesel, Franken im Ausbau altsächsischen Landes, 1972, S. 103.</ref>
Die Edelherren zur Lippe als regionale Grundherren an der Weser[Bearbeiten]
Die Edelherren Otto und Bernhard V. zur Lippe belehnten den Knappen Johann von Osen nach 1558 mit 10,5 Hufen Land in der Region (das sind nach der historischen niedersächsischen und westfälischen Hufe ca. 82 Hektar).
Die Hochgerichtsstätte des Amtes Ohsen auf dem Tündernanger[Bearbeiten]
Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit befand sich auf dem sogenannten Tündernanger die Hochgerichtsstätte des Amtes Ohsen, auf der am 29. Oktober 1583 eine Hexenverbrennung (die Walterbergische, die Flentsche und die Schutmensche) stattfand.<ref>https://www.anton-praetorius.de/downloads/Tuendern%201583%20Hexenprozessakte.pdf, Auszug aus einer Hexenprozessakte vom Jahr 1583. In: anton-praetorius.de. Abgerufen am 29. Oktober 2025.</ref> Die Frauen waren zuvor im kleinen Turm („Schwarzes Laster“) der Burg Ohsen inhaftiert worden. Die letzte Hinrichtung, das Erhängen eines Pferdediebes, erfolgte im Jahr 1763 auf dem Tündernanger.<ref>Quelle:
Hans Berner: Das Amt Ohsen, 1954, S. 38.</ref>
Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) und die Pestepidemie von 1636[Bearbeiten]
Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) fielen zwischen 1634 und 1641 kaiserliche Truppen zweimal in das Amt Ohsen ein, in dem Kirchohsen lag. Und am Ende des Krieges belagerten acht schwedische Reiterregimenter die Dörfer Tündern, Kirchohsen, Hastenbeck und Bisperode. Das Dorf Kirchohsen wurde geplündert. Es wurde wegen seiner strategischen Lage an der Weser und wegen der Existenz der Burg Ohsen im Ort schwer verwüstet. 1625 marschierten die Kaiserlichen in Kirchohsen ein, besetzten die Burg Ohsen, quartierten sich auf den Höfen ein und erpressten Lebensmittel von den Bauern. 1632/1633 kam es zu schweren Kämpfen der protestantischen Schweden mit den katholischen Kaiserlichen um die Burg Ohsen. 1634 wurde der Ort im Verlauf der harten Kämpfe fast vollständig niedergebrannt. Nur Teile der Kirche und wenige Häuser überstanden das Feuer. Die Bevölkerung floh in die nahen Wälder des Bückebergs, und viele Bewohner starben an Hunger. Zudem gab es im Jahr 1636 eine Pestepidemie im Ort („Der Schwarze Tod“, „Das große Sterben“), die von den Soldaten in das Wesertal eingeschleppt worden war. Daran starb ein Großteil der noch verbliebenen Dorfbewohner.<ref>Quelle:
Neithard Bulst: Vier Jahrhunderte Pest in niedersächsischen Städten. Vom Schwarzen Tod (1349-1351) bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Cord Meckseper (Hrsg.): Stadt im Wandel: Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150-1650, 4. Band des Ausstellungskatalogs, Braunschweig, 1985, S. 251–270. Die Sammel-ISBN für alle vier Bände ist 978-3-922608-37-0.</ref> Es dauerte bis in das 18. Jahrhundert, bis sich der Ort, das Amt Ohsen und das Vorwerk (der Amtsbauernhof) demografisch und wirtschaftlich von den Folgen dieses Krieges erholten.
Über Ohsen schrieb Martin Zeiller 1654:
„Dieses Fürstliche Calenbergische Ampthauß / ist eine halbe Meil weges über der Statt Hameln / vff einem Wehrder oder Insel / sehr lustig vnd anmuhtig gelegen / es hat vmb sich schöne Felder vnd Awen / vnd thut sich deß Weserstroms sehr wol vnd nutzlich gebrauchen.“<ref>Vorlage:MerianTopo</ref>
Der Siebenjährige Krieg (1756–1763)[Bearbeiten]
In den Tagen vor der Schlacht bei Hastenbeck am 26. Juli 1757 im Siebenjährigen Krieg besetzten französische Truppen den Raum südlich von Hameln. Die Burg Ohsen und das Dorf Kirchohsen wurden zu einem wichtigen Stützpunkt und logistischen Knotenpunkt für die Einheiten des französischen linken Flügels unter Victor Francois Herzog von Broglie und des Zentrums mit dem königlichen Artilleriekorps (Belagerungs- und Feldartillerie), das in Kirchohsen Munitionsdepots anlegte. Außerdem patrouillierten im Raum Kirchohsen Einheiten der französischen Kavallerie (schwere Reiter und berittene Dragoner) zur Absicherung der Weserübergänge und des französischen Hauptquartiers. Tausende französische Soldaten wurden in den Häusern und auf der Domäne einquartiert und mussten verpflegt werden. Wer die geforderten Kontributionen (Kriegssteuern) nicht zahlen konnte, dem drohten Plünderung und Gewalt. Das Dorf wurde zwar nicht erneut zerstört, aber es wurde geplündert. Die Feldmark rund um das Dorf wurde komplett verwüstet; eine reguläre Ernte war unmöglich.
1758 zogen die Franzosen nach der verlorenen Schlacht bei Minden erneut in das Amt Ohsen, raubten Börry, Frenke, Grohnde, Latferde und Voremberg aus und brannten diese Dörfer teilweise ab. Es folgten schwere Hungersnöte. Hohe finanzielle Schulden blieben zurück. Kirchohsen erholte sich erst Jahre später von dem kriegerischen Ereignis.
Neueste Geschichte (1789 n. Chr. bis heute)[Bearbeiten]
Die Endphase der Adelsherrschaft über Kirchohsen (1788–1815)[Bearbeiten]
In der Endphase der Adelsherrschaft über Kirchohsen stellte die Familie von Graevemeyer die Verwalter vor Ort. Eberhard von Graevemeyer war von 1788 bis 1803 der letzte klassische Amtmann auf Schloss Ohsen, bevor die Franzosen das Amt Ohsen auflösten und umstrukturierten. Ein späterer Angehöriger dieser Adelsfamilie, Eberhard Friedrich von Graevemeyer (* 1805 oder 21. Juni 1806; † 9. Juli 1892), war als hannoverscher Oberamtmann ebenfalls in Ohsen tätig.
Die Befreiungskriege gegen die Franzosen (1813–1815)[Bearbeiten]
Kirchohsen wurde im Herbst 1813 durch den Vormarsch der verbündeten preußischen, russischen (insbesondere Kosaken unter dem Befehl von Generalmajor Friedrich Baron von Tettenborn) und schwedischen Truppen in den Befreiungskriegen (1813–1815) von der französischen Fremdherrschaft befreit. Männer aus der Region kämpften überwiegend in der King’s German Legion (hannoversche Truppen unter dem Befehl von Generalleutnant Carl Graf von Alten und Generalmajor Charles (Karl) Baron zu Alten). Die Infanteriebataillone und Schützen der King’s German Legion mussten allerdings über mehrere Monate in den Häusern der Dorfbewohner einquartiert und verpflegt werden. Die Soldaten wurden nicht nur verpflegt, sie plünderten auch. Für Heizzwecke und Lagerfeuer wurde zudem viel Brennholz benötigt. Die gesamte wirtschaftliche Belastung brachte viele Bauernhöfe an den Rand des Ruins. Die französischen Soldaten wichen weitgehend kampflos aus Kirchohsen und flüchteten.
Die Domäne Ohsen[Bearbeiten]
Das Amt Ohsen auf der Burg/dem Schloss Ohsen existierte vom 14. Jahrhundert bis 1815, als es mit dem Amt Grohnde vereinigt wurde.
Die Domäne Ohsen, die ursprünglich, vermutlich um das Jahr 1658, in einer Vorform aus dem Amt Ohsen hervorging und aus der Burg und dem Wirtschaftshof bestand, wurde 1815 gegründet und jeweils für 18 Jahre verpachtet. Sie kam nach 1946 in den Besitz des Bundeslandes Niedersachsen und wurde anschließend schrittweise privatisiert.
Die Agrarreformen (1840er-1850er Jahre)[Bearbeiten]
Mit dem hannoverschen „Ablösungsgesetz“ von 1831 wurde der rechtliche Grundstein für Agrarreformen gelegt. Die Bauern in Kirchohsen konnten sich von jahrhundertelangen feudalen Abgaben, Frondiensten und Zehnten gegenüber den Grundherren (wie dem Amt Ohsen oder der landesherrlichen Domäne) freikaufen.
In den 1840er Jahren fanden die Gemeinheitsteilungen nach Maßgabe der „Gemeinheitsteilungsordnung“ vom 1. September 1833 statt. Das ehemals gemeinschaftlich genutzte Land, Wälder, Weiden und Ödland (die Allmende) wurde aufgeteilt und ging in das private Eigentum der einzelnen Höfe über. Ab 1852 gab es nur noch das Amt Grohnde, das wiederum 1859 im Amt Hameln aufging. Das Gesetz wegen der Spezialtheilung und Verkoppelung des Königreichs Hannover trat am 15. September 1854 in Kraft.
In den 1850er Jahren fand die Verkoppelung, die Flurbereinigung (Spezialteilung) der Kirchohsener Feldmark statt: Viele schmale, verstreut liegende Ackerstreifen wurden vermessen, bewertet und zu großen, zusammenhängenden Grundstücken zusammengelegt.
Ärmere Schichten wie Häuslinge (landlose Mieter), Brinksitzer (Kleinstbauern) und Tagelöhner verloren durch die Agrarreformen in Kirchohsen im 19. Jahrhundert ihr traditionelles Recht, Vieh auf der Allmende zu weiden (sofern sie welches besaßen), bzw. sie verarmten. Zudem gab es durch einen starken Geburtenüberschuss eine Überbevölkerung, und es gab gleichzeitig schwere Missernten, wie die Kartoffelfäule Mitte der 1840er Jahre. Die beginnende Industrialisierung machte das traditionelle Handwerk, z. B. die Leinenweberei, überflüssig. Die ärmeren Schichten konnten von der Landwirtschaft bzw. von ihrem Lohn kaum noch leben. Und von den Auswanderern wanderten bis zu 90 Prozent in die USA aus. Sie reisten nach der verpflichtenden Ableistung ihres Militärdienstes und nach Genehmigung ihres Antrages auf Entlassung aus der Staatsangehörigkeit meist mit der Postkutsche oder mit der Bahn nach Bremerhaven und bestiegen dort die Auswandererschiffe (Segel- oder spätere Dampfschiffe) nach New York, Baltimore oder New Orleans.
Von der Industrialisierung ab 1849 bis Ende der 1920er Jahre[Bearbeiten]
1849 wurde in Kirchohsen eine Ziegelei gebaut, die bis ins frühe 20. Jahrhundert existierte. Ab 1943 wurde das alte Ziegeleigelände zu einer Seifen- und Waschpulverfabrik umgebaut, die 1952 Konkurs anmeldete. 1868 erfolgte der Bau der Eisenbahnlinie Hannover-Altenbeken. Ab 1870 setzte in der Region an der Weser der großflächige Zuckerrübenanbau ein. Am 27. Mai 1875 wurde die Zuckerfabrik Emmerthal A. G. gebaut. Weitere Zuckerfabriken gab es Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts in Hameln, Oldendorf und Osterwald, die aber alle bis 1919 geschlossen wurden. Die Zuckerfabrik Emmerthal fusionierte 1963 mit Werken in Hessisch Oldendorf und Lage. Die Fabrik in Kirchohsen wurde 1986 geschlossen und 1987 abgerissen.<ref>Cord Hölscher: Den süßlichen Geruch noch in der Nase - 110 Jahre lang wurde in Emmerthal Zucker produziert, in: Deister- und Weserzeitung (DWZ) vom 7. März 2015.</ref> 1896 wurde die Bahnlinie Emmerthal-Vorwohle gebaut. 1898 errichtete die Bauerngenossenschaft die „Molkerei Emmerthal“ in Kirchohsen. Die Molkerei wurde 1968 geschlossen.
Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/1871) gab es einen Gefallenen unter den Einwohnern Kirchohsens.
Seit dem späten 19. Jahrhundert übernahmen zunehmend kirchliche Einrichtungen (Diakonie) und örtliche DRK-Schwestern die ambulante Versorgung der Kranken und Alten im Dorf; zuvor gab es jahrhundertelang nur die Pflege im familiären Verbund. Das erste Seniorenheim in Kirchohsen ist das seit 2012 bezogene „inter pares Seniorenzentrum Haus Lydia“. Das „Haus Elise“ wurde 2013 als zweite stationäre Altenpflegeeinrichtung im Ort gegründet.
Ab 1443 existierte eine feste Holzbrücke (Pfahljochbrücke) beim Nachbarort Grohnde, die jedoch im Dreißigjährigen Krieg zerstört und später nie wieder aufgebaut wurde. Vom Spätmittelalter bis 1900 gab es zwischen Kirchohsen und Hagenohsen ausschließlich eine wetteranfällige Gierseilfähre. Nur während der Fehden und Kriege im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit errichteten die jeweiligen Armeen Behelfs- oder Schiffsbrücken für den Truppentransport über die Weser. 1872 wurde eine massive Bahnbrücke über die Weser für die Strecke Hannover-Hameln-Altenbeken gebaut. 1899 wurde die erste dauerhafte Weserbrücke, die „Valentinibrücke“, als Straßenbrücke in Kirchohsen gebaut und löste die alte Gierseilfähre ab. Sie hat ihren Namen vom preussischen Politiker und damaligen Landrat des Landkreises Hameln, Rudolf von Valentini (* 1. Oktober 1855, † 18. Dezember 1925), der von 1906 bis 1918 als Chef des Geheimen Zivilkabinetts zu einem der engsten Berater von Kaiser Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen (Wilhelm II., * 27. Januar 1859, † 4. Juni 1941) aufstieg. Nach einer teilweisen Sprengung durch deutsche Truppen am 5. April 1945 im Zweiten Weltkrieg wurde die „Valentinibrücke“ erst im Jahr 1952 wieder vollständig hergestellt und in den Jahren 1977 und 2007 in wesentlichen Teilen erneuert.<ref>Quelle:
Historisches Emmerthal-Wiki: Valentini-Brücke, in: https://www.historisches-emmerthal-wiki.de/wiki/Valentini-Brücke, abgerufen am 20. August 2026.</ref>
Im Ersten Weltkrieg (1914–1918) gab es 51 Gefallene unter den Einwohnern Kirchohsens.
Ab 1927/1928 geriet die Landwirtschaft republikweit, so auch in Kirchohsen, in eine schwere Strukturkrise. Dies führte im Ergebnis zu einer hohen Verschuldung der Landwirte.
Die jüdische Gemeinde (spätes 17. Jh. bis 1938)[Bearbeiten]
In Kirchohsen gab es über einen Zeitraum von mehr als 250 Jahren eine eigenständige jüdische Gemeinde. Kirchohsen war der Mittelpunkt der Synagogengemeinde Grohnde-Ohsen. Im Ort stand die einzige Synagoge des Bezirks zwischen Börry, Hämelschenburg und Tündern. Spätestens seit 1824 besaß die Gemeinde einen jüdischen Friedhof, der direkt an der Bruchsteinmauer der ehemaligen Domäne lag und 1860 offiziell in das Eigentum der jüdischen Gemeinde überging. In den Jahren 1937 und 1938 wurden die Deutschen jüdischen Glaubens von den Nationalsozialisten systematisch und vollzählig aus dem Ort vertrieben.<ref>Quelle zur vertiefenden Lektüre:
Bernhard Gelderblom: Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, in: Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten (Hrsg., 2019), https://pogrome1938-niedersachsen.de/, abgerufen am 21. August 2026.</ref> Spätestens im Jahr 1939 wurde der jüdische Friedhof dann von den Nationalsozialisten geschändet. Er wurde komplett zerstört, alle ca. 20 Grabsteine wurden beseitigt.<ref>Quelle zum Hintergrund des Antisemitismus:
Julia König: Judenfeindschaft von der Antike bis zur Neuzeit. Dossier Antisemitismus. Hrsg.: Bundeszentrale für politische Bildung. 23. November 2006.</ref> Im Jahr 2001 zahlte die Gemeinde Emmerthal die Fläche an den Landesverband der Jüdischen Gemeinden zurück und errichtete vor Ort eine Gedenktafel, die an die jüdische Geschichte Kirchohsens erinnert.<ref>Hamelns Geschichte - abseits vom Rattenfänger. Abgerufen am 20. August 2026.
Bernhard Gelderblom: Zur Geschichte der Juden in Hameln und in der Umgebung, in: https://www.gelderblom-hameln.de/judenhameln/friedhoefe/judenfriedkirchohsen.php?name=kirchohsen, abgerufen am 20. August 2026.</ref>
Die Reichserntedankfeste der Nationalsozialisten am Bückeberg (1933–1937)[Bearbeiten]
Im Sommer 1933 wurde der Nordwesthang des Bückebergs bei Hagenohsen für die Reichserntedankfeste vorbereitet, die von 1933 bis 1937 jährlich als die größten Massenpropagandaveranstaltungen der Nationalsozialisten (neben den Maifeiern in Berlin) stattfanden.<ref>Quelle:
Bernhard Gelderblom: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg 1933–1937, C. W. Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln, 1998, 3. Auflage 2012.</ref>
2022 wurde auf dem Gelände der Dokumentations- und Lernort Bückeberg mit einem „historisch-topografischen Informationssystem“ eröffnet.
Zwangsarbeit in Kirchohsen während des Zweiten Weltkriegs (1939-April 1945)[Bearbeiten]
Während des Zweiten Weltkrieges gab es auf fast allen größeren Höfen in Kirchohsen und in der Zuckerfabrik Emmerthal zahlreiche Zwangsarbeiter. Für die Zuckerfabrik wurde ein eigenes Werkslager errichtet. Dort waren nach dem Austritt Italiens aus dem Militärbündnis mit Deutschland 1943 auch italienische Militärinternierte (IMI) untergebracht, die von den Nationalsozialisten als „Verräter“ eingestuft wurden. Die Mehrheit der Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft war dagegen aus den besetzten Gebieten in Polen und der Sowjetunion verschleppt worden und musste auf den Höfen Schwerstarbeit leisten.
Die Zwangsarbeiter in Kirchohsen, sogenannte Displaced Persons (DPs), wurden in den ersten Apriltagen des Jahres 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit.<ref>Quelle:
Bernhard Gelderblom & Mario Keller-Holte: Ausländische Zwangsarbeit in Hameln und im Landkreis Hameln-Pyrmont 1939–1945, Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden, 2006, ISBN 978-3-931656-96-6.</ref>
Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Kirchohsen 1945[Bearbeiten]
Beim Einmarsch der US-amerikanischen Spitzenverbände in den Ort Kirchohsen kam es zu vereinzelten Kampfhandlungen versprengter deutscher Einheiten der Wehrmacht, der „Waffen-SS“ und schlecht ausgerüsteter Jugendlicher des „Volkssturms“ und der „Hitlerjugend“ (HJ), die versuchten, den Vormarsch der Alliierten mit Panzerfäusten und Gewehrfeuer zu stoppen. Ihr Widerstand wurde von den US-Truppen schnell gebrochen. Am 5. April 1945 sprengten abziehende Nachhuten der Wehrmacht noch die Straßenbrücke und die Eisenbahnbrücke im Ort. Das 17. gepanzerte US-Pionierbataillon errichtete daraufhin im Raum Ohr/Kirchohsen/Grohnde unter Hochdruck provisorische Pontonbrücken (Treatway Bridges) über die Weser.<ref>Quellen:
- Gemeinde Emmerthal (Hrsg.), Cord Hölscher (Bearbeiter): 1933-1950 - Nationalsozialismus, Kriegs- und Nachkriegszeit in den Dörfern der Gemeinde Emmerthal, Schriftenreihe des Historischen Archivs, Band 26, Emmerthal, 2021;
- Ernst Hermann Meyer: Fünfzehn Brücken in drei Tagen! - Erinnerungen an die Sprengungen an der Oberweser im April 1945, in: Deister- und Weserzeitung (DWZ) vom 4. April 1970.</ref> Noch am gleichen Tag rollten Teile der 2. US-Panzerdivision („Hell on Wheels“), der 30. US-Infanteriedivision und des 329. Infanterieregiments der 83. US-Infanteriedivision über Kirchohsen und das Gemeindegebiet von Emmerthal hinweg.
Das sogenannte „Dritte Reich“ brach 1945 zusammen, und die Wehrmacht kapitulierte am 8. Mai 1945 bedingungslos. Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) gab es etwa 85 bis 90 Gefallene und Vermisste unter den Einwohnern Kirchohsens. Das Dorf Kirchohsen wurde im Zweiten Weltkrieg, abgesehen von den beiden zerstörten Weserbrücken, glücklicherweise nicht zerstört.
Die ersten Nachkriegsjahre ab 1945[Bearbeiten]
Nach Kriegsende 1945 bis 1946/1947 kam es in Kirchohsen, Emmern und Hagenohsen, wie in fast allen Gemeinden zu einem massiven Bevölkerungszuwachs auf fast die doppelte Einwohnerzahl. Rund 1.200 bis 1.400 Ausgebombte aus Hannover und aus dem Ruhrgebiet, sowie Evakuierte, Heimatvertriebene und Kriegsflüchtlinge, die zum Großteil aus Schlesien, aber auch aus Ostpreußen und aus dem Sudetenland stammten, kamen in die Kirchengemeinde und wurden im Ort aufgenommen.
Ab Mai 1945 gab die Britische Militärregierung Lebensmittelmarken und Bezugsscheine für Holzkohle, Baumaterial und Bekleidung an die Bevölkerung aus. Im Jahr 1946 war die Ernährung der Menschen im Landkreis immer noch gefährdet.
Mit dem Alliierten Kontrollratsgesetz Nr. 18 vom 14. März 1946, S. 162, wurde die Zwangsbewirtschaftung von Wohnraum in allen Besatzungszonen des ehemaligen Deutschen Reiches festgelegt. Es kam bereits vor Inkrafttreten des Kontrollratsgesetzes per Anordnung und Lenkung
- der Gemeindeverwaltung,
- des alliierten Militärbefehlshabers und
- (bereits seit Mai 1945) des Kreiswohnungsamtes Hameln-Pyrmont
zu Zwangseinweisungen in Privathäuser und zum Bau von Notunterkünften (Behelfsunterkünfte und Barackenlager). Anfangs führte die Gesamtsituation zu sozialen Spannungen in der Dorfgemeinschaft.
- Der Landkreis Hameln-Pyrmont gründete am 28. Oktober 1947 die „gemeinnützige Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft mbH“.<ref>Quelle:
Landkreis Hameln-Pyrmont: Protokoll der Kreistagssitzung vom 28.10.1947, Anlage.</ref>
- Am 20. Juni 1948 kam die Währungsreform mit der Deutschen Mark.
- Das Lastenausgleichsgesetz vom 1. September 1952 schuf Fördermöglichkeiten zum Wohnungsbau.
Das Bündel dieser Maßnahmen linderte allmählich die Wohnungsnot in der Bevölkerung.
Neuere Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jh.[Bearbeiten]
In den 1950er Jahren begann der Bau neuer Siedlungen in der Gemeinde.
Das „Flurbereinigungsgesetz“ von 1953 löste die historisch gewachsenen ländlichen Spezialteilungs- und Verkoppelungsgesetze der einzelnen Bundesstaaten, wie dem Königreich Hannover, aus dem 19. Jahrhundert ab und passte das Verfahren den Anforderungen der modernen Landwirtschaft und des Naturschutzes an.
Von 1961 bis 1994 gab es in Kirchohsen eine Brotfabrik, die ursprünglich aus einer seit 1904 im Ort ansässigen lokalen Bäckerei hervorging. Ende der 1990er Jahre entstand auf der Industriebrache der einstigen Brotfabrik das heutige Ortszentrum, die „Emmerthaler Neue Mitte“ (Bereich Am Markt).
Kirchohsen war einer von 17 bis dahin selbständigen Orten, aus denen durch das Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden im Raum Hameln am 1. Januar 1973 die Gemeinde Emmerthal gebildet wurde.<ref>Quelle:</ref> Ende 1996 wurde das niedersächsische Kommunalwahlrecht novelliert. Das angelsächsische System der Doppelspitze wurde aufgegeben. Es gibt seitdem keinen Oberkreisdirektor mehr, sondern nur noch einen hauptamtlichen Landrat.
Lokale Klimageschichte (1342 bis heute)[Bearbeiten]
- Die Magdalenenflut, das schwerste dokumentierte Hochwasser Mitteleuropas, traf 1342 das Wesertal mit voller Wucht.
- Am 9. November 1946 stand Kirchohsen nach einer zweiwöchigen Frostperiode in weiten Teilen unter Wasser.
- Nach einer raschen Schneeschmelze kam es Mitte März 1981 zu einer schweren Flutwelle auf der Weser, bei der weite Teile der Feldmark um Kirchohsen überflutet wurden.
- Ein lokales Extremwetterereignis im Jahr 2007, das Ilse-/Emmer-Hochwasser, ließ die kleineren Weser-Nebenflüsse Ilse und Emmer zu reißenden Strömen werden.
In Sommern mit langanhaltender Trockenheit wie im Dürrejahr 1911 oder in jüngeren Jahren sank die Weser auf extreme Tiefststände. Im benachbarten Ortsteil Hajen werden bei solchen Extremereignissen sogenannte Hungersteine im Flussbett der Weser sichtbar, die von den Vorfahren beschriftet wurden und als historische Warnung dien(t)en.
Durch den Klimawandel gab und gibt es extreme Stürme, Dürrejahre und darauffolgenden Borkenkäferbefall im Bereich der Fichtenbestände. So mussten im Gebiet der Forstgenossenschaft Kirchohsen seit dem Jahr 2018 über 18.000 Festmeter Schadholz eingeschlagen werden. Dies erfordert heute und in Zukunft einen aktiven Waldumbau und Experimente mit trockenheitsresistenten Baumarten wie Roteichen, Douglasien oder Lärchen, um einen resilienten Mischwald aufzubauen.
Infrastruktur[Bearbeiten]
Technische Infrastruktur[Bearbeiten]
Kirchohsen wurde ab 1913 an das Stromnetz der Überland-Stromversorgung der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH in Hameln-Afferde angeschlossen. Ab 1927 übernahm die neu gegründete PreussenElektra die Stromversorgung im Wesertal. Von 1984 bis 2021 erzeugte das benachbarte Kernkraftwerk Grohnde Strom und machte Emmerthal zu einem zentralen Knotenpunkt im deutschen Stromnetz. Die Stadtwerke Hameln Weserbergland GmbH verwaltet heute das örtliche Verteilnetz für Strom.
Die Gemeindewerke Emmerthal betreiben als kommunales Eigenunternehmen der Gemeinde die Trinkwasserversorgung und die Abwasserentsorgung für Kirchohsen. Das Abwasser fließt zur zentralen Kläranlage der Gemeinde im Mündungsbereich der Emmer in die Weser. Das im Ort ansässige Chemieunternehmen Dr. Paul Lohmann GmbH & Co. KGaA verfügt über eine eigene, separate Abwasserbehandlungsanlage für Industrieabwasser.
Verkehrsinfrastruktur[Bearbeiten]
Die Bundesstraße 83 verläuft westlich des Ortes und verbindet Kirchohsen direkt mit Hameln im Norden und mit Bodenwerder und Höxter im Süden. Eine Straßenbrücke der Landesstraße L 424 und eine Eisenbahnbrücke führen von Kirchohsen über die Weser nach Hagenohsen. Zum rund einen Kilometer südöstlich gelegenen Kernkraftwerk Grohnde, das am 31. Dezember 2021 endgültig vom Netz ging, besteht eine Zufahrtsstraße.
Mehrere Buslinien der Verkehrsgesellschaft Öffis (Nahverkehr Hameln-Pyrmont GmbH) verbinden Kirchohsen mit den umliegenden Dörfern der Gemeinde sowie mit den Schulen und Bahnhöfen der Umgebung.
Wirtschaftliche Infrastruktur[Bearbeiten]
In Kirchohsen liegt heute ein starker Fokus auf der chemisch-pharmazeutischen Industrie, dem mittelständischen Apparate- und Metallbau und einer umfassenden Nahversorgung für das gesamte Emmerthaler Umland. Nordöstlich des Ortskerns liegt das zentrale Gewerbegebiet mit zahlreichen Handwerks- (Bau- und Gebäudetechnikunternehmen), Handels- und Dienstleistungsbetrieben (Medien-, Textil-, Vertriebs- und Bürotechnikunternehmen), sowie die Feuerwehrtechnische Zentrale (FTZ) des Landkreises Hameln-Pyrmont. Mehrere große Supermärkte, Fachgeschäfte, Drogerien, Bäckereien, Fleischereien, Banken, Poststationen, Arztpraxen, Apotheken und Steuerberatungsunternehmen konzentrieren sich rund um den Marktplatz und die Hauptstraße.<ref>Gemeinde Emmerthal. Abgerufen am 20. August 2026.</ref>
In Zukunft ist ein „Energiecluster Grohnde/Kirchohsen“ geplant, das die technische Netzinfrastruktur des stillgelegten Kernkraftwerkes Grohnde für zwei Batteriegrossspeicher-Projekte nutzen will. Neue Gewerbeflächen sollen für energieintensive Betriebe ausgewiesen werden.<ref>Quelle:
Deister- und Weserzeitung (DWZ): Emmerthaler Energiecluster: Bürger können jetzt Stellung nehmen, vom 22. April 2026, in: https://www.dewezet.de/lokales/hameln-pyrmont/emmerthal/emmerthaler-energiecluster-buerger-koennen-jetzt-stellung-nehmen-E6B2ZCSR2RETNBPGT2XLB7LRTQ.html, abgerufen am 20. August 2026.</ref>
Kindergärten und Schulen[Bearbeiten]
- Die DRK-Kindertagesstätte „Emmerthal 1“ ist die größte Einrichtung der frühkindlichen Bildung im Ort.
- Die DRK-Kindertagesstätte „Distelflecken“ ist eine weitere Einrichtung des DRK-Kreisverbandes im Ort.
- Die Kinder- und Großtagespflege „Früchtekiste“ ist eine familiäre Großtagespflege für die Betreuung von Kleinkindern im Alter von ein bis drei Jahren.
- Im nahen Umfeld von Kirchohsen gibt es weitere Betreuungsangebote. Der „Kinderbetreuung Emmern e. V.“ ist ein eigenständiger Verein mit dem Angebot einer altersübergreifenden Kleingruppe von Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren.
- Die Grundschule in Kirchohsen ist eine dreizügige, verlässliche und offene Ganztagsschule mit sonderpädagogischer Grundversorgung.<ref>Quelle:
Grundschule Kirchohsen</ref>
- Die „Johann-Comenius-Schule“ ist als teilgebundene Ganztagsschule eine weiterführende Haupt- und Realschule (eine sogenannte Oberschule).
- Für den Besuch eines Gymnasiums oder einer Berufsbildenden Schule pendeln die Schüler aus Kirchohsen in die Kreisstadt Hameln.
Vereine, Organisationen und Freizeitmöglichkeiten[Bearbeiten]
- Die Ortsfeuerwehr Kirchohsen<ref>Ortsfeuerwehr Kirchohsen – feuerwehr-emmerthal.de. Abgerufen am 8. November 2024.</ref> wurde 1880 als Freiwillige Feuerwehr Kirchohsen gegründet. Das Feuerwehrhaus befindet sich auf dem Gelände der Feuerwehrtechnischen Zentrale im Ort. Die Jugendfeuerwehr wurde 1983 gegründet. Die Kinderfeuerwehr „Löschknirpse“ wurde 2010 gegründet.<ref>Quelle:
https://feuerwehr-emmerthal.de/startseite/, abgerufen am 21. August 2026.</ref>
- „Ev.-luth. Petri-Kirchengemeinde Kirchohsen“. Der Gemeindesaal ist ein zentraler Treffpunkt für kirchliche Gruppen, Versammlungen und soziale Angebote.
- Die „Stiftung der Petri-Kirchengemeinde“ wurde 2007 gegründet.
- „DRK-Ortsverein Emmern-Kirchohsen“.
- „NABU Ortsverein Emmerthal“.
- „IGE - Interessengemeinschaft Gewerbe Emmerthal“.
- Der Sportverein „TSG Emmerthal von 1910 e. V.“ bietet die Sparten Handball, Fußball, Tischtennis, Tennis, Leichtathletik, Turnen, Kinderturnen und Shaolin Kempo, sowie die Abnahme des Sportabzeichens an.
- „Jugendspielgemeinschaft Emmerthaler Kickers“.
- „Verein zur Förderung des Sports in der TSG Emmerthal insbesondere des Jugendsports e. V.“
- „Schützenverein Kirchohsen von 1848 e. V.“
- „Angelfischereiverein Emmerthal e. V.“
- „Gemischter Chor Kirchohsen“.
- „Verkehrsverein Emmerthal“.
- „Eisenbahnfreunde Emmerthal“.
- „Reservistenkameradschaft Emmerthal“.
- „Seniorenrat Emmerthal“.
- Die „Forstgenossenschaft Kirchohsen“ bewirtschaftet 270 Hektar Waldfläche rund um den Ort und arbeitet eng mit der Bezirksförsterei Hameln und der Landwirtschaftskammer Niedersachsen mit ihrem Sitz im Emmerthaler Ortsteil Amelgatzen zusammen.
- Die „Jagdgenossenschaft Kirchohsen“ ist dem „Hegering Emmerthal“ zugeordnet. Dieser bündelt die Reviere und Jäger rund um Kirchohsen, Hagenohsen und die umliegenden Dörfer. Er gehört zur „Jägerschaft Hameln-Pyrmont e. V.“, die an die „Landesjägerschaft Niedersachsen“ (LJN), einen gemeinnützigen Verein und anerkannten Naturschutzverband, angebunden ist.
In Kirchohsen gibt es ein familienfreundliches Hallenbad, ein Wellnesscenter (mit Sauna und Massagen) und ein Fitnessstudio. Es gibt eine große Sporthalle für den Vereinssport. Ein Teil dieser Halle wird als „Kleine Kulturhalle“ für Events genutzt. Das „Feuerwehrmuseum Hameln-Pyrmont“ zeigt die regionale Geschichte des Brandschutzes.
Der Wanderparkplatz Kirchohsen direkt im Ort ist ein zentraler Startpunkt für die lokalen Rundwanderwege ET1 bis ET4. Der Ort bietet auch einen direkten Zugang zu einem der beliebtesten Radwanderwege Deutschlands. Auf der Weser gibt es die touristische Personenschifffahrt mit Rundfahrten der „Flotte Weser“ ab Hameln sowie den privaten Wassersport und den Kanutourismus.
Religionen[Bearbeiten]
- Evangelische Petri-Kirche.<ref>Kirche-Ohsen. Abgerufen am 8. November 2024.</ref>
- Katholische Heilige-Familie-Kirche.
Persönlichkeiten[Bearbeiten]
Söhne und Töchter des Ortes
- Hans-Otto Budde (* 1948), Generalleutnant a. D. des Heeres und Inspekteur des Heeres bei der Bundeswehr.
Einwohnerentwicklung[Bearbeiten]
| 1823 | 1848 | 1871 | 1896 | 1905 | 1925 | 1939 | 1950 | 1961 | 1969 | 1974 | 1989 | 2004 | 2014 | 2022 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 523 | 637 | 675 | 1.057 | 1.151 | 1.242 | 1.321 | 2.433 | 2.272 | 2.495 | 2.325 | 2.993 | 3.522 | 2.983 | 3.120 |
Politische Zugehörigkeiten[Bearbeiten]
In den ersten Jahrhunderten n. Chr. gehörte die Region um Ohsen zum Stammesgebiet der Cherusker und später der Angrivarier sowie flexiblen Siedlungsgemeinschaften und Sippen in der Germania Magna.<ref>Quellen:
- Ludwig Schmidt: Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgange der Völkerwanderung, Nachdruck des Originals von 1907, Salzwasser Verlag, 2015, ISBN 978-3-86382-485-3.
- Klaus Tausend: Im Inneren Germaniens: Beziehungen zwischen den germanischen Stämmen vom 1. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr., in: Geographica Historica, Band 25, Stuttgart, 2009, ISBN 978-3-515-09416-0.
- Hans-Dieter Berlekamp: Rhein-Weser-Germanen, in: Bruno Krüger (Hrsg.): Die Germanen I, Berlin, 1978, S. 396–403, Digital- und Print-Nachdruck des Verlags Walter de Gruyter: ISBN 978-3-11-261794-6.</ref> Ab dem 5. bis 6. Jahrhundert bis ca. 780 n. Chr. war das Gebiet um Ohsen im Tilithigau sächsisches Stammesgebiet mit einer losen Verwaltung durch altsächsische Adelsfamilien und Thing-Versammlungen. Von ca. 780 bis 843 stand die Region um Ohsen vor, während und nach den Sachsenkriegen zumeist unter fränkischer Herrschaft. Ohsen gehörte bis 1180 zum Tilithigau im mittleren Teilstammgebiet Engern im Stammesherzogtum Sachsen. Von 843 bis 962 gehörte Ohsen zum Ostfrankenreich. Von 962 bis 1806 gehörte der Ort über eine Zeitspanne von 844 Jahren zum Heiligen Römischen Reich. Ab 1116 bauten die Grafen von Everstein ihre Grafschaft zwischen Hameln und Höxter/Holzminden auf, und Ohsen lag um 1200 dauerhaft in dieser Grafschaft. Spätestens ab 1408 gehörte Ohsen zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Das Amt Ohsen gehörte ab 1495 zum Fürstentum Calenberg-Göttingen und von 1692 bis 1810 zum Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg bzw. Kurhannover. Von 1810 bis 1813/14 gehörte Kirchohsen zum Kanton Bodenwerder im Distrikt Rinteln des Leinedepartements im napoleonischen Satellitenstaat Königreich Westphalen. Danach gehörte es zum Amt Grohnde-Ohsen im Königreich Hannover<ref>Quelle:
Karl Schluter (Bearbeiter Cord Hölscher): Geschichte des Amtes Grohnde-Ohsen, in: Gemeinde Emmerthal (Hrsg.): Schriftenreihe des historischen Archivs. Band 1. Emmerthal 2010.</ref> und ab 1859 zum Amt Hameln. Bis 1866 gehörte es zum Königreich Hannover. Ohsen fiel 1866 an das Königreich Preussen und kam 1885 zum preussischen Kreis Hameln, der 1922 in den Landkreis Hameln-Pyrmont aufging. 1945 gehörte Kirchohsen zur Britischen Besatzungszone, 1946 zum Land Hannover und im gleichen Jahr zum Land Niedersachsen. Seit 23. Mai 1949 gehört Kirchohsen zum Bundesland Niedersachsen, Regierungsbezirk Hannover der Bundesrepublik Deutschland. Seit dem 1. Januar 1973 gehört der Ort zur neugegründeten Gemeinde Emmerthal. Die Regierungsbezirke wurden am 31. Dezember 2004 aufgelöst.
Politik[Bearbeiten]
Hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Emmerthal war bis zum 27. September 2026 Dominik Petters (SPD). Er wurde von der stellvertretenden Bürgermeisterin Heike Schwiegmann (CDU) unterstützt. Nach der Kommunalwahl vom 13. September 2026 war der hauptamtliche Bürgermeister der Gemeinde Emmerthal noch nicht neu gewählt. Wer das Amt des hauptamtlichen Bürgermeisters (Gemeindebürgermeisters) der Gemeinde Emmerthal übernimmt, entschied sich in einer Stichwahl am 27. September 2026 zwischen Henry von Klencke (CDU) und Daniel Meier (SPD). Henry von Klencke wurde zum hauptamtlichen Bürgermeister der Gemeinde Emmerthal gewählt. Er tritt sein Amt offiziell im November 2026 an.
Der bisherige Bürgermeister, Dominik Petters (SPD), trat nicht erneut an, sondern kandidierte stattdessen für das Amt des Landrats. Er wurde in der Stichwahl am 27. September 2026 zum neuen Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont gewählt.
Der Rat der Gemeinde Emmerthal besteht aus 24 Ratsfrauen und Ratsherren und ist für die 17 Ortsteile der Gemeinde Emmerthal zuständig. Stimmberechtigt im Rat ist außerdem der hauptamtliche Bürgermeister Dominik Petters (SPD), ab November 2026 Henry von Klencke (CDU).
Der ehrenamtliche Ortsbürgermeister, der den lokalen Ortsrat im Kernort leitet, ist Ralf-Ulrich Böhm (SPD). Der Ortsrat der Gemeinde Emmerthal hat elf Sitze (gewählte Mitglieder aus den Kernortdörfern). Da sich der neue Ortsrat zu seiner ersten konstituierenden Sitzung erst im Laufe des November 2026 zusammenfindet, ist der ehrenamtliche Ortsbürgermeister für den Kernort noch nicht gewählt.
Die Ortsteile des Kernortes Emmerthal sind Emmern, Hagenohsen, Kirchohsen, Ohr, Völkerhausen und Voremberg.
Die weiteren Ortsteile der Gemeinde Emmerthal sind
- die östlichen „Ilsetaldörfer“ Börry, Bessinghausen, Brockensen, Esperde, Frenke, Hajen und Latferde der Ortschaft Börry,
- die Dörfer an der Emmer Amelgatzen, Hämelschenburg, Hanebülten und Welsede der Ortschaft Amelgatzen, sowie
- die Orte Grohnde, Deitlevsen und Lüntorf der Ortschaft Grohnde/Lüntorf.
| Partei | Wahl 2021 | Sitze | Wahl 2026 | Sitze |
|---|---|---|---|---|
| CDU | 41,01 % | 10 | 41,16 % | 10 |
| SPD | 33,42 % | 8 | 28,63 % | 7 |
| FWE | 6,50 % | 2 | 1,29 % | - |
| Die Grünen | 9,08 % | 2 | 7,52 % | 2 |
| AfD | 5,33 % | 1 | 19,52 % | 5 |
| dieBasis | 2,00 % | 1 | - | - |
| BSW | - | - | 1,87 % | - |
| FDP | 1,40 % | - | - | - |
| Die Linke | 1,26 % | - | - | - |
In den Medien[Bearbeiten]
Der Ort dient als ein Hauptschauplatz des US-amerikanisch-britischen Kriegsfilms Herz aus Stahl aus dem Jahr 2014.<ref>Battle of Kirchohsen. Abgerufen am 14. Juni 2019.</ref>
Literatur[Bearbeiten]
- Hans Berner: Das Amt Ohsen, Schriftenreihe der „Genealogischen Gesellschaft Hameln“ zur Geschichte der Stadt Hameln und des Kreises Hameln-Pyrmont 6, Hameln, 1954.
- Joachim Bühring: Die Kunstdenkmäler des Kreises Hameln-Pyrmont, in: Die Kunstdenkmäler des Landes Niedersachsen, 35, Hannover, 1975, S. 240–244.
- Rudolf Feige, Moritz Oppermann & Hermann Lübbers: Heimatchronik der Stadt Hameln und des Landkreises Hameln-Pyrmont, Köln 1961, S. 113, 161 f., 169, 170, 172, 175 ff., 181.
- Ludolf Fiesel: Franken im Ausbau altsächsischen Landes, in: Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen (Hrsg.): Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte, Band 44, August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim, 1972.
- Iselin Gundermann, Walther Hubatsch: Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815–1945. Reihe A: Preußen, Band 10: Hannover. Marburg (Lahn) 1981.
- Karl Schluter (Bearbeiter Cord Hölscher): Geschichte des Amtes Grohnde-Ohsen, in: Gemeinde Emmerthal (Hrsg.): Schriftenreihe des historischen Archivs. Band 1. Emmerthal 2010.
- Georg Schnath: Die Herrschaften Everstein, Homburg und Spiegelberg, 1922.
- Georg Schnath: Everstein, Grafen von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 4. Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. Vorlage:VonBis (deutsche-biographie.de).
- Burchard Christian von Spilcker: Geschichte der Grafen von Everstein und ihre Besitzungen. Speyer’sche Buchhandlung, Arolsen, 1833.
- Vorlage:MerianTopo
Weblinks[Bearbeiten]
- Stefan Eismann: Ohsen, in: Europäisches Burgeninstitut (Hrsg.): Wissenschaftliche Datenbank EBIDAT, in: https://www.ms-visucom.de/cgi-bin/ebidat.pl?id=5993, abgerufen am 25. August 2026.
- Vorlage:Verwaltungsgeschichte.de
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references />
Amelgatzen (mit Hämelschenburg, Hanebülten und Welsede) | Börry (mit Bessinghausen, Brockensen, Esperde, Frenke, Hajen und Latferde) | Emmerthal (mit Emmern, Hagenohsen, Kirchohsen, Ohr, Völkerhausen und Voremberg) | Grohnde (mit Lüntorf und Deitlevsen)
- Wikipedia:Seite mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Zitat
- Wikipedia:Vorlagenfehler/Vorlage:Literatur/Interner Fehler
- Ort im Landkreis Hameln-Pyrmont
- Geographie (Emmerthal)
- Ehemalige Gemeinde (Landkreis Hameln-Pyrmont)
- Ersterwähnung 1004
- Gemeindeauflösung 1973
- Ort an der Weser
