Tlalocit
| Tlalocit | |
|---|---|
| Allgemeines und Klassifikation | |
| IMA-Nummer |
1974-047<ref name="IMA-Liste">Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: July 2024. (PDF; 3,6 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Juli 2024, abgerufen am 13. August 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> |
| IMA-Symbol |
Tla<ref name="Warr"></ref> |
| Chemische Formel |
|
| Mineralklasse (und ggf. Abteilung) |
Sulfate (Selenate etc.) mit weiteren Anionen, mit H2O |
| System-Nummer nach Lapis-Systematik (nach Strunz und Weiß) Strunz (9. Aufl.) Dana |
IV/K.16-020 7.DE.20 33.03.02.01 |
| Ähnliche Minerale | Quetzalcoatlit<ref name="Mindat" /> |
| Kristallographische Daten | |
| Kristallsystem | orthorhombisch |
| Kristallklasse; Symbol | unbekannt |
| Raumgruppe | unbekannt |
| Gitterparameter | a = 16,780 Å; b = 19,985 Å; c = 12,069 Å<ref name="Handbookofmineralogy" /> |
| Formeleinheiten | Z = 4<ref name="Handbookofmineralogy" /> |
| Physikalische Eigenschaften | |
| Mohshärte | 1 |
| Dichte (g/cm3) | 4,55 (gemessen); 4,58 (berechnet) |
| Spaltbarkeit | nicht gegeben |
| Bruch; Tenazität | nicht gegeben;schneidbar, gummiartig |
| Farbe | capriblau |
| Strichfarbe | ganz blassblau |
| Transparenz | durchscheinend |
| Glanz | nicht gegeben |
| Kristalloptik | |
| Brechungsindizes | nα 1,758<ref name="Williams" /> nβ 1,796<ref name="Williams" /> nγ 1,810<ref name="Williams" /> |
| Doppelbrechung | δ 0,052<ref name="Williams" /> |
| Optischer Charakter | zweiachsig negativ<ref name="Handbookofmineralogy" /> |
| Achsenwinkel | 2V = 64° (gemessen), 2V = 61° (berechnet)<ref name="Handbookofmineralogy" /> |
| Pleochroismus | schwach von X = gelblichgrün nach Y = Z = bläulichgrün<ref name="Williams" /> |
| Weitere Eigenschaften | |
| Chemisches Verhalten | Auflösung in HNO3<ref name="Fleischer et al" /> |
Tlalocit (ausgesprochen im Englischen „tla-lawk-ait“, im Spanischen „tlalocquita“) ist ein sehr selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfate“ (und Verwandte, siehe Klassifikation). Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem mit der idealisierten Zusammensetzung Cu10Zn6TeO3(TeO4)2Cl(OH)25·27H2O,<ref name="Williams" /> ist also chemisch gesehen ein wasserhaltiges Kupfer-Zink-Tellurit-Tellurat mit zusätzlichen Hydroxidionen und Chloridionen.
Tlalocit bildet gekrümmte Bänder aus subparallelen lattigen Kristallen bis zu 10 µm Größe, die zu kugeligen bzw. sphärolithischen Aggregaten zusammentreten.<ref name="Handbookofmineralogy" /> Er fand sich in teiloxidierten Bereichen eines Tellur-haltigen polymetallischen hydrothermalen Sulfiderzganges in der 12 km südlich von Moctezuma liegenden „Mina la Bambollita“ (Mina la Oriental), Sonora, Mexiko, in Begleitung von Tenorit, Azurit, Malachit und einem amorphen erbsengrünem Cu-Te-Minerals.<ref name="Williams" />
Etymologie und Geschichte[Bearbeiten]
In der unweit der „Mina la Bambollita“ liegenden Erzvorratshalde bei Nacozari, Sonora, die schon das Material zur Erstbeschreibung des Quetzalcoatlits lieferte, fand der US-amerikanische Geologe und Mineraloge Sid Williams von der Phelps Dodge Corporation in Douglas, Arizona/USA, zu Beginn der 1970er Jahre durch weiteres „durchkutten“ ein weiteres nicht zuzuordnendes Mineral. Entsprechende Untersuchungen führten zur Feststellung des Vorliegens eines neuen Minerals, welches 1974 von der International Mineralogical Association (IMA) anerkannt und 1975 von Sidney Arthur Williams (1933–2006) im englischen Wissenschaftsmagazin Mineralogical Magazine als Tlalocit beschrieben wurde. Benannt wurde das Mineral nach Tlaloc, der einer der bedeutendsten Götter des aztekischen Götterkreises war und von den Azteken zwar generell mit allen Wetterphänomenen assoziiert wurde, aber oft als „Regengott“ bezeichnet wird.
Typmaterial des Minerals wird in der Sammlung der Harvard University, Cambridge, Massachusetts (Sammlungs-Nr. 119091), in der Sammlung des zur Smithsonian Institution gehörenden National Museum of Natural History, Washington, D.C. (Sammlungs-Nr. 135057, 144519) und in den Sammlungen der École nationale supérieure des mines (Mines ParisTech), des Muséum national d’histoire naturelle, beide in Paris, Frankreich, sowie im Natural History Museum, London, aufbewahrt.<ref name="Catalogue of Type Mineral Specimen" /><ref name="Handbookofmineralogy" />
Klassifikation[Bearbeiten]
In der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz war der Tlalocit noch nicht aufgeführt.
In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer IV/K.16-020. Dies entspricht der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung „Sulfite, Selenite und Tellurite“, wo Tlalocit zusammen mit Cheremnykhit, Dugganit, Eurekadumpit, Joëlbruggerit und Kuksit eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer IV/K.16 bildet.<ref name="Lapis" />
Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte<ref name=IMA-Liste-2009 /> 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Tlalocit in die Klasse der „Sulfate (Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate)“ und dort in die Abteilung „Sulfate (Selenate usw.) mit zusätzlichen Anionen, mit H2O“ ein. Hier ist das Mineral in der Unterabteilung „Mit ausschließlich mittelgroßen Kationen; unklassifiziert“ zu finden, wo es als einziges Mitglied eine unbenannte Gruppe mit der Systemnummer 7.DE.20 bildet.
In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Tlalocit die System- und Mineralnummer 33.03.02.01. Das entspricht der Klasse der „Sulfate, Chromate und Molybdate“ und dort der Abteilung „Selenate und Tellurate“. Hier findet er sich innerhalb der Unterabteilung „Selenate und Tellurate mit anderen Aniongruppen“ als einziges Mitglied in einer unbenannten Gruppe mit der Systemnummer 33.03.02.
Chemismus[Bearbeiten]
Verschiedene Teilanalysen am Tlalocit lieferten Gehalte von 15,0 % TeO3, 6,1 % TeO2, 31,0 % CuO, 19,3 % ZnO, 1,3 % Cl und 27,7 % H2O, woraus sich die gemessene Zusammensetzung Cu9,92Zn6,03(Te4+O3)0,97(Te6+O4)2,17Cl0,93(OH)24,69·26,78H2O ergibt. Diese Zusammensetzung wurde zu Cu10Zn6TeO3(TeO4)2Cl(OH)25·27H2O idealisiert, welche Gehalte von 13,8 % TeO3, 6,3 % TeO2, 31,4 % CuO, 19,3 % ZnO, 1,4 % Cl und 28,1 % H2O fordert.<ref name="Williams" /><ref name="Handbookofmineralogy" /> Die Schreibweise auf der Kationenseite mit (Cu,Zn)16 repräsentiert eine ungeordnete Version, die Schreibweise Cu10Zn6 hingegen eine geordnete Version der Formel.<ref name="Pekov" /> Die Höhe des Wassergehalts im Tlalocit wird bezweifelt.<ref name="Pekov" />
Kristallstruktur[Bearbeiten]
Tlalocit kristallisiert orthorhombisch mit den Gitterparametern a = 16,780 Å; b = 19,985 Å und c = 12,069 Å sowie vier Formeleinheiten pro Elementarzelle.<ref name="Handbookofmineralogy" />
Die Kristallstruktur des Tlalocits ist bis heute (Stand 2016) nicht aufgeklärt. Es wird angenommen, dass die Struktur von Tlalocit – wie auch von Utahit und Eurekadumpit – auf Cu- und Zn-Polyedern basieren, die senkrecht zur [001] orientiert sind. Charakter und Arrangement der Anionen und H2O-Moleküle sind jedoch in jedem Mineral anders. Ausgehend von der stabilen stöchiometrischen Beziehung zwischen Kupfer und Zink (Cu : Zn = 5 : 3) ist das strukturelle Muster in allen diesen Mineralen ähnlich und das Arrangement der Cu- und Zn-Atome ist geordnet, wie es im Telluritmineral Quetzalcoatlit und einigen natürlichen Arsenaten und Phosphaten festgestellt worden ist.<ref name="Pekov" />
Eigenschaften[Bearbeiten]
Morphologie[Bearbeiten]
Tlalocit bildet subparallel angeordnete lattige bis blätterige Kristalle bis zu 10 µm Größe, die zu kugeligen bzw. sphärolithischen oder sogar traubigen Aggregaten zusammentreten.<ref name="Handbookofmineralogy" /><ref name="Rewitzer" />
Physikalische und chemische Eigenschaften[Bearbeiten]
Tlalocitkristalle sind capriblau, ihre Strichfarbe ist dagegen immer weiß. Die Oberflächen der halbdurchsichtigen (durchscheinenden) Aggregate zeigen einen samtartigen Glanz. Tlalocit besitzt eine mittelhohe bis hohe Lichtbrechung und eine mittelhohe Doppelbrechung (δ = 0,025). Im durchfallenden Licht ist Tlalocit blassgrün und ähnelt Rosasit. Er zeigt einen schwachen Pleochroismus von X = gelblichgrün nach Y = Z = bläulichgrün.<ref name="Williams" />
Zur Spaltbarkeit des Tlalocits wie auch zu dessen Bruch (Mineral) existieren keine Angaben. Tlalocit ist gummiartig und schneidbar. Er weist eine Mohshärte von 1 auf und gehört damit zu den weichen Mineralen, die wie das Referenzmineral Talk mit dem Fingernagel schabbar sind. Die gemessene Dichte für Tlalocit beträgt 4,55 g/cm³, die berechnete Dichte 4,58 g/cm³.<ref name="Handbookofmineralogy" />
Bildung und Fundorte[Bearbeiten]
Tlalocit bildete sich unter extrem oxidierenden Bedingungen in Bereichen eines Tellur-haltigen polymetallischen hydrothermalen Sulfiderzganges. Er findet sich in den oder in der Nähe der reichsten Erzpartien – aber immer nur auf den Oberflächen derjenigen Risse und Bruchspalten im Erz, welches der intensivsten Oxidation unterworfen waren. Er fand sich ebenfalls in Hohlräumen, die durch die Auflösung ehemaliger sulfidischer Erzminerale entstanden. Begleitminerale sind Tenorit, Azurit, Malachit, Hessit und ein amorphes, erbsengrünes Cu-Te-Mineral.<ref name="Williams" /><ref name="Rewitzer" />
Als sehr seltene Mineralbildung konnte Tlalocit bisher (Stand 2016) nur von seiner Typlokalität beschrieben werden.<ref name="MindatAnzahl" /><ref name="Fundorte" /> Die Typlokalität für das Mineral ist 12 km südlich von Moctezuma liegenden „Mina la Bambollita“ (Mina la Oriental), Municipio Moctezuma, Sonora, Mexiko. Fundstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind deshalb nicht bekannt.
Ein ursprünglich als Tlalocit identifiziertes Mineral aus der „Blue Bell Mine“ bei Baker, Soda Lake Mts, San Bernardino County, Kalifornien, USA, hat sich als Quetzalcoatlit erwiesen.<ref name="Housley" /><ref name="Kampf" />
Verwendung[Bearbeiten]
Tlalocit ist aufgrund seiner Seltenheit ein bei Mineralsammlern begehrtes Mineral, ansonsten aber ohne jede praktische Bedeutung.
Siehe auch[Bearbeiten]
Literatur[Bearbeiten]
- Sidney Arthur Williams: Xocomecatlite, Cu3TeO4(OH)4, and tlalocite, Cu10Zn6(TeO3)(TeO4)2Cl(OH)25·27H2O, two new minerals from Moctezuma, Sonora, Mexico. In: Mineralogical Magazine. Band 40, 1975, S. 221–226 (rruff.info [PDF; 315 kB]).
- Paul Ramdohr, Hugo Strunz: Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie. 16. Auflage. Enke, Stuttgart 1978, ISBN 3-432-82986-8, S. 837 (Erstausgabe: 1891).
- Hans Jürgen Rösler: Lehrbuch der Mineralogie. 4., durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S. 427.
Weblinks[Bearbeiten]
- Mineralienatlas:Tlalocit (Wiki)
- Webmineral – Tlalocit
- Mindat – Tlalocit
- Tlalocite, In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America, 2001 (PDF, 67 kB)
Einzelnachweise[Bearbeiten]
<references> <ref name="Catalogue of Type Mineral Specimen"> Catalogue of Type Mineral Specimens – T. (PDF 87 kB) In: docs.wixstatic.com. Commission on Museums (IMA), 12. Dezember 2018, abgerufen am 29. August 2019. </ref> <ref name="Fleischer et al"> Michael Fleischer, Ray E. Wilcox, John J. Matzko: Microscopic determination of the non-opaque minerals (U.S. Geological Survey Bulletin 1627). 3. Auflage. U.S. Government Printing Office, Washington D.C. 1984, S. 292. </ref> <ref name="Fundorte"> Fundortliste für Tlalocit beim Mineralienatlas und bei Mindat </ref> <ref name="Handbookofmineralogy"> Tlalocite, In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America, 2001 (PDF, 67 kB) </ref> <ref name="Housley"> Robert M. Housley: Recent discoveries of tlalocite, kuksite, and other rare minerals from the Blue Bell mine, San Bernardino County, California. In: San Bernardino County Museum Association Quarterly. Band 44, 1997, S. 9–12. </ref> <ref name="IMA-Liste-2009"> Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)). </ref> <ref name="Kampf"> Anthony R. Kampf, George R. Rossman, Robert M. Housley: Plumbophyllite, a new species from the Blue Bell claims near Baker, San Bernardino County, California. In: The American Mineralogist. Band 94, 2009, S. 1198–1204, doi:10.2138/am.2009.3156. </ref> <ref name="Lapis"> Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9. </ref> <ref name="Mindat"> Mindat – Tlalocit </ref> <ref name="MindatAnzahl"> Mindat – Anzahl der Fundorte für Tlalocit </ref> <ref name="Pekov"> Igor V. Pekov, Nikita V. Chukanov, Aleksandr E. Zadov, Andrew C. Roberts, M. C. Jensen, N. V. Zubkova, Anthony J. Nikischer: Eurekadumpite, (Cu,Zn)16(TeO3)2(AsO4)3Cl(OH)18⋅7H2O, a new supergene mineral species. In: Geology of Ore Deposits. Band 53, 2011, S. 575–582, doi:10.1134/S1075701511070178. </ref> <ref name="Rewitzer"> Christian Rewitzer: Bambollita, Bambolla, San Miguel und Candelaria: Untertagefunde und Typmineralien. In: Lapis. 26 (Heft 1), 2007, S. 24–40 + 58. </ref> <ref name="StrunzNickel"> Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 406. </ref> <ref name="Williams"> Sidney Arthur Williams: Xocomecatlite, Cu3TeO4(OH)4, and tlalocite, Cu10Zn6(TeO3)(TeO4)2Cl(OH)25·27H2O, two new minerals from Moctezuma, Sonora, Mexico. In: Mineralogical Magazine. Band 40, 1975, S. 221–226 (rruff.info [PDF; 315 kB]). </ref>
</references>